Trump und das Reaktionäre in der Dissidenz

10. Dezember 2024von 17,5 Minuten Lesezeit

Trump, ohne großes eigenes Zutun, stellt die Beschaffenheit der Welt heraus – auch der Dissidenz.

Trump stellt die reaktionären Einlagerungen in der Dissidenz zweifach heraus: Zum einen in jener Hinsicht, in der er selbst reaktionär ist, nämlich als fragloser Vertreter des (Deal-)Kapitalismus qua Naturgegebenheit (da finden sich die Kralls und die sogenannt Neoliberalen wieder), und zum andern durch jene Komponenten, die ihn vom Reaktionären sowohl des System wie der Dissidenz zugleich abheben. Kurz gesagt: Er ist kein Moralist, kein Gutmensch und streicht im Kontrast auch das Moralisieren der Dissidenz inklusive Jagd nach Abartigen, nach Nietzsche und Foucault (qua angeblichem Anfang des Übels) heraus. Hauke Fritz mit seinem Buch über den europäischen Niedergang gehört in die elaboriertere Ecke dieser Werte-Widerstandskiste. Aus der moralinabgewandten Seite Trumps – man soll ja immer auch positiv schreiben: ein Credo in der Dissidenz – könnte sich sogar etwas für die Zukunft ergeben, falls die WEF-Kids die Welt, euphorisiert von der geradezu mysteriös-schnellen Auflösung der Assad-Regierung, nicht noch in diesen Tagen und vielleicht gar, bevor man diesen Text zu Ende gebracht, verpulvern.

Hinweis an die Leser: Das ist ein Gedankentext, keine Information. Soll niemand die knappe Zeit, die bleibt, vergeuden. Der Beitrag versteht sich als Teil der (bislang fruchtlosen) Bemühungen, mit der fundamentalen Kritik an System und Zivilisation nicht auch die emanzipativen Ansätze über Bord zu werfen, auf dass der einstige Coronawiderstand gänzlich in Heile-Welt-Menschheitsfamilienbildern biedermeierlicher Prägung aufgeht.

I.

Kaum ist Trump gewählt, beginnt das große Deuten, Verheißen und Beschwören, als ob der Himmel – von Raketen durchschossen – sich mit Trump noch einmal geöffnet hätte und es gälte, den Strahl der Verheißung nicht zu verpassen. Indes, wenn für die Dynamik womöglich auch nicht irrelevant ist, ob Modell Trump oder ein solches aus der Philanthropenkiste vors Orchester gestellt ist, so bleibt es mit einiger Wahrscheinlichkeit ein letzer Satz der Westsymphonie. Eine zivilisatorische Superleistung, diese Symphonie, zumindest die ersten Sätze, so habe ich es in diesen Tagen in einem Buch über den Niedergang des Westens, verfasst von einem Systemkritiker, gelesen. In Afrika, Lateinamerika und anderswo sieht man diese europäische Superleistung, an deren Ende eben nicht nur Trump, sondern auch die Bärböcke und Habecke nicht ganz zufällig stehen, bisschen anders.

II.

Zunächst wird also festgestellt, Trump habe keinen konkreten Plan in Bezug auf den Ukrainekonflikt und den Frieden, dann wird dieser Plan, der nicht existiert, analysiert und stimmig gemacht. Nebeneffekt: Die System- und Dissidenzmedien und mit ihnen die Leser dahinter finden immerhin in diesem einen Punkt zusammen: Beim Deuten bis die Deutung stimmt. Wer etwas erkennt aber, sieht wohl die Augen seiner eigenen Hirngespinste entgegenstarren. Sei‘s aus dem Dunkeln, sei’s aus gleißendem Licht. Dies allgemein gesagt.

III.

