Demokratie im Vergleich: Westen versus Vietnam und China

9. Juli 2025von 4,9 Minuten Lesezeit

Westliche Demokratien rühmen sich, Vorbilder politischer Freiheit und Repräsentation zu sein. Doch ein Blick hinter die Fassade offenbart eine zunehmend ernüchternde Realität: Die Macht konzentriert sich in den Händen einer kleinen, superreichen Elite – oft treffend als Oligarchie bezeichnet.

Politische Prozesse werden maßgeblich von Lobbygruppen, Großunternehmen und den mit ihnen verflochtenen Medien beeinflusst. Viele Bürger fühlen sich politisch entfremdet und machtlos. So lehnt etwa eine Mehrheit der Bevölkerung endlose Kriege ab und würde es vorziehen, wenn die dafür aufgewendeten Milliarden in Infrastruktur, Bildung und eine bezahlbare Gesundheitsversorgung investiert würden. Doch diese Anliegen verhallen ungehört. Trotz formaler Wahlfreiheit schwindet das Vertrauen in die Institutionen, während soziale Ungleichheit weiter wächst.

Ein anderer Weg: Governance im Dienst der Mehrheit

Im Gegensatz dazu verfolgen Länder wie Vietnam und China einen Regierungsstil, der weniger auf formale Verfahren als auf konkrete Ergebnisse für die breite Bevölkerung ausgerichtet ist. Beide Staaten – geführt von kommunistischen Parteien – setzen auf hybride Systeme, die eine kontrollierte Marktwirtschaft mit strategischer staatlicher Planung verbinden. Wettbewerb wird gefördert, Kartelle und Monopole hingegen im Sinne des Verbraucherschutzes reguliert.

Die staatliche Planung konzentriert sich auf zentrale Bereiche wie Infrastruktur, Forschung und Entwicklung, Bildung und Gesundheitsversorgung – mit positiven Rückwirkungen auch auf den Privatsektor. Unternehmen profitieren von besser qualifizierten Arbeitskräften und geringeren Gesundheitskosten, was die wirtschaftliche Effizienz zusätzlich steigert.

Das Ergebnis ist ein wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt, der in seiner Geschwindigkeit und Inklusivität international herausragt. Millionen Menschen wurden aus der Armut befreit, und die Grundlagen für nachhaltiges Wachstum wurden systematisch gestärkt – nicht durch Deregulierung und Marktgläubigkeit, sondern durch eine Governance, die sich am Gemeinwohl orientiert.

Wahrgenommene Repräsentation jenseits der Wahlurne

Obwohl diese Systeme im Westen häufig als autoritär bezeichnet werden, zeichnen Umfragen ein differenzierteres Bild. Laut dem Democracy Perception Index 2025 der westlich geprägten Alliance of Democracies empfinden über 80 % der Bürgerinnen und Bürger in China und fast ebenso viele in Vietnam ihre Regierung als repräsentativ und demokratisch – nicht wegen Mehrparteienwahlen, sondern weil die Regierung konkrete Ergebnisse liefert: Stabilität, Sicherheit, steigenden Lebensstandard und soziale Teilhabe.

Formal vs. funktional: Zwei Auffassungen von Demokratie

  • Westen: Demokratie als Wahlritual – unabhängig davon, ob sich für die Mehrheit tatsächlich etwas ändert
  • Vietnam/China: Demokratie als funktionale Verantwortung – gemessen an Lebensqualität, Entwicklung und öffentlichem Vertrauen

Im Westen kann ein System formal demokratisch sein, während es faktisch von Oligarchien kontrolliert wird. In Vietnam und China hingegen basiert Legitimität zunehmend auf der Fähigkeit, konkrete Ergebnisse zu liefern – nicht auf ideologischer Form.

Wirtschaftliche Ergebnisse, die überzeugen

Pro-Kopf-BIP (KKP, 2025):

  • China: 29.000 US-Dollar
  • Vietnam: 17.500 US-Dollar
  • Indien: nur 7.000–10.000 US-Dollar
  • Philippinen: ca. 12.900 US-Dollar

Tägliches Durchschnittseinkommen seit 1990:

  • China: 2 → 15
  • Vietnam: 3 → 14
  • Indien: 3 → nur 5

Diese Transformation ist kein Ergebnis neoliberaler „Trickle-down“-Theorien, sondern beruht auf staatlich gelenkter Entwicklung, gezielter Armutsbekämpfung und industrieller Planung.

