Trauer um die österreichische Neutralität

8. Dezember 2024von 6,7 Minuten Lesezeit

Am 7.12. – dem zweiten Weihnachts-Shopping-Samstag – gab es einen Trauerzug in der Wiener Innenstadt, bei dem ca. 25 Trauergäste dem langsamen Sterben der österreichischen Neutralität gedachten.

Die kleine Gruppe, schwarz bekleidet und nur von einem Banner an der Spitze angeführt, ging im Takt von Trauermusik, die vom Band abgespielt wurde. Diese wurde immer wieder unterbrochen durch Textbeiträge, die an Zynismus wenig zu wünschen übrig ließen, aber gleichzeitig auch auf historische Ereignisse hinwiesen, in denen nicht neutrale Länder für Krieg und Leid gesorgt haben.

Begleitet von zwei Polizisten startete der Zug um 13.30 Uhr am Helmut Zilk Platz beim Mahnmal gegen Krieg und Faschismus, wo er ca. gegen 15.30 auch endete. Neben dem Marsch wurden Flugblätter verteilt, um die Menschen, die den Zug beobachteten, über den Hintergrund des Events zu informieren.

Diejenigen Passanten, die trotz Weihnachts-Shopping-Stress und Handy-Zentrierung den Trauerzug wahrnahmen – unter der Masse der Menschen in der Wiener Innenstadt ein nicht immer leichtes Unterfangen – reagierten teilweise irritiert. Es passt ja nicht zur vorweihnachtlichen Stimmung, viele waren aber auch neugierig und interessiert. Ein paar wenige konnten sich Beleidigungen nicht verkneifen. Was ein Gedenkmarsch für Neutralität mit „Nazi“ zu tun haben soll, ist allerdings nicht nachvollziehbar.

Ein Auszug der Textbeiträge

Frei von der Neutralität eröffnen sich Österreich viele Möglichkeiten.

Mütter dürfen wieder um ihre gefallenen Kinder trauern.

Soldaten und Soldatinnen dürfen auf NATO-Kriegsfeldern den Heldentod sterben.

Das friedensverwöhnte Österreich darf endlich wieder Opfer bringen.

Auch Österreicher dürfen wieder über Generationen unter neuen Kriegstraumata leiden.

Wir dürfen uns an Umstürzen beteiligen.

Wir dürfen Länder sanktionieren.

1953 Iran: Der illegale Putsch wird in den NATO-Ländern verschwiegen.

1954 Guatemala: Vom Sturz des Präsidenten bis zur Ermordung Che Guevaras.

1956 Ägypten: Präsident Nasser soll gestürzt werden.

1961 Kuba: Eine Revolution, die den Mächtigen nicht gefällt, Sanktionen bis heute.

2011 Iran: Sanktionen wegen Menschenrechtsverletzungen, die man in Saudi Arabien ignoriert.

2012 Russland: Magnitzki Act, die erste Sanktion gegen den Aggressorstaat.

Die Resonanz aus Sicht einiger Teilnehmer

Gabi aus der Steiermark, die Flyer verteilt hat, erzählt: Die Resonanz war sehr positiv, es haben sich viele interessiert. Man konnte an den Gesichtern sehen, wer mehr erfahren wollte. Und die Menschen haben die Flyer mit Dank angenommen. Nur ein paar wohlstandsverwahrloste Jugendliche, haben gelacht und irgendwelche dummen Sachen von sich gegeben – wohl aus Peinlichkeit heraus.

