Palästinakongress in Wien

7. Oktober 2024von 5,9 Minuten Lesezeit

Am Wochenende hat in Wien ein Palästinakongress mit bekannten internationalen Stimmen stattgefunden. Aktuelle Entwicklungen rund um den Krieg und Palästina wurden besprochen. 

Einen Tag vor dem Kongress hat der Betreiber der ursprünglichen Location ein Verbot der Veranstaltung ausgesprochen, offenbar auf Druck des Rathauses. Da die Veranstalter damit rechneten und bereits ein Ausweichquartier reserviert hatten, liegt der Schaden wohl eher beim Bürgermeister, der damit einmal mehr sein Demokratieverständnis offengelegt hat: Die Stadt, das bin ich!

Den vorletzten Auftritt an diesem ersten Tag hatte Qassem Massri, ein Arzt palästinensischer Herkunft aus Deutschland, der für einige Wochen freiwillig mit einem Team in Gaza gearbeitet hat. Er berichtete: Die israelische Armee bombardiert gezielt Krankenhäuser. Sie waren das erste Kriegsziel. Von 16 (18?) Spitälern in Gaza existieren aktuell nur noch zwei (für über zwei Millionen Menschen). Zu den Dimensionen: Eines der zerstörten Spitäler war, als es noch existierte, für 18.000 Geburten im Jahr zuständig (im Vgl. Charité in Berlin: 5000 Geburten). Spitäler anzugreifen heißt die medizinische Versorgung zu zerstören. Unbehandelt bleiben nicht nur die durch den Krieg Verletzten, sondern auch alle, die in Friedenszeiten ein Spital oder medizinisches Personal benötigt hätten. Damit ist die Bombardierung von Spitälern Teil des Völkermordes. Da es nicht möglich war, die Leichen in den zerbombten Spitälern zu bergen, musste das Gelände der Spitäler selbst zu einem Friedhof umgewandelt werden. Die Insassen der Spitäler werden nicht nur durch gewöhnliche Bombardierung getötet. Die IDF setzt auch Drohnen ein, die mit einer Art Maschinengewehr bestückt sind und alle Räume abfliegen sowie die Menschen darin töten.

Tod durch Hunger ist eine weitere in Gaza gezielt eingesetzte Völkermordstrategie. Die Preise für ein halbes Kilo Tomaten beträgt 30$, Babynahrung kostet 100$. Er hat nur Kinder gesehen, die unterernährt waren. Er hat die Geschichte eines Säuglings erzählt, den er an der Lunge operiert hat. Diese Fehlbildung wurde bei der Geburt übersehen, da es nur noch Medizinstudenten gab, die helfen konnten. Das Kind hat die Operation gut überstanden und selbstständig atmen können. Es ist aber später an Hunger verstorben.

Zwei Botschaften des Arztes und Aktivisten: Optimismus ist eine wichtige Haltung im Widerstand. Und, ein Zitat von Martin Luther King: „At the end, we will not remember the words of our enemies, but the silence of our friends.“

Letzter Programmpunkt an diesem Tag: Eine Podiumsdiskussion zum Thema Repression und Ent-Täuschung mit, erstens, Ahmad Othman, einem deutsch-palästinensischen Aktivisten, geboren in Haifa, der von der Repression gegen die inzwischen verbotene Palästinasolidarität in Duisburg berichtete, darunter eine Hausdurchsuchung, auch bei ihm, von der die Bild-Zeitung vorab informiert war, um gleich berichten zu können. Zweitens mit Stavit Sinai, einer emigrierten israelischen Antizionistin und Anarchistin, die gemeinsam mit anderen in das Headquarter von Elbit, dem größten israelischen Waffenhersteller, in Bristol eingedrungen ist und dieses mit pro-palästinensischen und anti-zionistischen Sprüchen besprühte. Das mitgebrachte Video, ein Zusammenschnitt aus Bodykameras, Handyaufnahmen und Bildern der Überwachungskameras zeigte ihre Gruppe „Palestine Action“ während dieser Aktion. Sinai, ebenfalls aus Haifa, jedoch in einer zionistischen Familie aufgewachsen, brach aus ihrem Milieu aus, das für sie so etwas wie eine Laufbahn im Militär vorgesehen hatte.

