Zusammenarbeit im Widerstand: Die Entwicklung der APO Österreichs bis heute

11. Dezember 2024von 17,1 Minuten Lesezeit

Im TKP-Artikel „Damit aus Wien nicht Berlin wird: Es ist Zeit für Zusammenarbeit im Widerstand“ fordert Andrea Drescher uns, die Regimekritikerinnen Österreichs, dringend dazu auf, unabhängig von politischen Positionen, persönlichen Sympathien oder Antipathien, Querelen aus der Vergangenheit und persönlichen roten Linien gemeinsam zu agieren. Sie richtet diesen Appell an eine lange Liste von Organisationen, Medien und Meinungsmachern – mich selbst eingeschlossen.

In der Suche nach Grundvoraussetzungen, die für ein solches Ansinnen geschaffen werden müssten, antworte ich Andrea Drescher in einer fünfteiligen Artikelserie. Im ersten Teil vom 09.12.2024 habe ich die Frage behandelt „Braucht es lagerübergreifende Zusammenarbeit?“, im zweiten Teil vom 10.12.2024 habe ich die Frage beleuchtet „Was ist eigentlich die APO?“. Im heutigen dritten Teil lade ich die Leserinnen von TKP zu einer exklusiven Zeitreise durch die Geschichte der APO Österreichs aus meiner persönlichen (bisher unveröffentlichten) Perspektive ein und betrachte die Fragen „Welche Allianzen gab es bisher, woran zerbrachen sie aus meiner Sicht und was können wir für eventuelle Koalitionen der Zukunft daraus prinzipiell lernen?“. Die bevorstehenden Teile vier und fünf befassen sich dann mit der Umsetzung dieser grundsätzlichen Lehren in pragmatische Rahmenbedingungen und Spielregeln in der Hoffnung auf eine längerfristig stabile, gesamtgesellschaftlich wahrnehmbare und wirkungsvolle Allianz.

Anmerkung: auch dieser Beitrag verwendet das generische Femininum. Mit der weiblichen Form von Hauptwörtern sind Männer ausdrücklich mitgemeint.

Entstehung und Erfolge der ersten lagerübergreifenden Allianz der APO (2020 / 2021)

Die erste lagerübergreifende Kooperation der Außerparlamentarischen Opposition Österreichs entstand, als auf Initiative von Manuel Müllner am 25.12.2020 ein bundesweiter Zoom-Call aller namhaften Demoorganisatorinnen aus Österreich stattfand. Im Vorfeld war viel darüber debattiert worden, wer an dieser Gesprächsrunde teilnehmen sollte und wer nicht. Insbesondere die Teilnahme eines höchst umstrittenen Aktivisten aus Kärnten (und in seinem Selbstverständnis Vertreter des „rechten Lagers“) war vielen der anderen Teilnehmer nicht koscher. Ich selbst setzte mich damals dafür ein, auch ihn mit einzubeziehen und überzeugte die anderen Demoorganisatorinnen davon, ihm eine Chance zu geben.

Die Zusammenarbeit trug Früchte: bereits die erste gemeinsame Großkundgebung am 16.01.2021 übertraf alle Erwartungen und wurde ein durchschlagender Erfolg. Am 31.01.2021, am 14.02.2021 und am 06.03.2021 konnten wir die Anzahl der Teilnehmerinnen weiter steigern und es sah ganz danach aus, dass sich eine riesige Protestwelle über das Land ausbreiten und die Impfpflicht-Debatte vorzeitig hinwegspülen würde.

