
Deutschland und Österreich – mehr Unterschiede als man glaubt
Gleiche Sprache, praktisch keine Grenze, gemeinsame Vergangenheit, kulturelle Gemeinsamkeiten. All das täuscht darüber hinweg, dass Österreich keineswegs ein „kleineres Deutschland“ ist.
Die Beziehung zwischen Österreich und Deutschland ist, für viele vielleicht überraschend, eine der komplexesten in Europa – geprägt von tiefer historischer Verflechtung, kultureller Nähe und doch ständiger Abgrenzung, obwohl sich nach Außen der gegenteilige Eindruck aufdrängt. Beide Länder teilen Sprache, Traditionen und eine lange gemeinsame Geschichte, die bis ins Heilige Römische Reich Deutscher Nation zurückreicht. Doch wenn man genauer hinschaut erscheint diese Verbindung weniger als harmonische Partnerschaft, sondern als ein Verhältnis voller Ungleichgewichte, Traumata und latenter Konflikte. Österreich, das kleinere Land, steht oft im Schatten des großen Nachbarn, während Deutschland seine Dominanz in Politik, Wirtschaft und Kultur ausnutzt oder unbewusst ausspielt.
Schauen wir zunächst in die Geschichte
Die Geschichte der beiden Länder ist ein Musterbeispiel für ambivalente Verbindungen. Bis 1806 waren Österreich und die deutschen Territorien im Heiligen Römischen Reich vereint, mit den Habsburgern als dominierender Dynastie, die oft den Kaisertitel innehatten. Nach dem Ende des Reiches im Zuge der Napoleonischen Kriege entstand eine Debatte um die „großdeutsche“ oder „kleindeutsche“ Lösung: Sollte Österreich Teil eines vereinten Deutschlands sein oder ausgeschlossen werden? Preußen unter Bismarck entschied sich 1866 im Deutsch-Österreichischen Krieg für die kleindeutsche Variante, was Österreich marginalisierte und zu einer dauerhaften Rivalität führte. Kritisch betrachtet markierte dies den Beginn einer österreichischen Identitätskrise: Österreich wurde zu einem „Reststaat“ nach dem Zerfall der Monarchie 1918, geplagt von wirtschaftlicher Schwäche und politischer Instabilität.
Der Höhepunkt der historischen Belastung war der „Anschluss“ 1938, als Österreich unter Hitler in das Deutsche Reich eingegliedert wurde. Aus kritischem Blickwinkel war dies kein freiwilliger Akt, sondern eine aggressive Annexion, die von Teilen der österreichischen Bevölkerung zwar begrüßt, aber von vielen als Okkupation empfunden wurde. Die NS-Zeit verstärkte dies: Österreicher waren überproportional in der SS und an Verbrechen beteiligt, doch nach 1945 konstruierte Österreich den Mythos vom „ersten Opfer“ des Nationalsozialismus, um Verantwortung abzuschütteln. Deutschland hingegen musste als „besiegtes“ Land die volle Last der Schuld tragen, was zu unterschiedlichen Umgängen mit der Vergangenheit führte. Die Auschwitz-Prozesse in den 1960er Jahren und die Waldheim-Affäre 1986 – bei der der ehemalige UN-Generalsekretär Kurt Waldheim seine NS-Vergangenheit verheimlichte – belasteten die bilateralen Beziehungen schwer. Österreichs Verdrängungstaktik führte zeitweise zu internationaler Isolation, während Deutschland eine intensivere Aufarbeitung betrieb, was Österreich aus deutscher Sicht als zurückgeblieben erscheinen ließ. Diese Asymmetrie in der Geschichtsverarbeitung schürt bis heute Ressentiments: Viele Österreicher fühlen sich von der deutschen „Schuldkultur“ belehrt, während Deutsche Österreichs „Opferrolle“ als Ausflucht kritisieren.
Nach 1945 trennten sich die Wege: Österreich wurde als neutraler Staat wiederhergestellt (Staatsvertrag 1955), Deutschland geteilt in Ost und West. Die „Deutsche Frage“ verzögerte Österreichs Souveränität, da die Sowjetunion sie als Druckmittel nutzte. Kritisch gesehen profitierte Österreich von seiner „Befreiungsrhetorik„, die es von Reparationen befreite, während Deutschland Milliarden zahlte. Diese historische Ungleichheit prägt die Beziehung: Österreich entwickelte eine eigenständige Identität, oft durch Abgrenzung von Deutschland, etwa durch Betonung des Habsburger-Erbes oder der Wiener Klassik, die Deutschland aufgrund seiner NS-Vergangenheit nicht so nostalgisch pflegen konnte. Dennoch bleibt die Geschichte ein Minenfeld – Debatten um Entschädigungen für NS-Opfer oder gemeinsame Gedenkstätten zeigen, dass alte Wunden nicht verheilt sind.
