Wenn Systemkritik ins System eingeht – Teil 1: Empörung bedingt Etiketten und schützt das Kapital

29. Juni 2024von 14,8 Minuten Lesezeit

Rainer Mausfeld hat die Empörungsbewirtschaftung als wesentliches Instrument der Machterhaltung herausgestellt. Muster der Empörungsbewirtschaftung finden sich allerdings gehäuft auch in Texten, die gegen die Narrative des Systems argumentieren.

In nicht seltenen Fällen verdrehen sich die Verhältnisse durch die Anwendung personalisierter Mittel und Denkmuster so weit, dass reaktionäre Schichten in Arbeiten Eingang finden, die eigentlich darauf aus sind, Macht zu kritisieren. Zumindest aber verschwindet allein aufgrund von Empörungsbewirtschaftung und „Moralisiererei“ jede Kapital- und Technologiekritik ideologisch aus dem Fokus. Der folgende Essay in zwei Teilen legt diese Fäden frei und führt zur Erkenntnis: Die Empörungsbewirtschaftung rund um Epstein und „Abartige“ ist keine Kritik, sondern Teilhabe am erkenntnistheoretischen SuperGAU.

Als Rainer Mausfeld zu Beginn der Corona-Prozedur das Argument vorbrachte, die Referenz auf Bill Gates sei eine Personalisierung und keine emanzipative Machtkritik, so musste das damals als Vorwand verstanden werden, um während der langen Monate des Kahlschlags gegen Reste demokratischer Strukturen zu schweigen (1). Mausfelds Distanz zur „Corona-Maßnahmenkritik“ mag persönliche Gründe gehabt haben, war aber auch genuin mit seinem Argumentieren verknüpft, das so präzise wie erratisch ist. Emanzipative, machtkritische Bewegungen, ideologisch nicht einheitlich verortbar und heterogen, fanden und finden in seinen Denkkategorien keine adäquate Abbildung.

Die Kritik an Bill Gates – sie bestand schon vor Corona – war und ist nämlich keineswegs per se eine Personalisierung und damit Teil einer Empörungsbewirtschaftung. Vielmehr sind längst feudalkapitalistische Verhältnisse gegeben und in deren Rahmen bestimmen wenige Einzelne strukturell die Welt. Ein Bezug auf Gates ist – den Verhältnissen geschuldet – folglich ein notwendiger struktureller Bezug auf Macht. Das dürfte auch Mausfeld bewusst gewesen sein und die unterstellte Personalisierung, wie gesagt, Vorwand, um sich von einer ideologisch schlecht fassbaren Bewegung abzusetzen, die in ihrer Heterogenität seine Begriffe sprengte, jedoch auch in der Tat reaktionäre beziehungsweise neoliberale Strömungen mit enthielt, die mittlerweile in deutlichen Bekundungen für wirtschaftslibertäre Ideologien beispielsweise eines Markus Krall oder eines Javier Milei manifest geworden sind (2).

Mausfeld hatte wohl genau dieses Segment innerhalb der Corona-Dissidenz im Auge, ein Segment, das seiner Beobachtung nach zum Demokratieab- und Repressionsausbau in den vielen Jahren vor Corona geschwiegen hätte, als es nicht persönlich betroffen gewesen sei. Auch das trifft zu, scheint mir aber kein überzeugendes Argument zu sein, die totale Aushebelung des Grundgesetzes und sämtlicher demokratischer Rechte stillschweigend zu erdulden. Und doch: Die Analysen und Folgerungen, die Mausfeld vor allem in „Warum schweigen die Lämmer?“ und seinen Referaten noch vor Corona vorlegte, waren zwar nicht neu, führten jedoch politische, soziologische und psychologische, teils auch historische Linien zusammen und brachten so nicht nur den Zustand der westlichen Demokratie auf den Punkt, sondern beleuchteten konkret die Instrumente, mittels derer Machtverhältnisse fortwährend verfestigt wurden, für ein deutschsprachiges Publikum in betörender Schärfe und Dichte, sodass Systemschreiberlinge entweder bereits damals in den Modus „Ausschluss aus dem Diskurs“ verfielen oder aber nur inhaltsleere Diffamierungsschablonen dagegen zu setzen vermochten. So bestätigten sie die Analyse Mausfelds abermals, wie etwa ein Schreiber in der Süddeutsche Zeitung (SZ), der die Mausfeldsche Machtdekonstruktion über die Etiketten „Wutbürger“ und „krude Bescheidwisserei“ zu sedieren versuchte (3).

Personalisierung und Gehirnabbau

Im Rahmen seiner Darlegungen hat Mausfeld die Muster der Kritikzersetzung durch Instanzen der Macht und ihrer Marionetten und im Weiteren Muster des erkenntnistheoretischen Niedergangs akkurat herausgestellt – und deshalb setze ich ihn an den Beginn dieses Gedankengangs. Die Personalisierung von Sachverhalten beziehungsweise generell von politischer und gesellschaftlicher Wirklichkeit ist vielleicht das wirkmächtigste dieser Muster. Sie bedeutet einen Rückfall in vorrationale, mythische Formen der Welterklärung, ohne allerdings diese Reduktion durch eine sinnliche Symbolik auszugleichen, die im Regelfall der mythischen Welt eingeschrieben war. Maßgeblich mit angetrieben ist dieser Prozess des Rückfalls durch die Digitalisierung, insbesondere die smarten Geräte, die weite Segmente der Bevölkerung in einen infantilen Zustand versetzen. Durch deren exzessiven Gebrauch sind die Menschen allein kognitiv nicht mehr in der Lage, Macht zu hinterfragen und dadurch für Machtstrukturen gefährlich zu werden.

