Warum Syrien von Islamisten überrascht worden ist

30. November 2024von 3,8 Minuten Lesezeit

Die Katastrophe in Aleppo war vermeidbar und ist genauso schlimm, wie sie aussieht.

Der Vormarsch der von der Türkei unterstützten Terroristen/Rebellen auf Aleppo, kam für die meisten Beobachter wie ein Schock. Zwischen dem Waffenstillstand vom März 2020 und dem jetzigen Zeitpunkt lag fast ein halbes Jahrzehnt des Friedens, und dennoch wurde praktisch nichts getan, um sich auf diese Möglichkeit vorzubereiten. Und das, obwohl die Frontlinie etwa zwei Dutzend Kilometer von Aleppo entfernt blieb, was Assad daran erinnern sollte, wie verwundbar die zweitgrößte Stadt seines Landes ist. Hier sind die fünf Gründe, warum Syrien überrascht wurde:


1. Selbstgefälligkeit und Korruption

Die Syrische Arabische Armee (SAA) ruhte sich auf ihren Lorbeeren aus, weil sie den von Russland vermittelten Waffenstillstand als selbstverständlich ansah, woraufhin die berüchtigte Korruption des Landes einsetzte, um ihre Fähigkeiten zu schwächen. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass nicht einmal einfache Drohnen zur Aufklärung, Überwachung und Beobachtung eingesetzt wurden, um die Angriffe aufzuspüren, die diesem Vorstoß vorausgingen. Die SAA hat wahrscheinlich zu einem großen Teil deshalb nichts unternommen, weil sie davon ausging, dass ihre russischen und iranischen Verbündeten diese Aufgaben für sie übernehmen würden.

2. Die russisch-iranische Rivalität

Russland und der Iran haben gemeinsam gegen den Terrorismus in Syrien gekämpft, aber sie sind auch Rivalen, die miteinander um den ersten Einfluss in Damaskus konkurrieren. Ihr Wettbewerb ist so intensiv, dass Russland nichts anderes tut, als sich gelegentlich zu beschweren, wenn Israel den IRGC dort bombardiert, und Syrien nicht ein einziges Mal die Möglichkeit gibt, diese Angriffe abzufangen oder Vergeltung zu üben. Wären sie keine Rivalen, dann hätten Russland und Iran gemeinsam die SAA stärken, ISR in Idlib durchführen und die Verteidigung Aleppos verstärken können.

3. Abgelenkte und verkrüppelte Verbündete

Erschwerend für Syrien kommt hinzu, dass der Vormarsch der Terroristen/„Rebellen“ auf Aleppo genau zu dem Zeitpunkt erfolgte, als Russland mit der militärischen Sonderoperation (SMO) abgelenkt und der Iran durch seine westasiatischen Kriege mit Israel gelähmt war. Ohne ausreichende russische Luftstreitkräfte und iranische Truppen, einschließlich derjenigen, die die Hisbollah hätte abrufen können, wird es für die SAA äußerst schwierig sein, die Angreifer aus Aleppo zurückzudrängen. Dieser Faktor könnte sogar mehr als jeder andere sein Schicksal besiegelt haben.

4. Die Lehren der SMO ignoriert

Selbst inmitten der russisch-iranischen Rivalität und der erwähnten Probleme ihrer Verbündeten hätte die SAA die Lehren aus der SMO selbst ziehen und sich dementsprechend besser auf das vorbereiten können, was schließlich eintrat. Der bisherige Angriff war durch meisterhafte Drohnentaktiken und strategisch verstreute Einheiten gekennzeichnet, beides Markenzeichen der SMO, doch die SAA war darauf völlig unvorbereitet. Sie muss daher die letzte Verantwortung dafür übernehmen, dass sie es versäumt hat, ihre Pflicht zu erfüllen, aus diesem Konflikt zu lernen und ihre Verteidigung entsprechend anzupassen.

5. Keine Kompromisse für den Frieden

Der letzte Grund, warum Syrien überrascht wurde, ist, dass es keine Kompromisse für den Frieden eingegangen ist, indem es den von Russland geschriebenen „Verfassungsentwurf“ aus dem Jahr 2017 akzeptiert hat. Er steckt voller Zugeständnisse, so dass man Syrien die Ablehnung nachsehen kann, aber im Nachhinein hätte dies den Konflikt endgültig lösen und damit das anhaltende Fiasko in Aleppo abwenden können. Aus diesem Grund könnte es in diesen verzweifelten Zeiten wiederbelebt werden, aber die „Opposition“ könnte jetzt noch mehr Zugeständnisse verlangen.


Die Katastrophe in Aleppo war vermeidbar und ist genauso schlimm, wie sie aussieht. Sie ist nicht Teil eines „5D-Schach-Masterplans“, um „die Terroristen in einem Kessel zu fangen“, wie einige Mitglieder der Alt-Media-Community angedeutet oder behauptet haben. Beobachter sollten die „Einsichten“ derjenigen zurückweisen, die sich mit ihren phantastischen Ansichten über die BBS und die westasiatischen Kriege bereits selbst diskreditiert haben. Die „politisch unbequeme“ Wahrheit ist, dass Syrien überrumpelt wurde, dass die SAA auf dem Rückzug ist und dass das Schlimmste noch bevorstehen könnte.