Politische Dimension: Kooperation und Konflikte in der EU-Ära
Politisch sind Österreich und Deutschland eng verbunden, seit Österreich 1995 der EU beitrat. Beide teilen jene mystischen Werte wie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, kooperieren in der Eurozone und bei Themen wie Klimaschutz. Auch in der Corona-Krise gab es viel Übereinstimmung. Doch kritisch betrachtet dominiert Deutschland die Beziehung: Als größte EU-Wirtschaftsmacht diktiert es oft die Agenda, was Österreich in eine untergeordnete Rolle drängt. Beispielsweise in der Eurokrise 2010–2015 forcierte Deutschland Sparpolitik (Austerität), die Österreichs Wirtschaft belastete, ohne dass Wien viel Mitspracherecht hatte.
Österreichs Neutralität bis 1995 machte es zu einem „Brückenbauer“ im Kalten Krieg, doch nach dem EU-Beitritt verlor es de facto diesen Status, was es abhängiger von Berlin machte. Aktuelle Spannungen zeigen sich in der Migrationspolitik: Während Deutschland 2015 unter Merkel eine „Willkommenskultur“ proklamierte, reagierte Österreich mit Grenzschließungen und einer restriktiveren Haltung, was zu Vorwürfen der Solidaritätsverweigerung führte. Eine Umfrage aus 2024 zeigt, dass Österreicher die deutsche Integrationspolitik skeptisch sehen – über die Hälfte bewertet die Bewältigung der Asylkrise seit 2015 negativ.
Die AfD in Deutschland wird von vielen Österreichern als Gefahr für die Demokratie wahrgenommen, doch ein Viertel – vor allem FPÖ-Wähler – sieht eine Regierungsbeteiligung positiv. In Österreich selbst hat der Rechtspopulismus (FPÖ) tiefere Wurzeln, was Deutschland kritisch beobachtet und zu EU-Sanktionen 2000 führte, als die FPÖ in die Regierung kam.
Geopolitisch divergieren die Ansätze: Im Ukraine-Krieg 2022ff. unterstützt Deutschland Kiew quasi militärisch, während Österreichs Neutralität es zurückhaltend macht, was als Feigheit kritisiert wird, obwohl es als Durchmarschgebiet für NATO-Material dient. Energiepolitik ist ein weiterer Streitpunkt: Österreichs Abhängigkeit von russischem Gas (bis 2022 über 80%) kontrastiert mit Deutschlands Diversifizierung, was Wien als naiv angekreidet wird. Insgesamt wirkt die politische Beziehung asymmetrisch – Deutschland als (ehemaliger) „Motor Europas“ überschattet Österreich, das oft als „Anhängsel“ wahrgenommen wird, was nationale Frustrationen schürt.
Gibt es eine gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit?
Wirtschaftlich ist Deutschland Österreichs wichtigster Partner: Das Handelsvolumen beträgt über 100 Milliarden Euro jährlich, Deutschland absorbiert rund 30% der österreichischen Exporte. Deutsche Firmen wie Siemens oder Volkswagen investieren massiv in Österreich, und Tourismus profitiert von deutschen Gästen (ca. 60% der ausländischen Besucher). Doch kritisch gesehen ist dies eine einseitige Abhängigkeit: Österreichs Wirtschaft synchronisiert sich stark mit der deutschen, was Konjunkturschocks überträgt – wie in der Finanzkrise 2008 oder der Corona-Pandemie und jetzt bei der quasi Entindustrialisierung Deutschlands. Deutsche Dominanz in Branchen wie Automobil oder Maschinenbau macht Österreich empfänglich für Krisen, die eigentlich Deutschland betreffen. Kritiker sprechen auch schon mal von „Kolonialismus light„, da österreichische Firmen oft übernommen werden.
