
Vertrag im Ausnahmezustand: Eine weitere Erosion der Rüstungskontrolle
Die sichtbare Abstellung russischer Bomber war ein Versuch, die Verifikationsanforderungen des New START-Vertrags zu erfüllen, doch die ukrainischen Drohnenangriffe haben sie zu einem Sicherheitsrisiko gemacht.
Russlands Aussetzung des Vertrags 2023, Trumps ambivalente Friedensrhetorik, die Rolle von CIA und MI6 sowie Deutschlands verstärkte Unterstützung der Ukraine zeichnen ein Bild wachsender Instabilität. Die Weltordnung scheint in einen dauerhaften Kampfmodus zu verfallen, fernab der friedlichen Koexistenz, die viele Gesellschaften anstreben. Ohne diplomatische Durchbrüche droht eine weitere Erosion der Rüstungskontrolle – mit unvorhersehbaren Folgen.
Es war als Vertrauensgeste gedacht – nun gilt es als sicherheitspolitisches Eigentor. Die sichtbare Abstellung russischer strategischer Bomber, darunter Tu-95MS und Tu-160, auf offen einsehbaren Luftwaffenstützpunkten entsprach Artikel IV des New START-Vertrags. Sie ermöglichte amerikanischen Satelliten die Überprüfung russischer Rüstungsehrlichkeit. Doch diese Transparenz ist zur Zielscheibe geworden: Die Ukraine schlug mit Präzision zu – mitten ins Herz der russischen Nukleartriade.
Mit der „Operation Spinnennetz“ filmte Kiew nicht nur den eigenen Triumph, sondern auch Moskaus Demütigung: Zerstörte oder beschädigte Flugzeuge, darunter seltene A-50-Frühwarnflugzeuge – das Rückgrat russischer Luftaufklärung. Russland hatte sich an die Regeln gehalten. Der Westen schwieg. Die Eskalationsspirale nahm Fahrt auf.
- Schubert, Dr. Dr. Christian(Autor)
Die Bilder, auf ukrainischen Regierungsaccounts verbreitet, zeigen aus der First-Person-Perspektive, wie die Drohnen gezielt auf die Flügelstrukturen der Tu-95MS und Tu-160 zusteuern – sichtbar aufgestellt, frei zugänglich, ohne jegliche Tarnung. Genau das war bislang Pflicht. Denn der New START-Vertrag schreibt vor, dass strategische Bomber auf bestimmten Luftwaffenstützpunkten sichtbar stationiert werden müssen. So heißt es in: Artikel IV, Absatz 3: „Each Party shall locate heavy bombers only at air bases specified in the database provided for in this Treaty […]“ („Jede Partei soll schwere Bomber nur auf Luftwaffenstützpunkten stationieren, die in der gemäß diesem Vertrag vorgesehenen Datenbank angegeben sind […]“) Das Ziel ist: Transparenz schaffen, gegenseitige Überprüfbarkeit ermöglichen, Vertrauen aufbauen.
Sichtbarkeit nicht nur symbolisch
Dazu gehört auch: Annex on Inspection Activities, Part II, Section III, Paragraph 1: „Each Party shall ensure that heavy bombers […] are not covered by any material that would prevent observation by national technical means […]“ („Jede Partei soll sicherstellen, dass schwere Bomber […] nicht mit Material abgedeckt sind, das die Beobachtung durch nationale technische Mittel verhindern würde.“)
Diese Regel wurde zum Bumerang. Die sichtbare Aufstellung, gedacht als vertrauensbildende Maßnahme, wurde zur Einladung für Drohnen. Die strategische Sichtbarkeit russischer Bomber ist nicht nur symbolisch. Sie ist – oder war – integraler Bestandteil eines ausgeklügelten Systems gegenseitiger Kontrolle.