Neutralität statt Blockpolitik: Vietnams Prinzipien

Vietnam verfolgt eine souveräne Außenpolitik, die sich an vier klaren „Neins“ orientiert:

  1. Keine Militärbündnisse
  2. Keine Parteinahme
  3. Keine ausländischen Militärbasen
  4. Keine Gewalt in internationalen Beziehungen

Das benachbarte China folgt diesem Beispiel und lehnt die Bildung neuer Blöcke nach dem Vorbild des Kalten Krieges entschieden ab. Zwar bestehen strategische Partnerschaften – beispielsweise mit Russland –, diese zielen jedoch nicht auf die Bildung fester Bündnisse oder militärischer Lager ab. Dieses Prinzip der aktiven Neutralität steht für einen friedlichen, selbstbestimmten Weg zur Entwicklung – ein Modell, das im Globalen Süden zunehmend als glaubwürdige Alternative zu den vom Westen ausgehenden geopolitischen Konfrontationen angesehen wird.

Gesundheit und Lebensqualität als Gradmesser

  • China: Lebenserwartung stieg von 30 Jahren (1949) auf 78 Jahre (2023)
  • Vietnam: von 55 Jahren (1974) auf 75 Jahre (2023)
  • Indien: nur 72 Jahre (2023)

Diese Erfolge zeigen, dass Wohlstand und Fortschritt auch ohne westliche Institutionen möglich sind – wenn politische Systeme funktional und gemeinwohlorientiert handeln.

Konfuzianische Meritokratie statt plutokratische Farce

Die politische Kultur in Vietnam und China ist tief vom Konfuzianismus geprägt:

  • Führung als moralische Verantwortung
  • Auswahl durch Leistung und Kompetenz statt durch Geld oder Medienmacht
  • Stabilität, Gemeinwohl und sozialer Ausgleich statt Polarisierung und Showpolitik

Dieses Prinzip lässt sich als konfuzianische Meritokratie beschreiben – ein Regierungsmodell, das auf technokratischer Kompetenz und öffentlicher Ethik beruht. Es steht im scharfen Kontrast zu westlichen Systemen, in denen politische Karrieren oft durch Nähe zu finanzstarken Geldgebern ermöglicht und gesteuert werden.

Eine vertiefte Analyse dazu findet sich in meinem Artikel über Chinas konfuzianische Meritokratie, der auch die Frage behandelt:
👉 „Ist China kommunistisch – oder meritokratisch?“

Der Aufstieg des Globalen Südens: ASEAN, BRICS und neue Allianzen

Im Mai 2025 fand der erste ASEAN-GCC-China-Gipfel statt – ein historisches Signal für die Herausbildung einer multipolaren Weltordnung, die nicht länger von westlich dominierten Militärblöcken geprägt ist. Vietnam spielt dabei als neutrales, souveränes Land eine zentrale Rolle – es verbindet wirtschaftliche Offenheit mit kultureller Selbstbestimmung.

Fazit: Es geht nicht um Ideologie, sondern um Resultate

Vietnam und China sind keine Utopien – aber sie zeigen, dass funktionierende Alternativen zum westlichen Politikmodell existieren. Sie stellen nicht die Ordnung der Welt infrage, sondern machen deutlich, dass es mehr als eine Ordnung geben kann.

In einer Zeit wachsender globaler Unsicherheit und zunehmender Skepsis gegenüber westlichen Institutionen senden Hanoi und Peking eine klare Botschaft:
Demokratie heißt nicht Wahlurne, sondern Verantwortung. Nicht Form, sondern Wirkung.

Illustration Felix Abt

Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Felix Abt ist ein in Asien lebender Unternehmer, Autor und Reiseblogger


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6 Kommentare

  1. Patient Null 10. Juli 2025 um 10:52 Uhr - Antworten

    Tägliches Durchschnittseinkommen seit 1990: China: 2 → 15

    Wir müssen mehr gegen China hetzten damit das keiner merkt…
    und das das hier sinkt.
    Hat man so den Eindruck.