Bereits vor Corona beleuchteten verschiedenste Analysen Facetten dieses Prozesses. Erinnert sei nur an Robert Pfallers Buch „Erwachsenensprache“, in dem er auf die Infantilisierung des Sprachgebrauchs und damit auch von Denkstrukturen verweist. Zuletzt hat Michael Nehls in seinem gehirnanalytischen Werk „Das indoktrinierte Gehirn“ dargelegt, wie der angepeilte Abbau auf neuronaler Ebene, besonders im Hippocampus, bereits angeschlagen hat. Die „Zombisierung“ menschlichen Verhaltens – letztendlich wohl die angemessenere Metapher als „Infantilisierung“ – schreitet kontinuierlich voran, gepuscht durch die Corona-Agenda.

Empörung, Kontaktschuld, Boulevard und Moral

Mausfeld hat die Personalisierung und vor allem ihre Anwendung zugunsten der Macht präzise dargelegt – und das wird durch die Kritik, die in Bezug auf sein langes Schweigen zum Coronakahlschlag anzubringen ist, nicht geschmälert. Sie ist eine, vielleicht mehr noch die wesentliche Komponente im Hinblick auf den Rückfall in mythische Strukturen und ganz bestimmt die Basis für alle weiteren Formen der Kritikzersetzung, die nur unscharf voneinander zu trennen sind und alle auf der Basis einer Personalisierung operieren: Dazu zählen sämtliche Formen der Empörungsbewirtschaftung, Formen der Diffamierung und Formen der Kontaktschuld, wobei ich persönlich die beiden zuletzt genannten als Varianten der Empörungsbewirtschaftung begreife. Auch die Boulevardisierung beziehungsweise das Story-Telling mit dem Ziel, aufseiten der Rezipienten Schnellidentifikationen zu erzeugen, gehen stets von der Personalisierung aus oder sind Formen ebendieser. Weiter ist die „Moralisierung“, jüngst von Michael Andrick als Instrument der Spaltung in seinem Buch „Im Moralgefängnis“ zum Thema gemacht, mit einem personalisierten Zugriff auf Wirklichkeit untrennbar verbunden. Empörung und Moralisierung sind die zwei Seiten der gleichen Medaille. Beide setzen Kritik und Kritikfähigkeit im Kantischen Sinne gänzlich außer Kraft.

Summarisch sei hier darauf verwiesen, wie eindrücklich das System im Kampf gegen den Repressionswiderstand all diese Instrumente eingesetzt hat und bei Themen wie Ukrainekrieg oder Klima weiterhin einsetzt – von Diffamierung über Kontaktschuld bis zur Moralisierung –, um den sachlichen Diskurs zu unterbinden. Man kann das paradigmatisch allein schon anhand des Vokabulars nachvollziehen, mit dem der Wissenschaftler und Mediziner Sucharit Bhakdi vor drei Jahren aus dem Diskurs getilgt wurde. Die grundlegende Absicht ist die, Denken und seine Mehrperspektivität durch Haltungsbekundungen beziehungsweise Etikettierungen in einem fort zu überschreiben, um möglichst irreversible und neuronal sich niederschlagende Bündelungsprozesse zu vollziehen, im Rahmen derer die top-down-mäßig implementierte Repression von unten gegengetragen wird.

Teilhabe der Dissidenz am Gehirnabbau

Der personalisierte Wirklichkeitszugriff bedeutet stets eine Reduktion nicht nur der Wirklichkeit um uns herum, sondern auch der Gehirntätigkeit. Brodmann-Areale (4), zuständig für rationales, strukturiertes Denken, veröden. Und insofern diese Verödung Ziel der Macht ist, nimmt eine Dissidenz, die zu personalisierten Mitteln greift, Teil an der Machtstabilisierung, auch und gerade dann, wenn sie gegen „Täter“ anschreibt, welche sie als dem Machtsystem zugehörig begreift.

Die Anwendung solcher Mittel auf Seiten der Dissidenz ist also nicht aus moralischen Gründen abzulehnen – damit säße man mit im Boot –, sondern weil diese Mittel die Zielsetzung der Machtkritik nicht nur unterlaufen, sondern darüber hinaus der Macht direkt zudienen, allein schon neuronal. Damit ist auch angedeutet, dass der Weg aus dem zivilisatorischen SuperGAU nur ein erkenntnistheoretischer sein kann und dass es hierbei gilt, sowohl die Tiefenindoktrination des Geistes über Bildung als auch die tagespolitische Indoktrination über Medien zu überwinden.

