Während Washington Kontrolle über die Meerenge signalisiert, häufen sich die Angriffe auf Handelsschiffe. Im Krieg gegen den Jemen erreicht die Eskalation derweil Saudi-Arabiens Hauptstadt.
Donald Trump signalisiert seit Monaten, die USA hätten die Lage in der Straße von Hormus im Griff. Auf dem Wasser sieht es anders aus: Am Samstag meldeten die iranischen Revolutionsgarden, ein Supertanker sei in der Meerenge auf eine Seemine gelaufen. Zugleich brennt es an einer zweiten Front, im Jemen und auf der Arabischen Halbinsel. Beides hängt zusammen – und beides wird von allen Seiten mit Propaganda begleitet.
Hormus: Mine, Geschoss oder Inszenierung?
Nach Angaben der Revolutionsgarden fuhr der Supertanker auf eine Mine; es habe eine Explosion und einen Brand an Bord gegeben, die Straße von Hormus sei geschlossen. Unabhängig überprüfen ließen sich die iranischen Angaben zunächst nicht. Das ist mehr als eine Fußnote, denn schon zwei Tage zuvor gab es einen Streit um Deutungen: Teheran hatte den Treffer auf das Containerschiff „GFS Pride“ als Minenunfall dargestellt, das US-Regionalkommando Centcom widersprach – ein Geschoss, keine Mine, die Hauptrouten seien weiterhin minenfrei. Washington will Kontrolle zeigen, Teheran will die Sperrung beweisen. Beide Seiten haben ein Interesse an ihrer jeweiligen Version.
Gesichert ist dagegen die Entwicklung der Angriffe. Zwei hochrangige iranische Beamte bestätigten gegenüber Reuters, dass sich die Angriffe auf Handelsschiffe in den vergangenen zehn Tagen in Art und Intensität verschärft haben. Das Institute for the Study of War zählte binnen zwei Wochen mindestens 24 angegriffene Handelsschiffe. Auffällig ist das Muster: Die Attacken treffen laut dpa vor allem Schiffe auf der südlichen Route nahe der omanischen Küste, die Iran für „illegal“ erklärt; Teheran verlangt die Passage entlang der eigenen Küste. Im Kern geht es also um Wegerecht und Kontrolle über die wichtigste Öl- und Flüssiggas-Passage der Welt, und darum, wie der Iran den Wiederaufbau nach dem Angriffkrieg der USA und Israels finanziert.
Ob die Zunahme eine Reaktion auf Trumps Aussagen ist, belegt keine der Quellen. Zeitlich fällt sie in die Wochen vor den US-Zwischenwahlen am 3. November. Trump hat laut Berichten erklärt, vor der Wahl keine neuen direkten Angriffe zu planen, intensivere Luftschläge danach aber nicht ausgeschlossen. Parallel hält die US-Marine ihre Seeblockade gegen Iran aufrecht; die Zahl von 130 umgeleiteten Schiffen stammt allerdings ausschließlich vom US-Militär. Dazu passt eine Beobachtung, die nicht ins Bild vom totalen Stillstand passt: Einige Reeder berichten, der Verkehr sei bislang nicht so stark eingebrochen wie befürchtet. Die Lage ist gefährlich – aber „geschlossen“ und „offen“ seien beides Kampfbegriffe.
Die Entwicklung der Versicherungsprämien
Die Versicherungsprämien für Schifffahrten durch die Straße von Hormus sind infolge des im Frühjahr 2026 eskalierten Iran-Konflikts drastisch gestiegen, was die Meerenge zeitweise zur teuersten Wasserstraße der Welt gemacht hat. Während die sogenannten Kriegszusatzprämien (War Risk Premiums) vor dem Ausbruch der Krise meist bei 0,1 bis 0,25 Prozent des Schiffswerts lagen, explodierten sie in den Hochphasen des Konflikts auf 3 bis über 10 Prozent. D.h. die Prämien erreichen also teilweise Größenordnungen, welche über denen liegt, welche der Iran zur Abdeckung seiner Kosten verlangt.
