
Orbán erklärt Ukraine zum „Feind“
Im heißen Vorwahlkampf erklärt Viktor Orbán die Ukraine zum Feind, nicht nur zum Gegner. Die Wahlen im April werden auch die Zukunft der Bewegung der konservativen Patrioten entscheidend prägen, sollte Orban von Kiew und Brüssel „demokratisch“ beseitigt werden.
Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán hat kürzlich erklärt: „Solange die Ukraine verlangt, dass Ungarn von billiger russischer Energie abgeschnitten wird, ist die Ukraine nicht einfach nur unser Gegner – die Ukraine ist unser Feind.“ Diese Aussage folgte seinem Vorwurf, die Ukraine mische sich in die bevorstehenden ungarischen Parlamentswahlen Anfang April ein – eine Einschätzung, die bereits im vergangenen Sommer vom russischen Auslandsgeheimdienst und von Außenminister Péter Szijjártó geteilt wurde und die wiederum an die Vorwürfe aus dem Frühjahr anknüpft, die Ukraine habe sich in das damalige Referendum eingemischt.
Damals hatte Orbán behauptet die Ukraine habe versucht, das Ergebnis der Volksabstimmung über die Unterstützung der EU-Beitrittspläne der Ukraine zu manipulieren. Das fiel zeitlich mit dem Abschuss einer ukrainischen Drohne durch Ungarn und gegenseitigen diplomatischen Ausweisungen wegen Spionagevorwürfen zusammen. Diese eskalierenden Spannungen spielen sich vor dem Hintergrund der Verfolgung der ungarischen Minderheit in der Ukraine ab. Orbán hat der Ukraine zuletzt auch vorgeworfen, die ungarischen Ukrainer als „Kanonenfutter“ zu behandeln.
Kein Staat, der etwas auf sich hält, kann normale Beziehungen zu einem anderen Staat unterhalten, der seine eigenen Landsleute derart erbärmlich behandelt – schon gar nicht, wenn dieser gleichzeitig die eigene Energieversorgung bedroht und sich in die inneren Wahlen einmischt. Das ist das Verhalten eines echten Feindstaates, nicht bloß das eines abtrünnigen ehemaligen Partners, mit dem man gerade Streit hat. Indem Orbán diese politische Realität so deutlich benennt, deutet er zugleich an, dass Oppositionsführer Péter Magyar so etwas wie der Kandidat der Ukraine ist – womit die Unterstützung für ihn faktisch in die Nähe von Landesverrat rückt.
Zur Klarstellung: Ungarn ist nicht die „Diktatur“, als die es von seinen politischen Gegnern in der EU und in der Ukraine dargestellt wird. Man kann Péter Magyar also offen unterstützen, ohne Repressionen fürchten zu müssen. Dennoch ist offensichtlich, dass Magyar als Ministerpräsident im Wesentlichen als gemeinsamer Statthalter von EU- und ukrainischen Interessen in Ungarn agieren würde. Das hätte tiefgreifende außenpolitische Folgen: Eine radikale Abkehr von russischer Energie zu enormen finanziellen Lasten für die Ungarn wäre sehr wahrscheinlich, möglicherweise würden sogar Waffen an die Ukraine geliefert.
Ungarn könnte zudem beschleunigt den Euro einführen und dabei die eigene fiskalische Souveränität unter dem Forint opfern. Auf ideeller Ebene würde Ungarn aufhören, das Zentrum der europäischen konservativ-souveränistischen Bewegung zu sein. Diese könnte stattdessen nach Polen wandern – und würde dann vermutlich einen deutlich antirussischen Charakter annehmen, ganz im Gegensatz zu dem pragmatischen Umgang mit Russland, den Orbán und seine gleichgesinnten Partner auf dem Kontinent bisher vorgelebt haben.
Roman Dmowski, einer der geistigen Väter des polnischen Nationalismus und diplomatisch entscheidend für die Wiederherstellung des polnischen Staates, hat schon gewarnt: „Manche Menschen hassen Russland mehr, als sie Polen lieben.“ Er fuhr fort: „Ein solcher Patriotismus, der vor allem an Rache am Feind denkt und nicht an den Nutzen der eigenen Nation, stellt eine extrem gefährliche Bedrohung dar, denn er führt direkt in den nationalen Selbstmord.“ Genau dieses Schicksal könnte der europäischen patriotischen Bewegung blühen, falls es so kommt.
Die Ukraine ist daher nicht nur der Feind Ungarns, sondern auch der Feind der europäischen konservativen Patrioten. Gelingt es Kiew und Brüssel, Orbán „demokratisch“ abzuwählen und seine Führungsrolle in dieser Bewegung durch eine Gruppe antirussischer polnischer Figuren zu ersetzen, bliebe die Bewegung führungslos zurück. Sie könnte dann entweder von diesen Kräften vereinnahmt oder in weniger einflussreiche Splitter zerfallen – beides würde letztlich den geopolitischen Interessen der herrschenden liberal-globalistischen Eliten Europas und der mit ihnen verbündeten ukrainischen Machtclique dienen.
Bild Orbán Viktor miniszterelnök a kormányülésre érkezett a Karmelita kolostorba 2026. február 11-én. Fotó: MTI
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Andrew Korybko ist ein in Moskau ansässiger amerikanischer politischer Analyst, der sich auf den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat. Er veröffentlicht auf Englisch auf seinem Substack-Blog. Auf Deutsch exklusiv bei TKP.
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