Das Protokoll zum Vertrag beschreibt Teil V, Abschnitt VI, Paragraph 1: „Each heavy bomber shall have a unique identifier, which shall be inscribed on the tail or other clearly identifiable part […]“ („Jeder schwere Bomber soll einen eindeutigen Identifikator haben, der am Heck oder einem anderen deutlich erkennbaren Teil angebracht ist […]“) Annex on Inspection Activities, Part II, Section II, Paragraph 2: „Inspectors shall have the right to confirm the number of nuclear armaments deployed on heavy bombers […]“ („Inspektoren haben das Recht, die Anzahl der auf schweren Bombern eingesetzten nuklearen Bewaffnungen zu bestätigen […]“)
Doch seit Russland im Februar 2023 seine Teilnahme am Vertrag aussetzte – begründet mit westlichen Inspektionsverweigerungen und Sanktionen –, war dieses Vertrauen ohnehin angeschlagen. Moskau versprach zwar, die zahlenmäßigen Obergrenzen weiter einzuhalten, stellte aber alle Kontrollmechanismen ein.
Die Washington Post sprach jüngst von einer „Todesspirale der Entfremdung“. Nun könnte Russland reagieren, indem es Bomber versteckt oder gar verlegt – was die letzten Reste des Vertrags aushebelt. Und damit wird ein zentrales Element des New START-Vertrags hinfällig: Protokoll, Teil III, Abschnitt II, Paragraph 1: „Each Party shall provide […] notifications concerning the movement of heavy bombers to and from air bases […]“ („Jede Partei soll […] Benachrichtigungen über die Verlegung schwerer Bomber […] übermitteln“). Solche Notifikationen ergeben nur Sinn, wenn Sichtbarkeit und Vertrauen vorhanden sind. Beides ist nun Vergangenheit.
Drohnen Ergebnisse jahrelanger NATO-Integration?
Der New START-Vertrag, 2010 unterzeichnet, begrenzt die Zahl strategischer Sprengköpfe auf 1.550 pro Seite. Sichtbarkeit, Kontrolle und Vorhersehbarkeit sind seine Pfeiler. Satellitendaten, Inspektionen, Notifikationen – all das soll verhindern, dass Misstrauen in einen nuklearen Kurzschluss mündet.
Doch seit Russlands Aussetzung seiner Teilnahme am Vertrag im Februar 2023, begründet mit westlichen Sanktionen und Blockaden, ist das Fundament der nuklearen Stabilität brüchig. Und doch: Russland hielt sich an wesentliche Vorgaben – auch aus eigenem Interesse. Der Verzicht auf Tarnung der Bomber war kein Akt der Naivität, sondern Teil einer strategischen Kommunikation: „Wir haben nichts zu verbergen – aber viel zu verlieren. Russische Kommentatoren sprachen von „Terror“, westliche Medien von „Taktik“.
Die USA, offiziell unbeteiligt, verfügen über eine andere Lesart. Der frühere Sicherheitsberater Keith Kellogg sprach in Fox News von einem gefährlichen Spiel: „Wer die Triade des Gegners trifft, riskiert das Undenkbare.“ Die CIA? Der britische MI6? Die New York Times hatte bereits 2024 berichtet, dass beide Dienste die ukrainische Aufklärung nach 2014 maßgeblich aufgebaut haben. Die Drohnen könnten also das Ergebnis jahrelanger NATO-Integration gewesen sein – nicht nur taktisch, sondern auch strukturell.
Donald Trump betont seinen Wunsch nach Frieden, doch seine Pläne bleiben vage. In einem 75-minütigen Telefonat mit Putin am 4. Juni 2025, berichtet von ZEIT ONLINE, ging es um ukrainische Drohnenangriffe. Der Kreml bestätigte das Gespräch als „positiv und produktiv“. Putin betonte, dass jede Kampfpause der Ukraine lediglich zur Wiederaufrüstung diene. Trumps Dilemma: Er will vermitteln – aber weder die Kontrolle über Selenskyj noch über seine eigenen Sicherheitsapparate. In den Augen seiner Anhänger sabotieren Geheimdienste den Präsidenten. Ist das wirklich nur ein Deep State-Narrativ? Im Ringen um strategische Stabilität bleibt die Realität unerbittlich: Ohne Kontrolle über Drohnen, Daten und Diplomatie ist selbst ein US-Präsident machtlos.
