Ein Bericht der französischen Anti-Desinformationsbehörde VIGINUM bringt eine israelische Firma mit einer koordinierten Kampagne in Verbindung, die Kandidaten in Frankreich diskreditierte – und die Spuren reichen nach Aussage der Behörde bis nach Schottland, in die USA und nach Afrika. Gefördert wurden rechtsextreme Kandidaten, welche Israel nahe stehen.
Am 11. Juni 2026 traten Frankreichs Premierminister Sébastien Lecornu und der Leiter von VIGINUM, Marc-Antoine Brillant, gemeinsam vor die Presse, um die Ergebnisse einer Untersuchung mit dem Codenamen „Rokh Solis“ vorzustellen (MediaWell/SSRC, technischer VIGINUM-Bericht).
Im Zentrum steht ein Netzwerk aus vier Webseiten und zahlreichen Social-Media-Konten auf TikTok, Instagram, X und Facebook, das im Vorfeld der französischen Kommunalwahlen vom 15. und 22. März 2026 gezielt Kandidaten der linken Partei La France Insoumise (LFI) in Marseille, Toulouse und Roubaix diskreditierte. Laut VIGINUM wurden alle vier Webseiten zwischen dem 9. und 19. Februar 2026 angelegt, teilten dieselbe IP-Adresse, dasselbe WordPress-Template und teils identische Bild-Metadaten – ein klassisches technisches Fingerabdruck-Muster koordinierter Inauthentizität.
Brillant erklärte, dasselbe „modus operandi“ sei nicht auf Frankreich beschränkt geblieben, sondern lasse sich auch bei digitalen Einflussoperationen in Angola, Togo, bei der Wahl in Schottland und bei der New Yorker Kommunalwahl 2025 nachweisen. Über DACH-Länder ist bisher nichts bekannt, aber möglicherweise wurde es von den Protagonisten der Aktionen nicht als notwendig erachtet, dort aktiv zu werden. Die als BlackCore identifizierte israelische Firma war zuvor bereits am 18. Mai 2026 durch eine gemeinsame Recherche von Libération und Haaretz öffentlich benannt worden.
Was in den meisten Berichten fehlt
Trotz der reißerischen Schlagzeilen, die kursieren, bleiben zentrale Punkte offen. Wer BlackCore beauftragt hat, ist nach Angaben von VIGINUM selbst nicht geklärt: „Unsere Untersuchungen erlaubten es nicht, den oder die Auftraggeber zu identifizieren, sofern es sie überhaupt gibt“, so Brillant wörtlich.
Ein direkter, offiziell bestätigter Bezug zum israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad existiert in den bisher veröffentlichten Dokumenten nicht. Die Assoziation speist sich vor allem daraus, dass BlackCore in eine Reihe israelischer Privatfirmen mit Personal aus ehemaligen Geheimdienstkreisen gestellt wird – etwa Black Cube, das sich selbst als „private Mossad“ vermarktet und laut Berichterstattung zwei ehemalige Mossad-Direktoren in seinem Beirat führt, oder Psy-Group, das 2016 mit einer Kampagne gegen Hillary Clinton in Verbindung gebracht wurde. Das ist ein Branchenmuster, kein dokumentierter Auftragsnachweis für BlackCore selbst.
Auch die israelische Regierung weist eine Beteiligung zurück. Die Botschaft in Paris erklärte, Israel habe „selbstverständlich nicht die Absicht, sich in den französischen politischen Prozess einzumischen“, und wolle nach Erhalt der französischen Untersuchungsergebnisse eine eigene Prüfung einleiten.
Die Formulierung „rechtsextreme, pro-israelische Kandidaten“ trifft den VIGINUM-Befund etwas unpräzise. Der Bericht beschreibt keine plumpe Wahlwerbung für eine bestimmte Seite, sondern ein komplexeres Polarisierungsmuster: Neben der Diskreditierung von LFI-Kandidaten wurde parallel eine künstliche Debatte inszeniert, die gleichzeitig eine identitär-souveränistische Position und eine pseudo-radikalislamistische Gegenposition bediente – mit dem Ziel, die öffentliche Debatte über die muslimische Community in Frankreich zu polarisieren. Es war also eine sehr komplexe, hochentwickelte psychologische Einflussnahme, üblicherweise als „psyop“ klassifiziert.
Wer am Ende politisch profitieren sollte, behaupten westliche Analysten, ließe sich aus dieser Anlage nicht eindeutig als „rechtsextrem“ oder „pro-israelisch“ auf eine einzige Kategorie verkürzen – auch wenn die Zielrichtung gegen pro-palästinensische Stimmen unbestreitbar sei.
Zu hinterfragen gilt
- Erstens: Warum verzichtet VIGINUM – anders als in seinen sonstigen Berichten zu russischen oder chinesischen Einflussoperationen – bislang auf eine explizite Staatszuschreibung, obwohl laut alternativen Recherchen der Operation intern der Status einer „mode opératoire informationnel“ zugewiesen wurde, ein Begriff, der sonst für staatlich getragene Operationen reserviert ist? Diese Quelle ist alternativmedial einzuordnen und die Angaben sind „nicht unabhängig gegengeprüft“ – sie zeigt aber, welche Fragen an das offizielle Zurückhalten gestellt werden.
