Eigelb neu bewertet: Cholin, Gehirn und das Ende alter Ernährungsdogmen

25. Dezember 2025von 5,2 Minuten Lesezeit

Kaum ein Lebensmittel wurde über Jahrzehnte so konsequent missverstanden wie das Ei. Zunächst war es das Cholesterin, dann das Eigelb, später die pauschalen Warnungen vor Herzinfarkt, Schlaganfall und Arteriosklerose. Am Ende blieb ein Dogma zurück, das sich erstaunlich hartnäckig hält – obwohl es wissenschaftlich längst bröckelt.

Was daran besonders auffällt: Einmal etablierte Ernährungserzählungen entwickeln eine erstaunliche Lebensdauer. Sie überstehen neue Daten, neue Studien und selbst grundlegende Korrekturen. Das Ei ist ein klassisches Beispiel. Und ausgerechnet jener Teil, der systematisch gemieden wurde (das Eigelb) rückt nun aus einer ganz anderen Richtung in den Fokus: der Hirnforschung.

Eigelb, Cholesterin und ein überholtes Narrativ

Über Jahre galt Eiweiß als der „gute“ Teil des Eis, während das Eigelb wegen seines Cholesteringehalts gemieden wurde. Diese Sichtweise prägte Ernährungsempfehlungen weltweit. Inzwischen ist jedoch gut belegt, dass das mit der Nahrung aufgenommene Cholesterin nur begrenzten Einfluss auf den Cholesterinspiegel im Blut hat. Die vereinfachte Gleichung „Cholesterin gleich Gefäßrisiko“ ist so nicht haltbar.

Parallel dazu beginnt man, den Blick auf das zu richten, was im Eigelb tatsächlich enthalten ist. Denn biologisch betrachtet ist es der funktionell wertvollste Teil des Eis: fettlösliche Vitamine, essentielle Fettsäuren – und Cholin.

Cholin und Hirnalterung – neue Hinweise aus der Forschung

Eine aktuelle Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Aging and Disease, untersuchte verschiedene Biomarker bei 30 Erwachsenen zwischen Anfang und Mitte 30. Die Hälfte der Teilnehmer erfüllte anhand ihres BMI die Kriterien für Adipositas, die andere Hälfte galt als metabolisch gesund.

Ein zentrales Ergebnis: Personen mit Adipositas wiesen signifikant niedrigere Cholinspiegel im Blut auf. Gleichzeitig zeigten sie höhere Entzündungswerte sowie erhöhte Spiegel der sogenannten Neurofilament-Leichtkette (NfL). Dieses Protein gilt als Marker für neuronale Schädigung und wird unter anderem bei Schlaganfällen und neurodegenerativen Erkrankungen beobachtet.

Bemerkenswert war die beobachtete Kopplung: Niedrige Cholinspiegel gingen mit erhöhten NfL-Werten einher. Zudem fanden Forscher ein ähnliches Muster in Gehirnproben von Menschen, die an leichter kognitiver Beeinträchtigung oder Alzheimer verstorben waren – auch hier waren die Cholinwerte auffallend niedrig.

Die Studie zeigt keinen kausalen Beweis, sondern eine Assoziation. Genau darin liegt aber ihr Wert: Sie weist auf einen Zusammenhang hin, der bisher unterschätzt wurde – insbesondere im Zusammenspiel von Stoffwechsel, Entzündung und neuronaler Integrität.

Warum ausgerechnet das Eigelb?

Die Antwort ist schlicht: wegen seines Cholin-Gehalts.

Ein einzelnes Ei liefert rund 147 Milligramm Cholin, der überwiegende Teil davon steckt im Eigelb. Auf 100 Gramm Eigelb gerechnet liegt der Cholin-Gehalt bei etwa 680 Milligramm. Das Eiweiß enthält dagegen nur Spuren – etwa ein Milligramm pro 100 Gramm.

Wer also nur Eiweiß konsumiert, verzichtet faktisch auf den zentralen cholinliefernden Bestandteil des Eis.

Die empfohlene tägliche Zufuhr liegt bei etwa 425 Milligramm, für Männer teils bei 550 Milligramm. Das bedeutet: Zwei bis drei Eier können bereits einen relevanten Beitrag leisten – vorausgesetzt, das Eigelb wird mitgegessen.

Was Cholin im Körper leistet

Cholin ist ein essenzieller Nährstoff. Es wird benötigt für den Aufbau von Zellmembranen, den Fettstoffwechsel der Leber und vor allem für die Synthese von Acetylcholin – eines Neurotransmitters, der für Gedächtnisleistung, Aufmerksamkeit, Muskelsteuerung und Stimmung zentral ist.

Darüber hinaus spielt Cholin eine Rolle im Homocystein-Stoffwechsel. Erhöhte Homocysteinwerte werden mit Gefäßschäden und neurodegenerativen Prozessen in Verbindung gebracht. Auch entzündungsmodulierende Effekte sind beschrieben.

Sachlich korrekt bleibt dennoch: Die vorliegenden Daten belegen keine therapeutische Wirkung im Sinne eines Medikaments. Sie zeigen Zusammenhänge – und genau diese sind es, die alte Gewissheiten infrage stellen.

