Europas wirtschaftliche Selbstsabotage: Der Nexperia-Raub und seine Folgen

23. Oktober 2025von 5,1 Minuten Lesezeit

Unter dem Druck Washingtons hat die Niederlande Nexperia enteignet. Durch die Missachtung von Eigentumsrechten untergräbt Europa seine Glaubwürdigkeit und Attraktivität.

Was gerade in den Niederlanden passiert ist, sollte jeden alarmieren, der noch glaubt, dass Europa ein sicherer, regelbasierter Ort für Geschäfte ist.

Aufgrund eines verstaubten Kriegsgesetzes aus dem Jahr 1952 – dem Goods Availability Act – hat die niederländische Regierung effektiv die Kontrolle über Nexperia übernommen, eines der wenigen florierenden Halbleiterunternehmen Europas. Der chinesische CEO des Unternehmens wurde suspendiert, seine Aktien wurden unter die Verwaltung eines von der Regierung bestellten Treuhänders gestellt, und ein „vorläufiger” Direktor erhielt entscheidende Stimmrechte. Die offizielle Begründung: vage Vorwürfe wegen Versäumnissen in der Unternehmensführung. Der eigentliche Auslöser scheint jedoch der Druck der USA gewesen zu sein.

Laut Gerichtsunterlagen warnte Washington Den Haag im Juni hinter verschlossenen Türen, dass sowohl das Unternehmen als auch seine Muttergesellschaft Wingtech Technology auf die US-Entity-Liste gesetzt würden, wenn die chinesische Führung von Nexperia nicht entfernt würde – ein wirtschaftliches Todesurteil, das sie von globalen Lieferanten abschneiden würde. Die Niederländer reagierten darauf mit der Berufung auf ein Notstandsgesetz aus der Zeit des Kalten Krieges, um die Enteignung zu rechtfertigen.

Eine geopolitische Falle

Die Ironie ist atemberaubend. In dem Versuch, seinen Chipsektor vor geopolitischen Risiken zu schützen, hat die Niederlande gerade selbst eines geschaffen. Peking reagierte umgehend mit einem Verbot von Nexperia in chinesischen Lieferketten – was für einen Chiphersteller wirtschaftlich einem Todesurteil gleichkommt. Europa befindet sich nun zwischen zwei wirtschaftlichen Supermächten: Washingtons Sanktionen auf der einen Seite, Pekings Gegenmaßnahmen auf der anderen. Kopf oder Zahl, man verliert immer.

Dies ist mehr als die Tragödie eines einzelnen Unternehmens – es ist eine selbstverschuldete Verletzung der Glaubwürdigkeit Europas. Nexperia beschäftigt mehr als 10.000 Mitarbeiter in Europa und produziert jährlich über 100 Milliarden Chips. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in den Niederlanden, zahlt europäische Steuern und hält sich an europäisches Recht. Dennoch entschied die niederländische Regierung, dass seine chinesische Eigentümerschaft – die vor Jahren rechtlich genehmigt wurde – es entbehrlich machte.

Der Tod des Vertrauens der Investoren

Viel Glück dabei, nicht-westliche Investoren davon zu überzeugen, jetzt Geld in Europa anzulegen. Wenn eine Regierung Ihre Vermögenswerte über Nacht unter dem fadenscheinigen Vorwand der „nationalen Sicherheit“ beschlagnahmen kann, ist das Investitionsklima ruiniert. Diese Entscheidung schreckt nicht nur chinesisches Kapital ab, sondern auch Investoren aus ganz Asien, dem Nahen Osten und Afrika.

Außerdem untergräbt sie Europas eigene Halbleiterstrategie. Seit Jahren predigt Brüssel „technologische Souveränität“ und „strategische Autonomie“. Doch als es darauf ankam, handelte die Niederlande nicht als souveräner Staat, sondern als Stellvertreter der US-Politik. Anstatt ihre Rechtsordnung und ihre Unternehmen zu verteidigen, gab sie dem Druck aus Washington sofort nach.