Trump ist ein Produkt des Systems. Wie Bitcoin. Wie die Dissidenz. Er ist allerdings dahingehend ein spezielles Produkt, als er – weniger aufgrund von Reflexion und Analyse und also kantischen Tugenden, vielmehr basierend auf einem comichaften Sosein, das als Manifestation des Systems schlechthin zu lesen ist – das System, von dem er Teil ist und bleibt, zelebrierend teilzerlegt. Auch die Habecke und Bärböcke zerlegen das System, aber Trump – das hebt ihn an und ab – zerlegt intentional. Er weiß, dass es Schläge braucht. Die anderen dagegen sehen ihre Monstrositäten als Menschlichkeit und Rettung. Das erhebt Trump, was Aufrichtigkeit und Authentizität betrifft, nicht zuletzt auch ethisch über die Bärböcke und Habecke. Als fast schon analog anmutender Holzfäller kommt er in einer digitalisiert-verlogenen Landschaft daher, während die globalen Systemmarionetten, in ihrem Werk – das weisen Zahlen aus: wie viele Kriege angezettelt, wie viele Sanktionen verhängt, wie viele Tote und Verkrüppelte verursacht – monströser als alle Diktatoren zusammen, ihren Vernichtungszug in einem fort kindisch glätten. Die infantile Glättung des Monströsen, zu dem die Marionetten aufrufen, das selber ausführen und zuletzt auch sind, die netten und/oder coolen Gesten bei der hegemonial-neokolonialistischen Gutsein-Usurpation und beim karzinogenen Durchwuchern von Welt und Geschichte („Die regelbasierte Ordnung ist das Faustrecht des Westens“, sagt Patrik Baab): Das ist es, was die Comicfigur Trump nicht mitträgt. Das Wuchern – als Deal, als Business – sehr wohl, die Anständigkeit, die Moral dabei: nein. Immerhin ein Verdienst, das zwar nicht in den messianischen Höhen liegt, in die Carlo Maria Viganò, angetrieben vom Wahn der Satansaustreibung und eigenebelt von Weihrauch, den Trump-Sieg einsortiert ein Verdienst jedoch, das es durchaus zu würdigen gilt, auch wenn damit bestimmt nicht eingeholt ist, was Kant vor langer Zeit an Vernunft aus dem Menschen herausgelockt haben wollte.

IV.

Trump ist ein Produkt des Systems. Die Überhöhungen der Comicfigur, wie sie derzeit kursieren – zu lesen als Gebet am Abgrund –, sind grotesk. So wie es beispielweise auch grotesk ist, im Machtgebilde BRICS eine Macht-Dekonstruktionsmethode zu erkennen. Indes, es gibt durchaus Leute in der Dissidenz, welche BRICS aus exakt dieser Annahme qua Ideal heraus kritisieren und zum Schluss kommen: Alle unter einer Decke. Doch exakt diese Decken-Erkenntnis hat mit Kant und Aufklärung wenig zu tun und wird wohl erst stimmig, wenn man realisiert, dass man just mit unter der Decke steckt, unter die man alle anderen geschoben hat. Ansonsten aber stecken weder BRICS und die NATO noch Trump und die Habecke unter der gleichen Decke. Es macht für Menschen real eine Differenz, ob es BRICS gibt oder nicht. Und es macht eine Differenz, ob Trump mit seiner Truppe auf der Bühne steht oder die Young Global-Kids des WEF. Nicht alles ist anders, aber einiges.

V.

Dieser Unterschied ist also wesentlich und es gilt, ihm nicht falsch aufzusitzen. Trump und seine Truppe ist eine Machtkonstellation, nicht ein metaphysisch umgepolter Werteverbund. Ein atomares Aufschäumen ist auch mit Trump möglich. Und dennoch: Trump ist eine strukturelle Wirklichkeit, die nicht identisch mit der strukturellen Wirklichkeit jener Konstellation ist, aus der heraus die Habecke und Bärböcke sich als Führerfiguren berufen sehen. Diese Differenz hat die globale Optimierung und ihre smarte Ideologie samt technokratischem Menschenbild in den Pandemievorbereitungsorgien von Dark Winter bis Event 201 – welche Wunder – überlebt und so vollzieht die Westzivilisation mit einem Trump eben andere Schlussfiguren als ohne ihn.

VI.

Aus einer hegelianischen oder irgendwie anderen deterministischen Sicht auf Geschichte heraus ist Trump eine zwingende Figur und wäre er nicht, der Weltgeist müsste ihn unverzüglich hinstellen. Indes, es steht kein anderes System hinter Trump als jenes, das er entrümpelt. Es ist keinerlei Intention in, mit oder um Trump herum gegeben, den Kapitalismus abzuschaffen. Die Kerle aus Florida und dem Tesla-Raketen-Imperium wollen lediglich die Bude wieder flott machen. Nichts weiter. Und es ist sehr wohl auch eine Differenz, ob man Macht zersetzen möchte aus Bergpredigtgründen oder ob man bestimmte Kriege nicht möchte, weil sie den Deal stören.