Bundeskanzler Friedrich Merz sieht in der Ukraine-Politik seine historische Mission – koste es, was es wolle. 5 Milliarden Euro für Langstreckenwaffen, Produktion auf deutschem Boden, zudem die Finanzierung von Starlink-Diensten – Deutschland ist vom Zögerer zum Initiator geworden. Doch in welcher Strategie? Während Frankreich und Großbritannien die Angriffe still beklatschen, während Merz Kurs der moralischen Selbstaufopferung fährt – getarnt als Bündnistreue.
Ukrainian Military berichtete Ende Mai 2025, dass die Ukraine vollständig in das digitale Kommando- und Kontrollsystem der NATO integriert wurde. Damit ist Echtzeit-Datenaustausch zwischen ukrainischen Piloten und westlichen Systemen wie F-16 und Patriot Realität. Der Schritt macht die NATO zur Mitakteurin – nicht mehr zur Unterstützerin.
Notwendigen Reaktion auf die Zerstörung
Der Krieg ist längst hybrider als das Vokabular der Diplomatie. Wenn Russland nun Bomber versteckt, verliert der New START-Vertrag seinen Sinn. Ohne sichtbare Trägersysteme verliert das Abkommen seine Glaubwürdigkeit. Abrüstung wird zur Fiktion.
Die nukleare Abrüstung ist in eine kritische Phase eingetreten. Was als System gegenseitiger Rückversicherung konzipiert war, droht zum Sicherheitsrisiko zu werden. Bomber, die nicht sichtbar sind, können nicht verifiziert werden. Staaten, die sich nicht mehr an Regeln halten (weil andere sie ausnutzen), fallen zurück in das Denken des Kalten Krieges. Nur ohne heiße Drähte.
Der Westen verteidigt das Recht, Russland zu demütigen. Russland sieht darin eine Existenzbedrohung. Putin fragt berechtigt: „Wie verhandeln mit jenen, die auf Terror setzen?“ Die Bomben sind sichtbar. Wenn Bomber nicht mehr sichtbar sein dürfen, stirbt der Vertrag – und mit ihm ein Stück Hoffnung. Der nächste Angriff wird nicht mehr angekündigt, die nächste Verhandlung nicht mehr geführt. Dann ist die Welt nicht mehr im Modus der Koexistenz. Dann ist sie im Kampfmodus. Dauerhaft.
Putin sprach am 4.Juni von einer „notwendigen Reaktion auf die Zerstörung strategischer Bomber“. Der russische Präsident machte gegenüber Donald Trump klar, dass Russland sich diesen Angriff auf das Rückgrat seiner nuklearen Abschreckung „nicht gefallen lassen kann“.
Putins Aussagen markieren eine Zäsur. Nie zuvor seit Kriegsbeginn hat der Kreml so offen mit Vergeltung für Angriffe auf seine nukleare Infrastruktur gedroht. Die neue Dimension des Trump-Putin-Gesprächs zeigt: Es wird noch gesprochen – aber nicht mehr verhandelt. Wenn Russland aus Angst vor Sabotage seine strategischen Systeme verbirgt, wird das Fundament des New START-Vertrags ausgehöhlt. Und wenn Washingtons Präsident nicht weiß, was Kiew plant, verliert der Westen jede Glaubwürdigkeit als geeinte Friedensmacht.
