Wiener Festwochen: Wurde Ulrike Guérot in eine Falle gelockt?

10. Juni 2025von 14,8 Minuten Lesezeit

Vom 30. Mai bis 1. Juni veranstaltete der Intendant Milo Rau im Rahmen der Wiener Festwochen die sogenannten „Wiener Kongresse“. Diesmal ging es dabei um die „Cancel Culture“, vorgeblich, um das Thema kritisch zu diskutieren. Anlässlich dessen wurde die deutsche Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot eingeladen. Das Ergebnis war pervers: Anstatt eine faire Behandlung zu erfahren, wurde Guérot bei der Bühnenshow, die eigentlich mehr eine Art Schauprozess war, nur erst recht wieder öffentlich hingerichtet. Unser Autor wird versuchen, das abstruse Kulturereignis, das ihn zuallererst sprachlos hat sein lassen, wenigstens annähernd in Worte zu fassen. Außerdem will er ein Licht auf die Hintergründe werfen.

„Freie Republik Wien“ prangte in Riesenlettern am Tisch der sogenannten „Jury“, und am Beginn jeder Sitzung verkündete eine Lautsprecherstimme, dass es sich um eine „Republic of Love“ handle. Große Töne. Die zum tatsächlichen Geschehen überhaupt nicht passten. Denn allein der Anspruch des Intendanten Milo Rau, ausgerechnet mittels simulierter Gerichtsverhandlungen für drei Tage lang bei den Wiener Festwochen eine „Republik der Liebe“ zu errichten, war von vornherein in sich obskur. Gerichtsverhandlungen sind das Gegenteil von Liebe. Und sie sind auch das Gegenteil eines offenen, reflektierten Diskurses von gleichberechtigten Menschen auf Augenhöhe miteinander, wie er durch den Begriff „Kongress“ in dem Titel „Wiener Kongresse“ suggeriert wird. Diese und all die anderen schönen, salbungsvollen Worte, wie sie Rau dann auch bei seinem Einleitungsreferat brav aufsagte, kann man also vergessen, sie enthüllten sich rasch als die Schaumschlägerei eines Aktionisten, bei der am Ende nichts zusammenpasste. Dafür wurde wieder munter diffamiert, polarisiert, gehetzt, an den öffentlichen Pranger gestellt und effekthascherisch die blanke Empörungskultur gefördert, wie man das aus dem Medienalltag ohnehin schon zur Genüge kennt.

Bedenkliches Verschwimmen von Kunst und Wirklichkeit

Anstatt an „Liebe“ usw. gemahnte manches an der Darbietung ganz im Gegenteil viel eher an das berüchtigte Stanford-Prison-Experiment. Ich rufe kurz in Erinnerung: Das Stanford-Prison-Experiment fand 1971 statt. Bei dieser soziologischen Studie wurden die Versuchsteilnehmer, Studenten, in zwei Gruppen aufgeteilt, die die Rollen von Häftlingen und ihren Wärtern in einem Gefängnis übernehmen sollten. Das Experiment musste aber nach wenigen Tagen abgebrochen werden, weil sozusagen aus dem Spiel Ernst geworden war und es zu tatsächlichen schweren Gewalttätigkeiten gekommen war und insbesondere die die Wärter spielenden Studenten ihre Rolle sadistisch ausgelebt hatten.

Ähnlich verschwammen auch bei der bizarren Bühnenshow Milo Raus die Grenzen zwischen Kunst und Wirklichkeit auf eine ungute Weise. Man erlebte Aktionismus in seiner bedenklichsten Form. Und das heißt auch: in seiner moralisch bedenklichsten Form. Wenn etwa die Kongressleiterin Alexia Stuefer (in ihrem realen Leben tatsächlich eine Strafverteidigerin!) beim „Verhör“ Guérots diese scharf zurechtwies, dass sie sich an die ihr gestellten Fragen zu halten habe — dann benahm sie sich schon so autoritär, respektlos und von oben herab, als glaubte sie, sie befände sich wirklich gerade in der Position einer Richterin, und als glaubte sie, sie hätte wirklich das Recht, den auf der Bühne auftretenden Personen vorzuschreiben, wie sie zu reden hätten und wie nicht. Auch als jemand, der im Publikum saß, tat man sich schwer, die Ebenen zu trennen. Und um wie viel schwerer war das für die Protagonistin des Verhörs, die nur noch einmal die Demütigungen, Diffamierungen und Schmähungen erfuhr, die sie ohnehin in ihrer Vergangenheit bereits zur Genüge erfahren hatte (man denke etwa bloß an die Vorfälle bei der Markus-Lanz-Show vom 2. Juni 2022), ja, die wie eine Angeklagte behandelt und am Schluss des Kongresses allen Ernstes von der Bühnen-Jury wie eine Verbrecherin öffentlich verurteilt und dabei auch noch als Lügnerin hingestellt wurde.

