
Kriege sind immer die Summe von Einzelschicksalen – Die Erinnerungen von Evgenia Astriinova
Der Blick auf den Krieg aus Sicht der 44 Jahre alten Evgenia Astriinova ist sicher nicht „objektiv“, wenn es um „historische Zusammenhänge“ der letzten Jahre im Donbass geht. Er ist aber trotzdem wahr und authentisch. Das, was sie schreibt und beschreibt, sind ihre konkreten Erfahrungen in der Zeit von 2013 bis 2023. Es ist die Sicht einer russischen Kriegsbetroffenen, die im Westen kaum Gehör findet. Und damit ist es ein kleiner Ausschnitt der ganzen Wahrheit, die Historiker in ein paar Jahren über diesen Krieg berichten werden.
Evgenia ist vor einem Jahr mit ihren Kindern Igor (24) und Masha (13) sowie ihrer Mutter Liana Vladimirovna (77) aus Donezk nach Russland geflohen. In einem Artikel für das Gedächtnisbuch der Friedensbrücke Kriegsopferhilfe, das von Freiwilligen übersetzt und hier zusammengefasst wurde, berichtet sie über ihre persönlichen Erlebnisse der Putsch- und Kriegsjahre.
Sie beschreibt kurz den Putsch am Maidan aus der Sicht vieler Donbass-Bewohner und geht dann auf die darauf folgenden Entwicklungen ein, die auf sie und ihre Familie – ethnische Russen – bedrohlich wirkten. Das Zweisprachigkeitsgesetz, das den gleichberechtigten Gebrauch der russischen und ukrainischen Sprachen im Land ermöglichte, wurde aufgehoben. Russisch wurde „böse“. „Das Erste, was sie uns jetzt zu entziehen versuchten, war das Recht, unsere Muttersprache zu sprechen, die Sprache der Schlaflieder unserer Mütter, die Sprache, die den Donbass seit jeher untrennbar mit Russland, der großen Mutter, verbindet.„
Sie sagt auch, warum das so war bzw. für viele Teilrepubliken Russlands weiterhin so ist: „Ja, wundert Euch nicht. Russland ist unser großes Mutterland. Und das war es schon immer. Während der Jahre der Sowjetunion war es nicht so wichtig, dass die Ukrainische Republik den Donbass umfasste, da alle Republiken Teil eines großen Staates waren. Wir lernten zwar die ukrainische Sprache, aber Russisch war eine einzige, gemeinsame Sprache, die alle Republiken vereinte. Und Moskau war unsere Hauptstadt. Und so blieb sie es auch in unseren Herzen.„
Dass sich dagegen Widerstand regte, war daher wenig verwunderlich. In Odessa, Charkow, Donezk, Lugansk, Mariupol und anderen Städten im Südosten entflammten „Anti-Maidan“-Demonstrationen. Menschen, die mit dem antirussischen Kurs der Behörden, die in Kiew illegal die Macht ergriffen hatten, unzufrieden waren, gingen zu Kundgebungen. Unsere Forderungen waren einfach: „Russisch als Staatssprache, das Abhalten von legitimen Wahlen und wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zu Russland aufrechterhalten.“
Sie erklärt auch anschaulich, warum das Ganze eskalierte: „Die Bande, die in Kiew die Macht übernommen hatte, erklärte alle Demonstranten zu Separatisten und Terroristen und kündigte den Beginn einer Anti-Terror-Operation an. Und es wurden Truppen gegen uns, gewöhnliche Bewohner, geschickt. Menschen aus Slawjansk waren die ersten, die nach Donezk flohen. Sie erzählten uns schreckliche Dinge. Wie friedliche, unbewaffnete Menschen von Panzern zerquetscht wurden und ihre Häuser durch direktes Feuer beschossen wurden. Leute aus Odessa berichteten, dass die sogenannte ATO von den Nazis geführt wurde. Erst dann fingen wir an zu verstehen, dass diese vorbereiteten Menschen nicht zufällig auftauchten. Sie wurden schon im Voraus als Henker und Bestrafer für den russischsprachigen Südosten ausgebildet. Und sie haben ihre Strafmission perfekt ausgeführt.„
