Frieden in Europa oder Leyen besiegt Russland

1. November 2024von 5,3 Minuten Lesezeit

Viktor Orban diskutierte gemeinsam mit Alt-Kanzler Gerhard Schröder in Wien über Krieg, Frieden und die Zukunft Europas.

Schon im Vorfeld des Besuchs empörte sich der österreichische Mainstream tagelang: Orban kommt ins Parlament. Verantwortlich dafür war eigentlich die Schweizer Weltwoche, die schon vor einigen Wochen zur Veranstaltung geladen hatte. Chefredakteur Roger Köppel im Gespräch mit dem deutschen Alt-Kanzler Gerhard Schröder und dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban in Wien. Thema: Frieden in Europa.

Keiner gewinnt den Krieg

Viktor Orban hat in Wien viele Fans. Ziemlich frenetisch wurde er begrüßt, mit stehender Ovation und lautem Applaus. Das sollte sich den ganzen Abend über nicht ändern. Protest gab es kaum. Ein älterer Herr schwenkte vor dem Eingang der Sofiensäle, wo die Veranstaltung abgehalten wurde, die EU-Fahne. Am Handgelenk die FFP2-Maske. Es wirkte, als würde er provozieren wollen. Die Gäste belächelten ihn, manche hatten vielleicht sogar Mitleid. Orban dürfte den Gegendemonstranten nicht bemerkt haben.

Etwa 90 Minuten führte Köppel, aktuell einer der wichtigsten deutschsprachigen Journalisten, durch das Gespräch. Wie zu erwarten war, ließ er den beiden Staatsmännern viel Raum, kritische Einwände kamen kaum. Orban und Schröder waren zu Gast und durften ihre Sicht auf Frieden, Russland, die Ukraine, Krieg und Europa vortragen. Wer sich Neues erwartet hatte, sollte ebenso enttäuscht werden, wie jemand, der viel über die Frage „Wie konnte es dazu kommen“ hören wollte.

Trotzdem lieferte das kurzweilige Gespräch durchaus neue Perspektiven. Schröder erzählte, wie er (von ukrainischer Seite!) im Frühjahr 2022 kontaktiert worden war, um Russland und die Ukraine auf einen Tisch zu bekommen. Der Ausgang ist bekannt. Orban schilderte seine diplomatischen Reisen während der Ratspräsidentschaft. Da war er bei Selenski. Der meinte: „Warum sollen wir aufhören, wir sind gerade am Gewinnen?“ Dan flog er zu Putin. Der sagte: „Wir gewinnen gerade.“

In China sei er am ehesten gehört worden, und vielleicht noch in der Türkei. Die Amerikaner seien mit sich selbst beschäftigt. Aber vor allem: Die beiden großen Player Europas – Frankreich und Deutschland – wollen nix von einem Waffenstillstand oder gar einem Frieden hören. Da wurde Orban fast ein wenig laut: „Europa vermag heute Krieg zu schaffen, aber keinen Frieden“, erklärte er, denn es sei „kein Optimist“.

Es herrsche ein „diplomatischer Analphabetismus und menschlicher Barbarismus“, so der Ungar weiter. Es sei das erste Mal seit dem Krieg gegen die deutschen Faschisten, dass man jegliche Kommunikation zwischen den Kriegsparteien abgebrochen habe. Das sei ein verheerendes Signal. Deutschland signalisierte man damals, man werde es niederringen, bis Berlin gefallen und besetzt ist. „Aber wir wollen doch Moskau nicht besetzen. Oder etwa doch?“, fragte Orban dann.

Militärisch sei der Krieg verloren, außer man schickt NATO-Truppen in die Ukraine. Dann müsse man sich aber auch auf „Musterungen in Wien“ einstellen. Österreichs Neutralität kauft offenbar keiner mehr. Die EU-Kommission, Ursula von der Leyen, will nicht hören, dass der Krieg verloren ist. Sie glaubt weiterhin, dass Russland besiegt werden kann. Das sie Russland besiegt.

Leyen sei der wesentliche Treiber des Konflikts von EU-Seite – die großen EU-Staaten fügen sich. Und so setzt Orban seine Hoffnungen in Trump: Wenn die Republikaner das Weiße Haus übernehmen, werde man zügig Fakten schaffen. Die Europäer sitzen dann im Abseits, während die „großen Jungs“ einen Deal machen werden.

Auch Schröder – „Ich wage es kaum zu sagen“ – setzt Hoffnungen in Trump. Auch er erwähnt immer wieder Berlin und Paris. Dort müsse wieder ein Wille zur Diplomatie, ein Wille zum Frieden und zur Gestaltung einkehren. Der Alt-Bundeskanzler sitzt recht gelassen auf der Bühne, zeigt sich entspannt über Angriffe auf seine Person aufgrund angeblicher Putin-Nähe und spricht – so bekommt man das Gefühl– als altes (gerade begrabenes) politisches Gewissen.