  2. palman 10. Juli 2025 um 4:36 Uhr - Antworten

    Dank an den AUTOR – verfolge ihn schon länger !?!
    Ich denke aber, es fehlte bislang an „zu-treffenden“ Be-Schreibungen des „sun-downer“ (westl.) HEGEMONs !?!
    „Catch as Catch can“ – lautete das bisherige Motto im v. m. sog. > Trans-ATLANTIS-Pentagonien < aka > R a b a U.k i S.t A.n < („Frieden durch Stärke“ – nach dem alten Spruch – > 10.000 VOLT in den MUCKIs – aber OBEN geht das LICHT nicht an < ) !?!
    Und die „anglo-armeeri-khasarischen“ Protagonisten „ver-anU.S.A.ftern“ sich ja „gegen-seitig“ und zusätzlich noch „Ihr Gemeinwesen“ (Mit-Bürger) plus Ihre „Vasallen-Treuen“ !?!

    Also ALLES einfach strikt „un-vergleichbar“ mit der „sun-riser“-HEMI – quasi ZWEI „Welten“ !?! ;-)))

  3. Dr. Rolf Lindner 9. Juli 2025 um 23:02 Uhr - Antworten

    Wie würde der „Westen“ ohne Investitionen in Projekte von Wahnsinnigen in Regierungsverantwortung dastehen? Die Vernichtungswut dieser Typen ist auch ergebnisorientiert. Der Untergang der DDR resultierte aus der Korrekturunfähigkeit – das Weiterso, das wir derzeitig wieder erleben. Ist eine Wahl demokratisch, wenn für das gewählte Oberhaupt der Bruch alle Wahlversprechungen keine Konsequenz hat? Ein Volk, dass sich Klimaparanoia, Gengiftinjektion, kriminelle Eindringlinge in Massen, Hass auf Familie und eigene Kultur weitgehend gefallen lässt, ist verloren.

  4. triple-delta 9. Juli 2025 um 21:50 Uhr - Antworten

    Warum immer so kompliziert um den heißen Brei herumreden?
    Kauft Euch doch mal die Staatsbürgerkundebücher der DDR und lest sie durch.
    Alles, was nach der Urgesellschaft kam, waren Klassengesellschaften, inkl. Kapitalismus und Sozialismus. In diese Klassengesellschaften herrscht eine gesellschaftliche Klasse über alle anderen. Es ist also keine Demokratie dem Wortsinn nach, sondern eine Diktatur. Der Sozialismus ist die Diktatur der Arbeiterklasse. Das hat die DDR immer ehrlich verkündet, weswegen sie bis heute als böse Diktatur gegeißelt wird. Die Partei der Arbeiterklasse, mittels derer sie die Diktatur ausübt, ist die kommunistische Partei. Eine sozialdemokratische Partei ist immer eine bürgerliche Partei und vertritt die Interessen des Kapitals.
    Sozialismus bedeutet nicht, dass in der Wirtschaft keine kapitalistischen Elemente vorhanden sein können. Ganz im Gegenteil. Warum sollte ein sozialistischer Staat auf die Triebkräfte der kapitalistischen Wirtschaftsweise verzichten. Das hatte übrigens schon Lenin mit seiner NÖP verstanden. China hat das perfektioniert und damit den Westen, sprich den Kapitalismus abgehängt.

    • Fritz Madersbacher 10. Juli 2025 um 21:02 Uhr - Antworten

      @triple-delta
      9. Juli 2025 um 21:50 Uhr
      „Sozialismus bedeutet nicht, dass in der Wirtschaft keine kapitalistischen Elemente vorhanden sein können“
      Den sozialistischen Weg gehen bedeutet aber, diese kapitalistischen Elemente abzubauen und zu überwinden. Das hat auch Lenin so verstanden. Das Scheitern der Sowjetunion war das Ergebnis des Abgehens davon …

  5. Varus 9. Juli 2025 um 15:44 Uhr - Antworten

    So lehnt etwa eine Mehrheit der Bevölkerung endlose Kriege ab und würde es vorziehen, wenn die dafür aufgewendeten Milliarden in Infrastruktur, Bildung und eine bezahlbare Gesundheitsversorgung investiert würden.

    Viele Leute möchten auch nicht für Klimagedöns restlos abkassiert werden, doch TKP brachte heute einen Artikel, laut dem auch BRICS 1:1 die gleiche Agenda befolgt. Ähnlich allerlei WHO-Plandemien.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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