Zerbrechen der ersten Allianz: Machtgelüste, Geldgier, Intrigen und Gewaltanwendung Einzelner

Zum Bruch dieser erfolgreichen Allianz kam es, als eben jener Aktivist, dessen Teilnahme am Gemeinschaftsprojekt ich befürwortet hatte, die bisherige basisdemokratische Kooperation auf Augenhöhe verwarf und mit allerlei Tricks die alleinige Oberhoheit über alle weiteren Schritte anstrebte. Unter anderem registrierte er für sich verschiedene mit dem Demonstrationsgeschehen in Verbindung stehende Phantasiewörter als Markennamen, reservierte lange im Voraus strategisch wichtige Plätze in Österreich für Demonstrationen, die er gar nicht durchzuführen beabsichtigte (mit dem einzigen Zweck, anderen Veranstalterinnen das Abhalten von Versammlungen zu verunmöglichen), stellte mit seinen Kooperationspartnern ausführliche Überlegungen und Anstrengungen zur Steigerung eigener T-Shirt Verkäufe und Spendeneinnahmen auf Kosten der anderen Organisatorinnen durch deren gezielte Verdrängung an, intrigierte wo er nur konnte gegen allerlei Teammitglieder und stellte in öffentlichen Videos wüste Anschuldigungen gegen sie auf.

Schließlich verkündete er am 03.04.2021 – als ich mich gerade bei einem Umzug von „Ruf der Trommeln“ in Stuttgart und somit weit außer Landes befand – von Linz aus selbstherrlich die „Auflösung des bisherigen Orga-Teams“ und die Bildung eines „neuen Orga-Teams“ für künftige Großkundgebungen in Wien. Diesem „neuen Orga-Team“ gehörten nur wenige Menschen seines Vertrauens an, darunter waren keine der zahlreichen verdienten und bewährten Demo-Organisatorinnen aus den österreichischen Bundesländern mit Ausnahme eines einzigen Organisators aus Wien, der mit besagtem Aktivisten die Vorliebe für unverschämte Geldmacherei durch T-Shirts und die Betrachtung von Demonstrantinnen als „Euros auf Beinen“ teilte.

Gleichzeitig plante derselbe Aktivist eine Änderung des bisherigen Demonstrationsstils: er entwarf handschriftliche Pläne für den Einsatz von „taktischen Hools“ zum Durchbrechen von Polizeiketten, für taktischen Rückzug und Neugruppierung, für regelrechte Straßenschlachten zwischen Demonstrantinnen und der Wiener Polizei. Für den 10.04.2021 setzte er die „Mutter aller Demos“ an, bei der er all dies umzusetzen beabsichtigte und teilweise auch umsetzte: seine „taktischen Hools“ griffen medienwirksam, vor den Kameras von OE24, eine Polizeiabsperrung an, konnten diese aber weder durchbrechen noch einen taktischen Rückzug oder eine Neugruppierung durchführen.

Während sie also auf der Straße rein gar nichts erreicht hatten, erreichten die „taktischen Hools“ durch die von ihnen erzeugten Bilder leider etwas anderes: dass der Zustrom der Menschen zu den Wiener Kundgebungen (die man nun nicht mehr als „Großkundgebungen“ bezeichnen konnte) einbrach und nur noch ein Bruchteil der Regimekritikerinnen auf die Straßen gingen. Trotz massiver Unterstützung von reichweitenstarken Altmedien und freien Medien (namentlich OE24 und AUF1) und trotz fünfstelliger Abonnentenzahlen seiner Social-Media Kanäle gelang es besagtem Aktivisten nicht, ohne das große Netzwerk von vertrauensvoll zusammenarbeitenden Akteurinnen in der alten bundesweiten Allianz genügend Menschen von Notwendigkeit, Sinnhaftigkeit und Sicherheit einer Demonstrationsteilnahme zu überzeugen, um eine politische Rolle in Österreich zu spielen.

Lehren aus der ersten Allianz: nur faire Zusammenarbeit bringt Erfolg

Die APO Österreichs musste sehr schmerzhaft die Lektion lernen, dass nur Zusammenarbeit, nicht aber Einzelgängertum der Weg zum Erfolg ist. Was die meisten Beteiligten nicht verstanden – und bis heute nicht verstehen – ist, dass eine bundesweite Mobilisierung sowohl in Deutschland als auch in Österreich nicht möglich ist, wenn nur einige wenige prominente Akteurinnen dazu aufrufen, und zwar egal wie reichweitenstark sie auf Sozialen Medien oder in den Altmedien sind. Bundesweite Mobilisierung funktioniert nicht „von oben“, sondern „von unten“. Sie funktioniert durch das stufenweise Erzählen einer Erfolgsgeschichte, in Verbindung mit der Überzeugung von lokalen Multiplikatoren.