Quellen und Anmerkungen:
1.) www.state.gov/new-start-treaty
2.) www.eurasiantimes.com/did-a-2010-treaty-help-ukraine-in-targeting-russian-bombers/
4.) www.axios.com/2025/06/02/trump-ukraine-drone-operation-maga
5.) www.zeit.de/politik/ausland/ukraine-krieg-news-liveblog
6.) www.sueddeutsche.de/politik/putin-feuerpause-kiew-skepsis-friedensverhandlungen-li.3243438
7.) www.sueddeutsche.de/politik/franziskus-trump-putin-li.3242575?reduced=true
8.) www.nytimes.com/2025/05/21/world/americas/russia-brazil-spies-deep-cover.html?searchResultPosition=1
11.) en.ukrmilitary.com/2025/05/ukraine-integrates-into-natos-digital.html
14.) www.washingtonpost.com/national-security/2025/06/04/ukraine-drone-strike-asymmetric-future-warfare/
15.) www.kyivpost.com/opinion/53927
16.) bachheimer.com/geopolitik-konflikte-und-krieg
17.) x.com/MilitaerNews/status/1930322596400181355
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Sabiene Jahn ist freie Journalistin
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Die Briten sind (in meinem Empfinden) mittlerweile ein weltweites Sicherheitsrisiko für den Weltfrieden. Dieses Land ist zwar klein aber deren Tiefer Staat umso bösartiger. Die Anstiftung und die erzwungene Fortsetzung des Ukrainekonfliktes (Johnson 2022) geht nachweislich von den Briten aus. Der Russland-Hass ist in den dortigen Sicherheitskreisen dermaßen groß, dass von dort dauerhaft Sticheleien und verdeckte Aggressionen gestartet werden. Das ist der britischen Bevölkerung nicht bewusst. Wie auch, wenn Murdochs Medienimperium den Menschen das Gehirn wäscht. Das Ziel ist es, Druck auf Russland auszuüben. Einen ständigen Konflikt aufrecht zu halten und damit innenpolitisch die Möglichkeit einer Farbrevolutionen zu erhöhen.
Sie meinen sich hinter Europa verstecken zu können. Dabei bringen sie Deutschland, Polen und deren kläffende Schoßhündchen – das Baltikum in große Gefahr. Das scheint den Briten aber egal zu sein. Und unseren Politikern scheint es noch nicht aufgegangen zu sein. Wir sind deren (neue) Ukraine. Die Bauern in deren Spiel.
Russlands Gegenschlag wird so lappig, dass die Hühner in jedem deutschen Stalle lachen.
Das Ziel der NATO Staaten scheint es zu sein, maximal (versteckt) zu eskalieren und (am besten) massive Gegenreaktion zu erzwingen. Diese werden dann von den NATO Propagandaabteilungen entsprechend koordiniert eingeordnet und die Menschen für Aufrüstung und Militäraktionen vorbereitet. Ich bemerke dies in meinem eigenen Familien- und Freudeskreis, was mich traurig und wütend zugleich macht. Russland ist sich dessen bewusst und muss einen Spagat zwischen „Stärke gegenüber dem Gegner zeigen“ und „die Verbündeten nicht verschrecken“ und „Innenpolitisch den Druck ablassen“ finden.
Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass der „Westen“ an einer diplomatischen Lösung interessiert ist. Kann es ja auch nicht. Denn das Ziel ist es von Anfang an, Russland so unter Druck zu setzen, dass es dort innenpolitisch zu einem Regierungswechsel kommt. Am besten mit Gewaltanwendung und einer revolutionären Stimmung. Das wäre für den „Westen“ der ideale Nährboden für die Installation eigener Kräfte. Sobald Russlands natürliche Ressourcen unter Kontrolle gebracht wurden, kann man sich dem endgültigen „Gegner“ – China – zuwenden.
Ich kann natürlich auch daneben liegen. Es sind halt meine Schlussfolgerungen, die sich aus einer umfangreichen Quellensammlung speisen.
Ein Regierungswechsel in Russland wäre das Verheerenste, was dem Westen, speziell den Europäern, passieren würde. Wir können uns mit Putin an der Spitze Russlands glücklich schätzen, so einen geduldigen und bedachten Präsidenten dieses Landes zu haben – mit jeder anderen Führungsperson in Russland wären wir mittlerweile im 3WK gelandet – wobei, beobachtet man einmal alle Konflikte weltweit, befinden wir uns schon im 3WK.
Bomber sind eh nur noch fliegende LKWs, die Marschflugkörper zu den Abschusspositionen befördern – in konventionellen regionalen Kriegen. Sonst sind sie zu leicht zu zerstören – die Reise geht in die Richtung der Hyperschallraketen.
Wie ich las, es gibt keine bestätigte Schäden an den A50 oder den neueren Tu160 – nur 6-7 oder eventuell 11 uralte Tu95 und Tu22.
Solange der Krieg tobt, sollten die Russen natürlich alles schützen, was man nur schützen kann – die Banderas brüten bestimmt bereits weitere Aktionen.