Ein Detail, aber ein vielsagendes, am Rande: Es war bemerkenswert, wie gehorsam das ganze Publikum im Theater Akzent jedes Mal von seinen Plätzen aufschnellte, wenn es am Beginn der Sitzungen von der Bühne aus dazu aufgefordert wurde, mit den Worten: „Bitte erheben Sie sich! Die Kongressleitung erscheint!“ Ganz so, als hätte man es mit dem Einzug eines wirklichen Gerichts zu tun, ganz so, als hätte man dieser Aufforderung wirklich Folge zu leisten, ganz so, als sei man kein Zuschauer, der für eine Bühnendarbietung Eintritt bezahlt hat, sondern als wäre man wirklich in einem Gerichtssaal und hätte zu gehorchen, weil einem sonst vielleicht eine Strafe wegen Missachtung der sodann mit strengem Gesichtsausdruck hereinstolzierenden „Richterin“ Stuefer drohe. Es war erschreckend zu sehen, wie bereitwillig alle bei dieser Clownerie mitspielten. Beim ersten Mal stand ich auch auf. Beim zweiten Mal schon blieb ich jedoch sitzen. Meiner Wahrnehmung nach als einziger.

Nicht nur das Stanford-Prison-Experiment, auch das Milgram-Experiment lässt daher grüßen. Wir sind als Gesellschaft wieder dort, wo wir vor ‘68 schon mal gewesen sind: Man tut einfach etwas, nur weil es einem befohlen wird, ohne zu hinterfragen, warum eigentlich.

Intellektueller Bankrott

Eine gründliche kritische Analyse dieses Events würde endlos werden, so sehr war er ein Ausdruck unserer Zeit und damit leider dessen, was man nur mehr einen umfassenden geistig-kulturellen Verfall nennen kann. Viel gäbe es hier zu erzählen, allein schon vom ersten Abend, etwa, um bloß ein Beispiel herzunehmen, vom Auftritt der Schauspielerin Mateja Meded, die — man weiß gar nicht, aus welchen Gründen — plötzlich aufs Podium gerufen wurde, damit sie eine einzige Hassrede gegen die (natürlich: alten, weißen) Männer halten durfte, denen mal wieder im großen rhetorischen Rundumschlag die Schuld für alle Übel auf der Welt gegeben wurde. Von wegen „Republik der Liebe“.

Das eigentlich Schockierende war aber nicht etwa der Inhalt — sofern es einen solchen überhaupt gab — dieses Vortrags, sondern das Fehlen jeder eigenständigen Denkleistung darin, das Fehlen jeder eigenen Sprache. Der Text hätte genauso gut von einem Roboter verfertigt und nachgeplappert werden können. Es reicht bei einem einschlägigen Publikum offenbar mittlerweile, dass man wie eine aufgezogene Puppe im Schnellredetempo und im anklagenden Empörungstonfall Worthülsen und Phrasen aneinanderreiht, die schon tausende Male wiedergekäut worden sind. Man wiederholt einfach möglichst oft jene Begriffe, die im Milieu mittlerweile eingespielt sind, wie beispielsweise: „toxische Männlichkeit“, „Patriarchat“, „Heteronormativität“ oder „Queerfeindlichkeit“, — garniert mit ein bisschen „Klimakrise“. Letztere wurde natürlich Trump und anderen „rechten“ männlichen Politikern umgehängt (man beachte bitte die mir bislang unbekannte Wortschöpfung „Petromaskulinität“!). Ganz so, als würden Frauen, Transpersonen und „Linke“ nicht Auto fahren oder mit dem Flugzeug unterwegs sein. Geschlossen wurde das Referat mit den Worten: „Genossen und Genossinnen, lasst uns das Patriarchat kastrieren!“ Für diesen geistreichen Ausruf gab es tosenden Applaus im Saal.