Er spricht aus einer Zeit als die Politiker in Europa noch Eigensinn hatten, noch Geschichtsbewusstsein, noch die Bürde der Verantwortung gespürt haben. So weicht er auch provokanten Fragen von Köppel (Wer rettet Deutschland? Sind Europas Politiker von heute geschichtsvergessen und wohlstandverwahrlost?) souverän aus. Schröder ist zu alt, um sich noch aus der Deckung locken zu lassen. Er sitzt auf seinem Hochstand, blickt von oben auf die Dinge. Nicht mal gegen militärische Unterstützung – also Waffenlieferungen an die Ukraine – sei er, aber man hätte diese sofort mit Bemühungen für den Frieden, eben von Paris und Berlin verknüpfen müssen. Ziemlich schwache Agenten hat Putin da im Westen sitzen, denkt man sich, wenn man hört, dass selbst Schröder für eine militärische Verteidigung der Ukraine Verständnis hat.

Bei Fragen nach Russland und Putin wurde Schröder wenig konkret, er erklärte aber, dass es nicht der richtige Weg wäre, psychoanalytische Urteile über Politiker zu fällen. Es gehe um Politik und Interessen. Orban und Schröder waren sich recht einig – sie kennen sich seit bald 30 Jahren.

Am Weg in die Gegenwart sei das Verständnis für Russland und seine Politik vielerorts verloren gegangen. Dort frage man nicht wie im Westen „Wie können wir frei sein?“, sondern man frage zuerst „Wie können wir Russland erhalten?“ So wird im Laufe des Gesprächs auch klar, wie Orban einerseits für Frieden in Europa (authentisch) sprechen kann, während er Israel bedingungslos unterstützt: Er sieht hier zwei Fronten desselben Krieges gegen das „christlich-jüdische Abendland“. In der Ukraine würden sich zwei christliche Nationen abschlachten, eine Tragödie, vor allem, während man Muslime nach Europa hole.

Köppel wollte abschließend noch etwas grundsätzlicher werden. Wo ist Platz für Europa? Was kommt? Ein neuer Kalter Krieg oder eine multipolare Weltordnung? Orban erwiderte, dass man „am Boden“ und konkret bleiben sollte: Wer rettet die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft? Was tun gegen die massiv gestiegenen Energiepreise? Wo sind die starken Spitzenpolitiker, die Brüssel die Grenzen aufweisen? Wenn es so weitergehe wie jetzt, dann erledigt sich Europa gerade selbst. Das seien die wichtigen Fragen.

Schröder – eben in seiner Sprache – klingt abschließend optimistischer: Europa sei immer noch stark und Deutschland müsse nicht gerettet werden. Aber wer in Europa Frieden schaffen soll, diese Frage konnte auch diesmal nicht geklärt werden.


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8 Kommentare

  1. therMOnukular 1. November 2024 um 22:20 Uhr - Antworten

    Ich finde, da war Orban doch geradezu freundlich mit dem Narrativ des Westens, indem er beide (Sel & Put) quasi auf dieselbe „Gewinner“-Stufe stellte. Keine Ahnung, was den MSM daran wieder nicht passt….;)))

    Frieden wird erst wieder herrschen, wenn die Demokratien wirklich wieder welche sind.
    Darum sind diejenigen, die in den Krieg ziehen wollen, auch dieselben, die die Demokratie zerstören wollen. Sie ist dem Krieg im Weg.

  2. Glass Steagall Act 1. November 2024 um 19:51 Uhr - Antworten

    Wenn man Victor Orban im auf1-Interview hört, dann sieht man wie besonnen und klug er argumentiert! So wie es gut Politiker eben tun sollten! Alte Schule eben. Die aktuellen Regierungspolitiker von Deutschland und Österreich wirken dagegen alle wie ein Haufen verzogener Kinder im Kindergarten die zanken und ihren Willen haben wollen! Was für ein Unterschied, den man auch in den Ergebnissen der Politik sieht! Man muss es einfach sagen, in Europa haben zur Zeit Politiker der Schande Hochkonjunktur! Allen voran die nicht vom Volk gewünschte oder gewählte Leyen, deren Bestechlichkeit und Unverfrorenheit, gefördert durch die Globalisten, ein geschichtlich bisher nie dagewesenes Ausmaß angenommen hat! Solche Leute haben keine Zukunft, selbst wenn sie sich noch sicher wähnen!
    Mal sehen, wieviele von diesen korrupten Möchtegern-Politiker noch von den Bürgern geduldet werden, bevor sich die Bürger Europas erheben werden.

  3. Varus 1. November 2024 um 17:49 Uhr - Antworten

    Viktor Orban hat in Wien viele Fans. Ziemlich frenetisch wurde er begrüßt, mit stehender Ovation und lautem Applaus.

