
Besuch in der Sportstadt Winterberg – eine Reportage
Die Stadt Winterberg liegt im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen in der idyllischen Mittelgebirgslandschaft Hochsauerland. Sie setzt voll auf Tourismus und Sport. Damit ist sie bis 2020 gut gefahren. Winterberg wurde dann aber von den Corona-Lockdowns hart getroffen. In die Medien kam die Stadt in diesem Jahr, weil alle großen Parkplätze gesperrt wurden, was ein Verkehrschaos verursachte. Winterberg war die Stadt, wo Polizisten Jagd auf rodelnde Kinder machten. Inzwischen hat sich Winterberg scheinbar von den Corona-Jahren erholt. Allerdings ist absehbar, dass mit der Fortsetzung des Great Reset das Geschäftsmodell der Stadt wegbricht. Winterberg lebt vom Tagestourismus mit dem PKW. Einen eigenen Wagen können sich aber immer weniger Menschen leisten. Noch reagieren die Tourismusbetriebe darauf mit weiteren Preiserhöhungen. Was ihre Angebote jedoch immer exklusiver werden lässt. Es ist klar, dass sich das irgendwann nicht mehr ausgeht.
Die Stadt Winterberg im Hochsauerland wurde 1250 – also während der mittelalterlichen Warmzeit – auf einem breiten Sattel zwischen verschiedenen Bergen auf 670 Metern Höhe angelegt. Mit dem Eintritt der Kleinen Eiszeit in der Frühen Neuzeit war Ackerbau nicht mehr Möglich und die Winterberger sicherten sich ihren Lebensunterhalt mit Hausierhandel. Sie verkauften überwiegend Sensen und Sicheln, die in anderen Teilen des Sauerlandes hergestellt wurden.
Wer in Winterberg alte Kunstschätze sucht, ist fehl am Platze. Denn die Stadt brannte in den Jahren 1556, 1759 und 1791 komplett ab. Praktisch kein Haus ist älter als 1791. Nach diesem letzten Stadtbrand wurde die Stadt völlig neu angelegt. Die Altstadt besteht aus vier breiten, von West nach Ost verlaufenden Straßen, wobei die Häuser in größeren Abständen voneinander stehen. Eine Straße, die Marktstraße, diente auch als Markt. Die völlig zerstörte Jakobskirche wurde nach 1791 im gotisierenden Stil wieder aufgebaut.
Die meisten Häuser stehen giebelständig zur Straße, auch wenn es wohl keine ausdrücklichen Bauvorschriften gab. Meistens handelt es sich um Fachwerkhäuser. Allerdings sind die oberen Geschosse mit Schiefer verkleidet und das Erdgeschoss verputzt, so dass sie das typische schwarz-weiße Aussehen der Sauerlandhäuser aufweisen. Das Stadtbild Winterbergs ist wegen dieser Besonderheiten ziemlich einmalig.
- Mayer, Peter F.(Autor)


Außerdem gibt es noch einen Marktplatz am Westende der Altstadt mit alten und neuen Häusern. Er ist das heutige Zentrum von Winterberg.
Seit dem 20. Jahrhundert, besonders aber ab der Nachkriegszeit lebt Winterberg vom Fremdenverkehr, vor allem vom Wintersport. Denn die Stadt ist bis heute relativ schneesicher. Es gibt einige Hotels und Ferienwohnungen mit weit überwiegender Wintersaison. Aber wer sich einen Skiurlaub leisten kann, fährt zu diesem Zweck meistens in die Alpen. Die Stadt wird auch im Winter vor allem von Tagesausflüglern aus dem Ruhrgebiet aufgesucht.
In Winterberg gibt es ein Skigymnasium und andere Infrastruktureinrichtungen eines Mittelzentrums. Die Stadt hat mit den zahlreichen Außenstadtteilen rund 12.000 Einwohner.
In der verkehrsberuhigten Altstadt befinden sich zahlreiche Geschäfte mit hochwertigen Waren: Mode, Sportkleidung, Koffer, Schuhe, Uhren und Schmuck, Elektro. Im Einkaufszentrum Neue Mitte gibt es auch Geschäfte mit weniger teuren Angeboten.
