Es ist eine Drohung, die in ihrer Konsequenz kaum zu überschätzen ist. Mohsen Rezaei, der Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrats Irans, hat klargestellt, was sein Land bei einem erneuten Angriff durch die USA und Israel tun wird: Datenzentren, Unterseekabel und KI-Einrichtungen würden zu Zielen.
„Der Puls der amerikanischen Wirtschaft in dieser Region läuft durch unseren Teil der Welt“, sagte Rezaei dem iranischen Sender PressTV. „Wir haben diese Vermögenswerte noch nicht in unsere Ziele aufgenommen. Aber wenn Krieg ausbricht, werden viele dieser Kabel, Datenzentren, Einrichtungen der künstlichen Intelligenz und zahlreiche andere Standorte zerstört werden“
Das ist keine leere Drohung. Die Golfregion ist das digitale Nervenzentrum zwischen Europa und Asien. Nach Angaben der Internationalen Fernmeldeunion werden über 99 Prozent des internationalen Datenverkehrs über Unterseekabel übertragen. Allein unter der Straße von Hormus verlaufen nach Angaben der Revolutionsgarden sieben große Kabel, von denen „alle weltweiten Internet- und Handelsdaten abhängen“. Die systemrelevanten Kabel AAE-1, FALCON und Gulf Bridge International verlaufen durch diese Gewässer.
Und es ist nicht nur eine Drohung. Amazon bestätigte bereits im März, dass zwei seiner Einrichtungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten direkt getroffen wurden und ein Drohnenangriff in der Nähe einer Anlage in Bahrain physischen Schaden an der Infrastruktur verursachte. Die Cloud-Dienste fielen aus. Die Erholung, so hieß es, könnte lange dauern.
„Null rote Linien“
Rezaeis Äußerungen sind Teil einer umfassenderen Strategie, die Iran nun offenlegt. Mehdi Mohammadi, Berater des Parlamentspräsidenten Mohammad Ghalibaf, sagte der Guardian: „Wir sehen den nächsten Konflikt als existenzielle Bedrohung. Der dritte Krieg in zwei Jahren bedeutet eine Bedrohung der Existenz. Unsere Strategie ist ‚null rote Linien'“.
Mohammadi weiter: „Wir brechen die zeitlichen und räumlichen Dimensionen des Konflikts. Der Krieg wird länger andauern und in einem größeren geografischen Gebiet stattfinden, als der Feind erwartet.“ Iran werde Ziele in bis zu sieben Golfstaaten angreifen, berichtet die The Express Tribune unter Berufung auf iranische Medien.
Rezaei formulierte das Ziel der iranischen Strategie so: Es gehe nicht darum, „bis 2029 durchzuhalten“, sondern den Krieg „zu Bedingungen zu beenden, die die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Krieges verringern“.
Die USA ziehen Personal ab – ein Zeichen für den kommenden Angriff?
Während Iran seine Drohungen formuliert, bereiten die USA offenbar den nächsten Schlag vor. NBC News berichtete am 21. Oktober, das Pentagon habe Truppen von Stützpunkten in Jordanien, Katar und Kuwait abgezogen. Gleichzeitig reduzierte das Außenministerium das Personal in mehreren diplomatischen Vertretungen in der Region. Die US-Botschaft in Saudi-Arabien wechselte in einen obligatorischen Evakuierungsmodus und behielt nur wesentliches Personal.
Ein Sprecher des US-Zentralkommandos, Timothy Hawkins, wollte die Truppenbewegungen nicht kommentieren: „Wir verlegen regelmäßig Soldaten und Ausrüstung, um die Einsatzbereitschaft zu optimieren. Aus Gründen der operativen Sicherheit diskutieren wir diese Bewegungen nicht“.
Doch die Parallelen zum Februar sind unübersehbar. Vor dem Angriff auf Iran am 28. Februar 2026 hatte es ähnliche Truppenbewegungen gegeben. Ein US-Beamter sagte NBC News, die Optionen reichten von kurzen Luftangriffen – ähnlich der Operation „Midnight Hammer“ im Juni 2025 – bis hin zum Einsatz der GBU-43/B MOAB, der stärksten nicht-nuklearen Bombe im US-Arsenal. Die MOAB wurde bisher nur einmal eingesetzt – 2017 in Afghanistan. Sie zerstört neun Stadtblöcke.
Netanyahus Wahltaktik
Und dann ist da Benjamin Netanyahu. Vor den israelischen Parlamentswahlen am 27. Oktober sagte er am Mittwoch vor Offiziersanwärtern: „Es gibt nur einen Weg, diese Bedrohung ein für alle Mal zu beseitigen: das iranische Regime zu stürzen. Das ist die Anweisung, die ich der Armee, dem Mossad und den Sicherheitsdiensten gegeben habe“.
Netanyahu behauptet zudem, Trump habe ihm vor wenigen Tagen gesagt, er sei „bereit, die Sache zu beenden“ – aber nur mit israelischer Hilfe. Das Weiße Haus dementierte umgehend: „Die USA werden Iran vor den Zwischenwahlen auf keinen Fall angreifen“, sagte Sprecherin Anna Kelly.
Doch das Timing ist bemerkenswert. Die New York Times berichtete, die USA und Israel hätten Pläne für eine erneute Bombenkampagne nach den US-Zwischenwahlen am 3. November ausgearbeitet. Axios berichtete Anfang Oktober, Trump und Netanyahu hätten die Möglichkeit großangelegter Angriffe vor den Wahlen erörtert – wobei ein US-Beamter sagte: „Bibi hat eine Wahl vor den Zwischenwahlen. Er glaubt, seine Stärke liegt darin, ein Kriegspremierminister zu sein“.
Für Trump wäre ein Angriff vor den Zwischenwahlen politisch riskant – er würde die Energiekrise verschärfen und die Benzinpreise in die Höhe treiben. Für Netanyahu wäre er politisch nützlich. Die Wahl ist am 27. Oktober. Die US-Wahl am 3. November.
Was das bedeutet
Iran hat klargemacht, dass es diesmal nicht nur Militärstützpunkte und Ölanlagen angreifen wird. Es wird die digitale Infrastruktur treffen, auf der die Golfstaaten ihre Zukunft aufgebaut haben. Microsoft investiert 15,2 Milliarden Dollar in die Vereinigten Arabischen Emirate, um Datenzentren und KI-Kapazitäten aufzubauen. Diese Investitionen sind ohne die Unterseekabel wertlos.
Rezaei formulierte die Logik: „Es kann keine Vereinbarung geben, in der Irans wirtschaftliche Lebensadern angegriffen werden, während die Wirtschaftsarchitektur, die diese Angriffe ermöglicht, als unberührt und immun gilt“.
Die Frage ist nicht mehr, ob der nächste Krieg kommt. Die Frage ist, wann – und wie weit er reichen wird.
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