Der Widerstand in Donezk verschärfte sich, ebenso die Angriffe auf die Stadt vom Boden und aus der Luft, mit Flugzeugen und Hubschraubern. Die einzigen Verteidiger waren gewöhnliche Männer des Donbass: Bergleute, Stahlarbeiter… „Es gelang den friedlichen Demonstranten, die Polizei, den SBU und die Streitkräfte des Donbass davon zu überzeugen, sich auf die Seite des Volkes zu stellen und die kriminellen Befehle der frisch gebackenen Kiewer Invasoren nicht auszuführen.„
Der Kampf um Donezk wurde mörderisch. Evgenia beschreibt, was sie in diesem Kampf alles durchmachen musste – was ihnen seitens der ukrainische Armee alles drohte und wie „humanitär“ sich die Kiewer Regierung – z.B. durch Einstellung der Renten und Sozialleistungszahlungen für alte und behinderte Menschen – gegenüber den Menschen im Donbass verhielt. „Besonders hassten die ukrainischen Nazis das Volk von Donezk, weil es ihnen gelang, einen würdigen Widerstand gegen sie zu organisieren und Donezk mutig verteidigten.“
Trotzdem blieb sie weiter in Donezk, trotz der Bombardierung im Hungerwinter 2014-2015. Denn sie wollte nicht fliehen, sondern selbst etwas für die Menschen im Donbass tun. In einer schlaflosen Nacht, als ich auf dem Balkon stand und auf die schlafende Stadt blickte, betete ich zu Gott: „Wenn ich etwas für alle meine leidenden Landsleute tun kann, zeig mir bitte den Weg. Gib mir ein Zeichen, zeig mir, was ich tun kann, um das Leben der Menschen einfacher zu machen, und ich werde es tun!“
Ihr Gebet wurde erhört, sie arbeitete bei der Berichterstattung über die Menschen in den Frontgebieten für das lokale Fernsehen mit. Die Sendung „Von Herz zu Herz“ sorgte dafür, dass den Menschen von Bewohnern von Donezk geholfen wurde, die in ruhigeren Gegenden und nicht an der Front lebten. Aber wer hilft, ist ein Terrorist. Für ihre Arbeit landete sie auf der Liste der unerwünschten Personen, auf der Website Mirotworez, zu Deutsch Friedensstifter oder Englisch Peacemaker, die man aber auch als Todesliste bezeichnen kann. Seitdem konnte sie weder ihren Vater noch Bruder besuchen, die jenseits der Demarkationslinie lebten. Auch der Besuch der Beerdigung ihres Vaters war zu gefährlich.
Das Leid und der Mut der Zivilisten mündeten in der Gründung der neuen Republik. Beim Referendum stimmten die Menschen für die Abspaltung von der Ukraine und die Gründung einer unabhängigen Volksrepublik Donezk. Trotz schwerer „Geburtswehen“ entstand in den folgenden Jahren fast wieder so etwas wie Normalität. Nach etwa einem Jahr waren die Bank, die Sozialversicherung und der Pensionsfond in der Republik wiederhergestellt.
Ohne die humanitäre Hilfe von Russland und internationalen Hilfsorganisationen wäre diese Zeit kaum zu überstehen gewesen.
Ja, es war Mutter Russland, die auf unser Unglück reagierte. Nicht die Ukraine.
„In allen neun Kriegsjahren wurde keine einzige humanitäre Fracht aus der Ukraine in den Donbass geschickt. Die ukrainische Regierung schickte humanitäre Hilfe nur an ihre Soldaten an der Front. Damit sie das Volk von Donezk energischer und effektiver zerstören konnten. Den Zivilisten von Donezk wurde „Hilfe“ nur in Form von Granaten und Raketen geschickt.“
Der diplomatische Prozess mit dem Minsker Abkommen mündete in einen relativen Waffenstillstand, den Evgenia in all seinem Zynismus beschreibt. Denn in der Frontzone hörten die Bombenangriffe keinen Tag auf. Und die Hoffnung auf das Minsker Abkommen war vergeblich, was Frau Merkel und andere Politiker inzwischen ja offen zugegeben haben. Für Evgenia wurde deutlich:
Niemand wird mit uns verhandeln oder unsere Interessen berücksichtigen.
Dass die Eskalation des Krieges von ihr völlig anders gesehen wird als von den Bewohnern Kiews ist auf diesem Hintergrund mehr als verständlich. Denn schon Wochen vor dem 24.2.22 wurde der Beschuss erneut intensiviert. Doch nun wurde die Militärmacht der Ukraine durch westliche Hilfe gestärkt.