    Man stelle sich vor, jahrhundertelang bildeten Österreich und Ungarn einen KuK-Staat. Vielleicht sollten sie eine Konföderation (auch mit der Slowakei) anstreben – um mehr Gewicht zu erreichen für die Zeit, als die EUdSSR endlich fällt? Weitere Möglichkeiten: Slowenien, Tschechien, Polen (mit Trimare-Träumen) – Kroatien scheint mir stark nationalistisch, aber ich könnte mich irren. Serbien hat gute Beziehungen mit Ungarn.

  4. Bernhard 1. November 2024 um 16:47 Uhr - Antworten

    Jede Aktivität Richtung Frieden ist besser als dieses mutlose Verstärken von Kräften, die ihre Kraft aus der Gleichgültigkeit generieren.
    Wer jetzt noch von Sieg redet, muss ziemlich verblendet sein. Und wird am meisten an Glaubwürdigkeit verlieren.
    Es geht nur noch um die Höhe der Niederlage für alle.
    Im Vergleich dazu wäre ein Unentschieden ein sehr schönes Ergebnis gewesen.

  5. Beatrix D. 1. November 2024 um 15:02 Uhr - Antworten

    Von der Leyen Treiberin in Plandemie und mRNA Brühen, von der Leyen als Ratspräsidentin des Friedensprojekts EU – 1. Kriegstreiberin!

    Was für eine Schande für Europa diese Person doch ist!

  6. Pfeiffer C 1. November 2024 um 14:40 Uhr - Antworten

    Die EU-Kommission, Ursula von der Leyen, will nicht hören, dass der Krieg verloren ist. Sie glaubt weiterhin, dass Russland besiegt werden kann. Das sie Russland besiegt.

    The Economist berichtet, dass „Russland die ukrainische Verteidigung durchbricht“ und die Ukraine in der Folge „ums Überleben kämpft“. In den westlichen Medien ist die Öffentlichkeit auf eine Niederlage und schmerzhafte Zugeständnisse in künftigen Verhandlungen vorbereitet. Die Medien verändern die Erzählung, da die Realität nicht länger ignoriert werden kann. Russlands bevorstehender Sieg war spätestens seit Sommer 2023 offensichtlich, wurde jedoch ignoriert, um den Stellvertreterkrieg am Laufen zu halten.

    Wir sind Zeugen einer eindrucksvollen Demonstration narrativer Kontrolle: Seit mehr als zwei Jahren skandieren die politisch-medialen Eliten „Die Ukraine gewinnt“ und denunzieren jeglichen Widerspruch zu ihrer Erzählung als „Kreml-Argumente“, die darauf abzielen, die Unterstützung für den Krieg zu verringern. Was gestern noch „russische Propaganda“ war, ist heute plötzlich Konsens der kollektiven Medien.

    Eine ähnliche Kontrolle über die Narrative zeigte sich, als die Medien der Öffentlichkeit zwei Jahrzehnte lang versicherten, die Guten würden (Anm.: Woanders) gewinnen, bevor sie in aller Eile mit dramatischen Bildern von Menschen, die aus einem Flugzeug fallen, die Flucht ergriffen…

    Textgrundlage Brave New Europe – Glenn Diesen – „Media Changes Narrative as the Ukrainian Proxy War is Coming to an End“ – October 31, 2024

    • Antermoya 1. November 2024 um 19:25 Uhr - Antworten

      „Wir sind Zeugen einer eindrucksvollen Demonstration narrativer Kontrolle…“,
      ah ja?
      Wir sind Zeugen der zweiten eindrucksvollen Kontrolle innert vier Jahren.
      Die Lenkung aus der Zeit davor war nur nicht so sehr zu spüren.

  7. Sabine Schoenfelder 1. November 2024 um 13:10 Uhr - Antworten

    „Ein älterer Herr schwenkte vor dem Eingang der Sofiensäle, wo die Veranstaltung abgehalten wurde, die EU-Fahne. Am Handgelenk die FFP2-Maske.“…😂🤣..köstlich…DAS Symbol der geistigen Verwirrung….aber warum setzt er sie nicht auf ? 😳
    Schröder, der alte Taktiker…gerade nähert sich die Partei wieder an ihren Altkanzler an, da bleibt der Gerhard nur eines : staatsmännisch….😉✌️….- vage. Ein Vollprofi.
    Orban weiß ganz genau g e g e n wen er wirklich rebelliert, aber er hält sich an deren Handlanger.
    Laien-Uschi vertritt das globale Großkapital. Erst die Pharmaindustrie und jetzt die RRRüstung, wobei uns die holländische Regierung gerade gestand : Sie stecken a l l e unter einer Decke, die immer löchriger wird…..

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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