Eine „Milliardeninvestition“, Tausende Arbeitsplätze, die „Arbeitsplätze der nächsten Generation“: So wird Googles Hyperscale-Rechenzentrum in kronstotorf beworben. Was davon in Österreich bleibt, zeigen nicht zuletzt die Zahlen der Beteiligten selbst. Ein Faktencheck.
„Daten sind das neue Gold“, sagte Oberösterreichs scheidender Wirtschaftslandesrat Markus Achleitner beim Spatenstich in Kronstorf. Teil I dieser Serie hat gezeigt: Ein Hyperscale-Rechenzentrum wie Kronstorf ist eine andere Kategorie als ein gewöhnliches Rechenzentrum. Offen blieb, wer das Gold bekommt. Achleitner selbst hat eine Antwort angeboten: Die Ansiedlung „sichert konkret die Arbeitsplätze der nächsten Generation“. Landeshauptmann Thomas Stelzer: „Dieses Investment schafft Arbeitsplätze, stärkt unsere digitale Infrastruktur“. Das Land spricht von einer „Milliardeninvestition“ und nennt sie „die größte Einzelinvestition in der Geschichte unseres Landes“. Dieser zweite Teil der dreiteiligen Serie prüft, was davon bleibt: an Arbeitsplätzen, an Steuern – und was es die Stromkunden kostet.
Wie viele Arbeitsplätze?
Auf seiner Website schreibt das Land, bis 2029 sollen „jährlich rund 4.600 Arbeitsplätze in der weiteren Region gesichert werden“. Woher die Zahl stammt? „Google selbst spricht davon“, heißt es dort. Eine Studie nennt das Land nicht. Beim Hyperscaler Microsoft war 2020 von 29.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen die Rede – samt Kunden und Partnern. In seinen bestehenden Rechenzentren im Großraum Wien arbeiten laut Microsoft rund 40 Menschen.
Für das Hyperscale-Rechenzentrum in Kronstorf selbst spricht Google von „rund 100 dauerhaften Arbeitsplätzen“ – auf rund 50 Hektar. Das sind laut profil ein bis zwei pro Hektar, beim Stahlwerk in Linz sind es 22 bis 24. Faruk Bajramovic von PwC, der schon in Teil I zu Wort kam, rechnet mit rund 2.000 indirekten Stellen und sagt: „Der Standort Oberösterreich wird zwar gestärkt, aber der wirtschaftliche Effekt wird nicht so groß, wie Google ankündigt.“
Viel Arbeit gibt es derzeit auf der Baustelle: Rund 800 Menschen und laut Google mehr als 220 Unternehmen bauen in Kronstorf. Generalunternehmer für wesentliche Teile ist laut LINZA die ZAUNERGROUP aus Wallern – Volumen laut Achleitner im „dreistelligen Millionenbereich“. Bei seinem Besuch im Oktober 2026 sagte er: „Die Google-Investition kommt bereits in Oberösterreich an.“ Das stimmt – für die Bauzeit. Laut KPMG-Chefökonom Stefan Fink entfallen 80 Prozent der Beschäftigungs- und Einkommenseffekte solcher Projekte auf die Bauphase.
Gebaut wird mit vielen. Betrieben wird mit wenigen.
Arbeitsplätze der nächsten Generation?
Welche Arbeitsplätze der nächsten Generation gemeint sind, sagte Achleitner nicht. Der Verfasser dieses Artikels war kürzlich im Supermarkt: Schüler eines Gymnasiums stehen in ihrer Pause geduldig an drei Selbstbedienungskassen Schlange. Daneben eine besetzte Kassa – ohne einen einzigen Kunden. Sie ist schon da, die nächste Generation. Sie steht am Automaten an – und offenbar hat ihr niemand erklärt, wohin diese Entwicklung führt. Bei einem anderen Besuch hat der Verfasser es versucht und Schüler gefragt, ob sie wüssten, wohin das führt – irgendwann vielleicht zu einem Laden ganz ohne Personal. Große Augen, keine Antwort. Dafür rief die Kassiererin, laut genug für den halben Laden: „Na endlich sagt das einmal jemand!“
Gebaut wird Kronstorf laut Google auch für Angebote der künstlichen Intelligenz (KI). Und vor deren Folgen für die Arbeit warnt die Branche selbst: Anthropic-Chef Dario Amodei hält es laut Axios für möglich, dass KI binnen ein bis fünf Jahren die Hälfte der Einstiegsjobs in Büroberufen beseitigt und die Arbeitslosigkeit auf 10 bis 20 Prozent treibt. Und die Bundesregierung rechnet bereits damit: Während das Land Kronstorf als Jobmotor feiert, will sie bis 2030 rund 2.600 Stellen in der Bundesverwaltung einsparen – ausdrücklich mithilfe „technischer Innovationen“. Für jede Arbeit, die ein Rechner übernimmt, fließen keine Lohnsteuer und keine Sozialversicherungsbeiträge mehr – aus denen auch die Pensionen bezahlt werden. Solche Rechenleistung liefern Konzerne wie Google.