Am Interessantesten bei derartigen Statements ist allerdings in der Regel nicht das, was gesagt wird, sondern das, was nicht gesagt wird, was ausgelassen wird: Dass der größte CO2-Verursacher der Krieg ist, wie er zur Zeit eigentlich weniger von rechten, sondern eher von grün-linken Politiker*innen gefordert und unterstützt wird; weiters, dass weibliche Führungsgestalten wie Strack-Zimmermann, Annalena Baerbock und Ursula van der Leyen inzwischen zur Genüge bewiesen haben, dass Frauen, haben sie einmal die Macht, um nichts besser agieren als Männer, ja, dass sie ganz vorne mit dabei sein können, wenn es darum geht, Europa in einen dritten Weltkrieg zu treiben, — von all dem war in der Rede Mededs natürlich keine Rede.

Sie mag sich für eine kritische Feministin halten, und dazu gehört das Schimpfen über die alten, weißen Männer und die Rechtspopulisten — aber mit den wirklich Mächtigen Europas legt sie sich nicht an, dafür ist sie zu klug.

Diesen Fehler hatte allerdings Guérot gemacht, die im Unterschied zu ihrer Geschlechtsgenossin nicht nur Floskeln gedroschen hatte, nicht nur Theater gespielt hatte, sondern sich bei den Themen Corona und Ukraine-Krieg wirklich gegen den Mainstream gestellt hatte. Damit hatte sie im Saal freilich wesentlich schlechtere Karten als Meded. War man bei deren Auftritt eben noch im Geiste mit allen unterdrückten Frauen solidarisch gewesen, so war es mit dieser Solidarität plötzlich schon wieder aus und vorbei, als eine konkrete Frau aus Fleisch und Blut auf der Bühne stand, die von den Mächtigen fallen gelassen worden war, weil sie mit ihnen nicht mehr auf Linie sein hatte wollen.

Ulrike Guérot: Die falsche Frau am falschen Ort

In den Mittelpunkt der Befragung Guérots wurden die gegen sie gerichteten Plagiatsvorwürfe gesetzt und die Frage, ob sie zu Recht deswegen von ihrer Universität die Kündigung erhalten hatte. Allein diese Fragestellung war absurd. Was sie betrifft, so gibt es in Deutschland ein laufendes arbeitsgerichtliches Verfahren, in dem darüber entschieden wird, und dabei geht es für Guérot um nicht weniger als um ihre ökonomische Existenz und die Wiederherstellung ihrer Reputation. Was die mit der Materie des Falls viel zu wenig vertrauten Mitglieder einer Bühnenshow dazu befähigen hätte sollen, darüber nicht nur zu diskutieren, sondern allen Ernstes im Schnellverfahren auch ein Urteil zu fällen, bleibt rätselhaft.

Die Politologin hatte freilich die Einladung zu dem Event angenommen, weil sie sich erhofft hatte, dass sie endlich einmal in aller Öffentlichkeit Gelegenheit bekommen würde, ihren Fall aus ihrer Sicht fair und sachlich darzulegen. Dazu war das gesamte Setting jedoch ungeeignet. Sie erhielt dafür gerade zwanzig Minuten Zeit, aber freilich nicht so, wie sie das wollte, sondern in Form eines engmaschig angelegten „Verhörs“, während dem sie immer wieder mit Unterstellungen und ablenkenden Fangfragen in die Enge getrieben wurde, und gleichzeitig ihre Position zu Corona und Ukraine rechtfertigen musste. Dabei durfte sie nie so frei von der Leber weg reden, wie es notwendig gewesen wäre, um die Zusammenhänge erklären zu können. Die Zurechtweisung der Kongressleiterin Stuefer, Guérot solle den Sachverhalt doch mal einfach „knapp und genau“ darlegen, war ein Hohn: Der Autor der vorliegenden Zeilen hat sich intensiv mit dem Thema der Entlassung Guérots befasst und geht davon aus, dass ungefähr eine Stunde ruhigen Gesprächs notwendig wäre, um Personen, die über kein Vorwissen verfügen, die jahrelange Geschichte, die hinter den Plagiatsvorwürfen steckt, ausreichend zu vermitteln. Sofern allerdings jene gewillt sind, ordentlich zuzuhören. Man kann sich denken, wie schwierig das bei einer Zuhörerschaft ist, die seit Corona in Guérot tendenziell eine Unperson sieht. Mit einem solchen Milieu hatte es die Politologin aber im Theater Akzent zu tun, sowohl im Publikum als auch auf der Bühne. Von Unvoreingenommenheit konnte hier keine Rede sein.