In anderen Worten: sie klappt nur dann, wenn die vielen über das ganze Land verstreuten örtlichen Meinungsmacherinnen und Organisatorinnen kleiner Initiativen und Vernetzungsgruppen mitziehen und von drei Dingen überzeugt werden können: Erstens, dass es notwendig ist, den Aufwand des Demonstrierens in der Bundeshauptstadt auf sich zu nehmen und dass es dafür der richtige Zeitpunkt ist. Zweitens, dass für die Sicherheit der Teilnehmerinnen so gut wie möglich gesorgt ist und ein seriöses, fähiges und zuverlässiges Organisationsteam hinter dem Aufruf steht, das alle möglichen Eventualitäten bedacht hat – insbesondere, dass die Demo-Organisatorinnen alles in ihrer Macht stehende tun, um gewalttätige Auseinandersetzungen während der Kundgebung zu vermeiden. Drittens, dass die Demonstration vor Ort klar formulierte Ziele und Inhalte hat, die sie auch einhält – und zwar ohne Gefahr, dass ein Einzelner die Versammlung durch geplante oder unvorsichtige Handlungen oder Worte für andere Zwecke instrumentalisiert als die bei der Mobilisierung angekündigten. Im Tourismus nennt man so etwas „Prospektwahrheit“: was man verspricht, muss man auch einhalten.

Entstehung und Erfolge der zweiten lagerübergreifenden Allianz der APO (Ende 2021)

Die zweite lagerübergreifende Allianz der APO in Österreich formierte sich – anders als die erste – nicht durch gezielte Absprachen, sondern unter dem Druck der Notwendigkeit. Regierung und Parlament debattierten offen über die Einführung einer COVID-Impfpflicht in Österreich, für alle Bewohnerinnen des Landes vom Baby bis zur Greisin. An dieser Stelle brauchte keine Regimekritikerin mehr von der Notwendigkeit des Demonstrierens in Wien überzeugt zu werden. Darüber bestand Einigkeit zwischen allen Akteurinnen und Meinungsmacherinnen der APO. Unabhängig voneinander mobilisierten zahlreiche Organisatorinnen und Initiativen nach Wien, und zu diesem Zeitpunkt war es den meisten Menschen vollkommen egal, wer wo was angemeldet hatte oder organisieren würde. Es ging nicht mehr um Detailfragen, es ging nur noch um die nackte Angst um das eigene Leben.

Der 20.11.2021 wurde in vielfacher Hinsicht zu einem historischen Tag: die Großkundgebung in Wien war die größte Versammlung, die Österreich in seiner Geschichte erlebt hat, sie war auch die – gemessen an der Bevölkerungszahl – weltweit größte Protestkundgebung gegen die Coronamaßnahmen in der Geschichte der „Pandemie“. Sie war das „Waterloo der Impfpflicht“, die später zwar im Parlament beschlossen, aber nie in die Tat umgesetzt werden konnte. Sie war der große, entscheidende Sieg der Maßnahmenkritikerinnen über die Maßnahmenbefürworterinnen. Und sie war auch ein Musterbeispiel dafür, wie es – wenn es hart auf hart kommt – aussieht, wenn zahlreiche unterschiedliche Gruppierungen nach dem Motto „getrennt marschieren, gemeinsam agieren“ vorgehen. Wieder einmal wurde an jenem Tag – nach 1529, 1683 und 1809 – die Freiheit Europas erfolgreich vor den Toren von Wien verteidigt.

