Minnesota und Mogadischu: Betrug, Diaspora und Streit um Somaliland

31. Dezember 2025von 4,6 Minuten Lesezeit

Somalia gerät plötzlich in den Fokus der Weltpolitik. In den USA ist eine heftige Kontroverse um die somalische Diaspora ausgebrochen – gleichzeitig erkennt Israel die autonome Region Somaliland an.

Minnesota beherbergt die größte somalische Community in den USA – schätzungsweise 80.000 bis 100.000 Menschen somalischer Herkunft, viele davon US-Bürger. Besonders ab den 1990er Jahren flohen viele Somalier – auch aufgrund US-amerikanischer Bombenangriffe – nach Amerika und Europa. Gegenwärtig eskaliert jedoch eine Debatte, die Integration, Kriminalität und Betrug betrifft. Seit 2018 sollen Teile der somalischen Diaspora Hunderte Millionen, bis Milliarden Dollar aus Sozialprogrammen abgezweigt haben.

Dabei geht es um falsche Abrechnungen bei Mahlzeitenprogrammen (vor allem während der Covid-Pandemie), Autismustherapien, Housing-Stabilization-Programmen und Kindertagesstätten. Bis Dezember 2025 wurden über 90 Personen angeklagt, die Mehrheit somalischer Herkunft, mit Verurteilungen und Schadenssummen in Hunderten Millionen Dollar.

Ein virales YouTube-Video eines Influencers, das leere, aber millionenschwer geförderte Daycare-Centers zeigt, heizte die Debatte an und führte zu einem Bundeseingriff: Das HHS fror Zahlungen ein, FBI und DHS verstärkten Ermittlungen. Präsident Trump nannte Minnesota einen „Hub für betrügerische Geldwäsche“.

Community-Vertreter betonen, dass die Täter eine Minderheit seien und die Mehrheit friedlich lebe. Ilhan Omar, als linksaußen stehende Vertreterin der Demokraten, ist hier eine prominente Stimme.

Dennoch gibt es Vorwürfe zu Gang-Gewalt unter somalischen Jugendlichen und Spekulationen, ob Betrugsgelder indirekt an al-Shabaab flossen. Und hier trifft der innenpolitische Skandal in den USA auf die aktuelle Geopolitik.

Israel sorgte für große Aufregung und diplomatische Verstimmung, weil es die autonome Region Somaliland als erstes Land der Welt anerkannt hat. Al- Shabaab ist der Al-Qaida-Ableger in Somalia. Der türkische Präsident Erdogan verurteilt Israels Anerkennung Somalilands als illegale Handlung, die darauf abzielt, „das gesamte Horn von Afrika“ zu destabilisieren. Die Türkei unterhält ihre größte Auslandsmilitärbasis in Somalia, erst 2025 wurde ein Militärabkommen zwischen Mogadischu und Ankara geschlossen und man baut sogar einen Weltraumbahnhof, der auch für ballistische Raketen dienen könnte.

Dass das Horn von Afrika „destabilisiert“ werden würde, wie es Erdogan behauptet, kann man nur als Witz verstehen. Im Land herrscht seit Jahrzehnten de facto Bürgerkrieg; auch die US-Interventionen seit den 1990er Jahren haben diesen befeuert, bis heute – alleine 2025 flogen die USA über Hundert Luftangriffe. Unter Trump sind die Angriffe eskaliert und richten sich dabei gegen al-Shabaab (al-Qaida-nah) und ISIS-Somalia. 

Dschihadisten wie al-Shabaab und ISIS-Somalia verbreiten Angst und Schrecken. Al-Shabaab kontrolliert Teile des Landes, die Regierung in Mogadischu hat keine Kontrolle über das ganze Land. In der autonomen Region Somaliland haben die Dschihadisten jedoch weit weniger Einfluss, auch gab es keine US-Luftangriffe in dieser Region.

Der Konflikt um Somalia und Somaliland hat demnach mehrere geopolitische Ebenen. Einerseits drückt sich dabei der Konflikt zwischen Israel und der Türkei aus, aber auch der Krieg gegen die Huthis im Jemen – letztlich der Kampf um Einfluss in Westasien (und dazu zählt in diesem Fall auch das Horn von Afrika).

Andererseits geht es auch um den Kampf um Hegemonie in der islamischen Welt. Die Türkei, neben Katar das Zentrum der Muslimbruderschaft, stellt ihren Führungsanspruch immer deutlicher dar – auch durch ihren Einfluss in Somalia. Die Muslimbrüder sind in Somalia ebenfalls aktiv, mit einer eigenen Partei, und stehen in Opposition zu ISIS-Somalia und der Al-Qaida-Gruppe.

Die Vereinigten Arabischen Emirate als weitere islamische Regionalmacht finanzieren seit Langem die Autonomie von Somaliland und unterstützen die Region in ihrem (zuweilen recht erfolgreichen) Kampf gegen islamistische Terrorbanden und gegen die Muslimbrüder, die in den VAE verboten sind.

Anders als in Großbritannien, das als westliche Hochburg (besonders London) der Muslimbruderschaft gilt: Großbritannien fordert die „Souveränität, territoriale Integrität, politische Unabhängigkeit und Einheit Somalias“ – ebenso wie die Türkei. Nun kann man spekulieren, ob diese Position aufgrund des islamischen Einflusses auf die britische Politik begründet ist oder darin, dass Großbritannien als Kolonialmacht die Grenzen des heutigen Somalias wesentlich gezogen hat. Somaliland war britisch kontrolliert, Italien kolonialisierte den Großteil des Rest-Somalia.

Die Regierung in Mogadischu freut sich jedenfalls über die türkische und britische Unterstützung. Der westasiatische Journalist Muhammad Abdi Duale berichtet über eine Kampagne: „Somalia hat eine Gruppe von Social-Media-Influencern organisiert, die öffentlich eine Scheinschlachtung einer Person inszenierten, die Kleidung mit den Flaggen von Somaliland und Israel trug, und dabei erklärten, dass sie ‚Somaliland und Israel abschlachten‘ würden, wobei sie offen antisemitische Sprache verwendeten.“

Ob es Zufall ist, dass beide Ereignisse – der Skandal um die Somalier in den USA und der Streit um Somalia/Somaliland – gleichzeitig auftreten? Normalerweise sollte man das bezweifeln. Man wird in nächster Zeit wohl noch öfter von Somalia hören.

Bild „Somali Restaurant“ by CharlesFred is licensed under CC BY-NC-SA 2.0.

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Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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