In der EU verstärkt dies die Ungleichheit: Deutschland profitiert von seiner Größe in der Währungsunion, während Österreich höhere Inflationsraten oder Schuldenquoten hinnehmen muss. Die deutsche Exportstärke (Handelsüberschuss) führt zu Kritik an Merkantilismus, der kleinere Partner benachteiligt. Aktuell belastet die deutsche Rezession (2023–2025) Österreich. Mitgefangen, mitgehangen sozusagen. Eine Umfrage zeigt, dass Österreicher die deutsche Wirtschaft positiv, aber das Sozialsystem negativ bewerten, obwohl z.B. das Rentenniveau in Österreich deutlich günstiger ist. Wirtschaftlich gesehen fördert die Beziehung Prosperität, birgt aber Risiken der Unterwerfung.
Kulturelle und gesellschaftliche Spannungen
Kulturell teilen beide Länder viel: Gemeinsame Literatur (Goethe, Kafka), Musik (Mozart, Beethoven) und Medien (gemeinsame Sender wie 3sat). Doch immer noch dominieren Vorurteile. Deutsche gelten in Österreich als arrogant und pedantisch, Österreicher als gemütlich, aber listig. Diese Stereotype spiegeln eine Rivalität wider, die in Sport (Fußball-WM 1978, „Schmach von Córdoba“) oder Alltag kulminiert. Wobei dies wiederum nichts Ungewöhnliches ist, wenn man die Beziehungen zwischen Deutschland und den Niederlanden analysiert. Kritisch betrachtet dient die Abgrenzung Österreichs der eigenen Identitätsbildung. Nach 1945 betonte es seine „Andersartigkeit„, nicht nur um sich als „Opfer“ darzustellen, sondern vor allen Dingen um den „großen Bruder“ abzuschütteln.
Deutschlands Atomausstieg 2023 steht der Anti-Atom-Haltung Österreichs gegenüber. Österreich war sehr zögerlich und es benötigte massiven Druck aus Brüssen und Berlin um zu einer ständigen Reduzierung des Bezugs von Öl und Gas aus Russland zu „bewegen„, ein Bezug, der bis heute nicht ganz beendet wurde. In der Pandemie divergierten Strategien – Deutschlands Lockdowns vs. Österreichs „Impfpflicht„-Debakel. Medienüberschneidungen verstärken bestehende Unterschiede. Deutsche Berichterstattung über Österreich ist oft herablassend, was Ressentiments schürt.
Migration
Stattdessen zeigt eine Bertelsmann-Studie (2019, aktualisiert 2025), dass Skepsis in Deutschland und Österreich ähnlich ist, aber auf „fremdkulturelle“ Migration abzielt. Deutsche und Österreicher sehen sich als nahe Verwandte, wenn man so will. In Tirol oder Salzburg gibt es gelegentliche Klagen über steigende Mieten durch deutsche Zuzügler, aber das ist marginal und wird nicht als systemisches Problem gesehen – eher als Nebenwirkung des Wohlstands. Tatsächlich profitiert Österreich von der Zuwanderung aus Deutschland.
Deutschland und Österreich könnten Beispiele für „westlichen“ Multipolarismus werden
Zusammenfassend ist die Beziehung zwischen Österreich und Deutschland eine von Nähe und Spannung geprägte Symbiose, die historisch durch Traumata, politisch durch Asymmetrie, wirtschaftlich durch Abhängigkeit und kulturell durch Rivalität belastet ist. Aus kritischem Blickwinkel muss Österreich seine Souveränität stärken, um nicht im Schatten Deutschlands zu versinken, während Deutschland sensibler mit seiner Dominanz umgehen sollte. In Zeiten globaler Krisen (Ukraine, Klimawandel) könnte eine gleichberechtigtere Partnerschaft beweisen, dass Multipolarismus auch im Westen funktionieren kann. Die Zukunft hängt von gegenseitigem Respekt ab – sonst droht eine Vertiefung der Gräben.
Bild: Wikipedia
„Aus kritischem Blickwinkel muss Österreich seine Souveränität stärken, um nicht im Schatten Deutschlands zu versinken“
Heute bedeutet die Abhängigkeit von Deutschland vor allem Eingebundensein in den imperialistischen Westen, verkörpert durch die EU-Mitgliedschaft. Österreich kann seine Souveränität nur wiedererlangen, wenn es sich – gestützt auf seine Neutralität – aus dieser Versklavung löst. Das bedeutet natürlich eine andere Außenpolitik und verstärkte wirtschaftliche Beziehungen zur „globalen Mehrheit“.