Riad, Aden, Sanaa: Der Krieg erreicht die Flughäfen
Am anderen Ende der Halbinsel eskaliert der Jemen-Krieg. Beim schwersten Angriff auf den Flughafen King Khalid in Riad kamen laut Luftfahrtbehörde mindestens zwölf Menschen ums Leben, mehr als 300 wurden verletzt. Spätere Meldungen nennen 13 Tote und 309 Verletzte. Es war der dritte Angriff auf saudische Flughäfen innerhalb einer Woche; tags darauf traf erneut ein Geschoss den Flughafen, ein Mensch starb, der Betrieb blieb eingestellt. Die Lufthansa und Air India hatten ihre Flüge nach Riad schon zuvor ausgesetzt. Nach Angaben der BBC war es der tödlichste Angriff auf einen Golfstaat seit Beginn des Iran-Kriegs. Dieser Vorgang muss vor dem Hintergrund von mindestens 150.000 zivilen Opfern des Jemens durch Angriffe der Koalition unter Führung Saudi Arabiens gesehen werden.
Parallel meldete ein Newsblog Raketeneinschläge am Flughafen von Aden, während ein Angriff auf eine saudische Ölstadt abgewehrt worden sein soll. Derweil wird berichtet, dass Saudi-Arabien den Flughafen von Sanaa bombardiert. Hintergrund ist ein angeblicher Bürgerkrieg, der seit einigen Wochen neu aufgeflammt ist, der aber in Wirklichkeit der Versuch Saudi Arabiens ist, eine Marionettenregierung an die Macht zu bringen. Die Regierung in Sanaa nahm nahm jedoch große Gebiete an der Westküste und an der Meerenge Bab al-Mandab ein – ein zweiter Engpass des Welthandels, der nun neben Hormus unter Druck steht. Wobei Sanaa ausdrücklich erklärt, lediglich die Blockade Saudi Arabiens gegen das Land zu spiegeln, und nur Länder von einer Blockade betroffen sind, welche direkte Kriegsteilnehmer gegen das Land sind.
Der Sicherheitsrat und die Frage der Maßstäbe
Der UN-Sicherheitsrat verurteilte die Huthi-Angriffe einstimmig, und zwar „auf das Schärfste“. Nach Darstellung von TKP handelt es sich um die Präsidentschaftserklärung S/PRST/2026/4; sie bekräftigt Saudi-Arabiens Recht auf Selbstverteidigung und mahnt die Umsetzung des Waffenembargos nach Resolution 2216 an. Es ist eine Erklärung, keine bindende Resolution. Bemerkenswert ist, dass Russland und China zugestimmt haben – obwohl das Gremium nur selten einstimmig auftritt. Eine naheliegende Lesart: Beide haben Interessen an guten Beziehungen zu den Golfmonarchien und fürchten sich vor einer Revolution mit unbekannten Auswirkungen auf die Beziehungen.
Die Ansarallah, stärkste Fraktion der Regierung in Sanaa, sehen sich seit Beginn der saudisch geführten Intervention 2015 als Verteidiger. Der Westen meint, dieses Argument habe nur Gewicht, solange es um Gegenwehr gegen Luftangriffe und Blockade geht, gegen die sich das Land aber kaum verteidigen kann. Es trage aber nicht, wenn zivile Flughäfen mit Dutzenden Opfern getroffen werden; das humanitäre Völkerrecht verlange, zwischen Militärzielen und Zivilisten zu unterscheiden. Während es angeblich für alle Seiten gelte, auch für Riad, das seinerseits Sanaa bombardiert, werden diese Angriffe aber nicht „auf das schärfste“ verurteilt. In den Berichten über die Erklärung findet sich zu diesen saudischen Angriffen nichts. Das zeigt, dass der Sicherheitsrat offensichtlich keine Vertretung des globalen Südens darstellt. Was den Ruf und Einfluss Russlands und Chinas dort schmälern dürfte.
Man vergleiche das mit dem Krieg in der Ukraine. Kiew greift Moskau regelmäßig an, im August nach Angaben des Bürgermeisters mit rund 600 Drohnen in einer Nacht, mehrere Menschen wurden verletzt. Laut ACLED gab es 2026 bereits mehr Angriffe auf Moskau als im gesamten Vorjahr. Eine vergleichbare einstimmige Verurteilung durch den Rat ist nicht bekannt. Die Ukraine bezeichnet Raffinerien und Öldepots als legitime Ziele im Verteidigungskrieg gegen Russland. Der Regierung in Sanaa scheint man das nicht zubilligen zu wollen.