„Wir dachten, wir würden es nicht überleben. Aber ein Russe würde lieber sterben, als unter der Herrschaft von Nazis zu leben und ihr Sklave zu sein. Deshalb beteten wir jeden Tag und gingen einfach weiter. Als sich die Situation zuspitzte und als die Ukrainer bereit waren, einen vernichtenden Schlag durchzuführen, intervenierte Russland. Russland erkannte die Donezker und Lugansker Volksrepubliken an und schickte uns Militärhilfe. Dann, und erst dann erschien endlich die russische Armee zum ersten Mal im Donbass. Wir schauten auf die Kolonnen militärischer Ausrüstung, die aus Russland auf uns zukamen, und weinten vor Glück. Das Mutterland, unser Russland, hat uns im fatalen Moment immer noch nicht im Stich gelassen und ist zu unserer Verteidigung aufgestanden.“
Die vom russischen Präsidenten angekündigte Sondermilitäroperation hat begonnen.
Die Not fand seitdem kein Ende. Die Ukraine zerstörte vollständig die notwendigen Kommunikationsmittel und blockierte den Zugang zu Wasser im Donbass. Trotzdem jammert Evgenia nicht. Im Gegenteil. Sie schreibt:
Aber trotz alldem hatten wir ungemeines Glück.
„Denn in vielen anderen Stadtteilen gab es viele Monate lang überhaupt kein Wasser. Die Menschen taten, was sie konnten, gruben Brunnen, sammelten Regenwasser und holten Wasser aus nahegelegenen Flüssen.“
Die Flucht aus Donezk nach Russland war aber unvermeidbar, nachdem der Beschuss auf die Stadt im Sommer 2023 unerträglich wurde. „Am Abend haben wir unsere wenigen Sachen gepackt und im Morgengrauen des nächsten Tages fuhren wir bereits in Richtung Grenze zu Russland. Heute sind wir seit einem Jahr in Russland. Wir vermissen unser Zuhause sehr. Wir träumen davon, dass unser Haus nicht zerstört wird und wir irgendwann dorthin zurückkehren können. Es ist noch nicht klar, wann dieser Tag kommen wird. Aber wir glauben und beten, dass er kommen wird.“
Ihr Dank gilt Russland, das die Flüchtlinge aus dem Donbass aufnimmt und kostenlos ernährt, aber auch allen internationalen Hilfsorganisationen, die den Flüchtlingen aus dem Donbass Hilfe leisten. „Die Hilfe u.a. auch von der Friedensbrücke Kriegsopferhilfe zeigt ihr, dass die einfachen Menschen im Ausland mit uns sympathisieren und genau wie wir Frieden wollen.“
Ihr sehnlichster Wunsch:
Möge über dem Kopf jedes Bewohners der Erde ein friedlicher Himmel sein!
Der vollständige Bericht, der im Gedächtnisbuch der Friedensbrücke erscheinen wird, kann hier heruntergeladen werden.
Ein sehr wertvoller Artikel! Danke! Ein großer Teil der Menschen die (noch) durch keinen Krieg betroffen sind, finden Krieg sehr oft sehr „geil“. So mein Eindruck!
„Denn schon Wochen vor dem 24.2.22 wurde der Beschuss erneut intensiviert.“ Kann man objektiv nachprüfen, der letzte OSZE-Bericht vor dem russischen Einmarsch belegte anschaulich, dass die Mehrzahl der Artillerieeinschläge im Konfliktgebiet die prorussischen Gebiete betrafen.
Bitte den anderen Stellvertreterkrieg des US-Imperiums nicht vergessen. Die NachDenkSeiten brachten den Artikel von Chris Hedges „Israels Krieg gegen Krankenhäuser“ (den heute auch das gewisse Medium zitiert) darüber, dass Israel absichtlich und systematisch Krankenhäuser in Gaza als Teil der Völkermord-Kampagne zerstört. Kann die nichtwestliche Welt nicht mehr Druck aufbauen, es zu stoppen?
Gerade kuscheln einige Politiker des Globalen Südens in VAE, Klima-Leckerli im Wert von 200 Millionen abzukriegen dafür, dass man eigene Länder an die Woke Kabale verkauft. In Gaza kann man sehen, wie die Kabale agieren kann, wenn sie sich Gasfelder im Wert von 600 Milliarden holen will.