Während in Frankreich, Italien, Belgien, Spanien, Portugal und Albanien seit Wochen Zehntausende gegen explodierende Lebenshaltungskosten, Wohnungsnot, marode Schulen und den Abbau öffentlicher Dienstleistungen demonstrieren, versucht das establishmentnahe Medien- und Politikspektakel, die Unruhen auf „Vandalen“, „Maranza“ oder „Zivilisationskonflikt“ zu reduzieren.
Der italienische Philosoph und Moralphilosoph Professor Andrea Zhok von der Universität Mailand widerspricht diesen Narrativen und stellt die eigentliche Frage: Was wäre wirklich katastrophal fragt er in seinem Telegram Beitrag und einem Artikel in AntiDiplomatico. Seine Antwort: „Der einzige wirklich katastrophale Ausgang wäre, wenn die Proteste aufhörten.“
Er knüpft damit an, an seine Analyse über die TKP hier berichtet hat. Zhok schreibt ungeschminkt: Abgesehen vom Bedauern über Plünderungen und Vandalismus sei der einzige wirklich katastrophale Ausgang der laufenden Proteste, dass sie aufhörten. Ideal wäre natürlich ein geordneter, einstimmiger Generalstreik der gesamten Arbeitswelt – unbefristet, bis die Regierungen alle kriegstreiberischen Pläne in den Papierkorb werfen, die Rüstungsausgaben in sozialen Wohnungsbau und die Wiederherstellung des Gesundheitswesens umlenken und den zivilen Handel mit der ganzen Welt (einschließlich Russland, China und Iran) wieder aufnehmen. „Es wäre schön, aber im Leben wie in der Geschichte wählt man zwischen den verfügbaren Optionen, nicht zwischen denen, die man sich wünschen würde.“
Die drei Fake News gegen die Proteste
Am 23. Oktober legte Zhok in „Le tre fake news costruite ad arte contro le manifestazioni“ nach und entlarvte die mediale Narrative des „eurobellizistischen Frontes“:
- Die „Revolte der Maranza“: Obwohl die Mehrheit der Demonstranten Italiener in Italien, Franzosen in Frankreich, Spanier in Spanien usw. sind, kursieren fast ausschließlich Bilder von Plünderern. Politische Forderungen gegen Teuerung und für Sozialstaat muss man mühsam suchen. Das gewünschte Bild: undankbare Gäste, die die Gesetze der Gastgeber nicht akzeptieren.
- Der „Zivilisationskonflikt“: Die Maranza als Vorhut einer islamischen Eroberung Europas. Hier werde an legitime Selbstbewahrung gegenüber unkontrollierter Migration appelliert – Migrationen, die ausgerechnet von denselben Kräften gewollt wurden, die jetzt den Krieg vorantreiben. Das Schema: „Invasion islamischer Faulenzer-Barbarei“ versus „tugendhafte Bürger, die jeden Morgen den Laden öffnen und heldenhaft die Opfer für das Vaterland ertragen“.
- „Wir haben die Hände gebunden, lasst uns Ordnung schaffen“: Der in den letzten Jahren aufgebaute repressive Apparat (Einschränkung von Streik- und Demonstrationsrecht) werde plötzlich als zu zögerlich dargestellt. Strategische Infiltranten dienten dazu, härtere Repression zu rechtfertigen.
Zhoks Schlussfolgerung ist unmissverständlich: Wer sich diese am Tisch konstruierten Lügen einreden lasse, verdiene es, ewig in Ketten zu bleiben. Wenn das nicht geschehe, dann nur dank derer, die den Maschinenführer gestört hätten.
Vandalismus im Vergleich zur realen Zerstörung
Alle Vandalismusschäden der letzten Woche in Europa seien, so Zhok, nur ein lächerlicher Bruchteil der Zerstörung, die in fünf willkürlich gewählten Minuten des russisch-ukrainischen Krieges – jeden Tag seit Jahren – oder in Gaza und Teheran durch die Hand unserer Verbündeten mit unserer Unterstützung und unserem Steuergeld stattfinde. Der Ärger über ein brennendes Auto erinnere uns mit einem winzigen Memento daran, was echte Zerstörung bedeute. Wenn es dazu diene, jemanden aufzuwecken, sei das gut so.
Genau hier liegt der Kern der Sache. Während die gleichen Eliten, die uns heroisch bereit sehen wollen, die Brust den russischen Bajonetten für die „Werte“ der Ursula von der Leyen entgegenzustrecken, jetzt die Sondereinsatzkommandos losschicken, um ein paar Schaufenster vor einer Handvoll verirrter Jugendlicher (und infiltrierten Kollegen) zu retten, wird die eigentliche Dimension verschleiert.
Die Proteste richten sich nicht gegen den Wohlstand, sondern gegen die fortgesetzte Ausplünderung der Bevölkerung zugunsten von Aufrüstung, Sanktionskriegen und geopolitischen Abenteuern.
Infiltratoren und mediale Inszenierung
Zhok weist auf dokumentierte Versuche hin, mit Infiltratoren eine Schwelle der Konfrontation zu überschreiten, die die Repression rechtfertigen soll. Das Spiel der medialen Darstellung arbeite genau in diese Richtung.
Die einfache Wahrheit, die uns alle betreffe, sei: Wir stünden nicht vor der Wahl zwischen einer friedlichen, prosperierenden Zukunft und der Störung durch unzivilisierte Rowdys. Die aktuelle und letzte verbliebene Wahl sei die zwischen dem Zerquetschtwerden in der Ohnmacht der nächsten „fatalen“ Krise und dem deutlichen Signal – mit allen verfügbaren Mitteln –, dass das Maß der Erträglichkeit voll sei.
Diese Analyse trifft den Nerv der europäischen Unruhen vom Oktober 2026. Die Ursachen sind strukturell: Energiepreise, die durch Sanktionen und Kriegsvorbereitungen getrieben werden, ein Gesundheitssystem am Limit, Schulen ohne Lehrer und eine Jugend, die keine Perspektive mehr sieht.
Die eigentliche Katastrophe
Wer jetzt vor allem die zerbrochenen Scheiben beklagt und die Proteste am liebsten sofort beendet sähe, verkennt die historische Lage.
Die europäischen Führungsschichten sind weder materiell noch kulturell in der Lage, den Kurs zu korrigieren. Sie treiben weiter in Richtung Militarisierung und Konfrontation, während sie im Inneren die soziale Frage mit Polizeigewalt und medialer Diffamierung beantworten wollen.
Zhok verbindet die akute Protestwelle mit der langfristigen Politik der europäischen Oligarchien: Aufrüstung statt Sozialstaat, Sanktionskriege statt Handel, mediale Betäubung statt politischer Auseinandersetzung. Die Proteste sind unbequem, oft chaotisch und manchmal kriminell – aber sie sind die logische Folge einer Politik, die die Bevölkerung systematisch entrechtet und verarmt hat, während sie sie auf größere Kriege vorbereitet.
Zhoks Punkt ist: Solange die Proteste andauern, bleibt zumindest die Möglichkeit, dass die Herrschenden begreifen, dass die Geduld der Bevölkerung endet. Höre sie auf, bliebe nur die Ohnmacht.
Die Geschichte kennt keine idealen Lösungen. Sie kennt nur die Kräfte, die sich durchsetzen. Wer jetzt vor allem die brennenden Autos beklagt und die Rückkehr zur „Normalität“ herbeisehnt, verkennt die Lage. Die eigentliche Katastrophe wäre, wenn der Druckkochtopf wieder zugedreht würde – und die Führungsschichten ungehindert weiter Richtung Abgrund steuern könnten.
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
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