Erstaunlicherweise gibt es in Winterberg keine verwaisten Schaufenster, keinen Geschäftsleerstand. Das hat sicherlich damit zu tun, dass die Stadt vor allem von wohlhabenden Touristen aufgesucht wird. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass viele Hauseigentümer die Inhaber der Geschäfte sind, die das Erdgeschoss des Hauses einnehmen. Selbst wo das nicht der Fall ist, dürfte die Eigentumsstruktur in Winterberg eher kleinteilig sein. Das heißt, Geschäfte müssen also nicht auch noch die exorbitant hohen Profite von Immobilienkonzernen erwirtschaften, die meistens Blackrock gehören.
Die Altstadt Winterbergs wird offenbar eher von älteren Touristen aufgesucht. Für ihre Bedürfnisse gibt es auch ein Wellenbad und ein Wellnesshotel im Stadtteil Oversum.
Wenn aber Familien mit Kindern Winterberg außerhalb der Skisaison besuchen, dann vor allem wegen des Erlebnisbergs Kappe. Das ist ein steiler Berg etwas außerhalb mit hervorragender Sicht auf die Innenstadt.
Auf der Kappe wurde ein riesiger Sportpark angelegt mit zahlreichen Attraktionen, so den Bikepark The Mother, einen Klettwald, eine Sommerrodelbahn, eine Flyline, wo man an einem Seil hängend mit atemberaubender Geschwindigkeit den Berg hinuntergleiten kann, einen großen Abenteuerspielplatz sowie Trampolins. Für Erwachsene gibt es zusätzlich eine Minigolfanlage und die Panorama-Erlebnisbrücke. Von dort hat man einen hervorragenden Blick auf Winterberg und die es umgebenden Berge. Außerdem gibt es dort noch gut gesicherte Klettermöglichkeiten für die Allerkleinsten und eine Rutsche.

Es wurden zahlreiche Mountainbikerouten unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade angelegt, die alle steil den Berg herunterführen. An viele Stellen sind Sprünge möglich.
Für das leibliche Wohl sorgen Restaurants und eine Imbissbude. Übernachtungen sind in einer Jugendherberge und einem Campingplatz möglich.
Im Winter ist die Kappe Teil des Skigebietes Winterberg.
Es stehen große Parkplätze zur Verfügung, die aber an Wochenenden schnell voll sein können.
Nach meiner Beobachtung ist der Bikepark die Hauptattraktion. Er dürfte von rund 80% der Gäste aufgesucht werden. Die anderen Angebote mit Ausnahme der Panorama-Erlebnisbrücke werden nur mäßig genutzt.
Im Prinzip ist das eine gute Sache, sollte man meinen. Denn so wird Kindern, denen häufig zu Recht vorgeworfen wird, sich zu wenig zu bewegen, spielerisch die Freude an Sport und Spiel vermittelt. Das stimmt auch. Es gibt aber zwei Einschränkungen.
Erstens: Der Erlebnisberg Kappe wurde erst in den 00er Jahren angelegt. Ich denke, das ist kein Zufall. Denn man braucht nicht unbedingt einen Bikepark, um mit Fahrrädern in hoher Geschwindigkeit einen Berg herunterzufahren. Das haben wir als Kinder (7, 8 Jahre) in den 70er Jahren auch ohne gemacht. Start war am Waldrand, dann ging es auf steilen Feldwegen mit einigen Kurven bergab. An einer besonders steilen Stelle beim Übergang zur Straße waren kleine Sprünge möglich. Auslauf war eine gepflasterte Dorfstraße, auf der zuweilen auch Autos fuhren. Das alles ohne jede Schutzausrüstung, nur mit T-Shirt, kurzer Hose und Turnschuhen im Sommer. Natürlich musste man das Rad wieder auf den Berg schieben, wenn man noch einmal fahren wollte – im Unterschied zum Bikepark mit seinen Sesselliften.
Einmal bin ich in einer Kurve ausgerutscht und aufs Knie gefallen. Die Wunde musste genäht werden. Ich habe danach trotzdem weitergemacht. Auch dachten meine Eltern gar nicht daran, uns so etwas zu verbieten. Zum Einen wussten sie wohl gar nicht genau, was wir da machten. Sie hatten ihre eigenen Sorgen und Probleme, denn sie waren gerade mit einem Hausbau beschäftigt. Zum anderen sollten wir möglichst häufig raus gehen, ja keine Stubenhocker werden.

Aus dieser Schilderung ergibt sich, wie sehr sich heute die Zeiten geändert haben. Was wir damals gemacht haben, würden heute nicht nur Eltern rigoros verbieten, sondern auch die Gesellschaft würde es missbilligen. Vermutlich wäre auch der Besuch des Jugendamtes denkbar, wenn Eltern ihren Kindern solche „gefährlichen“ Aktivitäten erlauben würden.
