Kaschmir-Konflikt entschlüsselt: Zehn Punkte zur indisch-pakistanischen Eskalation

7. Mai 2025von 4,2 Minuten Lesezeit

Der Kaschmir-Konflikt treibt die Spannungen zwischen Indien und Pakistan auf einen neuen Höhepunkt, doch die Hintergründe sind komplexer, als es die Narrative mancher Aktivisten vermitteln. Zehn Punkte bieten eine Orientierung um die Dynamiken hinter der Eskalation besser zu verstehen.

Indien führte am Mittwochmorgen mehrere gezielte Militärschläge gegen Pakistan durch, im Rahmen der „Operation Sindoor“. Diese ist eine Reaktion auf den Terroranschlag in Pahalgam im letzten Monat, bei dem mutmaßlich mit Pakistan verbundene Täter über zwei Dutzend hinduistische Touristen aufgrund ihres Glaubens töteten. Angesichts der Flut an Informationen, die von beiden Seiten verbreitet wird, und der dadurch eskalierenden Spannungen, hier zehn Punkte, die Beobachter im Kopf behalten sollten:

  • Der britische Einfluss ist Geschichte
    Die unvollkommene Teilung des indischen Subkontinents in Hindus und Muslime wurde von den Briten gebilligt. Doch die Wurzeln liegen in der Spaltung einiger muslimischer Unabhängigkeitsaktivisten von ihren hinduistischen Mitstreitern Jahrzehnte zuvor. Die Briten nutzten dies für eine koloniale „Teile-und-Herrsche“-Strategie, haben aber heute kaum noch Einfluss auf Pakistan, das mittlerweile eigenständiger agiert.
  • Pakistans Ansprüche haben strategische, religiöse und politische Gründe
    Pakistans Forderung nach ganz Kaschmir basiert auf der wasserwirtschaftlichen Bedeutung der Region, ihrer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung und dem Interesse des Militärs, die Nation hinter sich zu vereinen. Aktivisten lenken oft auf demokratische und humanitäre Aspekte ab, um weltweit Unterstützung für Pakistans Position zu gewinnen und Druck auf Indien auszuüben.
  • Die pro-palästinensische Bewegung unterstützt Pakistan
    Die organisierte pro-palästinensische Bewegung steht weitgehend hinter Pakistan, teils wegen ähnlicher Botschaften, teils aus religiöser Solidarität – was jedoch selten zugegeben wird, um die Glaubwürdigkeit nicht zu gefährden. Beobachter sollten daher mit mehr pro-pakistanischem und Indien kritisierendem Content von pro-palästinensischen Aktivisten rechnen, die Indien oft als „Zionisten-Marionette“ darstellen.
  • Israel ist irrelevant für diesen Konflikt
    Die pro-palästinensische Bewegung und könnte die unbegründete Behauptung verstärken, Israel steuere Indien. Doch Indiens Nähe zu Israel bedeutet nicht, dass Israel es kontrolliert – genauso wenig wie Russland, das noch engere und längere Beziehungen zu Israel hat.
  • Auch BRICS ist für diesen Konflikt unerheblich
    Viele oppositionelle Aktivisten sind von BRICS besessen und könnten behaupten, die Spannungen sollten BRICS sabotieren. Tatsächlich ist BRICS jedoch kein Block, sondern nur ein Diskussionsforum für ökonomische Multipolität, dass keine Rolle in diesem Konflikt spielt, der von nationalen Interessen beider Seiten getrieben wird.
  • Indien und Pakistan werfen sich gegenseitig Terrorismus vor
    Pakistan beschuldigte Indien, hinter dem Terroranschlag auf den Jaffar Express im März zu stecken, doch anders als Indien, das nun militärisch gegen Pakistan vorging, reagierte Pakistan nicht kinetisch. Dies könnte bedeuten, dass Pakistan die Vorwürfe aus innenpolitischen Gründen erhob oder nicht die militärische Stärke für Vergeltung hat.
  • Vergleich mit den iranisch-pakistanischen Aktionen 2024
    Im Januar 2024 führten Iran und Pakistan gegenseitige Angriffe gegen mutmaßliche Terroristen durch, lösten ihre Differenzen aber später. Obwohl die Terroranschläge in Pakistans Belutschistan zunahmen, gibt Pakistan Iran nicht mehr die Schuld. Dies deutet darauf hin, dass Pakistan Terrorismusvorwürfe politisch nutzt, was Zweifel an seinen Anschuldigungen gegen Indien weckt.
  • Pakistan versucht, den Konflikt zu internationalisieren
    Entgegen dem Simla-Abkommen von 1972, das Pakistan kürzlich aufkündigte, versucht Pakistan, seine Streitigkeiten mit Indien multilateral zu machen, um die Machtasymmetrie auszugleichen. Dabei akzeptiert es teilweise eine Rolle als Partnerstaat einiger Mächte, die Pakistan gegen Indien nutzen wollen.
  • Doppelstandards bei Pakistans nuklearer Drohung
    Während die Welt Putins angebliche nukleare Drohungen im Ukraine-Konflikt verurteilte, wird Pakistans offenere nukleare Rhetorik – etwa durch seinen Botschafter in Russland und den Verteidigungsminister – kaum kritisiert. Dies unterstützt die Einschätzung des ehemaligen indischen Botschafters Kanwal Sibal, dass der Westen Pakistan einen Freibrief gibt, um Indien einzuschüchtern.
  • Mächte könnten Indien als Großmacht schwächen wollen
    Indiens Aufstieg beunruhigt Teile des US-„Deep State“, Europa, China und einige Akteure in der muslimischen Welt wie Erdogan, den Emir von Katar und Hardliner im iranischen IRGC. Ähnlich wie der Westen die Ukraine gegen Russland nutzte, könnten diese Akteure Pakistan einsetzen, um Indien strategisch zu schwächen oder einzudämmen.