Anders als andere, vorausgegangene Kundgebungen hatte die Hauptkundgebung, der Umzug um die Wiener Ringstraße, keinen klaren Veranstalter. Die Teilnehmerinnen waren zuvor bei unterschiedlichen Demonstrationen verschiedenster Organisatorinnen an zahlreichen verschiedenen Stellen Wiens gewesen und strömten dann ohne Anleitung oder Begleitung durch Ordnerinnen oder Aufpasserinnen aus eigenem Antrieb auf der Wiener Ringstraße zusammen. Sie brachten ihren Unmut durch selbstgestaltete Plakate, Lieder und Sprechchöre zum Ausdruck, die sich spontan und ohne Vorgaben „von oben“ aus der Menge bildeten. Die Kundgebung, in deren Verlauf die Spitze des Umzuges auf dessen Ende traf, so dass die ganze 5,2 Kilometer lange Wiener Ringstraße vollständig mit Demonstrantinnen ausgefüllt war, entzog sich durch ihre enorme Größe jeglicher Planung oder Gestaltung. Sie war in einem Ausmaß authentisch und originär wie keine andere Versammlung, von der ich jemals gehört habe, und sie zeigte die Macht und Stärke der kollektiven Individualität gegenüber dem Kollektivismus. Die Welle an Sympathiebekundungen und Unterstützungserklärungen, die von ihr ausgelöst wurde, reichte weit über den Kreis der „Ungeimpften“ hinaus und unterspülte den ohnehin wackeligen Boden der Impfpflicht-Befürworterinnen so sehr, dass ihr Kartenhaus in sich zusammenstürzte, noch bevor es seinen Schlussstein erhalten hatte.

An dieser Stelle hätte die APO Österreichs abermals die Chance gehabt, zu einer unwiderstehlichen Straßenbewegung zu werden, eine Welle zivilgesellschaftlichen Protests auszulösen und – ähnlich zahlreichen historischen Vorbildern – ein Unrechtsregime friedlich hinwegzuspülen. Und abermals ging die Gelegenheit verloren: wiederum ausgelöst durch rücksichtsloses Handeln Einzelner.

Zunächst sah es ganz danach aus, dass der 20.11.2021 eine unmittelbare Fortsetzung auf den Straßen finden würde: Manuel Müllner, Monika Donner und ich selbst riefen – lagerübergreifend – via Report24 News für den 01.12.2021 zu einem bundesweiten „Impfstreik“ auf. Wir informierten die potenziellen Teilnehmerinnen über die Rechtslage und die mit einer Teilnahme verbundenen persönlichen Risiken für Arbeitnehmerinnen und stießen die Abhaltung von „Warnstreiks“ in allen österreichischen Landeshauptstädten am 01.12.2021 an. Dieser Tag unterschied sich von den bisherigen Demonstrationen dadurch, dass es sich nicht um ein Wochenende, sondern um einen Mittwoch und somit um einen Arbeitstag handelte. Der „Warnstreik“ war ein Erfolg: die Anzahl der Teilnehmerinnen war – verbunden mit der Ankündigung einer Wiederholung am 15.12.2021 – groß genug, um ein deutlich wahrnehmbares Signal an Bevölkerung und Regime Österreichs zu senden und den Druck auf die Impfpflichtbefürworterinnen weiter zu erhöhen. Die APO befand sich auf einem vielversprechenden Weg.

Zerbrechen der zweiten Allianz: Intoleranz, Gewalt und Führerschaftsallüren Einzelner

Die nächste Großkundgebung in Wien am 04.12.2021 begann ähnlich wie die Kundgebung des 20.11.2021, wenn auch mit weniger Teilnehmerinnen. An mehreren Stellen der Stadt organisierten unterschiedliche Aktivistinnen eigene Kundgebungen – ich selbst z.B. zusammen mit Manuel Müllner und Markus Haintz vor der Australischen Botschaft –, danach zogen die Demonstrantinnen mehr oder weniger organisiert zur Innenstadt und trafen auf der Ringstraße abermals zu einem bunt gemischten Protestzug zusammen. In meinem eigenen Zug befanden sich an diesem Tag zahlreiche Menschen mit Migrationshintergrund und/oder nicht-heterosexueller Orientierung, auf deren Mobilisierung ich im Vorfeld bei meinen Lautsprecherdurchsage-Spaziergängen besonderen Wert gelegt hatte, schon alleine um dem Narrativ der „rechtsextremen Kundgebungen“, welches in Altmedien damals wie heute vorherrscht, einen Dämpfer zu geben. Viele von ihnen trugen zusätzlich zu impf- und regimekritischen Botschaften auch Nationalflaggen ihrer Herkunftsländer bzw. manche auch die Regenbogenflagge als Symbol ihrer Verbundenheit mit der LGBTQIA+ Bewegung.