Bei Andreas aus Salzburg, der am Ende des Zuges Flyer verteilt hat, waren die Reaktionen weniger positiv: „Das Schwierige war, dass extrem viel Touristen unterwegs waren und man oft nur schwer unterscheiden konnte, wer Einheimischer und wer Tourist ist. Interesse war da, aber das hat es schwer gemacht.“

„Der Trauermarsch für die österreichische Neutralität, an dem ich mit meinem Freund Lois teilnahm, wies auf das langsame Sterben der österreichischen Neutralität hin. 1955 war ich knapp 10 Jahre alt, trotzdem bleibt mir unvergesslich die Freude der Bevölkerung über den Umstand, dass Österreich damit wieder seine Freiheit erhielt. Mehr als über das Gesetz, das uns den 26. Oktober als Nationalfeiertag bescherte, freute man sich über das Ereignis, als der letzte Besatzungssoldat Österreich verließ. Die Neutralität war damals nicht unbedingt ein Wunsch von österreichischer Seite, aber für den Staatsvertrag und die Freiheit eine Voraussetzung. Inzwischen ist die österreichische Neutralität zu einem wesentlichen Bestandteil unserer Identität geworden. Und sie ist auch das Merkmal, das Österreich als Kleinstaat eine besondere Rolle in der internationalen Poltik zukommen lässt. Wer sie in Frage stellt bzw. aushebelt, muss sich daher die Frage stellen, worin der Mehrwert besteht, wenn die Neutralität nichts mehr wert ist. Das „Argument“, dass wir bisher „Trittbrettfahrer“ waren, ist dabei insofern nicht angebracht, als wir ja mit dem Verlust der Neutralität erst recht Trittbrettfahrer werden, und zwar sowohl militärisch-politisch als auch in der Energieversorgung. Ob unsere Neutralität, die wenigstens zwei Drittel der Staatsbürger befürworten, erhalten bleibt, ist also eine Frage, die die Politiker und Medien ehrlich beantworten müssen.“ so das Resümee von Reinhard aus Niederösterreich.

Eva aus Niederösterreich begründet ihre Teilnahme ähnlich: Wir gedenken der Neutralität: ich bin heute mit dem Trauerzug mitgegangen, weil ich es unverantwortlich finde, wie die österreichische Neutralität von unserer Regierung mit Füßen getreten wird und entgegen dem mehrheitlichen Wunsch der Bevölkerung am Altar der Kriegsgeilheit russophober Politiker geopfert wird. Durch den Zug durch die Wiener Innenstadt konnte vielen Passanten das Thema nahe gebracht werden.

„Als unsere kleine Gruppe über die Kärntner Straße ging, teilten sich die entgegenkommenden Menschenmassen nach links und rechts auf – als ob das Meer sich aufteilte. Ich musste unwillkürlich an Moses denken, das war schon besonders“, ergänzt Bernd aus Oberösterreich.

Eine 80jährige Dame aus Wien schloss sich unterwegs spontan der Trauer-Gruppe an. Befragt, warum sie das tat, kam als Antwort: „Ich kam zufällig vorbei, habe das Flugblatt bekommen und sah worum es geht. Und das ist mir sehr sehr wichtig, die Neutralität ist mir ein großes Anliegen. Jemand, der wie ich im Krieg geboren, aber aufgewachsen nur in Frieden ist, für den muss es doch ein besonderes Bedürfnis, diesen Frieden zu erhalten.“

Hier ein Zusammenschnitt im Video, das die Stimmung auf der Straße während des Trauermarsches vermittelt.

Auch ein paar Bilder eines Teilnehmers, die einen kleinen Eindruck bieten.

Verschiebung & Verbote von Veranstaltungen in Wien

Die Veranstaltung war ursprünglich für den 26.10. geplant, wurde von der LPD Wien in der gewünschten Form – als Zug durch die Stadt – aber nicht gestattet, sondern nur als Standkundgebung genehmigt. Dies wurde von den Veranstaltern jedoch abgelehnt, da das geplante Trauerevent als Standkundgebung nicht die gewünschte Wirkung erzielen kann.

„Nachdem am 26.10. in Wien ja zahlreiche Kundgebungen zum Thema Neutralitätsverlust stattfanden, haben wir das De-facto-Verbot hingenommen und den Trauermarsch auf den 7.12. verlegt. An diesem Tag wäre die Veranstaltung auch fast verboten worden, da die Weihnachtsmärkte in der Innenstadt No-go-Zonen für politische Kundgebungen sind. Aber dank enger Zusammenarbeit mit der LPD Wien ist es uns gelungen, eine Route zu finden, die für beide Seiten akzeptabel war“, sagt Versammlungsleiter Bernhard Schlager.