Kurzer Exkurs: Die Auswirkungen personalisierten Denkens und also auch personalisierter Kritik führen, wie bereits angesprochen, zum Rückfall in den Mythos und kommen in den (w)irren Verlautbarungen westlicher Eliten und „Spitzenpolitikern“ im Rahmen der NATO-Russland-Konfrontation mit dem Potential einer atomaren Apokalypse zum Ausdruck, denn der Abbau – das wird oft übersehen – greift auch auf die Gehirne jener über, die in exekutiven Stellungen operieren. Diese Stellungen haben sie in aller Regel inne, weil sie die indoktrinatorischen Prozesse musterhaft durchlaufen haben, etwa in Form des Young Global Leaders-Programm des WEF. Zyniker mit einem Bewusstsein für das, was abgeht, findet man in der westlichen Haltungszivilisation kaum mehr im Bereich exekutiver Macht, stattdessen überzeugte „Wertemarionetten“. Dass eine neuronale Korrelation dieses „Geisteszustands“ in Form einer hippocampalen Schrumpfung bei einem modellhaft angedachten Aufschneiden des Gehirns etwa eines Macron, einer von der Leyen oder eines Trudeaus manifest würde, davon ist auszugehen. Es handelt sich hierbei um einen Niedergang, der diese „Eliten“, getragen von der ständigen Erfahrung, in einer materiell gesicherten Blase sich zu bewegen (atomsichere Bunker auf Neuseeland oder anderswo inklusive), rein gehirntechnisch nicht mehr in die Lage versetzt, die Perspektive anderer und also auch nicht diejenige ihrer eigenen Landsleute einzunehmen. Auch wenn ein Gates seine Gewinne in aller Öffentlichkeit grinsend zelebriert, so kommt das „Denken“ eines Buben zum Ausdruck, dem allein kognitiv die Kategorien fehlen, um die ethischen Implikationen seines Handeln zu begreifen.

Skandale als Systemstütze

Hat die Personalisierung als Deutungsmuster für Wirklichkeit fundamentale Bedeutung in mentaler und ideologischer Hinsicht, so ermöglicht sie bei drohenden Komplikationen für die Macht eine schnelle Absicherung der bestehenden Verhältnisse. Das ist ihre taktisch-konkrete Seite. Empörung, auf Einzelpersonen hin entzündet beziehungsweise anhand dieser getriggert, leitet „revolutionäre“ Energien zuverlässig auf Einzelne ab und verhindert, dass andere als limbische Netzwerke (salopp gesagt: Emotionen) im Gehirn der „Lämmer“ zum Einsatz gelangen. Skandale und Medien, die den Skandalen hinterher sind, fungieren diesbezüglich als zuverlässige Partner der Macht. Sie verändern an den Machtstrukturen in aller Regel nie auch nur das Geringste. Personen wechseln, Strukturen bleiben. Genauer noch: Strukturen bleiben, weil Personen wechseln. In diesem Sinn gilt konkret: Auch ein Epstein und die Pizzagate-Spekulationen, auf verschiedenen alternativen Kanälen im Boulevardstil aufgegriffen und mit angetrieben, stützen das System der US-amerikanischen Machtelite.

Möglicherweise besteht innerhalb bestimmter Segmente der Corona-Dissidenz diesbezüglich kaum ein Bewusstsein, weil deren Protest gegen die Corona-Maßnahmen auf ein „Weiter-wie-davor“ zielte (und zielt) und sie an einer Überwindung des Kapitals und seinen Wucherungen, die zwingend im Totalitarismus enden, gar nicht interessiert sind. Es handelt sich hierbei um Kreise in der Dissidenz, die, wie bereits angesprochen, ein Mausfeld von Beginn an im Fokus gehabt haben mag und die als Resultat ihrer seismographisch oft treffenden „Analyse“ die „Erkenntnis“ vorlegten, es sei der Sozialismus, womöglich aber gar der Kommunismus, sowieso aber eine Form des Marxismus, was „Corona“ und die weiteren „Krisen“ herbeigeführt habe.

Solidarität und Wuchern des Kapitals

Das ist offensichtlicher Unsinn. Auch wenn sich „links“ angeschriebene Parteien, Instanzen und Personen als Marionetten bei der Implementierung der Repression ebenso und zuweilen besser eigneten und eignen als solche mit liberalem oder konservativem Anstrich, so sind die Strukturen rund um den militärisch-pharmazeutisch-digital-finanziellen Komplex allein und einzig kapitalistische Strukturen und es stimmt nachdenklich, wenn eine so fundamentale wie triviale Erkenntnis in dissidenten Kreisen nicht durchgedrungen ist. Dass für sedierte Gehirne die Repression – das ist ja der „Witz“ am Faschismus – als Solidaritätsveranstaltung erscheint, als Bund, in den es fraglos einzutreten gilt und in den nur „Ab-artige“ und „Ab-fallende“ nicht eintreten, und dass, um dieses Eintreten voranzubringen und schön und moralisch einzurahmen, Versatzstücke aus der sozialistischen Bühnenkiste hervorgeholt werden, gehört mit zur Eigenschaft des Kapitals, alles, was sich ihm entgegenstellt, auf eine Weise zu überwuchern, dass das Überwucherte beziehungsweise die karzinogen Zersetzten glauben, es handle sich bei der Neuanordnung der Dinge und also bei der Totalüberwucherung bis ins Innerste ihres Seins – beispielsweise eben durch die pharmazeutische Corona-Regulatur –, um „etwas“, das aus ihnen selbst hervorgegangen sei und an dem sie beteiligt seien und das ihnen zu Gute käme.

Gut und schlecht: Was soll das alles heißen?

Die „Lämmer“ sind sehr wohl beteiligt, das ist also wahr. Aber der „Autor“ ist – um es neuronal-materialistisch zu sagen – ein bereits abgebauter Hippocampus, der den „Hegemon“ als das Eigene einliest. Und als ihre eigene Sache jagen sie sodann die schwarzen Schafe, die nicht in den Bund wollen. Und wenn sie jagen – Denunziation von Maskenlosen und ähnliche Praktiken –, bedeutet dies ein weiteres Mal, dass der Totalitarismus als Faschismus funktioniert.