Leider waren diese Menschen, die ich ausdrücklich und hundertfach angesprochen und eingeladen hatte, mit uns zu demonstrieren, nicht allen Demoteilnehmerinnen willkommen: auf dem Schubertring wurde im Umzugsgeschehen eine Demonstrantin, die mit der Regenbogenflagge und einem Schild „Antifaschist für immer“ unterwegs war, von Mitgliedern der „Rechten Jugend“ verbal und tätlich angegriffen. Flagge und Schild wurden ihr entrissen, das Schild zerrissen und die Flagge in den Schmutz eines Baustellengrabens getreten. Zeugen, die das Geschehen filmten, wurden ebenfalls attackiert bzw. wurde versucht, ihnen die Kameras oder Handys aus der Hand zu schlagen. Begründet wurde die Aktion von den Tätern (alle männlich!) mit den Worten: „Ihr seid nicht der Widerstand, wir sind der Widerstand“.

Persönliche Konsequenzen aus dem Zerbrechen der zweiten Allianz

An jenem Tag wurde mir – und vielen meiner Weggefährtinnen – klar, dass wir nicht „der Widerstand“ sein wollten, sondern die „Brückenbauer“. Dass wir fortan nicht destruktiv „gegen etwas“, sondern konstruktiv „für etwas“ eintreten würden. Und dass die Altmedien leider Recht hatten, wenn sie von rechtsextremen Gewalttätern (alle männlich!) in unseren Demonstrationszügen schrieben. Ich frage Dich, lieber Leser: als was soll man Menschen werten, die jemanden, der ein Schild „Antifaschist für immer“ trägt, um des Schildes willen angreifen? Wohl zwangsläufig als „Faschisten“, nicht wahr? Und als was soll man Menschen werten, die für Frieden und Freiheit nicht mit lesbischen Frauen oder schwulen Männern auf die Straße gehen wollen? Jedenfalls nicht als Anhängerinnen eines freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats, denke ich.

Besonders schlimm machte die Sache der Umstand, dass es sich bei den Tätern nicht um zufällige Demonstrationsteilnehmerinnen handelte, sondern um junge Männer, die unmittelbar zum Orga-Team eines namhaften Wiener Demonstrationsveranstalters gehörten und in seinem Auftrag oder zumindest mit seiner Duldung regelmäßig die Spitze seiner Ringstraßenumzüge anführten, wodurch sie quasi zur „Visitenkarte der Demo“ für Außenstehende wurden.

Dass darüber hinaus in den folgenden Tagen gewisse wohlbekannte Akteurinnen der politischen „Neuen Rechten“ den für den 15.12.2021 angekündigten zweiten Warnstreik von einer lagerübergreifenden Aktion zu einer eigenen Show umwandelten, indem sie begannen, Online-Anmeldungen zum Streiktag zu verlangen und persönliche Daten von den Teilnehmerinnen zu sammeln, während sie gleichzeitig die ausschließliche Verwaltung der offiziellen Kommunikationskanäle für den Impfstreik an sich rissen trug nicht gerade zu meiner Beruhigung und der meiner Mitstreiterinnen bei. Wieder hatten wir uns auf eine Kooperation mit dem „rechten Lager“ eingelassen, wieder war sie erfolgreich gewesen – und wieder endete sie trotz vielversprechendem Anfangs viel zu früh, weil einzelne Akteurinnen mit Gewalt und unlauteren Mitteln eine „Führerschaft“ durchzusetzen versuchten.