Diese Konstellation ist die Ursache dafür, dass Guérot von Anfang an unter hohem Druck stand. Schon als sie darauf hinweisen wollte, dass ihr Fall ihrer Meinung nach im Programmheft falsch dargestellt worden sei, wollte man sie nicht so recht zu Wort kommen lassen. Sie solle sich an die Ordnung halten und die gestellten Fragen beantworten, hieß es. In einem Akt der Hilflosigkeit hielt sie ein Buch in die Kamera, in dem ihr Fall ausführlich dokumentiert ist, nur um sich dann von einem Jury-Mitglied die gelangweilte Antwort abzuholen, dass es damit nichts anfangen könne. Generell versuchte die Politologin schnellsprechend in das Minimum an Zeit, das ihr zur Verfügung stand, möglichst viel an Information zu packen, sprang — was ihre Ausführungen freilich nicht unbedingt verständlicher machte — rasch von einem Punkt zum anderen, hatte aber im Korsett des vorgegebenen Settings nicht den Raum, um den Kontext, in dem die einzelnen Fakten erst einen zusammenhängenden Sinn ergeben hätten, auszubreiten. Trotz ihrer Redegewandtheit reagierte sie vielleicht nicht immer geschickt, wirkte bald gereizt und emotional, verhaspelte sich mit den Worten und erwischte gelegentlich auch überhaupt das falsche. Jahrelang ein Opfer von Diffamierungen zu sein, hinterlässt seine Spuren. Dann will man sich endlich rechtfertigen können, und darf wieder nicht.

Völlig brach die Fassade zivilisierter Auseinandersetzung in sich zusammen, als auch die Mitglieder des sogenannten „Rats der Republik“ — speziell ausgewählte Personen, die in den ersten drei Reihen saßen — die Möglichkeit erhielten, Fragen zu stellen. Als diese aber wie in aller Selbstverständlichkeit mit den ihnen vorgegebenen Regeln brachen und eigentlich gar keine Fragen an Guérot stellten, sondern sie stattdessen lediglich vorverurteilend mit den üblichen giftigen Anschuldigungen, Untergriffen und Schmähungen überhäuften, wie sie ohnehin schon seit Jahren in den Leitmedien wie auch im Netz in Dauerschleife shitstormmäßig gegen Guérot wiederholt werden (sie verbreite „russische Propaganda“, verfasse „Plagiate“ usw.), war Kongressleiterin Stuefer auf einmal zaghaft, mit der notwendigen Vehemenz durchzugreifen.

Und am dritten Tag wurde Guérot in allen Punkten von der Jury „schuldig“ gesprochen: Sie habe plagiiert, sie habe „Fakten auf unrichtige Weise verwendet“, sie habe „pro-russische Propaganda betrieben“, sie sei zu Recht gekündigt worden, und nein, sie sei nicht diffamiert worden. Auf welcher Grundlage die Jury sich dieses Urteil zusammengebastelt hat, bleibt rätselhaft. Aus dem Bühnengeschehen sind diese „Wahrheiten“ jedenfalls nicht herauszuziehen gewesen. Eher wirkt das alles wie „in dubio contra reo“: Im Zweifel gegen die Angeklagte.

Damit aber hatte ein von Anfang an pervers aufgezogener Kultur-Event seinen absolut perversen und insofern schon wieder logischen Schlusspunkt bekommen: Angekündigt gewesen war eine kritische Thematisierung der „Cancel Culture“, — stattdessen war die Person Guérot kritisch thematisiert und einmal mehr an den öffentlichen Pranger gestellt worden. Oder um die Perversion noch deutlicher auszudrücken: Anstatt anhand des Falles, wie es die Aufgabenstellung gewesen wäre, die Mechanismen der „Cancel Culture“ kritisch zu durchleuchten, — hatte man die Mechanismen der „Cancel Culture“ noch einmal in der Praxis an Guérot in Form einer Bühnenshow durchexerziert.

War Guérot in eine Falle gelockt worden?

Der Intendant Milo Rau fühlt sich für das Geschehene nicht verantwortlich. Von einer empörten Freundin der Politologin zur Rede gestellt, erteilte er die lakonische Auskunft, er sei ja nicht in der Jury gesessen, er habe über den Ausgang nicht entschieden. So einfach kann man es sich machen.

Fest steht, dass es undurchsichtig ist, was hinter den Kulissen abgelaufen ist und was sich wer bei all dem gedacht oder gar geplant hat. Einen Teil der Geschichte habe ich aber selbst miterlebt und kann ein wenig davon erzählen. Einen grauslichen Beigeschmack hat sie auf alle Fälle.