Nicht immer werden Lösungen gefunden, die alle zufriedenstellen. Zunehmend wird seitens der Politik auch völlig willkürlich agiert, insbesondere bei größeren Veranstaltungen. Die Kundgebung für Frieden, Freiheit und Neutralität vom 30.11.2024, zu der von Fairdenken und der Menschheitsfamilie aufgerufen worden war, wurde zunächst verboten und dann mit einem anderen Anmelder und ohne Marsch schlussendlich genehmigt. Aufgrund des Verbotes wurden hier seitens der Organisatoren rechtliche Schritte eingeleitet.

Chancen für gemeinsames Handeln

Um die daraus resultierenden Kosten abzudecken, wurde im Telegram-Kanal von Fairdenken um Unterstützung gebeten:

Logischerweise kommen jetzt extreme Anwaltskosten (zur Zeit bereits knappe € 2.000,–) auf uns zu und wir würden uns freuen, wenn Ihr uns diesbezüglich finanziell unterstützen könnt.

Hier der Kick-Starter für die Anwaltskosten

Es ist ein hervorragendes Zeichen für Solidarität, wenn sich Organisationen, Meinungsmacher und Medien – aber auch systemkritische Parteien – aus allen Lagern mit einbringen, um das finanzielle Risiko für die Veranstalter abzufangen.

Das Trauermarsch-Event am 7.12.2024 stand ganz im Zeichen der Neutralität. Es war ein Baustein des Widerstands, mit dem die Menschen ihre Grundrechte, das Recht auf Meinungs- und Redefreiheit und insbesondere die Chance für eine Zukunft in Frieden verteidigen.

Es werden vermutlich noch viele Veranstaltungen, Kundgebungen und Demonstrationen notwendig sein, bis die Politik begriffen hat, dass die Menschen der Souverän und sie nur die von der Bevölkerung beauftragten und legitimierten Volksvertreter sind.

Hier ist die Zusammenarbeit aller gefragt.


Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.

Folge uns auf Telegram und GETTR



Empörung nach Demo-Verbot

Erste Demo gegen Verlierer-Koalition verboten

4.4.24 Wien: Klein aber oho:  Ein besonderer Event in Wien zum NATO-Geburtstag

4 Kommentare

  1. rudifluegl 9. Dezember 2024 um 4:05 Uhr - Antworten

    „Das „Argument“, dass wir bisher „Trittbrettfahrer“ waren, ist dabei insofern nicht angebracht“,—-Mir fällt dazu eher die Diversion aus demStrafrecht ein!
    Dem außergerichtlichen Tatausgleich, der eines neutralen Mediators bedarf.
    Stattdessen wählen unsere „Repräsentatoren“. wo mir der Ekel hochkommt, dass die auch für mich repräsentieren, die Mittäterschaft!

  2. Pfeiffer C 8. Dezember 2024 um 20:02 Uhr - Antworten

    Zuallererst: Dank & Respekt Euch Aktivisten für die öffentliche Erinnerung an das österreichische, im Verfassungsrang stehende Neutralitätsgesetz!

    Für dessen Abschaffung lediglich eine parlamentarische 2/3 Mehrheit reichen würde! Ein Skandal sondergleichen! Wann fordert der Souverän – der Inhaber der Staatsgewalt – also wir alle, dafür eine Volksabstimmung?

    Das Volk kann mittels Volksabstimmung auch befragt werden, ob der dahingehend schnarchende Bundespräsident abgesetzt werden soll.

    @Hr BP VdB, schauen Sie doch bitte einmal aus irgendeinem Ihrer Hofburgfenster aufs Dach des gegenüberliegenden Bundeskanzleramts und erklären Sie, wie die darauf flatternde israelische Fahne des dahingehend aktuell des Völkermords verdächtigen Staates mit unserer immerwährenden Neutralität vereinbar ist!