Innerhalb der Namen- und Labellosen Teams herrschte damals große Uneinigkeit darüber, wie wir mit der Lage umgehen sollten. Ich plädierte für ein sofortiges Ausscheiden unseres Netzwerkes aus der zweiten lagerübergreifenden Allianz, da beide meiner roten Linien überschritten worden waren: sowohl war gezielt Gewalt eingesetzt (und nicht aufgearbeitet!) worden als auch waren Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung angegriffen und diskriminiert worden. Ich war nicht bereit, unter dem Motto „der Zweck heiligt die Mittel“ gegen mein Gewissen und meine Überzeugungen zu handeln und weiterzumachen, als ob nichts geschehen wäre.

Viele meiner Kooperationspartnerinnen innerhalb der Namen- und Labellosen Teams waren anderer Meinung als ich. Sie übten Druck auf mich aus, die Allianz aufrechtzuerhalten, bis die drohende Impfpflicht offiziell gefallen sei. Einige von ihnen stellten bei mehreren aufeinanderfolgenden, voneinander unabhängigen Zoom-Konferenzen unterschiedlicher Organisationseinheiten unseres Netzwerkes die Vertrauensfrage und wünschten sich jemand anderen als mich als künftige Koordinatorin der Teams.

Da ich erst kurz zuvor (am 19.11.2021) durch den Tod von Karl Hilz – dem ich nahestand wie ein Sohn einem Vater – einen herben Schicksalsschlag erlitten und keine innere Kraft für eine lange Kontroverse hatte, kam ich diesen Wünschen und Forderungen zuvor, schied als Chefredakteur des Teamkanals freiwillig aus und trat als Koordinator der Namen- und Labellosen Teams zurück. Die Chefredaktion des Teamkanals übertrug ich an Stefan Brackmann, die Teamkoordination an Markus Haintz. Seither trete ich nicht mehr als „Initiativenleiter“ oder „Koordinator“ von irgendetwas in Erscheinung, sondern nur noch als Berichterstatter und gelegentlicher Kommentator des politischen Geschehens – neben den sozialen Medien meistens über die Plattformen haintz.media , tkp.at oder stattzeitung.org.

Dass die „Neue Rechte“ und ihre Sympathisantinnen auf meine Verurteilung der Gewalttaten des 04.12.2021 mit zahlreichen Hasspostings gegen mich, Aufrufen zu meiner Ächtung, Isolierung und Zensurierung und einer wahren Flut von – meist anonymen – Beleidigungen, Unterstellungen, Ultimaten und Drohungen reagierte, während sie gleichzeitig vor und hinter den Kulissen einen der Mittäter des 04.12.2021 zum Helden des Tages hochstilisierten, nahm ich zwar noch wahr, aber es war nicht die Ursache für meinen Rückzug, denn die Vorab-Entscheidung meines „Ausstieges“ war bereits vor dem Lostreten dieses Shitstorms gefallen.

Ich habe seither nur noch eine einzige Demonstration in Österreich organisiert und veranstaltet: das ergreifende, überraschend gut besuchte „Lichtermeer für den Frieden“ am 26.12.2021 in Wien, zusammen mit Thomas Schaurecker und Manuel Müllner, bei dem wir den Schwerpunkt der Versammlung auf das Andenken an alle Opfer sowohl von Corona als auch der Coronamaßnahmen sowie auf die Versöhnung zwischen Geimpften und Ungeimpften legten, großartige Bilder erzeugten und sehr viele Passantinnen von Straßenrand und Weihnachtsmarkt motivierten, mit uns zu gehen.

Obwohl ich der offizielle Anmelder und Versammlungsleiter des „Lichtermeers für den Frieden“ und für dessen Programmgestaltung hauptverantwortlich war, blieb ich dabei nach außen hin im Hintergrund und gab mich nicht als Veranstalter zu erkennen. Seither habe ich in Österreich nur noch Versammlungen anderer Organisatorinnen beraten, unterstützt, filmisch dokumentiert oder besucht. Außerhalb Österreichs organisierte ich danach noch (zusammen mit Tom Meert und Markus Haintz) die gigantische Europeans United III – Kundgebung mit 500.000 Teilnehmerinnen am 23.01.2022 in Brüssel und (zusammen mit den deutschen Ortsgruppen der Namen- und Labellosen Teams) den „Million March“ in Frankfurt am Main am 25.06.2022 mit 30.000 – 50.000 Teilnehmerinnen.