Das heißt, die Kinder werden wegen überall angeblich oder tatsächlich lauernder Gefahren zuhause eingesperrt und ihnen Aktivitäten, die noch in den 70er Jahren selbstverständlich waren, nur in speziellen Einrichtungen und unter engmaschiger Aufsicht Erwachsener erlaubt; wobei sie auch noch teuer bezahlt werden müssen – im wortwörtlichen Sinne. Siehe dazu Einwand zwei.
Trotzdem muss festgestellt werden, dass unsere improvisierten Abfahrten in den 70ern nicht mal annähernd die Möglichkeit eines heutigen Bikeparks bieten konnten. Mountainbikes gab es damals noch nicht, wir hatten nur ganz normale Kinderfahrräder. Irgendwann wurde es uns zu langweilig, ständig die gleiche Strecke zufahren und wir haben etwas anderes gespielt. Das ist die Kehrseite der damaligen Haltung der Erwachsenen. Sie haben uns die Abfahrten nicht verboten, aber sie eben auch nicht besonders gefördert. Wir dachten nicht, dass es Sport sei, was wir da gemacht haben. Als Sport galten damals nur Fußball und Turnen, was man eben im lokalen Sportverein trieb.
Zweitens: Die Kosten. Ein Tagesticket im Bikepark The Mother kostet für einen Erwachsenen 43 Euro, für Jugendliche 30 und für Kinder 21,50 Euro. Ein Halbtagesticket kostet jeweils für die oben genannten Personengruppen 34, 24 und 17 Euro. Wer sich ein Rad ausleihen will, muss noch einmal 39 bis 99 Euro drauflegen. Das Ausleihen einer obligatorischen Sicherheitsausrüstung kostet extra. Kurse in der Bikeschule mit dem eigenartigen Namen Shred-Acad schlagen zusätzlich für Anfänger mit 119 Euro oder mehr pro Person zu Buche.
Ähnlich teuer sind die anderen Attraktionen: Kletterwald 24,50 Euro pro Erwachsener, Jugendlicher 20,50, Kind 9,50 Euro. Fly-Line Erwachsener 16,50 Euro. Die Panorama-Erlebnisbrücke ist mit 7 Euro pro Erwachsenem noch verhältnismäßig preiswert. Aber sie ist auch teuer, wenn man bedenkt, dass es sich lediglich um eine Panorama-Plattform handelt.

Zudem muss man erst einmal nach Winterberg gelangen. Das ist inzwischen vom Ruhrgebiet, aus dem die meisten Besucher kommen, dank der Ruhrtalautobahn A46 relativ schnell möglich. Die Fahrtzeit ab Dortmund beträgt eine gute Stunde, bei den anderen Revierstädten ist sie nur unwesentlich länger. Die Bahn ist mit Fahrtzeiten für die gleiche Strecke zwischen 3,5 und 8 Stunden für Tagesausflüge nicht nutzbar. Das heißt, man braucht für einen Tagesbesuch Winterbergs ein Auto, möglichst mit Bikeanhänger, um die eigenen Fahrräder mitnehmen zu können.
Offenbar steht für die privaten Betreiber Profitmaximierung im Vordergrund, während soziale Aspekte keine Rolle spielen. Sie haben wohl berechnet, wie viel sie maximal kassieren können, ohne dass die Besucher ausbleiben. Da es Bikeparks nicht gerade häufig gibt, ist das eine ganze Menge.
Es ist aber schon auffällig, dass die Eintrittsgelder für Kulturstätten, aber auch für Zoos, Botanische Gärten, Freizeitparks und auch Sportparks in den letzten beiden Jahrzehnten weit über der Inflationsrate gestiegen sind. Auf diese Weise werden immer größere Bevölkerungsteile von ihrer Nutzung ausgeschlossen. So stellen sich die von den Milliardären des WEF und den Grünen aus Klimaschutzgründen gewünschten 15-Minuten-Städte ganz von selbst her, zunächst noch ohne Zwang. Bekanntlich will Harari die „Überflüssigen“ vorerst noch mit Videospielen und Drogen ruhig stellen. Für viele Menschen gibt es in der Tat kaum noch andere Möglichkeiten der Freizeitgestaltung.
Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
Jan Müller, geboren 1971, ist Soziologe und lebt in einer Stadt in Hessen.
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