VII.

Gleichwohl gilt es Epiphänomene, aus der Absicht, die Bude wieder flott zu machen, geboren und den Totalitarismus, wie er bei Corona durchgeschlagen, ausbremsend, in ihrem emanzipativen Potential zu erkennen. Weil Trump ist, wie er ist, und weil er ein Produkt einer Zivilisation am Abgrund ist, treibt er nämlich nicht nur die Dekonstruktion der Zivilisation, sondern auch die Dekonstruktion ihrer Repression und ihres Totalitarismus (eingepackt als „Wir sind gegen den Hass“-Lieder für hippocampal Geschrumpfte) voran. Das ist – im Vergleich – tatsächlich schon mal vernünftiger. Mehr noch: Dass hiermit das letzte Kapitel dieser Zivilisation für einige (nicht alle – bestimmt nicht für die Palästinenser, aber kann es für die noch schlimmer kommen?) angenehmer auszuhalten ist, ist das Eine. Dass daraus vielleicht sogar etwas Unerwartetes herausspringt, aus dem sich eine Art Zukunft für mehr als bloß einige ergäbe, ist dann definitiv die größere Hoffnung, die man gar mit Namen zu untermauern können glaubt: Tulsi Gabbard, Robert F. Kennedy (die NZZ und andere Organe des systemischen Irrsinns in Schnappatmung).

VIII.

Donald Trump, die Comicfigur, ist kein kurzer Aufreger, der bei genauerem Beschau zerfällt. Er ist eine Manifestation einer Deal-Welt und in dieser Hinsicht echt und keineswegs ein Hinterbänkler, der, einmal nach vorne gespült, versucht, Wirtschaftsprofessor und Freiheitskämpfer zugleich zu mimen. Trumps Plattitüden sind nicht platt, sie sind echt. Echt, weil sie in einer platten Machtwelt nichts anderes sein können und wollen als platt und simpel. Das analoge Sein des Menschen, der ungehobelte Urkern schlägt sich in ihm den Weg noch einmal frei in einer Welt, die den Bezug zum Kern verloren hat. Vor lauter Fortschritt, vor lauter Technologie, vor lauter Korrektion. Das indes weiß ein Trump nicht und darüber denkt er auch nicht nach. Er weiß nur einfach, den Blick nach Washington gerichtet: Die spinnen die Römer.

XIX.

Trump ist das Echte aus einer Art Vorzeit im vollständig und absolut unecht Gewordenen, ein Echtes, das echt sein kann, weil es keine Metaebenen aufschlägt und keine Perspektiven anlegt. Mit ihm ist die Zivilisation da angekommen, wo sie, Digitalismus sei Dank, hinkommen musste: beim Kind. Jedoch in der besseren Fassung: beim Kind, das nicht auf smarte Weise infantil ist wie die Bärböcke und Habecke, sondern beim Kind, das unanständige Sachen sagt. Mit Verwandtschaft zum Clown, zumindest funktional gesehen. Und Clowns sind bekanntlich Figuren der Dekonstruktion. Nicht das schafsmäßig Sedierte schlägt sich mit ihm den Weg frei (diese Bewegung gehört den Deutschen), sondern ein aller Technologie trotzender Urimpuls, der mindestens in Teilen autark geblieben ist und dies sowohl gegenüber der Moral der Globalkapitalisten wie auch – und das ist vielleicht das Magische an ihm – gegenüber dem Kapital, das ihn antreibt. Er selbst mag das „amerikanisch“ nennen, vielleicht ist es einfach anthropologisch. Mir scheinen jedenfalls Züge daraus auch bei Dostojewski-Figuren durchzuschimmern. Die letzte Seele in einer smarten seelenlosen Apparatur, die letzte Seele, die ihre Seelenhaftigkeit einzig aufgrund eines haptischen, impulshaften Bezugs zur Welt als Deal bewahrt: Das kann wohl nur eine Comicfigur sein.

XX.