Zuerst muss man einmal wissen, dass es sich bei dem Milieu, mit dem man es hier zu tun hat, um jene Wiener Schickeria handelt, mit der Guérot vor Corona engstens verbunden gewesen war. Milo Rau kannte sie schon länger persönlich, und mit vielen anderen war sie buchstäblich best friends und zog mit ihnen um die Häuser. Dieselben Leute wurden aber plötzlich zu ihren erbittertsten Gegnern, als sie bei Corona von der Linie abwich, sie wandten sich von ihr ab, ließen sie fallen wie eine heiße Kartoffel, wollten nichts mehr mit ihr zu tun haben, ja, einige von ihnen taten eifrig dabei mit, sie in den sozialen Medien zu diffamieren und an den öffentlichen Pranger zu stellen. Es handelt sich also, mit anderen Worten, um jenes Milieu, in dem Guérot aufgrund ihrer Corona-Positionierung über Nacht zur Ausgestoßenen, zur Feindin geworden war.

Und dann saß ich im vergangenen Herbst, es war Mitte September, mit der Politologin im Café Engländer an einem Tisch, und sie erinnerte sich an die früheren Zeiten, als sie noch mit eben diesen Leuten dort zusammen gesessen war, mit ihrem alten Freundeskreis, — und erkannte daraufhin an einem Nebentisch zufällig auch wirklich einen von ihnen, den Journalisten Robert Misik, der dort mit anderen zusammensaß. Während einer Rauchpause auf der Straße nutzte sie die Gelegenheit, ihn en passant zu grüßen. Er erwiderte den Gruß, und es wurden sogar Bussis ausgetauscht. Nachher fragte sich Guérot allerdings, was das nun gewesen sein sollte, man könne ja nun nicht tun, als sei nichts gewesen.

In der Folge kam es zu einer Wiederannäherung zwischen Misik und ihr. Auf einmal benahm er sich ihr gegenüber sehr freundlich. Guérot litt unter dem Verlust ihres alten Freundeskreises und hoffte, dass sich doch auch manches wieder kitten ließe und dass man über das Geschehene würde diskutieren können. Und dann trat Misik ihr gegenüber als der für das Casting zuständige Verbindungsmann der Wiener Festwochen auf und lud sie dorthin ein. Dort würde sie die Gelegenheit erhalten, ihren Standpunkt darzulegen. Und Guérot ließ sich darauf ein, übrigens trotz eindringlicher Warnungen einiger ihrer Mitstreiter, Misik sei nicht zu trauen, er habe an seinen Ansichten überhaupt nichts geändert, und es könnte sich dabei um eine Falle handeln, am Schluss würde man sie vielleicht vorführen, wie man das schon bei der Lanz-Show am 2. 6. 2022 gemacht habe …

Was Misik sich bei all dem tatsächlich gedacht hat, lässt sich nicht beweisen. Was aber das Resultat betrifft, hatten die Warner recht: Guérot ist ins offene Messer gelaufen. Und am Schluss der Veranstaltung soll Misik zufrieden gelächelt haben …

Youtube-Links mit Aufzeichnung der Wiener Kongresse:

 

 


Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Ortwin Rosner, geboren 1967 in Wien, Studium der Germanistik und Philosophie, hat seine Diplomarbeit mit dem Titel  „Körper und Diskurs. Zur Thematisierung des Unbewussten in der Literatur anhand von E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann“ 2006 bei Peter Lang veröffentlicht und war Gelegenheitsblogger auf standard.at.


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16 Kommentare

  1. Billo 13. Juni 2025 um 16:14 Uhr - Antworten

    Danke für diesen Text, Ortwin!
    Drei persönliche Bemerkungen dazu:

    Ich war nie ein Fan von Ulrike Guérot. Die Art und Weise, wie sie von Sofatätern immer wieder demontiert wird, macht mich aber zornig.

    Zweitens: Die selbe linke Wiener Kulturschickeria hat einst alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit der im Gefängnis zum Schriftsteller mutierte Serienfrauenmörder Jack Unterweger wieder auf freien Fuss gesetzt werde; er hat danach weitere Frauen umgebracht. Diese Schickeria zeichnete sich schon damals durch mangelnden Durchblick aus.

    Drittens wird Milo Rau heute von der Schickeria und der ihr willfährigen Politik arg überschätzt. Er brachte als junger Theatermacher ein paar spannende Sachen auf die Bühne, darunter die Zürcher Prozesse und das Kongo-Tribunal, doch dann hat er das Prozessieren zu seinem Geschäftsmodell gemacht, von dem jede Kulturstadt sich ein Stück abschneiden möchte. So viel Erfolg mit more of the same kann abgehoben und unkritisch machen und zu Eskapaden verleiten, die einem auch geistig aus dem Ruder laufen. Die Freie Republik Wien von Raus Gnaden zeugt davon, eine hohle Lachnummer von hinten bis vorn, nur leider nicht für die des Gaudis wegen öffentlich Fertiggemachten wie Ulrike Guérot.