Das Affiziertsein von Mustern und Formen der Macht, konkret von Kapital und Technologie (ohne Bewusstsein hierfür!), ist das, was daraus resultiert. Matthias Desmet („Die Psychologie des Totalitarismus“) hat unter anderem mit Referenz bei Gustave LeBon dieses bewusstlose Gegentragen der Repression durch die Massen als zentrale Komponente dessen herausgestellt, was bei „Corona“ abgegangen ist. Die naive Trennung in ein Kapital in kriminellen, schlechten Hände einerseits und in ein Kapital in guten Händen, überhaupt die naive Abtrennung eines unreflektierten guten „Wir“ („Die Menschen sind an sich gut“) von „Tätern“ und „Abartigen“, die selbstverständlich immer „die anderen“ sind (denken nicht auch Systemrepräsentanten so?), führt da nicht nur nicht weiter, sondern verkennt vielmehr wesentlich die Beschaffenheit des mentalen SuperGAUs, den die westliche Zivilisation kennzeichnet. Und wohl auch die Beschaffenheit des Menschen selbst.

„Dass ihr Menschen (…), um von einer Sache zu reden, gleich sprechen müsst: das ist gut, das ist bös! Und was will das alles heißen?“ (5) So bringt Goethe über die Figur Werther den erkenntnistheoretischen Nullwert eines jeden Moralismus auf den Punkt.

WIR sind beteiligt

Strukturen rund um pharmazeutisch-biowaffenmäßige Täternetze, die beispielsweise Heiko Schöning in seinem Buch „Angriff aufs Mikrobiom“ zu Recht – weil strukturell bedeutend –, indes personalisiert herausstellt, sind ohne Beteiligung der Massen nicht denkbar. Bereits Akzeptanz bedeutet Teilnahme. Doch wie Desmet und andere aufzeigen, geht es weit über Akzeptanz hinaus. Die erfolgreiche Instrumentalisierung der Massen für „Aufmärsche gegen rechts“ bestätigt das abermals. Und spätestens wenn es um Partizipation an Kapital und Technologie geht – beides ohne eine Geschichte der kolonialistischen Ausbeutung nicht zu denken – erfasst diese Partizipation an ausbeuterischen Mustern auch jene, die denken, gegen das System unterwegs zu sein.

Dass dies mit anthropologischen Konstanten – auf welche auch das angeführte Werther-Zitat zielt – zu tun hat, versteht sich. Solche sind nicht einfach mit Deklarationen außer Kraft zu setzen beziehungsweise „umzuetikettieren“. Das Kapital und seine Eigenschaften sind unabhängig von solchen Konstanten nicht zu denken. Das ist im Auge zu behalten, wenn es gilt, Macht – wie sie paradigmatisch und strukturell bei einer Person wie Bill Gates zusammenläuft – einzuschränken bzw. zu zersetzen. Ein Gegen-Etikettieren im Sinne einer Verdrehung wie „Der Mensch ist gut und nur die Abartigen sind schlecht“ oder „Wir Kritischen sind die Guten und die Abartigen und Schlechten sind schuld an allem“ wird die Zerstörung, die vom System ausgeht, nicht aufhalten.

Inflationäre Empörung im Dienst des Kapitals

Wer also – und ist das nicht inflationär betrieben worden auf alternativen Kanälen? – nicht müde werden mochte, die „Abartigkeit“ – dieser Begriff wurde geführt, als hätte es nie eine „Ent-Artung“ gegeben – rund um Epstein als Argument einzubringen und über Kontaktschuld die Empörung auszuweiten (Wer auf dieser oder jener Epstein-Kontaktliste? Wer wann wohin mit Epstein im Flugzeug geflogen? Wer wann wo mit ihm zu Abend gespeist? Et cetera), der befeuert Muster des Skandals und verlagert das Geschehen auch neuronal gesehen weg von rationalen Strukturen. Hin zu Emotionen, zu Empörung.

Am Ende solcher „Prozeduren“ steht dann – wie ideologisch zumindest von einem Teil der Dissidenz auch gewünscht – nicht die Erkenntnis, dass das Kapital zwingend repressive, totalitäre und ausbeuterische Verhältnisse generiert, sondern dass dies nur der Fall ist, wenn es in „schlechten, weil abartigen Händen“ liegt. Nicht das Kapital, nicht die Macht, vielmehr die Abart ist nun das Problem. Das ist die entscheidende personalisierte Komponente, die der Macht zuspielt.

Braucht man das Kapital also bloß in die Hände der Guten zu geben und schon geht die Haltungs- beziehungsweise Etikettierungskultur und der mit dieser verzahnte Moralismus weiter. Eine fatale Position würde lauten: Bis die neue Haltungskultur wieder so durchschlägt wie weiland 1933 oder jetzt in Berlin und generell in Europa, vergehen ein paar Jahre und immerhin gibt es da eine Zeit, in der es sich epiphänomenmäßig etwas besser leben lässt. Und mehr liegt halt einfach nicht drin mit dem Modell „Mensch“. Kurz: Ein paar etwas bessere Zwischenjahre sind alles, worauf sich hinarbeiten lässt. Ich lasse diesen Gedanken stehen, ohne ihn mir zu eigen zu machen…

Teil 2 führt zeigt den Bogen der Empörungsbewirtschaftung weiter bis zum Höhepunkt des „politischen Framings“ der Eltern des seit 2007 vermissten Mädchens Maddie McCann zwecks Erzeugung einer politischen Empörung, die sich anders (offenbar) nicht erzielen lässt.

Anmerkungen und Quellen:

Für die Gleichzeitigkeit von struktureller Machtkritik und Empörungsbewirtschaftung, welche die Kritik unterläuft, stehen paradigmatisch Heiko Schönings Buch „Angriff aufs Mikrobiom“ (eine ausführliche Rezension findet sich hier: https://www.manova.news/artikel/angriff-aufs-mikrobiom-2) und Tom-Oliver Regenauers Blogbeitrag „Mord ist ihr Hobby“ (https://www.regenauer.press/mord-ist-ihr-hobby).