    Wer heute Pazifist ist, wird von Kriegstreibern, von denen wir mittlerweile mehr als genug haben, an den Pranger gestellt. Vermutlich zerebral & mental minderbegabte beziehungsweise verantwortungslose, skrupellose Menschen wie einige Journalisten oder Politiker bezeichnen z.B. friedfertige Menschen, die eine sinnlose, Blut vergießende, durch ständige Waffenlieferungen verursachte Verlängerung des Ukraine-Kriegs oder die Vernichtung des pal. Volks im Gaza und im Westjordanland durch die IDF verurteilen, als „Lumpenpazifisten“ und dergleichen.

    Bellizisten, die mit dem Deckmantel eines vorgegaukelten Pazifismus die Massen mithilfe bewährter Manipulationstechniken wie Wiederholung, Fragmentierung von Informationen, Gefühlsweckung und so weiter, glauben lassen, Waffen würden Frieden schaffen, drängen in den Vordergrund.

    Für die getöteten, hinterbliebenen oder verletzten Opfer des Krieges interessieren sich die Kriegstreiber nicht wirklich.

    Die von den Kriegstreibern mitfinanzierten Mainstream-Medien unterstützen die bellizistischen Politmarionetten. Objektiver, neutraler, auf freier Meinungsbildung basierender Journalismus war einmal — sollte es ihn je gegeben haben.

    Die mittlerweile von Bellizisten wie EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen oder EU-Parlamentsvorsitzende Roberta Metsola durchsetzte Europäische Union der US-Vasallen trommelt ebenfalls kräftig für den Krieg. Europa, ein allumfassendes, hirnbefreites US-Marionettenkönigreich!

    Auch wenn das Neutralitätsgesetz in vergangenen Zeiten von den undemokratischen Entscheidern mit Füßen getreten wurde (schon lange Jahre wird am österreichischen Nationalfeiertag das Wort Neutralität ausgeblendet) und seitdem — ebenso wie die Demokratie — stark an leitmedialen & Polit-Willen-Wert eingebüßt hat: Berufen wir uns darauf! Wenn das Neutralitätsgesetz nicht zu wertlosen Phrasen für Dumme verkommen soll, dann beharren wir auf seiner Einhaltung, auch wenn sie uns zu Boden reißen mögen!

    Textgrundlage – manova – „Aller guten Dinge“ -Es ist offensichtlich, dass Bellizisten einen dritten Weltkrieg vom Zaun brechen wollen. Rätselhaft bleibt nur, warum so wenige Menschen etwas dagegen unternehmen.

  3. therMOnukular 8. Dezember 2024 um 17:22 Uhr - Antworten

    Der Psychiater der Stellungs-Kommission des öst. Bundesheeres riet mir damals, mich vom Bundesheer fernzuhalten. Das wäre nichts für mich, sagte er mir.

    Angesichts der zunehmenden Militarisierung der Gesellschaft empfinde ich das als immer größeres Kompliment – auch wenn es bedeutet, dass dann auch diese Gesellschaft „nicht der richtige Ort“ für mich sein kann.

    Wie schnell es gehen kann, sieht man an Schweden. Erst vor kurzem die Neutralität beerdigt und der Nato beigetreten und schon heute kehren schwedische „Militärberater“ in Säcke verpackt aus der Ukraine heim. Hat sich gelohnt.

  4. Gabriele 8. Dezember 2024 um 17:04 Uhr - Antworten

    Eigentlich hätte sich halb Wien anschließen müssen…. mindestens. Aber wer will schon „auffallen“, falls man überhaupt begriff, was Sache war… vor allem unsere Jugend, die ja sooo gebildet ist und der es – entgegen allen Behauptungen – wohl noch immer viel zu gut geht. Da wäre ein kleiner Einsatz an der Front schon spannend, nicht wahr…

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Aktuelle Beiträge