Für Trump steht das Kapital so wenig zur Disposition wie für den Gläubigen Gott. Er will das Kapital vermeintlich wieder einer Freiheit zuführen, die es selbst ist und von der es in Wirklichkeit niemals getrennt war. Philosophisch ein unsinniges, weil redundantes Unternehmen. Als Ritual aber stimmig. Gates aber war niemals ein Antikapitalist, sondern der bessere Kapitalist. Corona hat das Kapital nicht eingeschränkt, sondern bestätigt: Wer es hatte und wer die besseren Ideen zur dessen Vermehrung besaß plus Macht und also Geld (im Kapitalismus ist alles zirkulär, deshalb kein Entkommen), der gewann. Milliarden und Billionen. Lockdowns, Cancel/r Culture und Injektionen erwiesen sich als taugliche Geschäftsmodelle. Und wenn Dissidente im Geschäften der Gates und Konsorten den Sozialismus auferstehen sahen – besonders Hellsichtige glaubten gar den Bolschewismus wiederzuerkennen – so hätte Altkanzler Schmidt ihnen den Ratschlag gegeben: Bei Visionen den Arzt aufsuchen. Selbst wenn in Teilmustern wie dem Vorhaben, Menschen in gleichförmige woke Apparate zu überführen, Parallelen zu Umerziehungsprogrammen eines Mao oder Stalin aufpoppen – auch der Sozialismus ist Materialismus, nicht zu vergessen –, so bleibt das Fundament und das Ziel des Ganzen das endlose Wuchern des Kapitals, dem eben – und das ist die Erkenntnis, die einem an der Oberfläche durchaus zu lobenden Roger Köppel und weiteren wackeren Apologeten einer freien Unternehmerkultur abgeht – die fortlaufende Streichung der Differenz (der Störung, des Einspruchs) zugunsten des reibungslosen Wucherns eingeschrieben ist.

XXI.

An der comichaften Echtheit Trumps und deren Dekonstruktionspotential (und damit an seiner einzigen revolutionären Komponente) hat die Dissidenz (ich habe konkret die deutschsprachige im Fokus) kaum Anteil. Die Dissidenz, wie ich sie kenne, von Ausnahmen abgesehen, ist artig, nicht abartig. Trump dagegen ist nicht artig, Trump ist verzerrt, er ist die Zerrung. In diesem Sinne ist er modern und nicht konservativ. Von Trump sind keine Haltungssätze zu vernehmen – von der Dissidenz unendlich viele. Das wiederum ist es, was auch die nach eigenem Bekunden kapitalkritische Dissidenz stärker ins Reaktionäre wendet. Trumps Bezug zum Reaktionären nämlich geht so ziemlich einzig darauf zurück, dass er uneingeschränkt ein Vertreter des Kapitalismus ist und bleibt. Moralisches und also Faschistisches dagegen ist bei ihm nicht auszumachen. Ganz im Gegenteil: Unter dem Moralismus des Establishments hatte er zu leiden. Manch einer, auch wenn mit gleichen monetären Mitteln ausgestattet wie er, hätte sich längst ergeben.

XXII.

Trump ist kein Moralist. In der Dissidenz dagegen haben sich die Moralisten angestaut. Es ist eine Dissidenz der Guten, die auffällig oft vom Bösen, vom Satan und vom Abartigen spricht (das sind logisch immer die Anderen) qua Ursache für alles Übel (Epstein und so). Damit referiere ich nicht auf einen Viganò, bei dem die Satansjagd mit zum Job und also zur Deformation professionelle gehört, sondern von solchen, die sich als Analytiker des Zeitgeschehens verstehen ganz ohne theologische Ausbildung. Diesem Bösen unreflektiert entgegengestellt und damit verzahnt, geht die Gut-Dissidenz von Sätzen aus wie: „Der Mensch ist an sich gut“ und „Wir sind alle eine Menschheitsfamilie“. Abgesehen davon, dass allein durch das Schablonenhafte solchen Wortgebrauchs das System, das sich gänzlich in Haltungen, Etiketten und Plattitüden eingefunden hat, reproduziert wird, ist die erste Aussage, inhaltlich ernst genommen, nach einigen Jahrzehnten und Jahrhunderten an „full spectrum dominance“ einigermaßen erstaunlich.

XXIII.