Europa hätte eine klare Grenze ziehen können:

„Nexperia ist ein niederländisches Unternehmen nach niederländischem Recht. Das wird auch so bleiben, solange es investiert, Arbeitsplätze schafft und sich an die EU-Vorschriften hält. Wir werden nicht zulassen, dass extraterritoriale US-Sanktionen unsere Politik diktieren.“

Das hätte echte Unabhängigkeit signalisiert. Stattdessen lautete die Botschaft: „Wenn Washington Ihre Nationalität nicht mag, beschlagnahmen wir Ihr Eigentum.“

Ein Muster der Selbstsabotage

Damit hat sich die Niederlande wirtschaftlich selbst ruiniert. Das Land war einst stolz auf seine Rechtsstaatlichkeit, Offenheit und Zuverlässigkeit. Dieser Ruf – sein größter strategischer Vorteil – ist nun ruiniert. Investoren werden sich daran erinnern, genauso wie sie sich an die erzwungene Veräußerung der Newport Wafer Fab von Nexperia durch Großbritannien oder das Einfrieren russischer Gelder durch die EU erinnern. Jede dieser Episoden untergräbt das Image Europas als berechenbares und sicheres Umfeld für Unternehmen.

Die Parallele zum Fall Newport ist auffällig. Im Jahr 2021 erwarb Nexperia – im Besitz von Wingtech – die Newport Wafer Fab in Wales für 63 Millionen Pfund, revitalisierte die angeschlagene Anlage, sicherte Arbeitsplätze und investierte über 80 Millionen Pfund in Modernisierungen. Doch im folgenden Jahr berief sich London auf den National Security and Investment Act und ordnete an, dass Nexperia mindestens 86 Prozent des Werks verkaufen müsse – was einer Enteignung der chinesischen Anteilseigner gleichkam –, obwohl zwei vorherige Sicherheitsüberprüfungen keine neuen Risiken ergeben hatten.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Entscheidung der Niederlande noch rücksichtsloser – eine europäische Wiederholung desselben Drehbuchs.

Echos aus dem Balkan

Nur wenige Tage vor der Beschlagnahmung von Nexperia gab der serbische Präsident Aleksandar Vučić bekannt, dass US-Beamte Serbien hinter verschlossenen Türen vorgeschlagen hatten, Sanktionen durch die Verstaatlichung des teilweise in russischem Besitz befindlichen Ölkonzerns NIS zu vermeiden, wodurch die mehrheitlich russischen Anteilseigner faktisch enteignet worden wären. Belgrad lehnte dies als rechtlich und moralisch inakzeptabel ab. Washington ließ daraufhin die Ausnahmeregelung für NIS auslaufen, wodurch Serbiens wichtigste Raffinerie isoliert und die Rohöllieferungen über das NATO-Mitglied Kroatien unterbunden wurden.

Die Parallele ist auffällig: Serbien – wenn auch viel kleiner – entschied sich zumindest vorerst für Souveränität und Rechtskonsistenz statt für Zwang. Die Niederlande hingegen entschieden sich für Konformität und Chaos.

Europa als Pfand

Europa war einst stolz darauf, für Investoren der stabilste Rechtsraum der Welt zu sein. Jetzt wird es zum Schlachtfeld für die Wirtschaftskriege anderer. Jede Beschlagnahme, Sanktion oder politisch motivierte Einziehung verstärkt den Eindruck, dass westliche Eigentumsrechte nur dann gelten, wenn es die Geopolitik zulässt.

Die Niederlande mögen glauben, dass sie ihre Chip-Versorgung schützen. In Wirklichkeit zerstören sie damit ihre eigene Glaubwürdigkeit. Das Tragische daran ist, dass Europa von dieser Unterwerfung nichts gewinnt – es wird lediglich zum Kollateralschaden im Kampf anderer um technologische Vorherrschaft.

Bild „NXP PNX5230-Chip“ by Ikknmnmnm is licensed under CC BY-SA 4.0.

Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Felix Abt ist ein in Asien lebender Unternehmer, Autor und Reiseblogger. Dieser Text erschien zunächst auf Englisch bei Forum Geopolitica.


 

Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.

Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.


Der „Selenskyj-Fluch“ traf auch Keir Starmer

Hinter der Social Credit-Hysterie: Was China wirklich macht



 

13 Kommentare

  1. Kinesiologie Köhn Potsdam 27. Oktober 2025 um 18:22 Uhr - Antworten

    Die Besatzungsmacht USA erntet, was sie so lang gehegt hat. Die EU ist eine Kolonie der USA.