(1) Vergleiche dazu den Beitrag „Vernunft und Empörung“ (https://www.manova.news/artikel/vernunft-und-emporung) aus dem Jahre 2020. Auch der ein Jahr später erschienene Artikel „Emanzipation und Glückseligkeit“ (https://www.manova.news/artikel/emanzipation-und-gluckseligkeit) beschäftigt sich in Teilen damit.

(2) Dass die Systemkritik, die sich anhand der Corona-Politik entzündet hat, auch reaktionäre oder wirtschaftslibertär-neoliberale Strömungen enthält, habe ich in verschiedenen Beiträgen herausgearbeitet, vergleiche https://www.manova.news/artikel/menschliches-allzumenschliches, https://www.manova.news/artikel/reaktionare-rebellen und https://www.manova.news/artikel/reaktionare-rebellen-2.

(3) https://www.sueddeutsche.de/politik/soziale-gerechtigkeit-die-da-oben-wir-da-unten-1.4203219%5D

(4) Gehirnstrukturen benannt nach dem Psychiater und Neurologe Korbinian Brodmann, der die Großhirnrinde in 52 Areale eingeteilt hat.

(5) Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden den jungen Werther, Reclam 2001, S.54

PantheraLeo1359531, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Daniel Sandmann ist promovierter Linguist, Philosoph und Historiker. Für Manova betreut er den Literatur-Salon redaktionell.


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25 Kommentare

  1. xbtory 2. Juli 2024 um 12:32 Uhr - Antworten

    „Der personalisierte Wirklichkeitszugriff bedeutet stets eine Reduktion …“

    Falls ich das hier halbwegs verstanden habe geht es in dem Artikel darum, dass Personalisierung nicht zur Aufklärung von Herrschaftsstrukturen beitragen würde?

    Wenn man das Verallgemeinern darf stelle ich hiermit die Frage an die Vertreter dieser These: hätte man zu Pharaos Zeiten nicht den Pharao als Macht-Zentrum benennen dürfen da das die Aufklärung über die Verhältnisse behindert hätte?

    Klar, es gibt Strukturen die überpersönlich sind. Aber es gibt dennoch auch Personen, die bestimmend und prägend sind.

  2. Dors Venabili 30. Juni 2024 um 12:48 Uhr - Antworten

    Immer wieder gute Denkansätze und bedenkenswerte Positionen, die Daniel Sandmann anbietet, aber leider sehr verkopft und so bemüht über-referenzierend, dass zu Recht die Frage aufkommt: „Geht das nicht auf Deutsch?“
    Ein erfahrener Lektor (männlich/weiß/distinguiert) könnte hier Wunder wirken…

    • Andreas I. 30. Juni 2024 um 14:00 Uhr - Antworten

      Hallo,
      in dem Fall dürfte distinguiert nur dann geeignet sein, wenn der Lektor sich durch Bodenständigkeit distinguiert. :-)
      (semantisch d.h. von der Wortherkunft her ,,distinguiert“ = ,,unterscheidet“).
      Auf deutsch wäre also vielleicht eher ein bodenständiger Lektor gefragt.

      Im Übrigen hatte mich die verquaste Sprache eher amüsiert, aber ich wusste nichts so richtig, worum es überhaupt geht. Es wird Bezug auf Mausfeld genommen und der ist bekannt, ja aber es ist doch nicht jedem jede seiner Äußerungen bekannt und dann gehört zu einer Äußerung auch immer der Zusammenhang …
      Da würde für mich ein Zitat von Mausfeld hingehören (und ggf. Reaktionen / Erwiderungen anderer), an dem konkret dargelegt wird, worum es geht.
      Ansonsten bleibt es permanente Metaebene ohne substantielle Präzisierung, aber mit interpunktueller Raffinesse, die indiziert, dass die Curnyphäe mehrere Kanister studiert hat ,was mächtig imprägniert. :-)