Der Aktivist Willi Langthaler war der dritte am Podium. Er bettete den Kampf um die Befreiung Palästinas in den weiteren Kontext des Widerstandes gegen Imperialismus, Kolonialismus und Rassismus ein. Die Unterdrückung der Befreiuungsbewegung führe zu einer Ent-Täuschung: Durch die Repressionen gegen die Palästinasolidarität hätten viele Menschen weltweit erkannt, dass die Massenmedien als Regierungs- und Konzernmedien falsche Narrative in die Welt setzen (à la „wir ziehen in den Krieg um die Demokratie und die Menschenrechte zu verteidigen“). Am Ende seines Vortrages rüttelte Langthaler an einem Tabu, das gerade in diesen, politisch links verorteten Kreisen omnipräsent ist: Er ließ damit aufhorchen, dass nicht zuletzt der Corona-Ausnahmezustand auf einem falschen Angst- und Bedrohungsnarrativ aufgebaut gewesen ist, das durch Politik und Massenmedien propagiert worden sei. Widerspruch dazu blieb aus.

Der zweite Tag begann mit einer Präsentation der Gruppe Gaza Freedom Flotilla, die trotz eines 2010 mit dem gewaltsamen Tod von 10 Aktivisten gestoppten Versuches sich gerade erneut daran macht, eine möglichst international besetzte Crew zusammenzustellen, um mit Schiffen die Seeblockade des Gazastreifens durch Israel zu durchbrechen und Hilfsgüter zu liefern.

Der israelische Historiker Ilan Pappe sandte aus Exeter, wo er seit 2007 lehrt, eine Grußbotschaft, in der er betonte, dass die Situation der Palästinenser vor dem Hintergrund des europäischen Kolonialismus analysiert werden müsse und alle Teile der Gesellschaft von einer Befreiung der Palästinenser letztlich gewinnen würden. Die ehemalige Knesset-Abgeordnete Haneen Zoabi, selbst eine sogenannte arabische Israelin, kritisierte eben diesen Begriff als Teil der gezielten Auslöschung der palästinensischen Identität. Israel betreibe nicht nur eine ethnische „Säuberung“ der Palästinenser, sondern verfolge auch die Strategie einer politischen „Säuberung“, etwa indem die Palästinenser in verschiedene Einheiten aufgespalten wurden, denen jeweils ein unterschiedlicher politischer Status zukommt. Auf diese Weise versuche die israelische Politik der Ausbildung einer gemeinsamen Identität als Palästinenser entgegenzuwirken.

Amira Hass, die als Journalistin in Gaza lebte und heute von Ramallah aus arbeitet, machte deutlich, dass die Palästinenser zu überflüssigen Menschen erklärt worden seien, unwichtig und vernachlässigbar. Auf der Landkarte scheinen ihre Dörfer nicht auf und die Wasserleitungen sind technisch so geregelt, dass der Hauptstrom zu den israelischen Siedlungen fließt, die Palästinenser jedoch nur eine geringe Menge an Wasser erhalten. Menschen als überflüssig zu brandmarken, erleichtert es Gegnern, sie zu töten. Die israelische Gesellschaft habe sich seit ihrer Gründung stark verändert. Während Ben Gurion in den 1950er noch gemeint habe, die Palästinenser werden Widerstand leisten und das sei verständlich, würde diese Ansicht heute kaum noch jemand nachvollziehen können. Vielmehr hätten beispielsweise 100 israelische Ärzte einen Brief unterzeichnet, in dem sie die eigenen Streitkräfte darin befeuerten, mit der Bombardierung von Gaza weiter zu machen.

In der Geschichte gäbe es im Gegensatz zur Mathematik keine schnellen Lösungen, so Amira Hass. Sie sprach offen darüber, von einem Gefühl des Versagens geplagt zu werden, da sie meinte, ihre Stimme als Journalistin sei überwiegend auf taube Ohren gestoßen. Der von Azzem Tamimi und Naji El Khatib vertretene Standpunkt, die Zukunft liege in einem Staat aller seiner Bürger, war auf dem Kongress vorherrschend, ein Staat, den El Khatib als säkular und demokratisch imaginiert, ein Staat, der allen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft und Religion die gleichen Rechte zuerkennt.