Das Reaktionäre, basierend auf dieser Gut-Gesinnung, geht – jedenfalls ideengeschichtlich gesehen – über das Reaktionäre der libertär-kapitalistische Fraktion hinaus. Letztere will nichts anderes als den Zustand davor (70er und so, so wie sie ihn verstanden und erlebt hat) und ist im Grunde keine Dissidenz (auch wenn sie gegen Lockdowns war) und auch nicht libertär im Sinne von freiheitlich, insofern das Kapital die Freiheit ist und sich das Kapital also selber meint, wenn es (durch seine Apologeten vorgetragen) von Freiheit spricht, und keineswegs eine Freiheit losgelöst von Kapital, also eine „freie Freiheit“. Daher, soll kein Widersinn fabriziert sein, ist der Begriff „libertär“ von „kapitalistisch“ ohnehin zu trennen wie ebenso das Anarchische vom Kapital. Das Kapital meint in allen Zusammenhängen sich selbst. Es ist das Korsett für alles Weitere zu Ende gedacht auch Kerker für diejenigen, die es besitzen. Korsett und Anarchie: das aber geht nicht zusammen. Entweder das eine oder das andere. Das haben auch die Bitcoin-Apologeten, auf der von den Geheimdiensten konzipierten Blockchain-Technologie im siebten Himmel schwebend, meines Erachtens nicht verstanden, erst recht nicht, dass mit Blockchain und Digitalsierung, an die sie geknüpft ist, das mentale Subjekt definitiv getilgt wird, womit ein Freiheitsbegriff im Sinne der Aufklärung grundsätzlich obsolet wird und zwar irreversibel.

XXIV.

Dieses Zusammengehen mit dem System betrifft, wie gesagt, die begrifflich falsch als libertär gefasste Schicht des Widerstands und – oftmals überlappend – die Technologie-Bitcoin-Heilsverkünder. Was im Segment der Gutmenschen aber an Reaktionärem ideengeschichtlich indes darüber hinausweist und was in Plattitüden wie dem proklamierten An-Such-Gut-Sein des Menschen und seiner „Erfassung“ als „Menschheitsfamilie“ sich niederschlägt, ist der Kitsch, an den Reaktionäres stets gebunden ist. Heile Nationen, heile Familien, die große europäische Kultur mit den übergroßen Werten: darauf wird in der Dissidenz häufig referiert – im Sinne: das sei nun alles bedroht – bei gleichzeitiger Ausblendung von Machtverhältnissen, die in all diesem Heilen und Großen einlagern und die von emanzipativen Bewegungen und de-konstruktivistischen Philosophien freigelegt wurden. Kitsch, also unterkomplexe Wirklichkeitsmodelle, bleibt auch dann Kitsch, wenn er gegen technoide Konstrukte wie Genderismus oder WHO-Globalismus ins Feld geführt wird. Die Familie ist keine heile Welt und die Nation ebenso wenig. In der elaborierteren, quasi philosophisch angehauchten Fassung gipfelt der Kitsch in der Verdrehung, das Emanzipative und Macht-Dekonstruierende habe zur Zivilisationskrise geführt. Der angeblich daraus hervorgegangenen „postmodernen Beliebigkeit“ wird ein angeblich platonisches Weltbild mit einer erratischen Wahrheit im Zentrum entgegengestellt, um den Menschen wieder Halt zu geben.

XXV.

Solche „Ursachenforschung“ anzutreffen bei konservativen Aktivisten, die sich beispielsweise an Lyndon LaRouche orientieren und im Gespensterbegriff des „Kulturmarxismus“ alle ihre Daseins- und Todesängste entladen, erstaunt nicht. Arbeiterbewegungen, Feminismus und alles, was irgendwie nach freier Sexualität klingt, die über die Reproduktion biedermeierlicher Familienverhältnisse hinausgeht, werden aus einer solchen Dauerpanik heraus als Abirrung von der einen Wahrheit, angeblich urkonserviert bei Platon, angesehen. Dass aber Analysten wie ein Hauke Ritz mit seiner Schuldzuschreibung an die Postmoderne (Derrida, Foucault etcetera) diesen Abirrungstopos mit bedient, zeigt, wie sehr das Reaktionäre auch in Segmente der Werte-Dissidenz vorgedrungen ist, die sich nicht als neoliberal oder libertär verstehen.

XXVI.