Bleibt die Frage, was KI mit der nächsten Generation selbst macht. Forscher am Massachusetts Institute of Technology (MIT), einer der führenden technischen Universitäten der USA, haben untersucht, was sie mit jenen macht, die mit ihr arbeiten: In ihrer noch nicht begutachteten Studie mit 54 Teilnehmern zeigten Probanden, die Aufsätze mit ChatGPT schrieben, die schwächste Vernetzung im Gehirn – und konnten aus ihrem eigenen Text kaum zitieren. Der Autor Tom-Oliver Regenauer bringt es auf den Punkt: „Das Gehirn ist vergleichbar mit einem Muskel. Wird es nicht trainiert, verkümmert es.“
Gleichzeitig ist die Fachhochschule Oberösterreich laut leadersnet ein „wesentlicher Pfeiler der Ansiedlung“. Im Rahmen der Partnerschaft ist die Entwicklung von „Lehrplänen und Zertifizierungen“ geplant, das Wissen soll künftig auch an Schulen weitergegeben werden. Ausgerechnet ein US-Konzern, der mit KI sein Geld verdient, soll also mitgestalten, was an einer öffentlichen Hochschule in Österreich über KI gelehrt wird?
Schaffen Hyperscale-Rechenzentren Arbeitsplätze – oder genau die Werkzeuge, die sie ersetzen?
Wer bekommt das Gold?
Google sitzt auch in Österreich. Doch die Google Austria GmbH ist laut einer Recherche von Kollektor eine reine Tochter des US-Konzerns. Die Werbeeinnahmen aus Österreich verbucht Google Ireland, der Gewinn daraus fällt „nahezu vollständig“ bei Google Ireland oder beim Mutterkonzern Alphabet in den USA an. Dem Staat entgingen durch dieses Modell bei Google, Meta und TikTok allein 2024 geschätzt rund 167 Millionen Euro an Steuern, davon rund 98 Millionen bei Google.
Bei Hyperscale-Rechenzentren sieht profil das gleiche Bild: „Selbst wenn mit Rechenleistung aus Österreich das neue ChatGPT entstehen würde, profitiert der Staatshaushalt nicht.“ Den Gemeinden bleibt wenig: Die Grundsteuer ist laut Karoline Mitterer vom Zentrum für Verwaltungsforschung KDZ „äußerst gering“, und die Kommunalsteuer hängt an der Lohnsumme – bei wenigen Beschäftigten ist auch das wenig.
Auch das Kühlwasser gibt es gratis: Bis zu 5,55 Millionen Kubikmeter im Jahr darf der Betreiber laut Wasserrechtsbescheid aus dem Uferbereich der Enns entnehmen – ohne jede Abgabe auf die Menge. In Deutschland fordert der Umweltminister inzwischen, „Großverbraucher wie Rechenzentren“ sollten sich „angemessen an den Kosten beteiligen“.
Der Bau bringt einmalig Geld. Die Gewinne fließen dauerhaft ab. Was bleibt, ist der Beton.
Das Gold bleibt nicht in Österreich.
Und wer zahlt?
Der Übertragungsnetzbetreiber APG plant in den nächsten zehn Jahren Investitionen von rund 9 Milliarden Euro. Wer das bezahlt, steht in der Aussendung nicht. Der Rechnungshof hält für die Stromverteilernetze fest: „Die Kosten dafür tragen die Endkunden über verordnete Netzentgelte.“ Und: „Haushaltskunden werden in Puncto Netzentgelt stärker belastet als Industriekunden.“ Das Burgenland verlangt von künftigen Rechenzentren ausdrücklich auch „geringere Netzkosten“.
Hier zeigt sich der Unterschied, um den es in dieser Serie geht: Ein regionales Rechenzentrum stärkt die Wettbewerbsfähigkeit heimischer Unternehmen. Ihre Daten liegen in der Nähe und unter österreichischem Recht, und gerade kleine Betriebe sparen deutlich, weil sie die gesamte technische Infrastruktur samt Daten- und Ausfallsicherheit in professionelle Hände auslagern. Ein Hyperscaler wie Google in Kronstorf dagegen könnte im Vollausbau mehr Strom brauchen als alle rund 50 Rechenzentren Österreichs zusammen, rechnet für den Weltmarkt – für wen genau, bleibt ein gut gehütetes Geheimnis –, unterliegt dem US-Recht und kann die Strom- und Netzkosten treiben, die dieselben Unternehmen bezahlen. Was das regionale Rechenzentrum den Betrieben erspart, kann ihnen der Hyperscaler über die Stromrechnung wieder abnehmen.
Gefragt, ob die Haushalte wegen Hyperscale-Rechenzentren wie Kronstorf mit höheren Strompreisen rechnen müssen, antwortete Michael Haselauer, Geschäftsführer der Netz Oberösterreich: „Nein.“ Zugleich empfahl er jedem Haushalt, etwa mit Einfamilienhaus, eigene Photovoltaik und Batteriespeicher.
Wenn die Haushalte nichts zu befürchten haben – warum rät der Netzchef dann zur Selbstversorgung?
Was bleibt
Jeder Betrieb, der eine größere Anschaffung plant, legt vorher fest, was er braucht, was es kosten darf und was es ihm bringt – im eigenen Interesse. Für die „größte Einzelinvestition in der Geschichte unseres Landes“ ist eine solche Rechnung nicht öffentlich bekannt – auch nicht von Wirtschaftskammer, Arbeiterkammer und Industriellenvereinigung, die das Projekt im September 2026 gemeinsam begrüßten. Gibt es sie überhaupt? Gibt es ein Pflichtenheft? Und wenn nicht: Ist das noch Standortpolitik – oder schon grobe Fahrlässigkeit?
„Daten sind das neue Gold.“ Für Österreich bleiben bisher vor allem eine Baustelle auf Zeit, rund 100 Arbeitsplätze und offene Rechnungen.
Teil III dieser Serie fragt, wofür in Kronstorf überhaupt gerechnet wird.
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Andreas S., aufmerksamer Bürger, unabhängiger Autor und Rechercheur*
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