Folgen des Zerbrechens der zweiten Allianz für die APO

Was geschah nach meinem Ausscheiden aus den Teams und dem Ende meiner Tätigkeit als Demo-Organisator? Die Struktur der Namen- und Labellosen Teams zerbröselte beinahe in Lichtgeschwindigkeit. Der Teamkanal auf Telegram verlor innerhalb der ersten 24 Stunden über 3.000 Abonnentinnen und sackte insgesamt von damals fast 25.000 Abonnentinnen auf heute knapp über 7.000 ab. Die wichtigsten Arbeitsgruppen und Vernetzungsgruppen (z.B. Tonschnitt-Team, Medienteam, Strategieteam, Übersetzungsteam und Lautsprecherwagen-Team) stellten ihre Tätigkeit ein. Die regionalen und lokalen Ortsgruppen arbeiteten selbstverständlich weiterhin wie gewohnt, organisierten ihre Kundgebungen und betrieben ihre Aufklärungsarbeit, aber die internationale, länder- und lagerübergreifende Struktur der Teams mit ihrer weltweit einzigartigen, föderativen, basisdemokratischen und ergebnisorientierten Ausgestaltung hörte praktisch auf zu existieren.

Zusätzlich brach auch, ganz unabhängig von aber zeitgleich zu den oben erwähnten und bisher nicht öffentlich bekannten Ereignissen innerhalb der Namen- und Labellosen Teams, die vielversprechende Mobilisierungswelle auf der Straße wieder in sich zusammen. Trotz großer Anstrengungen der reichweitenstärksten Akteurinnen der österreichischen APO kamen immer weniger Menschen zu den Versammlungen. Am Tag der Abstimmung über die Impfpflicht im österreichischen Nationalrat, dem 20.01.2022 – wo man eigentlich aller Logik nach eine hohe Teilnehmerzahl hätte erwarten müssen – demonstrierten nur ein paar hundert Menschen in versprengten Gruppen in Wien. Keine Wiener Demo seither hat auch nur annähernd die Größenordnungen der Demonstrationen des Jahres 2021 erreicht.

Lehren aus dem Zerbrechen der zweiten Allianz: für erfolgreiche Mobilisierung braucht es keine „Führerinnen“, sondern ein Netz dezentraler Vertrauensverhältnisse

Die größten Kundgebungen, die danach in Wien noch zustande kamen, waren die Demos von Maria Hubmer-Mogg, bei denen sie wohlgemerkt sowohl im Vorfeld als auch bei der Durchführung die öffentlich bekundete Unterstützung von „Europeans United“ und der verbliebenen Reste der österreichischen Namen- und Labellosen Teams hatte, was wiederum anschaulich meine oben formulierte und immer wieder durch die Praxis bestätigte These über das Funktionieren bundesweiter Mobilisierung stützt: große Demos erreicht man nicht durch „bekannte Gesichter“ oder „tolles Programm“, sondern immer und ausschließlich über die Mund-zu-Mund Bewerbung durch die zahlreichen dezentralen und überall im Land verstreuten Initiativen, Freundeskreise, Gesprächsrunden und Organisationen. Dafür aber bedarf es nicht geschickten Marketings, großer Reichweite und guter Öffentlichkeitsarbeit samt Massenpsychologie und Manipulation durch endlose Wiederholungen (solche Methoden stehen eher dem Regime zu Gesicht als der APO), sondern es braucht dafür vor allem gegenseitiges Vertrauen, partnerschaftliches Arbeiten und einen guten Ruf der Entscheidungsträgerinnen und Galionsfiguren.

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5 Kommentare

  1. Der Zivilist 12. Dezember 2024 um 15:07 Uhr - Antworten

    Berlin ?