Das ist deshalb verheerend, weil exakt Jacques Derrida und Co. in ihren Dekonstruktionen des Abendlandes Macht und Gewaltprozesse akribisch herausstellen. Allerdings nicht moralisch, nicht mit Menschheitsfamilienkitsch überzuckert, nicht aus der „Wir sind die Guten“-Geste heraus, ansonsten sich die Analyse selbst ins Faschistische verdrehen würde, sondern eben analytisch. Derrida hat, was die westliche Zivilisation betrifft, bereits in den frühen 90ern von einem subtilen Totalitarismus gesprochen und die liberalen Siegeshymnen nach dem Ende der Sowjetunion zugleich als Produkt eines naiv-eurozentrischen Geschichtsbild wie als totalitären Traum – mit Bezug zu Hamlet – de-maskiert. Foucault hinwiederum hat – etwa in seinem Werk „Überwachen und Strafen“ – die totalitäre Überwachungsarchitektur der westlichen Zivilisation geradezu plastisch vorgeführt und Gilles Deleuze, ein weiterer postmodernen Philosoph, hat auf die Verschränkung von Diktatur und Technologie verwiesen. Wenn auch nicht ausschließlich, so doch äußerst präzise und verdichtet wäre Machtkritik bei französischen Denkern und Denkerinnen des 20. Jahrhunderts (auch Luce Irigaray und Jean Baudrillard sind zu nennen) nachzulesen gewesen. Wer ausgerechnet diese emanzipative Machtkritik zum Herd des Übels verdreht, arbeitet beim Versuch, den zivilisatorischen Supergau abzuwenden, diesem zu. Daran ändert auch nichts, dass Foucault, Derrida und Co. im akademischen Betrieb tatsächlich in die Beliebigkeit hinein verzerrt oder besser gesagt: geglättet worden sind. Das jedoch hat nichts mit ihren Texten zu tun, sondern mit der Unfähigkeit, diese zu lesen. Also mit einer vom Kapital mit Erfolg in Gang gesetzten hippocampalen Schrumpfung gerade in Bildungsschichten. Und wenn, der Postmoderne vorgelagert, immer wieder Nietzsches Philosophie – zum Nihilismus simplifiziert – als Ursache für den Zivilisationszerfall „identifiziert“ wird (man sollte Philosophie ohnehin niemals im Kochbuchrezeptmodus lesen), so bestätigt sich das Muster abermals.

XXVII.

Die Neocons, die Bushs und Clintons und Blairs und deren Folgegeneration wie die Obamas, Bidens, Johnsons, Macrons, die Leyens, Röttgens, Merzens, Scholzens, Bärböcke und Habecke als Produkte der Philosophie Nietzsches und Michel Foucaults? Das wäre der Ehre und der Groteske zu viel. Aus Foucaults Analysen geht hervor, dass der Überwachungskapitalismus und dessen Totalitarismus zwingend auf der Linie der Zivilisation liegen, nicht aber, dass dies das herbeigewünschte Ziel dieser Philosophie wäre.

XXVIIII.

Trump ist in Teilen ebenso eine solche Neoconsfigur. Er kennt – davon ist auszugehen – weder Foucault noch Nietzsche, hat deren Texte wohl nie gelesen. Das trifft auch für die Bushs und Bidens und die Bärböcke zu. Und doch ist Trump nicht im gleichen Sinne eine reaktionäre Figur wie die anderen. Das De-konstruktivistische an ihm, das Systemzerlegende, die Clownschicht schreibt ihm eine emanzipative Komponente ein. In dieser teil-emanzipativen Hinsicht aber – und das mag paradox anmuten – unterscheidet er sich wohltuend auch von der Werte-Dissidenz, die im Emanzipativen das Übel statt die Machtkritik zu erkennen vermeint. Wenn Trump von „great again“ spricht, dann meint er den Deal, hinter dem sich keine Moral, keine Prüderie, kein Biedermeier und keine platonische Wahrheit verbarrikadiert haben. Er meint sich selbst. Und das ist schon mal ein besserer Ausgangspunkt.

XXX.