  2. Gabriele 11. Juni 2025 um 8:45 Uhr - Antworten

    Ich kann hier nur jedem, der oder die meint, sich eine Meinung über Ulrike Guérot bilden zu müssen, raten, ihr langes Gespräch mit Elsa Mittmannsgruber bei dem gewissen „blauen Sender“ anzuschauen.
    Es ist erhellend wie selten – Guérot ist erwachsen, gebildet, eloquent und kann für sich selbst sprechen.
    Sie lässt sich keineswegs „in die Falle locken“, sondern tritt dort auf, wo sie selbst es für richtig hält.
    Was sie über die „linke Kulturschickeria“ sagt, kann man in dem Interview hören – und zuhören sollte man genau. Frau Guérot hat Werte, die sie immer und überall vertritt – und was extrem selten geworden ist: Sie gibt Irrtümer zu und erlaubt sich auch, ihre Meinung zu ändern. Davon können wir alle lernen, denn auch wir – hier – leben zum Großteil in unserer eigenen Blase. Das Einzige, was mich an der Frau stört ist, dass sie nicht in Betracht zieht, dass es tatsächlich Menschen gibt – man nennt sie in der Regel maligne Narzissten, Psycho- oder Soziopathen – die nicht von vornherein gute Absichten haben (diese unterstellt Frau Guérot leider erst einmal jedem). Dennoch ist sie ein Musterbeispiel an Authentizität, etwas das selten geworden ist in dieser verrückten Welt. Wer also über sie urteilt, sollte erst einmal ihre Bücher und Arbeiten lesen (da würde man lange brauchen) und dann auch selbst in den Spiegel schauen.
    Tut mir (nicht) leid, aber so ist es.

  3. rudifluegl 11. Juni 2025 um 1:52 Uhr - Antworten

    Lieber Herr Rosner!
    Herr Rau ist mir schon bei einem Gespräch mit Renata Schmidt Kunz wider Erwarten, da ich den Herrn von früher kenne, sehr ungut aufgefallen.
    Ihre Beschreibung dieses Tribunals stimmt so wei,t aber sie haben vergessen den 88 jährigen Peter Weish zu erwähnen, der zum Thema Corona schon für mich das beste Gespräch zwische altem und jungen Wissenschafter geführt hat – Mit Clemens Arvay. Er vertrat fundamentales, im Gegensatz zu dem, nennen wie es mal hirnloses, gehässiges, feindseliges Geplapper des unsäglichen Festwochentribunals!
    Alleine nur dafür, nur für die Gelegenheit dies zu hören, ist Frau Guerot zu danken. Sie wird den Versuch selber vorgeführt zu werden, aushalten. Wie schon so vieles – zu vieles!
    Die Art wie dieser Versuch neoliberale Agendas in der Verkleidung von Kunst durchzusetzen abgehalten wurde, demaskiert sich gründlichst und sollte als Beispiel für menschliche Verwirrung/Verirrung vorgestellt werden!
    Sollten diese Leute noch Reste zur Selbstreflexion besitzen, könnte gehofft werden von Ihnen nie wieder zu hören. Leider können die neoliberalen solche Irrlichter aufs verschiedenste Weisen korrumpieren und damit für sich in der Öffentlichkeit halten!

  4. gereby 11. Juni 2025 um 0:26 Uhr - Antworten

    In mir steigen die plärenden Stimmen eines Freisler hich, der sich selbstüberhöhend und theatral selbst zum Gesetz machte, vergegenwärtige ich mir die Beschreibung dieser „Inszenierung“.

  5. Andreas N. 10. Juni 2025 um 23:38 Uhr - Antworten

    Diese Veranstaltung samt Empörungsereignis scheint mir doch von hoher Bedeutungslosigkeit zu sein. Wer Unterhaltung dermaßen witzlos kleidet bräuchte zumindest gute, wahre oder neue Argumente um den geneigten Zuschauer vom Tiefschlaf abzuhalten. Da dieser Zirkel vornehmlich bewährte Vorurteile und Fehlannahmen wälzt muss zwangsläufig die Frage nach dem Ziel gestellt werden. Für sachdienliche Hinweise bin ich offen.