Bild „SYRIA-CRISIS/GORAN TOMASEVIC/REUTERS“ by a.anis is licensed under CC BY-ND 2.0.

Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wieder. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Andrew Korybko ist ein in Moskau ansässiger amerikanischer politischer Analyst, der sich auf den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat. Er veröffentlicht auf Englisch auf seinem Substack-Blog. Auf Deutsch exklusiv bei TKP.



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11 Kommentare

  1. Andreas I. 3. Dezember 2024 um 10:24 Uhr - Antworten

    Und noch ein Detail:
    Ein syrischer Militär wird (in russischen Nachrichten) zitiert, dass HTS (die Militanten) die Kommunikation der syrischen Armee gejammt d.h. gestört habe.
    Wenn das stimmt (und es würde passen), dann muss HTS die dazu nötige Jamming-Elektronik irgendwoher haben. Und dann ergäbe sich ein etwas weiteres Bild, was in Syrien ja nicht überrascht, weil es da bekanntlich eine ganze Reihe Beteiligter gibt.

  2. Andreas I. 2. Dezember 2024 um 15:56 Uhr - Antworten

    Hallo,
    zu erstens; das ist Fernspekulation über eventuelle emotionale Befindlichkeiten.
    Abgesehen davon, dass es für die Schwächen der syrischen Armee auch ökonomische Gründe geben könnte, aber wer will schon sachliche Analyse?!

    Zu zweitens; Russland ist in Syrien bekanntlich mit Luftwaffe aktiv. Daraus ergibt sich eine gewisse Arbeitsteilung, bei der Iran unterstützung am Boden übernimmt.
    Korybko quirlt: ,,Ihr Wettbewerb ist so intensiv, dass Russland nichts anderes tut, als sich gelegentlich zu beschweren, wenn Israel den IRGC dort bombardiert, und Syrien nicht ein einziges Mal die Möglichkeit gibt, diese Angriffe abzufangen oder Vergeltung zu üben“
    Syrien fängt diese Angriffe ab, so gut es eben geht. Israel hat modernste Waffen, da kommen immer einige Raketen u.ä. durch. Das Abwehren kostet jedes mal einige Luftabwehrraketen, die von Russland oder Iran nachgeliefert werden müssen.
    Und (direkte) Vergeltung Syriens gegen Israel, während sich in Syrien Russland und USA gegenüberstehen?! Was für Drogen nimmt Korybko?

    Zu drittens; mir ist nicht bekannt, dass Russland die Anzahl seiner Kampfflugzeuge in Syrien reduziert hätte. Wenn ja, dann bitte Info mit Quellenangabe, wenn nein, dann ist Russlands Unterstützung für Syrien gleich geblieben. Es gab ja auch regelmäßig Meldungen über russische Luftschläge.

    Zu viertens; man kann Lehren ziehen oder auch nicht, ein Gegner sucht immer effektive Mittel und Wege, das liegt im Wesen eines jeden Krieges.

    Zu fünftens; ,,Zugeständnisse … aber im Nachhinein hätte dies den Konflikt endgültig lösen…“
    So lange die geopolitischen Gründe des Konfliktes fortbestehen, orientiert sich der Wert von Papier an den Minsker Vereinbarungen.

    Die syrische Armee wurde bei Aleppo überrumpelt, das ist die eine Seite. Die andere Seite wäre, warum die ,,moderate Opposition“ jetzt angegriffen hat, einfach so aus der Gelegenheit heraus oder nützt es Dritten? In Syrien gibt es ja einige Beteiligte.

  3. Traeumer 1. Dezember 2024 um 9:13 Uhr - Antworten

    Meiner Ansicht nach sollte man realistisch bleiben. Mir scheint, dass der Autor hier ein Defizit hat. Die Frage, warum jetzt? steht im Raum. So wie ich ihn lese gibt der Autor im Artikel darauf keine Antwort, er stellt sie nicht einmal. Alles, was er sagt mag richtig sein und ist aber unvollständig. Warum gerade jetzt? Ich würde sagen, weil die USA Russland deutlich machen wollten, dass es in ihrer Auseinandersetzung Druckmittel gibt, die sie einsetzen können und auch gewillt sind einzusetzen, die Russland zwar kurzfristig verschmerzen aber längerfristig nicht hinnehmen kann.

    Kritik an der Syrischen Führung mag angebracht sein. Um zu beurteilen, wie gut oder schlecht die Syrische Führung sich verhalten hat, sollte man vielleicht zurückblicken auf Kursk und festhalten, dass die USA einen Druckpunkt gefunden haben, obwohl Russland mehr oder weniger angemessen auf der Hut war. Die USA sind ein ruchloser, starker und mutiger Feind. Wenn es erforderlich oder wenigstens dienlich scheint findet dieser Feind einen Druckpunkt. Erklärungen dahingehend, wie es sich zutrug, dass dieser Druckpunkt entstand, sind möglicherweise nicht der richtige Gesichtspunkt zur Beurteilung der Lage.