- Zweitens: Wie erklärt sich, dass Paris zwar öffentlich Druck aufbaut und Israel um Kooperation bittet, gleichzeitig aber – Stand der Berichte – keine Sanktionen, keine Anklage und keine Namen von Verantwortlichen bei BlackCore folgen? Lecornu selbst deutete die politische Brisanz an, als er sagte, er zweifle keine Sekunde daran, dass Frankreich ebenso reagiert hätte, wäre eine französische Gruppe in Israel aktiv geworden, liest man in dem erwähnten Times of Israel-Artikel – eine Formulierung, die eher diplomatische Zurückhaltung als Konfrontationsbereitschaft signalisiert.
- Drittens: Warum wurde die Verbindung zu New York – wo im November 2025 Zohran Mamdani, ein Kandidat mit langjähriger israelkritischer Haltung, das Bürgermeisteramt gewann – von Brillant erwähnt, ohne dass er offenlegte, gegen wen sich die dortige BlackCore-Operation konkret richtete? Diese Lücke lässt Raum für Spekulation in beide Richtungen.
- Viertens: Follow the money … Wer bezahlte dafür? In der EU muss jeder einfache Bankkunde ständig gefühlt tausend Formulare ausfüllen oder Auskünfte geben, aber niemand weiß, wer für diese Aktionen bezahlte?
Was unbeachtet bleibt
Der eigentliche blinde Fleck der bisherigen Berichterstattung liegt darin, dass BlackCore kein Einzelfall, sondern Teil eines etablierten Marktes ist. Seit Psy-Group 2016 der US-Wahlkampagne Trumps eine Rufmordkampagne gegen Hillary Clinton anbot und Black Cube seither mit verdeckten Ermittlern, versteckten Kameras und Honeytrap-Methoden gegen NGOs und politische Gegner in mehreren Ländern vorging, hat sich in Israel eine kommerzielle Nische aus ehemaligem Geheimdienstpersonal etabliert, die politische Einflussnahme als Dienstleistung anbietet. Bereits in diesem Jahr soll Black Cube laut denselben Berichten auch in Zypern und Slowenien in Wahlen eingegriffen haben.
Diese Kontinuität wirft die eigentlich unbequeme Frage auf: Nicht ob eine einzelne Firma fehlverhalten hat, sondern warum ein ganzer Wirtschaftszweig aus privatisierter Wahlbeeinflussung über Jahre hinweg operieren kann, ohne dass ein einziger westlicher Staat daraus regulatorische oder strafrechtliche Konsequenzen gezogen hat. Solange sich die Debatte auf einzelne Firmennamen konzentriert, bleibt die strukturelle Dimension – die Existenz eines florierenden Marktes für digitale Wahlmanipulation mit israelischem Schwerpunkt – im Hintergrund.
Die zwangsläufigen Folgen
Die zunehmenden Veröffentlichungen über Ausschluss von Kandidaten, Hausdurchsuchungen und juristische Verfolgung von unliebsamen Kandidaten, die immer offenere Unterstützung von Kandidaten durch unterschiedliche Organisationen, die immer offenere „Haltung“ von Medien zugunsten und zulasten von politischen Kandidaten lässt die Wähler immer weniger daran glauben, dass „Unsere Demokratie“ auch ihre Demokratie ist.
Bild: Screenshot von Video über Black-Core
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2 Kommentare
Schlag nach bei Cambridge Analytica! Nein, nicht im infantilen Wiki-Artikel! Sondern Im Buch „Targeted: My Inside Story of Cambridge Analytica and How Trump, Brexit and Facebook Broke Democracy“ von Brittany Kaiser. (Drei Jahre bei Cambridge Analytica als Direktorin für Geschäftsentwicklung tätig).
Seit dem 1. Januar 2020 begann Kaiser interne Dokumente von Cambridge Analytica Links zu Material über Wahlen in Brasilien, Kenia und Malaysia zu veröffentlichen. Sie veröffentlichte bisher rund 100 000 E-Mails, Projektpläne und Verhandlungsdokumente, die eine Einflussnahme in 68 Länder auf Wahlen und Politik belegen.
Es ist belegt, dass nach der Insolvenz von Cambridge Analytica eine Vielzahl von Datenanalyseunternehmen entstanden, die das Geschäftsmodell von Cambridge Analytica übernommen haben und krativ ausbauten.
Es gibt bei YT „Cambridge Analytica Uncovered: Secret filming reveals election tricks“, in der in einer Passage der damalige Cambridge Analytica – CEO Nix himself seine schmutzige Gangart einem vermeintlichen Kunden schildert, dass seine Firma u.a. Politiker unter Druck setze, indem sie sie durch Angebote von Bestechungsgeldern oder durch den Einsatz von Prostituierten in kompromittierende Situationen bringen usw.
Nix sitzt nicht im Knast, sondern ist F-i-n-a-n-z-a-n-a-l-y-s-t… – die gehörden ja bekanntlich auch zu den Guten…
Das finde ich ziemlich witzig; Regierungen halten das Maul weil sie alle manipulieren!
Es gibt keine Wahlen ohne Manipulation des Wählers.
Und wer das einmal kapiert hat, geht nie mehr wählen. Davor haben Regierungen selbstverständlich Angst, schließlich legitimieren sie sich über die Wahlbeteiligung. Zumindest, so lange das ganze Spektakel „Unsere Demokratie“ heißt.
Ich distanziere mich von jeder solchen „Demokratie“ – weil es sich bei dieser um nicht mehr als eine Lachnummer handelt, mit vorgegebenen Parteien und „Kandidaten“ in einem kontrollierten Mediengefängnis. Ohne Möglichkeit, aus der ach so geliebten „Demokratie“ heraus zu kommen.
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