Was bleibt
Zwei Engpässe des Welthandels, Hormus und Bab al-Mandab, stehen gleichzeitig unter Beschuss. Beide Konflikte haben die Kriege Israels und der USA, zuletzt gegen den Iran als gemeinsamen Nenner. Sowohl der Jemen als auch der Iran kämpfen um ihre Selbstbestimmung und setzen sich für die Rechte der Palästinenser ein. Während im Westen fast ausschließlich auf den Iran und „die Huthis“ als „Terroristen“ gezeigt wird. So wie es seit Jahrhunderten durch Kolonialmächte üblich ist.
Bild: Screenshot von Video über den Konflikt im Jemen
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6 Kommentare
Larry Johnson heute in den Ungeschnittenen: „Ansar Allahs Raketen haben gelernt zu treffen. Jemand hat es ihnen beigebracht.“ – Seine Vermutungen: Russland oder China. Unter dem Strich zählt das mehr als eine unverbindliche Adresse bei der unnützen UNO.
Um wenigstens eine der zahlreichen sinnlosen Diskussionen zu beenden: entmint ist da garantiert gar nix. Der Iran kann von der Küste aus Minen legen, mit einer Reichweite von 130km. Ein Raketenwerfer schießt so ein Ding an die gewünschte Position, dort sinkt es auf den Grund und aktiviert seine Sensoren. Das geht ratzfatz und die Amis können nix dagegen tun.
Ein 2. Mythos und sinnlose Diskussion ist die Frage nach der MOAB. Erstens ist das etwas anderes als die MOP und zweitens kann ausgeschlossen werden, dass die MOAB über dem Inland des Iran zum Einsatz kommt: diese Mother Of All Bombs ist so groß, dass sie von einer Herkules Transportmaschine aus deren Frachtraum abgeworfen werden muss, bei geringem Tempo, da der Schlitten, auf dem die Bombe befestigt wird, von Fallschirmen aus dem Laderaum gezogen werden muss. Die Höhe darf nicht zu hoch sein, wenn man auch treffen will. Nie und nimmer käme die Herkules bis zum Einsatzort….
Es ist ein Unding, dass man die Argumentation akzeptiert, zivile Ziele als „legitime Ziele“ zu deklarieren, und dabei ist es voellig gleichgueltig, ob es sich dabei um zivile Flughaefen (wie in Saudi Arabien) oder um Raffinerien und Oeldepots handelt. In beiden Faellen wird die zivile Bevoelkerung erheblich (zumindest mit) geschaedigt. Die Bomben und Drohnenn auf zivile Einrichtungen in der Ukraine oder in Gaza sind genauso illegal und verachtenswert (selbst wenn angeblich militaeische Einrichtungen darunter liegen). Es wird von der UN viel zu viel als legale Kriegshandlungen akzeptiert. Dass *zusaetzlich+ noch bei verschiedenen Laendern unterschiedliche Massstaebe angelegt werden, macht die Sache noch viel schlimmer.
Das Wort „Völkermord“ sollte keinen Freischaltungsbedarf auslösen.
Der aktuelle Stand des Konfliktes ist unwichtig. Wichtig sind die Beeinträchtigungen des Welthandels und die politische und finanzielle Destabilisierung von Saudi-Arabien und den Golfstaaten, sowie die Fortsetzung des Völkermords an den Palästinensern durch Israel und USA.
Pepe Escobar gestern in den Ungeschnittenen: „Der Iran – eine zusammengerollte Kobra, bereit zum Angriff“ – wenn USrael irgend etwas anfängt. Es wäre allerdings an der Zeit, USrael zu entmachten – laut Artikel geschieht dies durchaus u.a. mit dem Dollar-Umgehen, wo Iran und Pakistan eng kooperieren: „… Die US-Sekundärsanktionen sind ihnen völlig egal. Vor allem, weil Teheran Islamabad das bietet, was das amerikanische System einfach nicht bieten kann: Souveränität, keinen Regimewechsel, keine Sparmaßnahmen, keine Belehrungen und vor allem keine Strukturanpassungen. … Ganz zu schweigen davon, dass Pakistan dringend iranisches Gas – und die von China ermöglichten Handelsrouten der Neuen Seidenstraße – benötigt. …“
Und auch wenn Pakistan einige Soldaten nach Mekka und Medina entsandte.
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