
Bulgariens Euro-Beitritt unter Beschuss – Kritik überwiegt
Trotz der Zustimmung der EU-Kommission und der EZB zur Einführung des Euro zum 1. Januar 2026 bleibt die Stimmung in Bulgarien eher skeptisch. Laut aktuellen Umfragen sind über 54 % der Bevölkerung gegen die Währungsumstellung, während nur etwa ein Drittel dafür ist.
Zunächst die wirtschaftliche Vorgeschichte: Seit 2020 nimmt Bulgarien am Wechselkursmechanismus ERM teil und steht unter Aufsicht der EZB. Das Land erfüllt drei der vier Maastricht-Kriterien:
–> Staatsverschuldung liegt unter 60 % des BIP (tatsächlich bei rund 20 %),
–> Haushaltsdefizit unter 3 % des BIP,
–> stabile Wechselkurse und langfristig angeglichene Zinssätze.
Die Inflation allerdings liegt in Bulgarien über dem Zielwert von 2,53 %.
Der umstrittene Ministerpräsident Rosen Scheljaskow von der GERB jubelt über die bevorstehende Einführung des Euro und verspricht wirtschaftliche Stabilität. Doch die öffentlichen Gegenstimmen mehren sich – angetrieben durch Sorgen über Preissteigerungen, Verlust an Souveränität und staatliche Kontrolle.
Ivelin Mihaylov (Velichie): Euro mit Lüge eingeführt
Der Gründer und Vorsitzende der unabhängigen Bürgerrechtspartei Velichie, Ivelin Mihaylov, stellt den gesamten Prozess in Frage. Er kritisiert:
- „Der Euro wurde mit einer Lüge eingeführt, und Lügen führen nie zu etwas Gutem.“ Damit distanziert sich Velichie klar von der Art und Weise, wie die Entscheidung getroffen wurde.
- Zudem konstatiert er: „Alle Bulgaren wissen, dass wir die Kriterien nicht erfüllen.“ Er wirft der EU vor, inflationäre Daten künstlich zu glätten und Berichte manipuliert zu haben.
- Und weiter: „Die EU wendet sich blind der Mafia zu, die Bulgarien besetzt hat.“ Er kritisiert mangelnde Transparenz bei Geldausschüttungen der EU und EU-Institutionen an Projekte in Bulgarien.
Mihaylovs Standpunkte in knappen Worten: Der Euro-Beitritt sei kein Fortschritt, sondern ein politisch motivierter Akt, ausgeführt auf Kosten der Transparenz und des Volkswillens. Dies gelte umso mehr als die bulgarische Regierung trotz eines Volksbegehrens mit 604.000 Unterschriften und trotz Aufforderung des Präsidenten Rumen Radev, das Volk abstimmen zu lassen, die Abhaltung einer Volksabstimmung über die Euro-Einführung konsequent verweigert.
Der Vergleich mit anderen Ländern spricht gegen den Euro
Ein Argument der Euro-Fans lautet: Der Euro bringe keine bedeutenden Änderungen, da Bulgarien schon lange an den Euro gekoppelt ist — zuletzt durch das Währungssystem nach der Inflation 1998. Seit 2020 gibt es faktisch eine ökonomische Anbindung an die Eurozone
Vergleiche zwischen Bulgarien und Rumänien lassen den Schluss zu: Bulgarien hat durch die Währungsbindung wirtschaftliche Fortschritte verpasst — etwa bei BIP-Pro-Kopf-Wachstum, Lohnentwicklung, Unternehmensverschuldung, Beschäftigung und Armutsrisiko.
Eurokritische Stimmen führen zudem das Negativbeispiel Kroatien an, das 2023 dem Euro beigetreten ist und einen Ausblick in die Zukunft Bulgariens ermögliche: ein erschütterndes Bild von wirtschaftlicher Stagnation, Reallohnverlusten und überdurchschnittlicher Inflation (z. B. in Kroatien 4,5 % Ende 2024).
Länder wie Polen, Tschechien oder Ungarn beweisen, dass der Euro nicht alternativlos ist und dass auch mit flexibler Währung und weniger enger Integration wirtschaftliche Entwicklung möglich bleibt. Kritiker des Euro und der EU als Ganzes fügen dem hinzu, der Brexit habe anschaulich gemacht, dass „differenzierte Integration“ sinnvoll ist und ergänzen dies um die Forderung, EU-Mitgliedstaaten sollten flexibler an Beitrittsbedingungen herangehen können.