    Man darf die Hoffnung nie aufgeben und demonstrieren ist nicht alles

    https://zivilist.substack.com/p/lob-der-faulheit

  2. ibido 12. Dezember 2024 um 10:06 Uhr - Antworten

    Danke für die Vermittlung von diesem Hintergrundwissen. Ich empfinde es wichtig die damaligen Ereignisse zu dokumentieren und zu reflektieren.

    Zitat: „Lehren aus dem Zerbrechen der zweiten Allianz: für erfolgreiche Mobilisierung braucht es keine „Führerinnen“, sondern ein Netz dezentraler Vertrauensverhältnisse“

    Generell ist die Zeit von „Führern“ und Parteien im Auslaufen.
    Die Zeit von (zeitweiligen) Kooperationen und Zusammenarbeit auf Augenhöhe im Kommen!
    Das Bild vom organischen Zusammenströmen (ohne Anleitung) am Ring ein schönes! Mythologisch symbolisiert im Bild vom Leib Christie in der Bibel. Weder Hand, noch Fuß noch Kopf sind wichtiger, sondern gleichberechtigt wird gemeinsam Tuend das Ziel erreicht.

    Die gewalttätigen „Ordner“ haben sich selbst aus dem organisch ineinandergreifenden Organismus rausgenommen – und die Früchte ihres Tuns sehen müssen.
    Von daher sehe ich das vordergründige Scheitern der APO nicht so tragisch. Die Zukunft im neuen Zeitgeist, der im Geschilderten schon spürbar wurde, sind neue Kooperationen und Zusammenschlüsse.

  3. Jan 11. Dezember 2024 um 19:33 Uhr - Antworten

    Bei der großen Demo gegen die Impfpflicht, lautete die Parole: Jeder soll selbst entscheiden! Damit konnten sich alle identifizieren.

    Ich vermute, dass bezahlte Provokateure hinter vielen Unannehmlichkeiten stecken, das wird man wohl nie vermeiden können.

    Aus meiner Sicht ist es am vertrauenswürdigsten, wenn mehrere Personen mit hohem Bekanntheitsgrad gemeinsam zu einer Demo aufrufen – also zB Abgeordnete, Funktionsträger und Künster, auch bekannte Pensionisten.

    • therMOnukular 12. Dezember 2024 um 3:00 Uhr - Antworten

      „Bei der großen Demo gegen die Impfpflicht, lautete die Parole: Jeder soll selbst entscheiden! Damit konnten sich alle identifizieren.“

      Alle bis auf jene, die beim Thema Abtreibung bis zur Geburt „my body my choice“ brüllen. Aber die waren bei den Demos eh nicht dabei – die haben sich lieber daheim infiziert als draußen das Immunsystem zu stärken.

      Ich bin nicht der Meinung, dass der Mensch unbedingt demonstrieren muss. Wenn es zu nix führt…. Ich vertraue da lieber darauf, dass sich der gelernte Österreicher auf dieselbe Art verweigert, wie er Demos meidet: er bleibt daheim. Wenn zu den Waffen gerufen wird und der Österreicher bleibt dabei, dann ist ja alles in bester Ordnung….

      Mal sehen, ob die Rumänen auch so drauf sind, oder ob sie lieber „zivilen Radau“ machen wollen, nachdem man ihnen nun auch noch den „passenden“ Präsidenten vorsetzen will. Aber irgendetwas sagt mir, dass der gemeinsame Kandidat der Einheitsparteien (seltsam, genau wie bei VdB…;)) bei den Rumänen nicht beliebt sein wird. Die ticken anders und haben Demagogie und Diktatur noch in lebhafter Erinnerung. Und meiner Erinnerung nach wurde Ceaucescu damals mitsamt Gattin hingerichtet – das haben längst nicht alle Gesellschaften des zerfallenden Ostblocks so brutal und absolut gehandhabt.

  4. Leontinger 11. Dezember 2024 um 13:52 Uhr - Antworten

    Wer ist ER?

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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