Diese Punkte sollen helfen, die Dynamiken hinter den eskalierenden Spannungen und dem Kaschmir-Konflikt besser zu verstehen. Jeder darf sich seine Meinung bilden, doch es gibt mehr zu beachten, als die pro-palästinensische Bewegung und die AMC suggerieren. Indiens Zukunft als Großmacht und die globale Systemtransformation hängen davon ab, wie es die von Pakistan ausgehenden Bedrohungen meistert.

Bild „India-Pakistan Flags“ by theglobalpanorama is licensed under CC BY-SA 2.0.

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Andrew Korybko ist ein in Moskau ansässiger amerikanischer politischer Analyst, der sich auf den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat. Er veröffentlicht auf Englisch auf seinem Substack-Blog. Auf Deutsch exklusiv bei TKP.


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5 Kommentare

  1. Delion Delos 8. Mai 2025 um 19:21 Uhr - Antworten

    Was ist mit den Rohstoffen in Kashmir? Ich denke, bei diesem Konflikt geht es – wie ja eigentlich immer – um die Rohstoffe. Ich bin sicher, dass ich mal so etwas las.., über wertvolle Rohstoffe im Boden, aber leider finde ich es nicht mehr und auch bei Google werde ich, was Rohstoffe betrifft, nicht fündig.
    Das wäre jedenfalls eine weitaus schlüssigere Erklärung.

  2. Jurgen 7. Mai 2025 um 22:37 Uhr - Antworten

    Statt sich zu bekämpfen/bekriegen zum Kriegen, sollten beide Seiten vielleicht einmal ihren Terraner herausholen, um die Wasserfrage übergeordnet, d.h. für bei Seiten als Gewinn, zu klären und vertraglich langfristig festzulegen. Mein ja nur!

  3. triple-delta 7. Mai 2025 um 19:15 Uhr - Antworten

    Ein pakistanischer Politiker hat doch kürzlich erst öffentlich zugegeben, dass Pakistan für die USA die terroristische Drecksarbeit erledigt hat.

  4. Daisy 7. Mai 2025 um 13:53 Uhr - Antworten

    „Ähnlich wie der Westen die Ukraine gegen Russland nutzte, könnten diese Akteure Pakistan einsetzen, um Indien strategisch zu schwächen oder einzudämmen.“ Offenbar…
    Und ich fress nen Besen, wenn das nichts mit dem Iran/Israel-Konflikt zu tun hat, so quasi von der anderen Seite auch. Und/oder die „Sonder OP“ Putins in der Ukraine verleitet zur Nachahmung, auch in anderen Regionen der Welt, wo schon lange gestritten wird, es ohne Angst vor Atomwaffen nun auch mal wieder mit konventioneller Kriegsführung zu versuchen?

    • Varus 8. Mai 2025 um 2:22 Uhr - Antworten

      Und ich fress nen Besen, wenn das nichts mit dem Iran/Israel-Konflikt zu tun hat,

      Wenn etwas mit dem zweiten dieser Länder zu tun hat, dann ist sicherlich auch gewisser Immobilienspekulant involviert, welcher sich diesem Land andient? Gestern in Ungeschnittenen Nachrichten: „Totalversagen der USA? Trump im Konflikt mit China, Iran und Russland – Analyse von Berletic & Zha“, wo ich lese: „… Die USA befinden sich in einem ungewinnbaren Krieg gegen den Rest der Welt – und verlieren bereits. …“

      Dennoch schaffen die USA möglichst viel Chaos in restlicher Welt, damit inmitten all des Elends Amerika möglichst „GREAT“ scheint. Während Reagan konsequent die Welt vom Kommunismus befreite, wie will Trump die Welt von der Globalen Wokeness befreien, wenn er gegen die restliche Welt Krieg führt?

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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