Wie das Post-Assad-Syrien nicht sofort kollabiert

9. Dezember 2024von 3,9 Minuten Lesezeit

Das Syrien der Post-Assad-Ära steht am Rande eines völligen Zusammenbruchs, der das Land zur weltweit größten Brutstätte des Terrorismus machen könnte, wenn dieser Prozess nicht bald abgewendet wird.

Der epische Zusammenbruch der Syrischen Arabischen Armee (SAA) in den letzten zehn Tagen und Assads feige Flucht aus Damaskus am frühen Sonntagmorgen läuten den Beginn eines neuen Syriens ein. Die größte unmittelbare Gefahr besteht darin, dass das gesamte Land zusammenbricht, so wie Afghanistan, Irak und Libyen zuvor. Dadurch könnte ein schwarzes Loch der Instabilität entstehen, aus dem zahllose globale terroristische Bedrohungen hervorgehen könnten. Hier ist, was geschehen muss, um zu verhindern, dass das Syrien nach Assad diese dunkle Zukunft erlebt:


1. Die Armee und die Sicherheitsdienste müssen intakt bleiben

Die drei vorangegangenen Fälle von Staatszerfall waren dadurch gekennzeichnet, dass sich die Armee und die Sicherheitsdienste auflösten, kurz nachdem der vom Ausland unterstützte Regimewechsel gelungen war. Im Falle Syriens existiert die SAA noch immer als Institution, auch wenn sie sich auf dem Rückzug befindet – und wer weiß wohin, vielleicht an die alawitische Mehrheitsküste. Es ist daher zwingend notwendig, dass sie nicht auseinanderfällt und mit der nicht-terroristischen Anti-Regierungs-Opposition (NTAGO) zusammenarbeitet, um sicherzustellen, dass die Situation nicht außer Kontrolle gerät.

2. Politische Reformen müssen ohne Verzögerung eingeleitet werden

Lawrow betonte während seines Interviews auf dem Doha-Forum am Samstag wiederholt, dass die syrische Regierung und die NTAGO unverzüglich die Resolution 2254 des UN-Sicherheitsrates von Ende 2015 umsetzen müssen, die drastische politische Reformen wie eine neue Verfassung und Wahlen unter UN-Aufsicht fordert. Assads Weigerung, einen Kompromiss mit der NTAGO einzugehen, hat letztlich zu dieser Katastrophe geführt. Premierminister Jalali wird Berichten zufolge während des politischen Übergangs als geschäftsführender Ministerpräsident fungieren, was ein positives Zeichen ist.

3. Der von Russland verfasste Verfassungsentwurf muss wiederbelebt werden

Ende letzten Monats wurde festgestellt, dass einer der „Fünf Gründe, warum Syrien überrascht wurde“, darin besteht, dass Assad den von Russland ausgearbeiteten Verfassungsentwurf vom ersten Astana-Gipfel im Januar 2017 abgelehnt hat. Ohne Assad könnten die zahlreichen Zugeständnisse, die in diesem Dokument von Damaskus gefordert wurden, endlich Realität werden, und sie könnten angesichts der neuen Umstände sogar noch weiter gehen, als es die Verfasser ursprünglich vorhatten.

4. Die alawitischen und kurdischen Minderheiten müssen geschützt werden

Die alawitische Küste bleibt vorerst außerhalb der Kontrolle der von der Türkei unterstützten Hayat Tahrir al-Sham (HTS)-Terroristen, ebenso wie der von den USA unterstützte kurdisch kontrollierte Nordosten; beide Minderheiten müssen vor den Dschihadisten geschützt werden. Zu diesem Zweck könnte das genannte Dokument die Grundlage für eine weitreichende föderalisierte Autonomie nach bosnischem Vorbild bilden, die dazu führen könnte, dass die Küste in den „Einflussbereich“ Russlands fällt, ebenso wie der Nordosten, wenn Trump die US-Streitkräfte von dort abzieht. RFK Jr. hat behauptet hat, dies wäre geplant.

5. Die Übergangsregierung muss Russlands Basen aufrechterhalten

Und schließlich kann Russland der syrischen Übergangsregierung bei der Bekämpfung von Terroristen helfen, so wie es Assad seit 2015 geholfen hat, und muss ihr daher erlauben, seine Stützpunkte zu diesem Zweck beizubehalten. Ihr Rückzug würde den syrischen Staat schutzlos machen und die mehrheitlich von Alawiten bewohnte Küste der Gnade von HTS ausliefern. Da Russlands Intervention in Syrien von antiterroristischen Motiven geleitet wurde, könnte es sich sogar weigern, sich unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit zurückzuziehen, und möglicherweise einen unabhängigen Küstenstaat gründen, um seine weitere Präsenz zu legitimieren.