  3. Ralf Steiner 30. Juni 2024 um 11:02 Uhr - Antworten

    Mausfeld weist wiederholt darauf hin, dass Personalisierung ein Mittel zur Verschleierung von Machtstrukturen ist. Selbst wenn man diese Personen entfernt, bleiben die Machtstrukturen erhalten. Ich denke jedoch, dass in der emanzipatorischen Bewegung durchaus verstanden wird, dass eine Person wie Bill Gates stellvertretend für diese Machtstrukturen steht.
    Dass Haltung und Moralisierung Mittel es Empörungsmanagements sind, ist sicher nicht neu, wird aber von Michael Andrick gut heraus gearbeitet. Im ‚warmen Nest der Guten’ ist man vor jedem kritischen Diskurs in Sicherheit.
    In der Rede von ‚Spiegelneuronen’ und ‚indoktrinierten Gehirnen’ scheint mir ein Denken in der materialistischen Tradition weiter zu leben, Das sei an einem (zugegeben etwas hinkendem) Beispiel verdeutlicht: das ‚indoktrinierende Programm’ verändert nicht den Fernseher (hier das Gehirn als ein biochemisch und bioelektrisch funktionierendes Organ), mit dem es gesehen wird. Die zahllosen synaptischen Verbindungen zwischen den Neuronen verändern sich zwar täglich (s. Manfred Spitzer: Plastizität des Hirns)), verändern jedoch nicht die organische Struktur des Gehirns selbst.
    Hier wird es zwar kompliziert, ändert aber nichts am Fazit: wir wissen zwar aus der Kognitionsforschung einiges über unser ‚kognitives Design (Mausfeld), wir wissen jedoch nicht, was Geist/Bewusstsein eigentlich ist.
    Wenn von ‚Erkenntnistheorie’ die Rede ist, so scheint mir die Kantsche Bestimmung als ‚Vernunft im theoretischen Gebrauch’ hilfreich zu sein. Seine Frage ist: was kann ich wissen? Hier scheint mir eine gewisse Zurückhaltung geboten, um sich nicht in den ‚Träumen eines Geisterseher’ (so eine kleine Arbeit von Kant) zu verlieren bzw. zu verirren. In der ‚spirituellen Szene’ – wenn man das so nennen kann – scheint mir derzeit viel geträumt zu werden.
    Unter Spiritualität verstehe ich ganz allgemein die Welt des Denkens und Erfahrens (Philosophie, Religion, Intuition, Mitgefühl u.a.m.), der aus einer materialistischen Weltsicht nicht erklärbar ist, ohne den man jedoch nichts erklären oder besser: nichts verstehen kann. Zur Öffnung dieser Perspektive empfehle ich Rupert Sheldrake ‚Wissenschaftswahn’.
    Angemerkt sei: ich verkünde hier keine Wahrheiten sondern weise auf Perspektiven hin, über die man einmal ernsthaft nachdenken sollte, denn es gilt immer. Wenn die Prämissen falsch sind, sind es alle Schussfolgerungen auch.

  4. xbtory 30. Juni 2024 um 10:30 Uhr - Antworten

    (engl.) ill Gates

  5. Judith Panther 30. Juni 2024 um 9:52 Uhr - Antworten

    Gibt es den Artikel auch auf deutsch?

    • Sabine Schönfelder 30. Juni 2024 um 10:12 Uhr - Antworten

      😂..

      • Judith Panther 30. Juni 2024 um 12:00 Uhr

        😎

    • Fritz Madersbacher 30. Juni 2024 um 10:18 Uhr - Antworten

      @Judith Panther
      30. Juni 2024 at 9:52
      „Gibt es den Artikel auch auf deutsch?“
      Das ist eine sehr gute Frage. Ein Linguist sollte das Problem kennen, dass zu einer gelungenen Kommunikation gehört, dass der „Empfänger“ die Botschaft versteht (ich gebe zu, dass ich das auch manchmal zu wenig beachte) …

  6. Taktgefühl 30. Juni 2024 um 7:44 Uhr - Antworten

    Mit einer zwangsfinanzierten milliardenteuren Verblödungsmaschine einen Prügelknaben suchen. Untertänige Jawohlsager wie Jubeljournalisten sind gefährlich. Die provozieren – nicht erst seit heute – Pogrome.

  7. Dr Stefan Lehnhoff 30. Juni 2024 um 3:52 Uhr - Antworten

    Und wieder fühle ich mich an Spion, Spion und Spionin erinnert.
    Bin versucht, das „in einfache Sprache“ zu übersetzen :
    Rechts doof, links jetzt teilweise auch doof, und rechts teilweise gut aber im Prinzip natürlich trotzdem doof.
    Was soll das sein: Kapitalismus?
    Und wenn Sie denken, Sie meinen den gleichen Kapitalismus wie Krall (bin kein Anhänger von ihm, sondern von niemanden), was ich bezweifle, dann laden Sie ihn doch mal in eine Gesprächsrunde bei Mannova ein.
    Leider wählten einst Gunnar Kaiser und Anselm Lenz ein viel zu kurzatmiges Format, aber immerhin ein extrem seltener Anfang.
    Es ist nicht ja bös gemeint, ich leide mit dem Autor um sein angestrengtes Gehirn, aber der Eindruck, der hängen bleibt, ist Pseudointelkektuelles Geschwafel.
    Und auch: Due größten Kritiker der Elche, sind selber welche.
    Links/ Rechts bleibt Quatsch.
    Während Leute, wie Krall der Frage aus dem Weg gehen, wie eine Libertäre Gesellschaft Haft, der Eigenschaft von Kapital, wie Macht generell ein chaostheiretisch seltsamer Attraktor zu sein, aus dem Weg geht, vermeidet die „neue Linke“ immer noch die Frage, wie sie Fehlallokation und Freiheitsberaubungen wirksam verhindern will.
    Da ist es schon egal, ob Leute Personen oder Ideen nachlaufen.
    Wenn man den Weg nicht kennt, aber das Gegenteil behauptet ist es weder hilfreich , auf die zu zeigen, die es auch nicht wissen, aber in eine andere Richtung weisen, noch sich über das Verkehrsmittel zu streiten.
    Und wieder erinnere ich außerdem an mein serbisches Lieblingssprichwort:

    Während die Weisen noch debattieren, erobern die Idoten die Stadt.

    • Sabine Schönfelder 30. Juni 2024 um 10:18 Uhr - Antworten

      Mein chinesisches Lieblingssprichwort : Die Weisheit hat Dich verfolgt, – aber Du warst schneller. 😎

      • Fritz Madersbacher 30. Juni 2024 um 10:25 Uhr

        @Sabine Schönfelder
        30. Juni 2024 at 10:18
        Dazu passt ein anderes chinesisches Sprichwort, von Brecht zu einem Gedicht verarbeitet:

        Bei der Geburt eines Sohnes (nach Su Tung-pò)

        Familien, wenn ihnen ein Kind geboren ist
        Wünschen es sich intelligent.
        Ich, der durch Intelligenz
        Mein ganzes Leben ruiniert habe
        Kann nur hoffen, mein Sohn
        Möge sich erweisen als
        Unwissend und denkfaul.
        Dann wird er ein ruhiges Leben haben
        Als Minister im Kabinett.