Unterstützung der Kriegsverbrechen in Israel, Stillschweigen bzw. Zustimmung zu den US-Schurkenstücken und Aggressionen in Iran, Venezuela und anderswo, und schließlich die Unterwerfung unter die EU-Kriegspolitik in der Ukraine sind nicht der Weg dorthin …
Es gab drei Hauptgründe warum ich als Urösterreicher bei der Abstimmung gegen die EU gestimmt habe. Deutschland, Polen und die Mitgliedschaft vieler Staaten der EU in der Nato. Sowohl Deutschland als auch Österreich sind anfällig für ideologisch getriebenen Extremismus. Immer wieder wurde unter der Führung Deutschlands und Unterstützung Österreichs der Versuch gestartet, Ideologien und damit verbundenen Regeln zu erfinden und der Welt diese aus einer Mischung aus Arroganz und Überheblichkeit aufzuzwingen. Im kleinen Europa klappt das ja auch. Das Problem ist, dass Deutschland zu groß für Europa und zu klein für die Welt ist. Österreich war bis zum Fall der Mauer tatsächlich ein neutrales Land. Dank Russland hatte Österreich einen Schutz gegenüber seinen eigenen Schwächen (ideologisch getriebenen Extremismus) und auch gegenüber Deutschland gehabt. Der Faschismus ist kein Vorrecht der sogenannten Rechten. Jede politische Richtung kann in Faschismus verfallen. Die EU unter der Führung Deutschlands ist am Weg dahin. Die Österreicher und Deutschen sollten sich die Geschichtlich aus der Zeit zwischen 1924 und 1934 zu Gemüte führen. Aber nicht auf Wikipedia, sondern aus authentischer Literatur dieser Zeit. Zurzeit befinden wir uns in der Phase des „Rüsten gegen den Feind“. Ob es die Bolschewiken, die Russen oder die Slaven sind, spielt dabei keine Rolle. Hauptsache ein Feind, dem man die Folgen seiner ideologischen Irrwege anlasten kann. Wie das ganze für Österreich und Deutschland enden wird, ist vorprogrammiert. Der Abschuss Deutschlands im übertragenen Sinne scheint weltweit eine beschlossene Sache zu sein. Das sich Österreich noch einmal heraus winden kann, ist eher auszuschließen. Geht Österreich nicht klar auf Distanz zu Deutschland und in der Folge zur EU, war es das für die ehemalige Insel der Seeligen. Für Deutschland ist der Zug bereits abgefahren.
Assolutamente giusto!
„Der Faschismus ist kein Vorrecht der sogenannten Rechten.“
Thats right! H. war linksextrem. „Wer einmal schon für Adolf war“..etc. Echte Rechte haben keine Ideologie. Sie glauben bestenfalls an die Natur und an die Logik. Walt Disney war ein Rechter, Eibesfeld, Lorenz…diese Leute, die gut sehen können… Es ist auch bei den Rechten eine Ideologie zu verorten: Freiheitsliebe. Die können gar keine Faschisten sein. N-Sozisten warn eine Konkurenz zum Kxmmxnismus, eine Abart – ergänzend mit H machte ich heute wieder die Strada fertig…;-)
„Wickipehia“ geht wieder durch ???
@ Feindbild…bei Independance Day hatte ich ein Aha-Erlebnis…wir brauchen AIs, um zusammenzuhalten.
Österreich wäre auf Distanz gegangen. Der Wahlsieger war die FPÖ, trotz Briefwahl. Wir Österreicher haben das eh voll kapiert. Und wir lieben Russland, s. Putins Tanz mit Kneisl….ich mag die auch voll :-)
Einer der Gründe, warum ich gegen den EU-Beitritt gestimmt habe, war, dass das von manchen, die pro-EU waren, als „Anschluss“ gesehen wurde. Ja, der EU-Betritt kann durchaus als Wiederanschluss an Deutschland gesehen werden, denn Deutschland dominiert alles dank seines Geldes (was nunmehr aber eh ausgegangen sein dürfte). Ich meinte damals auch noch, dass wir als zukünftige Nettozahler das doch nicht nötig hätten, s. Schweiz. Die Transitfrage störte mich ebenso.
Nun, dass wir dann zu einer gemeinsamen Währung gezwungen wurden, das Bankgeheimnis wurde abgeschafft, eine Schuldenunion eingeführt, bald gibt es eine EU-Armee, wir sollen unsere Neutralität ganz opfern und gegen Russland Krieg führen usw. – das alles ist eine Geschichte von gebrochenen Versprechen und Gesetzen.
Was den Anteil der FPÖ betrifft, so liegt die Zustimmung nicht bei 1/4, sondern bei 40%, Tendenz steigend.
Ich bin keine Deutsche.