  2. cwsuisse 24. Oktober 2025 um 9:01 Uhr - Antworten

    Seit Jahren zeigt sich auf nationaler, wie auf EU-Ebene ein Abgleiten in eine zunehmende Rechtslosigkeit. Inzwischen hat die EU den Zustände einer „Bananenrepublik“ erreicht. Ich beobachte mit einer gewissen Schadenfreude, dass sich das regelwidrige und amoralische Verhalten europäischer Politiker und Richter durch ein Abgleiten in einen beispiellosen wirtschaftlichen Niedergang rächt.

  3. Fritz Madersbacher 23. Oktober 2025 um 21:22 Uhr - Antworten

    „Laut Gerichtsunterlagen warnte Washington Den Haag im Juni hinter verschlossenen Türen, dass sowohl das Unternehmen als auch seine Muttergesellschaft Wingtech Technology auf die US-Entity-Liste gesetzt würden, wenn die chinesische Führung von Nexperia nicht entfernt würde – ein wirtschaftliches Todesurteil, das sie von globalen Lieferanten abschneiden würde. Die Niederländer reagierten darauf mit der Berufung auf ein Notstandsgesetz aus der Zeit des Kalten Krieges, um die Enteignung zu rechtfertigen“

    Den westlichen Herrenmenschen ergeht es nun mit ihre Drohungen und Sanktionen so, wie es Niccolò Machiavelli im frühen 15. Jahrhundert beschrieben hat:

    „Es ist unmöglich, einen Mann, dem durch seine Art zu verfahren viel geglückt ist, zu überzeugen, er könne gut daran tun, anders zu verfahren. Daher kommt es, daß das Glück eines Mannes wechselt, denn die Zeiten wechseln, er aber wechselt nicht sein Verfahren. Auch der Untergang von Staaten kommt daher, dass sie ihre Einrichtungen nicht mit den Zeitnotwendigkeiten ändern“
    (Niccolò Machiavelli, Discorsi, III. Buch, 9. Kapitel)

    Die westliche Hegemonie geht unter, die westlichen Machthaber finden kein Rezept zum Umgang damit und machen weiter wie gewohnt, bis zum bitteren Ende ….

  4. Hausmann_Alexander 23. Oktober 2025 um 14:03 Uhr - Antworten

    Aus dem obigen Text:

    „ Die Niederländer reagierten darauf mit der Berufung auf ein Notstandsgesetz aus der Zeit des Kalten Krieges, um die Enteignung zu rechtfertigen.“

    Ist die niederländische Regierung
    selbst auf diesen Paragrafen gestoßen oder wurde sie „nett“ darauf hingewiesen?

  5. wolfferth 23. Oktober 2025 um 13:47 Uhr - Antworten

    Wer ist eigentlich für den Teletext bei servusTV verantwortlich, denn dort hat man vor ein paar Tagen noch EU-phorisch berichtet die Niederlande hätten das Werk eines chinesischen Konzerns übernommen, wegen Schlüsseltechnologie. Gestern großes Gejammer im deutschen TV weil die KFZ-Industrie stillsteht. Soll man lachen oder weinen?

    • cwsuisse 24. Oktober 2025 um 9:05 Uhr - Antworten

      Die deutschsprachigen TV-Medien haben verschwiegen, dass die holländischen Enteignungsmaßnahmen ursächlich für das chinesische Lieferverbot waren. Das entspricht der langen Praxis der Lügenmedien, dem Publikum die negativen Konsequenzen des US-Handelskrieges gegen China zu verschweigen.

  6. Glass Steagall Act 23. Oktober 2025 um 13:08 Uhr - Antworten

    An diesem und weiteren Beispielen zeigt sich, dass Europa für die Interessen der USA geopfert werden soll!
    450 Mio. Europäer sollen 300 Mio. Amerikaner vor dem vorzeitigen Untergang bewahren, indem die Europäer als Sanktionsdruckmittel gegen Russland eingesetzt werden, als Kriegs-Sklaven gegen Russland, als Zahlsklaven für überteuerte amerikanische Energien, als Kaufsklaven für amerikanische Rüstung, als Opfer und Druckmittel gegen chinesische Unternehmen, als Zahlsklaven für den Wiederaufbau in der Ukraine und dem Gaza-Streifen, als Informations-Sklaven für amerikanische Überwachungssoftware usw. usw.