    • Andreas I. 30. Juni 2024 um 13:23 Uhr - Antworten

      An Dr Stefan Lehnhoff Hallo,
      ,,Was soll das sein: Kapitalismus?“

      Diese Frage erübrigt sich, denn bekanntlich wurde der Begriff von Marx und Engels geprägt bzw. definiert.
      Wer nicht die Eigentumsverhältnisse in den Mittelpunkt stellen will, der redet lieber von ,,Marktwirtschaft“.

      ,,Und wenn Sie denken, Sie meinen den gleichen Kapitalismus wie…“

      Etwaige Projektionen eines Betrachters ändern nichts am betrachteten Gegenstand, der bleibt der selbe..
      Wenn man den Kapitalismus in der Schweiz meint, dann meint man den selben.
      Wenn man den Kapitalismus in der USA meint, dann meint man den selben.
      Wenn der eine den Kapitalismus in der Schweiz meint und der andere den Kapitalismus in der USA meint, das ist nicht mehr so ganz der gleiche.
      Interessanter wird es, wenn man den Kapitalismus in der USA mit dem in Russland vergleicht, da gibt es dann einen wesentlichen Unterschied (nämlich dass in Russland einiges wichtiges staatlich ist).

      ,,Leider wählten einst Gunnar Kaiser…“

      Tja Gunnar Kaiser hatte ja auch eine philosophische Ausbildung,, deswegen hat er Begriffe richtig verwendet, nötigenfalls mit seinen Gesprächspartner geklärt, wie sie die von ihnen verwendeten Begriffe verstehen … und darum konnte man mit ihm diskutieren.
      (nicht wie Leute, die begrifflich alles beliebig verquirlen, wie es ihnen gerade gefühlt passt, was ja schön für sie sein mag, aber bestenfalls eine persönliche Meinung bleibt und eben keine Diskussion ergeben kann)

  8. Andreas I. 30. Juni 2024 um 2:46 Uhr - Antworten

    Hallo,
    ,,Daniel Sandmann ist promovierter Linguist, Philosoph und Historiker.“

    Ja gut, von Linguistik ist etwas zu merken, aber auch nur so la la.

  9. Sabine Schönfelder 30. Juni 2024 um 0:10 Uhr - Antworten

    Der Autor hat ein geradezu bedingungsloses „Affiziertsein“ , sich „epiphänomenmäßig“ in elaborierten Begrifflichlichkeiten zu baden, um die eigenen Aussagen prägnant zu interpolieren 😁👍.
    Inszenierte Skandalisierungen und organisierte Empörungsorgien sind die Instrumente der zeitgeistlichen Macht, 👉 übergriffig verankert in allen Bereichen menschlichen Lebens. Ehemals kapitalistische Wirtschaftsstrukturen, die auch einer Sekretärin einen Wochenendtrip im Jet nach Malle ermöglichten, werden in einen Stakeholder-Kapitalismus transformiert ; ein in Wirklichkeit feudales Herrschaftssystem, eine zwei-Klassengesellschaft, die wieder HerrENDE und Sklav : innen beabsichtigt. Leben an sich wird zum Privileg für jedes Individuum, das sich mit der alternativlosen geforderten Haltung qua kompromißloser Unterwerfung ein bißchen Lebensqualität aus den Abfällen der Geldelite nehmen darf.🤮

  10. anamcara 29. Juni 2024 um 21:38 Uhr - Antworten

    “Mausfelds Distanz zur „Corona-Maßnahmenkritik“

    In dem Interview im Juni 2020 mit den Deutschen Wirtschafts Nachrichten DWN hat Mausfeld doch kritisch Stellung zur Corona-Politik/Krise bezogen

    “Die Art, wie diese Maßnahmen verordnet wurden, kann man nur als chaotisch, höchst intransparent und autoritär bezeichnen. Die Verordnung geschah unter Umgehung einer wirklichen Gewaltenteilung und unter Ausschaltung jeder demokratischen Öffentlichkeit und damit jeder demokratischen Kontrolle und demokratischen Rechenschaftspflicht.

    Es gibt also wenig Grund für die Annahme, dass es dem Staat bei den Corona-Maßnahmen vorrangig um einen Gesundheitsschutz für die Bevölkerung geht.

    Letztlich geht es, wie stets, um die Sicherung der Stabilität von Machtverhältnissen.

    Ginge es also wirklich vorrangig um Gesundheit, würden wir schon lange über die Folgen der Ökonomisierung des Gesundheitswesens, über die gesundheitlichen Folgen von Hartz IV oder der Einführung prekärer Arbeitsverhältnisse diskutieren. Oder über Krankenhauskeime, über Glyphosat in der Landwirtschaft, über die Verwendung von Antibiotika in der Massentierhaltung oder über die Tausenden von Toten, die jedes Jahr an multiresistenten Keimen sterben. Oder über die Umweltbelastungen durch Militär-Manöver…

    Dabei kann eine systematische Angsterzeugung durch eine massenmediale Propagierung tatsächlicher oder vermeintlicher Gefahren sehr nützlich sein, um die eigentlichen Probleme und Ziele zu verdecken.