Das Syrien der Post-Assad-Ära steht am Rande eines totalen Zusammenbruchs, der das Land zur weltweit größten Brutstätte des Terrorismus machen könnte, wenn dieser Prozess nicht bald abgewendet wird. Der effektivste Weg, dies zu verhindern, ist die Befolgung der fünf Ratschläge aus dieser Analyse. Alles andere würde die Wahrscheinlichkeit, dass das Worst-Case-Szenario eintritt, stark erhöhen. Aber selbst in diesem Fall könnte Russland noch einen Teil des Schadens abmildern, wenn es die Bombardierung von Terroristen in Syrien fortsetzt und die Schaffung eines unabhängigen Küstenstaats unterstützt.

Bild „Aleppo, Azez“ by İHH İnsani Yardım is licensed under CC BY-NC-ND 2.0.

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Andrew Korybko ist ein in Moskau ansässiger amerikanischer politischer Analyst, der sich auf den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat. Er veröffentlicht auf Englisch auf seinem Substack-Blog. Auf Deutsch exklusiv bei TKP.


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10 Kommentare

  1. cwsuisse 10. Dezember 2024 um 9:59 Uhr - Antworten

    Man meint hier die Hand der USA zu sehen, die Russland zu einem Eingreifen und einer Überdehnung seiner militärischen Kräfte zwingen wollte. Dieser Plan ist gescheitert, denn Moskau war zu klug um sich darauf einzulassen. Die von westlichen Medien, wie dem deutschen fake-news-Blättchen „Die Welt“ gefeierte „Demokratisierung“ Syriens wird wohl ausbleiben, da sich Syrien nun in der Hand diverser Terrorgruppen befindet, die nun Jagd auf die ehemaligen Mitarbeiter des syrischen Regierungsapparats machen wird. Die Zahl der Asylanten aus Syrien in Europa wird dadurch weiter ansteigen.

  2. cwsuisse 10. Dezember 2024 um 9:51 Uhr - Antworten

    Nach mir spricht alles dafür, dass die USA die Fäden gezogen haben, um Russland zu einem militärischen Eingreifen und zur Überdehnung ihrer Kräfte zu zwingen. Dieser Plan ist gescheitert. Der von der westlichen Presse, wie beispielsweise dem deutschen fake-news-Blättchen „Die Welt“, gefeierte „Neuanfang“ in Syrien ist trügerisch, denn Syrien wird nun von diversen Terrorgruppen kontrolliert. Wer glaubt, daraus erwachse ein demokratischer Staat, leidet an Realitätsverlust. Tatsächlich werden jetzt erst einmal alle Syrer nach Europa fliehen, der Leben durch die Terroristen bedroht sind, also praktisch ein erheblicher Teil des syrischen ehemaligen Regierungsapparats.

  3. Peter-Schmidt-News 10. Dezember 2024 um 2:58 Uhr - Antworten

    Brutstätte des Terrorismus | Syrien am Rand des Zusammenbruchs | 5 Punkte zur Lösung.
    Der Autor vergisst allerdings, dass die Spaltung von vielen Akteure gewollt ist, die geopolitische und wirtschaftliche Interessen verfolgen. Allen voran USA, Israel und die Türkei.

  4. therMOnukular 10. Dezember 2024 um 2:17 Uhr - Antworten

    Ich bin noch nicht sicher, wie ich das alles interpretieren soll – auch wenn meine Nase eine klare Richtung hat.

    Fest steht, dass derzeit in den USA, UK und Israel gefeiert wird, weil man sich nach so vielen Jahren endlich um Syrien „kümmern“ konnte.
    Darum hoffe ich zunächst einmal, dass mich mein Instinkt auch diesmal nicht betrügt, der da meint: die, die jetzt feiern, müssen geistig-emotional so am Sand sein, dass sie gleichzeitig niemals schlau genug sein können, diese Situation wirklich im Griff/geplant zu haben.

    Ich erwarte einen totalen Zerfall des Staates, indem sich die derzeit agierenden Milizen und „Revolutionäre“ gegenseitig bekämpfen – wie schon gerade im Norden Syriens, wo die Erdogan-unterstützten Milizen gegen die kurdischen Milizen kämpfen, die von den USA unterstützt werden. Ist aber nicht neu in der Region, dort haben sich schon Pentagon-Milizen mit CIA-Milizen gezofft…..

    Vieles ist noch seltsam an der Sache. Warum zB lassen ausgerechnet Islamisten zu, dass sich Israel den strategisch wichtigsten Punkt des Landes inkl. wichtigster milit. Einrichtung (Radar in der höchsten Region des Landes) einverleiben kann? Wie kann die IDF 150 Einsätze über Syrien fliegen, ohne von den angeblich anti-israelischen Milizen bekämpft zu werden? usw.

    Die russischen Basen werden auch nicht angetastet.

    Syrien wurde anscheinend auf dem Basar verkauft. Wer was behalten darf, wird sich noch zeigen.

    Möge der Westen scheitern!!!