    Wie lange wollen wir dieses Spiel noch mitmachen?

    • Sabine Schoenfelder 23. Oktober 2025 um 13:27 Uhr - Antworten

      Nicht so einseitig. Auch die Chinesen kaufen fleißig ein….Europa wird aufgeteilt….
      Selbst in der Umraine sind die Chinesen dabei…..und in Afrika….gerne zusammen mit Billy-Boy……..and all over the world..👉 China towns…..und Chinesen-Läden mit Billigprodukten. Auch eine Art Invasion.
      Sie sind unauffälliger als Muslime. Europa ist ein sterbender Kontinent, wenn nicht bald eine Wende zur Vernunft und Identität einsetzt.

    • hermine 23. Oktober 2025 um 23:24 Uhr - Antworten

      solang wir nichts tun,müssen wir es ewig mitmachen.also etwas tun und wenn es für die afd broschüren austragen ist.
      das deutsche depressive kopf in sand gibts anders wo nicht. wir haben im persönlichen umfeld zu starten
      geografisch gemeint, die guten alten freunde aus der schule , verwandte und nachbarn haben ihre festgefahrenen meinungen, sie sind als fernsehzuschauer für nicht viel geeignet. auch soll man sich schonen.

    • cwsuisse 24. Oktober 2025 um 9:09 Uhr - Antworten

      Die Unterordnung Europas unter die politischen und wirtschaftlichen Interessen der USA hat bereits zu schwersten und m.E. irreversiblen Schäden geführt. Die Amerikaner haben die europäische Presse gekauft, deshalb ist der Erkenntnisstand des Wahlvolkes ungenügend. Ein Mittel dagegen sehe ich nicht. Erst der komplette wirtschaftliche Kollaps kann eine Wende bringen.

  7. Sabine Schoenfelder 23. Oktober 2025 um 12:16 Uhr - Antworten

    Europa degradiert sich selbst zur Wirtschaftsmasse für Global Player. Warum gehören wichtige Häfen Europas, wie Barcelona oder Piräus CHINA ? Warum unterwerfen sich viele europäischen Staaten der Wirtschaftsknute Amerikas ?
    Wir finanzieren Kriege, die uns nicht betreffen mit Waffen, die Amerika bereichern und uns in Abhängigkeiten führen…..Nationalstolz, Freiheit und Selbstbestimmung sind mittlerweile Schimpfwörter. In Europa herrscht die komplette Verblödung und die Medien berichten stolz darüber…😂 Vernunft und Intelligenz sind schwer verpönt. Demnächst gilt wieder Pol Pot. Brillenträger gelten als verdächtig….zu intellektuelll….😎

    • hermine 23. Oktober 2025 um 23:01 Uhr - Antworten

      weil chinesen besser und billiger arbeiten und detailorientiert sind. alle eu häfen haben mehr oder weniger eine grosse china beteiligung.

    • hermine 23. Oktober 2025 um 23:17 Uhr - Antworten

      es ist eine entwicklung, die schleichend geht, das volk ist gesteuert zur verdummung,
      die politiker sind charakterlose lügner, aber auch sehr inkompetente parteidiener.
      diese herangezüchtete generation hat seit 68 das falsche gelernt und getan.
      natürlich ist die ausländische propaganda schwierig zu erkennen und der feind kommt
      eben lächeld als freund daher.
      die gehirnwäsche der sieger nach ww 2 wurde sehr effectif von den erben von petra kelly
      durchgesetzt. die zicke hat mit einem startgeld von 250.000 $ ,von rockefeller gewünscht,
      zunächst die “ atomkraft nein danke“ bewegung eingefädelt. und dann grün mit mehr geld
      aus usa und schon gings bergab. merkel hat alle in tiefschlaf versetzt, eine gute lügnerin.
      gute nacht

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Aktuelle Beiträge