  6. audiatur et altera pars 10. Juni 2025 um 21:43 Uhr - Antworten

    Fünf Jahre in Wien zu leben und nicht einmal das Wiener Einmaleins zu lernen, ist kein Zeichen großer Intelligenz. Einmal abgesehen davon, dass die „Jury“ (Servus Jan F.) eh ned wirklich wienerisch war. Robert M., der weit gescheitere hat wie vorgetragen wegen „Terminproblemen“ abgesagt. Kreiskyforums Sidekick Misik fwerkelt für die Fellners. Noch Fragen? Eine Antwort: „Kunst“. Wer bitte regt ich über sowas auf?

  7. Judith Panther 10. Juni 2025 um 20:46 Uhr - Antworten

    Guérot wurde nicht passiv in die Falle gelockt – sie ließ sich entgegen aller warnenden Stimmen in die Falle locken.

    Und dann hatte sie – anders als ein echter Angeklagter – zu jedem Zeitpunkt die Freiheit, sich aus dieser Inquisition zu verlabschieden.

    Stattdessen hat sie mitgemacht.

  8. Pfeiffer C 10. Juni 2025 um 19:50 Uhr - Antworten

    Ulrike Guérot habe „Fakten auf unrichtige Weise verwendet“, sie habe „pro-russische Propaganda betrieben“. Und Misik der Einfädler –

    Erinnerung an Misik im Dezember 2021 zu den öffentlichen Coronaprotesten auf twitter:

    „Es ist Dezember: Einmal mit Wasserwerfer bisschen einnässen und aus ist der Spuk. Es nicht zu tun ist Beihilfe.Punkt“ – So klingt also die schlamperte Heimatfilmvariante der Blaupause „Blutnoske“ aus 1919!

    Oder Misiks twitter-Meldung vom 31.7.2022:

    „Nicht „Gräben zuschütten“ ist die richtige Metapher – sondern alle „Brücken abbrechen“ zu den Antii-Impf-Terroristen“. –

    Oder Misiks twitter-Meldung vom 18.11.2021:

    „Geht doch viel einfacher, wie in Italien. Wer nicht geimpft ist, wird dienstfrei gestellt, bei Bezügen Null. Plötzlich gibt`s fast keine Impfverweigerer mehr“.

    Nur zur Erinnerung: Die bedingt zugelassene, toxische, gentechnisch basierte Spritze brachte weder akriv noch passiv die versprochene Wirkung. Sondern führte bei vielen zu leichten, mittleren, schweren oder letalen Folgen.

    Das war/ist dem operettenösterreichischen Blutnoske wurscht, so wie der Nürnberger Kodex!

    „Lass dich spritzen, Du Sau“, formulierte ein österreichischer Tropenarzt im Coronaärztechat zu einem fragestellenden Patienten. – Das war der Ton! Vergessen?

    Und zum zweiten Punkt „pro-russische Propaganda betrieben“ – ist – in dieser Reihenfolge: Perfid & schlicht.

    Weil die faktenbasierte Reihenfolge so war:
    Vereinbarungsgebrochene NATO-Osterweiterung – Maidan-Putsch mit 5 Mrd $ Befeuerung (lt „fuck the EU“ -Victoria Nuland) – Ukrainischer Terror gegenüber der Ostukraine (15.000 tote Zivilisten) – Russische Proteste/Vereinbarungsversuche im Dezember 21 und Drohung mit Konsequenzen – Feb 22 unkr. militärische Eskalation in der Ostukraine – Einmarsch Russlands – Minsk 1 & 2 / unterschriftsreife Friedensverträge- u.a. von Steinmeier/D garantiert – nach Blitzbesuch engl Premier bei Selensky gecancelt – und seither kracht es!

    Und richtig, die reichsschriftkammerartig konzentrierten Leitmedien:

    Wir sind als Gesellschaft wieder dort, wo wir vor ‘68 schon mal gewesen sind: Man tut einfach etwas, nur weil es einem befohlen wird, ohne zu hinterfragen, warum eigentlich.

    Zu Ulrike Guérot: Allen erdenklichen Respekt und Zuspruch – und bedenke:

    Kurt Tucholsky hat einmal gesagt: „Nichts erfordert mehr Mut und Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein! “ Dabei bezog er sich auf den größten Fürsprecher persönlicher Zivilcourage, den amerikanischen Philosophen Henry David Thoreau.

    • Amokimpfender Amtsarzt 10. Juni 2025 um 20:06 Uhr - Antworten

      @Pfeiffer C:
      Wenn ich bedenke, dass Robert Misik einmal einer meiner Lieblingskolumnisten war … und nun: kompletter Mindfuck und Verbiesterung. Tja, aber irgendwie hatten diese Jahre auch etwas Heilsames: Viele Illusionen und falsche Erwartungen durften wir uns gründlich abschminken. Das hat uns gleichzeitig mehr vom Wertvollsten geschenkt, was Mensch besitzt: seine Lebenszeit. Diese verschwenden wir jetzt nicht mehr Nichtigkeiten.