Schließlich betonen die Kritikerinnen und Kritiker der Euro-Einführung, dass es sich dabei um eine Einbahnstraße handle, aus der kein Weg zurück führe, wie man am Beispiel Griechenlands sehe, das trotz Rückzahlung von IWF-Darlehen und über 80 Mrd. € Tilgung immer noch hochproblematische Schulden (ca. 413 Mrd. €) hat und trotz Verzichts und Sparmaßnahmen keine Anzeichen von Industrialisierung oder Exportwertschöpfung zeigt.
Konkrete Sorgen der Bevölkerung
Die Lebenshaltungskosten in Bulgarien sind zwar hoch, gehören aber weiterhin zu den niedrigsten in der EU. Mit dem Euro könnten Preise kurzfristig deutlich steigen — nicht zuletzt durch die dominierende Stellung großer Lebensmitteleinzelhändler. Der harmonisierte Verbraucherindex (HICP) zeigt bereits einen höheren Stand in Bulgarien als in Kroatien und im EU-Durchschnitt.
Der bereits überhitzte Immobilienmarkt in Bulgarien könnte durch zusätzlichen Kapitalzufluss — auch aus dem kriminellen Bereich — noch weiter unter Druck geraten. Und gefährliche Finanzprodukte könnten über die Banken ins Land gelangen, die weniger Eigenkapitalanforderungen haben.
Hinzu kommt: In Bulgarien fehlen starke Gewerkschaften. Arbeiterinnen und Arbeiter profitieren nicht von möglichen Investitionen, sondern sind gezwungen, Überstunden zu machen, mehrere Jobs anzunehmen oder auszuwandern — was wiederum die Inflation antreibt.
Politische Auswirkungen auf lange Sicht
Falls nicht der extrem unwahrscheinliche Fall eintritt, dass die Euro-Einführung positive oder wenigstens keine Auswirkungen auf die Kaufkraft der bulgarischen Wählerinnen und Wähler hat, ist absehbar, dass die Art und Weise, wie der Euro ohne Mitspracherecht der Bevölkerung dem Land aufgezwungen wird, zu weiterer Abwanderung von Wählerstimmen an Euro- und EU-kritische Parteien verursachen wird. Je weniger die Bulgarinnen und Bulgaren in ihren Geldbörsen haben, umso weniger werden sie jener Regierung ihre Stimme geben, die dies verschuldet hat.
Der Mangel an politischem Diskurs ist alarmierend: Bulgarien steht vor der Frage, ob es sein Schicksal frei entscheidet oder den dominierenden neoliberalen und marktorientierten Kräften kampflos überlässt. Die Linke müsste sich erheben, um Arbeiter- und Volksinteressen gegen Geschäftsinteressen und politische Apathie zu verteidigen. Da sie dies nicht tut, werden Bürgerrechtsparteien wie Velichie weiter stetigen Zustrom erhalten und eines Tages das Land regieren. Mittelfristig ist dies ein vorgezeichneter Weg zum Austritt Bulgariens aus der EU.
Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
Mag. Alexander Ehrlich ist Unternehmer und Politaktivist. Er berichtet auf https://t.me/ehrlichalexander laufend über internationale Entwicklungen der Außerparlamentarischen Opposition vieler Länder und ist aktuell der Hauptorganisator des ersten „Forum Demopoly“, einer Oppositionskonferenz im „unbeugsamen bulgarischen Dorf'“ (siehe https://tkp.at/2025/07/23/das-unbeugsame-dorf-in-bulgarien/).
Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.
Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.
Das unbeugsame Dorf in Bulgarien
Bulgarien könnte die Eurozone sprengen – Beitritt schadet allen EU-Ländern
Bulgariens Sterbe-Statistik und die Wahrheit über Covid
Riesenskandal in Bulgarien: Leyen mittendrin
Bulgarien wird keine Ausnahme sein. Die Preise werden deutlich ansteigen und die ärmeren Bevölkerungsschichten zahlen die Zeche, während der Staat das Land mit Hilfe von zinsgünstigen EU-Krediten neu asphaltiert.
Leider ist beim Sozialismus dieser westlichen Art keine Rede von Sozial, er ist einfach unsozial. Die Preise für essentielle Waren waren in der DDR nach meinen Erinnerungen niedrig bis sehr niedrig und stabil,, hier steigen sie ständig. Es ist hier ein anderer Sozialismuseiner, der sich dadurch ausdrückt, das es kein Mitspacherecht der Bevölkerung gibt Parlamente und gut bezahlte Abgeordnete entscheiden. Das muss weg!