Fragt sich nur, woher die Milliarden an Kriegstoten und Traumatisierten, fragt sich, woher die Vergiftung der Böden und der Luft, fragt sich, woher die ganze Ausbeutung und fragt sich, woher der erkenntnistheoretische Supergau, wenn der Mensch doch an sich gut wäre und die Technologie in seinen Händen ebenso? Sind es, wie es uns ein paar Jäger aus der Dissidenz glauben machen wollen, einfach paar Abartige (Entartete hießen sie früher), welche das Glück stören? Das Tragische aber ist, dass mit der These der Güte und der daran gekoppelten reaktionären Moral gerade jene Schicht aus der europäischen Zivilisationstorte weggekippt wird, welche in dieser Zeit so sehr notwendig wäre: Emanzipation und Machtkritik. Von daher gilt es präzise hinzuschauen, bevor man irgendeiner Silber-Kutsche aufsitzt, angeschrieben mit europäisch-abendländischen Superwerten. Ansonsten stellt man alsbald verwundert fest, in welch‘ Horror man erwacht. Im reinen Eurozentrismus nämlich. Und das bedeutet laut Derrida Kolonialismus und Anthropozentrismus zugleich. Im Faschismus findet sodann alles zusammen. Vielleicht wäre Nietzsches Misanthropie angesichts solcher Verhältnisse vorzuziehen. Die führt zwar in die Einsamkeit, aber nicht in den technoiden Schlachthof.


Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Daniel Sandmann ist promovierter Linguist, Philosoph und Historiker. Für Manova betreut er den Literatur-Salon redaktionell.


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6 Kommentare

  1. Andrweas 10. Dezember 2024 um 13:47 Uhr - Antworten

    Endlich wieder eine zeitgeschichtliche Betrachtung auf höchstem Niveau!

  2. triple-delta 10. Dezember 2024 um 11:47 Uhr - Antworten

    Der Text wäre leichter verdaulich, wenn der Autor den Linguisten in der Pause gelassen hätte.
    Wenigsten wurde der Kapitalismus an sich als Quelle aller Probleme andeutungsweise erwähnt.

  3. Glass Steagall Act 10. Dezember 2024 um 11:28 Uhr - Antworten

    Sorry, mir ist der Artikel zu verklausuliert geschrieben.
    Einen Tipp an den Autor: die wahre Kunst des Schreibens liegt darin, komplizierte Sachverhalte einfach auszudrücken, nicht einfache Sachverhalte kompliziert zu machen.

  4. Varus 10. Dezember 2024 um 11:08 Uhr - Antworten

    Er ist kein Moralist, kein Gutmensch und streicht im Kontrast auch das Moralisieren der Dissidenz inklusive Jagd nach Abartigen, nach Nietzsche und Foucault (qua angeblichem Anfang des Übels) heraus.

    Genosse Foucault stört mich im Alltag nicht, Klimagemurkse hingegen massiv – es ist schon nützlich, dass Trump darüber als globalistischen Betrug redet. Das müsste man aber in Westeuropa viel öfter erwähnen – Nietzsche hin oder her.

  5. Fritz Madersbacher 10. Dezember 2024 um 10:34 Uhr - Antworten

    „Fragt sich nur, woher die Milliarden an Kriegstoten und Traumatisierten, fragt sich, woher die Vergiftung der Böden und der Luft, fragt sich, woher die ganze Ausbeutung …“

    Die Liste läßt sich beliebig verlängern, und die Frage(n) sollte(n) Antworten finden.
    Die Ursachen dieser Übel liegen tief, nämlich dort, wohin auch die dekonstruierende(n) Machtkritik(en) der genannten „postmodernen“ französischen Philosophen nicht reichen, die sich auf die Analyse gesellschaftlicher Vorgänge beziehen (und beschränken): diese Vorgänge spielen sich ab in kapitalistischen Gesellschaften, und diese sind in hohem Maß determiniert und geprägt durch die ihnen zugrundeliegenden ökonomischen Strukturen, durch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, wie sie von Karl Marx analysiert worden sind, die die Klassen dieser Gesellschaften und die zwischen ihnen bestehenden Machtverhältnisse vorgeben. Alle „Machtkritiken“ bleiben unvollständig bei Isolierung der gesellschaftlichen Vorgänge von den ökonomischen Grundlagen, und es bleiben Fragen („Fragt sich nur, woher …“), die nicht beantwortet werden (können) …

    • triple-delta 10. Dezember 2024 um 11:49 Uhr - Antworten

      Das Kapital hat doch seit dem 2. WK Milliarden darauf verwendet, der Arbeiterklasse eben genau diese Klassenstruktur und damit auch das Klassenbewusstsein auszureden. So genießt es am Katzentisch die Sozialpartneschaft und freut sich, wenn es noch jemanden gibt, der tiefer als man selbst gefallen ist.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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