      • triple-delta 11. Juni 2025 um 7:50 Uhr

        An der Stelle bin ich meiner DDR-Schule immer wieder dankbarm, durch deren Wirken ich nie diesen Illusionen aufgesessen bin.

  9. Amokimpfender Amtsarzt 10. Juni 2025 um 19:28 Uhr - Antworten

    Sehenswert jedenfalls bei den Wiener Festwochen-Reden das Gesicht von Robert Misik, als ihm Ulf Poschardt einen Spiegel vorhielt und die Heuchelei des „Shitbürgertums“ entlarvte: (siehe Video ab ab Min. 7:45):
    https://x.com/i/status/1929186642067062983

    Ich fürchte dennoch, dass Misik nicht viel einsehen wird. Die Propaganda, insbesondere die selbst produzierte, ist bei vielen bereits zu tief ins Innere gesunken und hat sich dort festgesetzt. Eher schreien die Edeltrolle nun nach einem Krieg als irgendetwas einzusehen. 🐔

  10. Ernst Lage 10. Juni 2025 um 18:47 Uhr - Antworten

    Durch Zufall bin ich auf einen Teil dieses Tribunals gestossen und habe es mir angesehen und mich aufgeregt, aufgeregt nicht über diese respektlose Inszenierung sondern über Frau Guérot, dass sie sich für so eine Darbietung hergibt. Offensichtlich lebt sie z.Z. in prekärer Situation die es ihr nicht erlaubt, auf ihr Honorar zu verzichten und die Bühne zu räumen – bedauerlich.

    • Gabriele 11. Juni 2025 um 10:13 Uhr - Antworten

      Frau Guérot lebt in keiner „prekären Situation“ und „gibt sich für nichts her“, wo sie es nicht will. Hier sieht man deutlich die Vorurteile auf „unserer“ Seite. Es ist nicht alles immer schwarz und weiß, das ist es, was wir uns klar machen sollten. Allerdings hat sie in der Tat, als alles „prekär“ war und sie mit Kind und Kegel allein war, trotzdem zu ihrer Meinung gestanden und sich kündigen lassen…. hören Sie sich das aktuelle Interview beim „blauen Sender“ an. Wie viele würden sich das trauen, die jetzt groß urteilen?? Ich habe selten eine mutigere und ehrlichere Frau erlebt, die nicht ständig taktiert, wo sie hinpasst und wo nicht…

  11. Jan 10. Juni 2025 um 16:26 Uhr - Antworten

    Das Problem scheint mir weniger, dass Guerot ein paar Hass-Stunden über sich hat ergehen lassen, damit wird sie schon zurecht kommen. Und dass Freunde und Familie zu Feinden werden, damit steht Guerot in diesen Zeiten nicht alleine, so traurig es ist.

    Das wahre Dilemma aber ist der Verfall des intellektuellen Niveaus. Wo sollen denn Problemlösungen herkommen, wenn alle auf Kindergartenniveau retardieren?

    • Vortex 10. Juni 2025 um 19:26 Uhr - Antworten

      Permanente Angriffe auf das menschliche Gehirn sowie auf seine DNA inkl. seines Immunsystems (tinyurl.com/4f86e6w9) führen mitunter zu solchen Ergebnissen (tinyurl.com/yjbndttd), aber unsere Zukunft wird durch all diese Designer der (auch geistigen) Dunkelheit samt Anhang bald noch surrealer (tinyurl.com/j5rtxwaz) werden …

  12. Christine 10. Juni 2025 um 16:02 Uhr - Antworten

    Was Frederick Forsyth uns Deutschen im Juli 2000 ins Stammbuch schrieb, gilt heute auch in Österreich und vielen anderen westlichen Ländern:
    „Ich lehne die Political Correctness auch deshalb ab, weil sie sich als Glaubensbekenntnis der Toleranz vorzustellen versuchte, doch zum genauen Gegenteil pervertiert ist.
    Auf diese Weise können die PC-Fanatiker ihre Orthodoxie – das Glaubensbekenntnis intellektueller Wichte – anderen aufbürden und jeden bedrohen, der es wagt zu widersprechen.“

    https://web.archive.org/web/20141024132735/http://jungefreiheit.de/service/archiv/?jf-archiv.de/archiv00/280yy50.htm

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