Der Kongress fand auch internationales Medieninteresse. Hier der Bericht von Press TV:

Bild „Free Palestine @ Berlin“ by Libertinus is licensed under CC BY-SA 2.0.

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5 Kommentare

  1. cwsuisse 7. Oktober 2024 um 16:33 Uhr - Antworten

    Ich bin sehr erstaunt, dass die offensichtlichen Kriegsverbrechen Israels im Gazastreifen so wenig auf internationale Kritik stoßen und dass die Medien in Deutschland so bemüht sind die Kriegsverbrechen nicht zu erwähnen. So zensiert die Zeitung Die Welt beispielsweise Leserkommentare zu den Kriegsverbrechen Israels besonders radikal.

  2. evahorvathbentz 7. Oktober 2024 um 12:12 Uhr - Antworten

    Jeder normale Mensch weiss, dass die Hamas und die Hisbollah in zivilen Einrichtungen ihre Stellungen anbringen und von dort ihre Raketen abfeuern. Das wissen wir schon lange. Diese islamistischen Terrororganisationen bringen damit bewusst die zivile Bevölkerung in Gefahr, ja die islamistischen Terror organisationen opfern bewusst arabische Kinder, Frauen, Kranke und alle Unbewaffneten die sich in diesen Einrichtungen aufhalten. Nur die Corinna Oesch weiss es nicht.

    • Fritz Madersbacher 7. Oktober 2024 um 19:11 Uhr - Antworten

      Die israelischen Schlächter führen den schlimmsten und skrupellosesten Bombenkrieg dieses Jahrtausends und einen der verbrecherischsten der bisherigen Geschichte überhaupt gegen eine Zivilbevölkerung, vor allem Frauen und Kinder, durch. Die genozidale („amalekitische“) Absicht dahinter ist erkennbar. Als Rechtfertigung dafür dient das, was die israelische Propaganda aus dem 7. Oktober unter Aussparung des Armeeeinsatzes mit Beschuss der eigenen Bevölkerung mit schwerem Geschütz und mittels fabriziertem Greuelmaterial gemacht hat, längst entlarvt in minutiöser Kleinarbeit durch verschiedene internationale Untersuchungen, die jedem an der Wahrheit Interessierten, der Benutzung des Internets und der englischen Sprache Mächtigen schon lange zur Verfügung stehen. Die ganze Welt ist entsetzt über das Vorgehen Israels, aber die westlichen Komplizen inklusive der österreichischen politischen Verantwortlichen und Medien machen dem außer Rand und Band geratenen Kolonialstaat die Mauer, belügen uns weiterhin ebenso wie sich selbst, verblendet wie zuletzt in ihrem „Pandemie“-Wahn. Aber dieser Gewaltverbrecherstaat hat keine Zukunft mehr, er hat seinem „Existenzrecht“ die Zukunft weggebombt …

  3. Varus 7. Oktober 2024 um 11:25 Uhr - Antworten

    Die Insassen der Spitäler werden nicht nur durch gewöhnliche Bombardierung getötet. Die IDF setzt auch Drohnen ein, die mit einer Art Maschinengewehr bestückt sind und alle Räume abfliegen sowie die Menschen darin töten.

    Währenddessen bringt der vermeintlich alternative „Zionistische Einblick“ am laufenden Band Propaganda-Geschreibsel, nach dem die Muslime dafür Israel hassen sollten, dass es den Moralisch Überlegenen Westen symbolisieren soll – wenn ich derart geballte Ladung Heuchelei sehe, könnte ich das Essen der letzten Woche vorne zurückgeben. So etwas kommt aber oft im „moralischen Westen“ – schön, dass TKP anders ist.

    • Toilettentieftaucher 7. Oktober 2024 um 21:28 Uhr - Antworten

      ich bevorzuge „tel avivs einblick“. so stimmen die initialen ;)

      nicht vergessen, dass auf TE auch elensky als mutiger kriegsheld und oberster verteidiger der demokratie bejubelt wurde.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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