    • Andreas I. 10. Dezember 2024 um 8:31 Uhr - Antworten

      Hallo,
      wenn man es geopolitisch betrachtet, buchstäblich auf der Karte, dann hat man von Finnland bis Rumänien und Türkei alles Nato. Die mögen nicht alle so nibelungentreu sein wie die Deutschen, aber es ist Nato, also USA-Einflussbereich.
      Und der geht jetzt weiter über Syrien, d.h. von Finnland bis Irak besteht jetzt ein durchgehender Gürtel oder ein neuer eiserner Vorhang. Westlich dieses Gürtels liegen EU und Mittelmeer, östlich davon Russland und Iran und etwas weiter östlich China. Also wird die neue Seidenstraße nicht auf direktem Weg bis zur EU und zum Mittelmeer führen können.
      Was China tun könnte und bisher getan hat, ist ökonomisch Einfluss zu gewinnen.
      Darum: Punkt für USA, aber das Spiel geht weiter.

  5. Varus 10. Dezember 2024 um 2:12 Uhr - Antworten

    Die Übergangsregierung muss Russlands Basen aufrechterhalten

    Gerade sehe ich den gestrigen Podcast des Rutube-Kanals „Wojennoje Swodki“ mit Karten und Erklärungen – es kam bereits zur Offensive der türkischen Proxis gegen US-Proxis (kurdische Miliz) im Osten des Landes. Im Süden marschiert die Soldateska Zionistenstans Richtung Damaskus – es wird erwartet, dass protürkische Kräfte mit dem Widerstand anfangen. Daher wird auch erwartet, dass die Türkei samt Stellvertreter am Erhalt der russischen Stützpunkte als Verstärkung interessiert sein dürfte.

  6. helderup 9. Dezember 2024 um 17:59 Uhr - Antworten

    Die Lage ist kompliziert und unübersichtlich, aber ob der Islamist das islaminieren lassen kann?
    Die spannende Frage ist wohl ob die USA die Ölquellen übergeben und ob die US/ EU- Sanktionen gegen Syrien aufheben werden. Das glaube ich nicht.
    Syrien wird genauso in Chaos stürzen wie der Irak und Lybien.
    So sehr der Türkei die Remigration von 3 Millionen Syrern dient, so sehr geht von den Islamisten auch eine Bedrohung hervor. Für Israel löst sich die Rechnung auch nicht besser.
    Beide Staaten wollten immer ein schwaches Syrien, daran hat sich nichts geändert. Und die USA haben ihre ganz eigenen Vorstellngen.

    Für die Woken in Europa und den USA wird es vermutlich aber ein Fest, denn mehr Safespace als eine Burka kann es für Frauen nicht geben.

  7. Patient Null 9. Dezember 2024 um 13:28 Uhr - Antworten

    Assad war ein Autokrat, aber Syrien war ein halbwegs modernes Land. Im Gegensatz zu unseren „Freunden“ in Saudi Arabien, durften Frauen dort auch selbst Auto fahren. Der Fehler von Syrien war das es politisch auf der „falschen“ Seite stand.

    Bin mal gespannt. Die Wahrscheinlichkeit das ein Scharia Regime kommt oder es ein Failstate wird ist groß. Mal schauen wieviel Verantwortung dann der Westen übernimmt. Ich tippe mal auf null. Vor kurzem durfte man noch lesen, das sei die syrische Opposition die da kämpft.

  8. audiatur et altera pars 9. Dezember 2024 um 13:24 Uhr - Antworten

    Keiner weiß, was wirklich in Syrien los ist und was die neuen Machthaber alles aufführen werden. Motto: Heute Kopfabschneider und morgen Freiheitsheld. – Je nachdem, was westlich gefütterte „Experten“ meinen, was gerade opportun ist und was das gerade dienstlich angesagte Buchstabenkürzel (von IS über HTS bis zu ADHS) ist. Kurzschlüsse und Chaos regieren. Doch Kanzlerdarsteller Karl Nehammer hat Radio gehört, sieht nun überall Nägel und hat deshalb das Innenministerium „angewiesen“, die Rückführung syrischer Flüchtlinge in die Wege zu leiten. Die de facto vor dem Krieg samt gut gefütterten Kopfabschneidern dort geflohen sind. Vor dem Assad-Regime wären sie eher vor Jahrzehnten geflüchtet. Stress-und mediengetriebene Politik ohne Maß und Menschlichkeit an der Grenze zum Klamauk. Hm, an was erinnert mich das bloß?
    Ach ja: An den „Lebensgefährder“ …

  9. Sabine Schoenfelder 9. Dezember 2024 um 11:31 Uhr - Antworten

    Betrachten wir die Dinge im Überblick. Militärische Konflikte werden, ähnlich der Finanz-Pharma- und CO2-Politik, von den Industrie-BIGS über Staatshandlanger global geregelt.
    Es ist ein „Schachspiel“, das von West/Ost-Players veranstaltet wird. Wir sind die Bauern, und am Ende jeder Partie die Ärs.he oder t o t.😳😎
    Trump in Paris, Assad in Moskau…es kommt republikanische „Bewegung“ ins Spiel…😁👍

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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