    Er sieht die Die Corona-Krise als eine Multi-Krise in der sich sehr unterschiedliche Krisen kreuzen und miteinander verbinden. Sie alle wurden bereits länger erwartet:
    Zunächst ein Naturereignis in Form einer Pandemie.
    Zweitens eine Systemkrise des Finanzkapitalismus, der ohnehin erneut kurz vor einer schweren Krise stand und der nun die Corona-Krise nutzt, um seine eigenen Krisenkosten wieder einmal der Gemeinschaft aufzubürden.
    Und drittens eine schon sehr lange schwelende Krise der kapitalistischen Demokratie –übrigens schon konzeptuell ein Widerspruch in sich -, die nun durch eine seit Jahrzehnten betriebene Transformation zu einem autoritären Überwachungs- und Sicherheitsstaat deutlicher hervortritt.

    Das Corona-Virus bringt lediglich wie ein Katalysator sehr grundlegende Probleme der gegenwärtigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zum Vorschein.

    Umso wichtiger ist es, sich davor zu hüten, durch einen Fokus auf Nebenaspekte ein tiefergehendes Verständnis zu blockieren, wie beispielsweise durch eine in der Sache unsinnige Fixierung auf Indikatoren, Tabellen und Graphiken zur epidemiologischen Gefährlichkeit des Virus…

    Denn dies birgt die große Gefahr, an den sehr viel schwerwiegenderen grundsätzlichen politischen Problemen vorbeizugehen und sich in Ablenk-Themen zu erschöpfen.”

    • 4765 30. Juni 2024 um 14:20 Uhr - Antworten

      Das Corona-Virus bringt lediglich wie ein Katalysator sehr grundlegende Probleme der gegenwärtigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zum Vorschein.

      So ist es. Und dass selbsternannte Herrenmenschen der Auffassung sind, die Geschicke der Menschen lenken zu können und Mord und Totschlag zu begehen, was bisher – jahrzehntelang – weitgehend im Verborgenen lief. Das große Aufwachen hält aber Niemand mehr auf. Wir sehen zwar unruhigen Zeiten entgegen aber nur so geht’s in die richtige Richtung.
      Falls es eines Beweises bedarf: 2,5 Millionen Views. Und das war noch VOR Corona.
      AZK: ♫Power♫ (Familie Ebert)
      https://www.kla.tv/15478

  11. Jan 29. Juni 2024 um 20:41 Uhr - Antworten

    Die Mechanismen aufzählen, wie man die Schafe in Schach hält, ist ja hübsch.

    Aber da gibt es gestandene Männer und Frauen an der Spitze von Banken, Regierungen, Gerichten, die nicht einer verlorenen Bachelorgeneration entstammen und ihren Tag nicht vor Tiktok verbringen. Die haben bewiesen, dass sie Millionen und Milliarden bewegen können. Warum tun die mit? Warum sagen die, jemand wie Baerbock soll auch einmal einen Weltkrieg starten dürfen? Oder Opi Biden soll über einen weltweiten Nuklearkrieg entscheiden dürfen?

    Um es ganz klar auszusprechen: der Korporismus, der hier geschaffen wird, kann nicht in ein dauerhaftes Gleichgewicht überführt werden. Der kannibalisiert sich selbst innerhalb weniger Jahre. Hier geht es ums Ausplündern vor dem Crash.

    Damit greift die Analyse deutlich zu kurz.

    • rudi fluegl 29. Juni 2024 um 21:01 Uhr - Antworten

      “ nicht die Erkenntnis, dass das Kapital zwingend repressive, totalitäre und ausbeuterische Verhältnisse generiert, sondern dass dies nur der Fall ist, wenn es in „schlechten, weil abartigen Händen“ liegt.“
      Das hilft auch kurzfristig vor dem Crash!
      Das hilft besonders kurzfristig vor dem Crash!
      Nur das hilft kurzfristig vor dem Crash!
      Das hilft auch kurzfristig nach dem Crash!
      Was bitte hiflt denen überhaupt wenn es darum geht auf gleiche Art und Weise wie eh schon gewöhnt den Crash nach dem Crash vorzubereiten.
      Mit welchen Potenzen wollen Sie das Kapital versehen um nach den zukünftigen Crashes – da muss man schon hoffen dass es die gibt- , das „es hilft“ zu vermeiden.
      Kapital²- Kapital³–………………………????

  12. Sunnifa 29. Juni 2024 um 20:29 Uhr - Antworten

    Der Artikel weist auf ein wichtiges Problem hin. Vielen Dank!

  13. Karl Schlosser 29. Juni 2024 um 19:55 Uhr - Antworten

    In einfachen Worten, ablenken von der herrschenden Klasse, und gleichzeitig der beherrschten Klasse ihre ideologischen Kampfmittel nehmen. So geht seit jeher Klassenkampf „von oben“.

    • Fritz Madersbacher 29. Juni 2024 um 20:43 Uhr - Antworten

      @Karl Schlosser
      29. Juni 2024 at 19:55
      „Am Ende solcher „Prozeduren“ steht dann – wie ideologisch zumindest von einem Teil der Dissidenz auch gewünscht – nicht die Erkenntnis, dass das Kapital zwingend repressive, totalitäre und ausbeuterische Verhältnisse generiert, sondern dass dies nur der Fall ist, wenn es in „schlechten … Händen“ liegt“
      So lassen sich auch die häufigen Wahlaufrufe, die „richtige Partei“ zu wählen, lesen …

  14. […] Wenn Systemkritik ins System eingeht – Teil 1: Empörung bedingt Etiketten und schützt das Kapital — Weiterlesen tkp.at/2024/06/29/wenn-systemkritik-ins-system-eingeht-teil-1-empoerung-bedingt-etiketten-und-schuet… […]

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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