    • Andreas I. 3. Dezember 2024 um 9:50 Uhr - Antworten

      Hallo,
      ,,Die Frage, warum jetzt? … gibt der Autor im Artikel darauf keine Antwort, er stellt sie nicht einmal“

      Das kommt wohl drauf an, was man unter ,,politischer Analyse“ versteht. :-)
      Korybko ,,analysiert“ halt vermutete Emotionen.

      Warum gerade jetzt?
      Situation in der Ukraine, Russland-USA, Situation in Palästina und Libanon, USA-Iran, Irak, China, militärisches, ökonomisches …
      Unter politischer Analyse würde ich verstehen, alle Punkte logisch abzuklopfen.
      Logik, belastbare Argumente und widerspruchsfreie Schlussfolgerungen, das zu können macht m.E. einen Analysten aus.

  4. triple-delta 30. November 2024 um 19:29 Uhr - Antworten

    Offensichtlich fehlt den Syrern das, was man „Mütterchen Russland“ nennt. Wenn schon keine politische Bildung, dann doch wenigstens Patriotismus. Aber wie will man den in diesen zusammengewürfelten Staaten erwarten?

    • Nurmalso 30. November 2024 um 19:56 Uhr - Antworten

      Das hat nichts mit Patriotismus zu tun. Das ist ein lang eingefädelter erneuter Krieg von den USA gesteuert. Der IS-Krieg flammt erneut auf und man brauch nur der Spur des Geldes folgen. Das ist alles und das selbe Spiel wie in der Ukraine.

    • Andreas I. 3. Dezember 2024 um 10:09 Uhr - Antworten

      Hallo,
      den Syrern fehlt noch was, und zwar die Einnahmen aus den Ölquellen östlich des Euphrat. Die sind seit 2015 von USA und SDF(Kurden) besetzt.
      Während ,,Analyst“ Korybko im Kaffeesatz vermuteter Emotionen zu lesen versucht, könnte der Zustand der syrischen Armee auch sachliche Gründe haben, nämlich ökonomische. Syrien fehlen Einnahmen und das nach inzwischen 13 Jahren Krieg. Außerdem könnte das Rekrutierungspotential zwar zahlenmäßig ausreichend sein, aber vielleicht sind die verbliebenen Leute nicht so ideal geeignet als Soldaten, platt gesagt die syrische Armee muss mit dem arbeiten, was sie kriegen kann. Also wenn man schon in die Richtungen wie Korybko ,,analysieren“ will und über den Zustand der Armee spekuliert, dann fänden sich selbst da sachliche Gründe.

  5. Nurmalso 30. November 2024 um 18:27 Uhr - Antworten

    Jetzt geht das Gemetzel in Idlib wieder los. Finanziert vom Westen und allen voran den USA. Der IS trägt die feinsten Klamotten, fahren die besten Geländeautos, bewaffnet bis an die Zähne mit allen möglichen Waffen. Morden jetzt im Namen des Propheten Mohammed ihr eigenen Glaubensbrüder, um ein strenges Kalifat zu errichten. In Wahrheit morden die für viel Geld bis Assad fällt und das Land vom Westen übernommen werden kann.

  6. Der alte Marxist 30. November 2024 um 15:59 Uhr - Antworten

    Wer Freunde hat wie Erdogan, der braucht keine Feinde mehr. Daher sollte Putin ihm sehr rasch klarmachen, dass es keine BRICS-Mitgliedschaft für die Türkei geben kann, wenn er seine dreckigen Spiele fortsetzt. Aber Putin wird vermutlich wieder einmal sehr lange nachdenken….

  7. Varus 30. November 2024 um 13:03 Uhr - Antworten

    Wären sie keine Rivalen, dann hätten Russland und Iran gemeinsam die SAA stärken, ISR in Idlib durchführen und die Verteidigung Aleppos verstärken können.

    Mitten im Dritten Weltkrieg des Westens gegen die übrige Welt sollten RF und Iran richtige Prioritäten setzen. Aber auch die Türkei will dem BRICS beitreten – wieso schickt Erdogan seine Handlanger nicht gegen westliche Kräfte? Wollte er nicht erst kürzlich was gegen das Zionistenstan unternehmen?

    • OMS 30. November 2024 um 13:44 Uhr - Antworten

      Die türkische Politik dreht sich wie ein Fähnchen im Wind. Pickt sich immer nur die Rosinen heraus. Die USA mit CIA mit Unterstützung von Israel und Türkei haben wieder „tolle“ Arbeit geleistet. Syrien mit Assad wird fallen und der Einsatz Russlands gegen US-IS-Terror war vergebens.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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