Ein oft übersehener Widerspruch: anticholinerge Medikamente

Ein weiterer Aspekt wird in der öffentlichen Diskussion kaum berücksichtigt. Zahlreiche häufig eingesetzte Medikamente wirken anticholinerg – sie blockieren gezielt die Wirkung von Acetylcholin.

Dazu gehören unter anderem trizyklische Antidepressiva, bestimmte Blasenmedikamente, ältere Antihistaminika, einige Neuroleptika, Parkinsonmedikamente sowie zahlreiche Erkältungs- und Schlafmittel. Diese Substanzen stehen seit Jahren im Verdacht, kognitive Einschränkungen, Verwirrtheit und langfristig auch Demenzprozesse zu begünstigen.

Vor diesem Hintergrund wirkt es zumindest inkonsequent, gleichzeitig ein cholinreiches Lebensmittel pauschal zu verteufeln.

Qualität entscheidet – nicht jedes Ei ist gleich

Bei all dem gilt jedoch: Das Ei ist kein industriell neutrales Produkt. Herkunft, Haltung und Fütterung machen einen Unterschied – biologisch wie gesundheitlich.

Eier aus ökologischer Erzeugung stammen von Hühnern mit Auslauf, Bewegung, Tageslicht und hochwertigerem Futter. Das spiegelt sich in der Nährstoffzusammensetzung wider: häufig mehr Omega-3-Fettsäuren, ein günstigeres Fettsäuremuster und geringere Rückstandsbelastung.

Ein gleichmäßig grell-oranger Dotter gilt oft als Qualitätsmerkmal, ist jedoch häufig Ergebnis industriell optimierter Fütterung. Natürliche Eigelbfarben variieren – abhängig von Jahreszeit, Grünfutter, Kräutern und Insektenanteil.

Wer regelmäßig Eier isst, sollte daher auf Bio- oder Freilandhaltung, transparente Futterdeklaration ohne Gentechnik sowie regionale Herkunft achten. Kleine Betriebe und Direktvermarktung liefern hier oft die beste Qualität.

Fazit

Das Ei ist kein Problem. Das Problem sind die Dogmen darüber.

Die pauschale Angst vor Cholesterin und Eigelb hält einer sachlichen Betrachtung nicht stand. Eier (insbesondere das Eigelb) sind nährstoffreich, biologisch sinnvoll und liefern mit Cholin einen zentralen Baustein für Gehirn, Nervensystem und Zellfunktion.

Wer Eigelb aus Angst meidet, verzichtet möglicherweise nicht auf ein Risiko, sondern auf einen potenziellen Schutzfaktor. Das Ei ist kein Allheilmittel. Aber es ist sicher auch kein Feind. Bei guter Qualität gehört das Eigelb genau dorthin zurück, wo es immer war: auf den Teller.

Bild von Pexels auf Pixabay

Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

René Gräber begleitet seit 1998 Patienten in seiner Naturheilpraxis auf ihrem Weg zu mehr Gesundheit und Wohlbefinden. www.renegraeber.de www.naturheilt.com


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8 Kommentare

  1. Oekologe 27. Dezember 2025 um 18:45 Uhr - Antworten

    PS:
    Eier und Geflügel fördern die Ausbreitung von Prostatakrebs extrem.
    Dr. Michael Greger stellt mehrere Studien darüber vor. Eine kurze Zusammenfassung:
    Cholin aus Eiern ist ganz offensichtlich ein wichtiger Grund, dass der Krebs entsteht, dass er sich ausbreitet und dass man daran stirbt. Cholin ist wahrscheinlich der Grund, warum Fleisch, Milch und Eier das allgemeine Krebsrisiko massiv erhöhen, da alle diese Tierprodukte Cholin enthalten.
    Männer, die ALLE 3 TAGE NUR EIN EI essen, haben ein um 81 % erhöhtes Risiko, an einem tödlichen Prostatakrebs zu erkranken.
    Cholin befindet sich auch hochkonzentriert in Krebszellen.
    Es ist nicht so einfach, der Mr. Greger ist Veganer, das lässt aufhorchen. ABER: Er stützt sich auf wissenschaftliche Publikationen und verweist auf Peer‑Review‑Studien. Seine Aussagen sind also nicht frei erfunden, sondern wissenschaftlich begründet – auch wenn die Interpretation teils kontrovers diskutiert wird.
    https://www.dr-med-henrich.foundation/de/studien/alle-studien/eier-und-gefluegel-foerdern-die-ausbreitung-von-prostatakrebs-extrem-1/?utm_source=copilot.com

  2. Oekologe 27. Dezember 2025 um 18:40 Uhr - Antworten

    DAS MIT DEM CHOLIN IST EINE UNKLARE SACHE. Es gibt ernsthafte Hinweise, dass hohe Cholinaufnahme aus tierischen Produkten das Risiko für aggressiven Prostatakrebs erhöhen kann.
    Cholin selbst ist aber unverzichtbar für den Körper – die Frage ist eher, aus welchen Quellen und in welchen Mengen es aufgenommen wird.
    Was die Forschung sagt:
    Studienlage:
    Eine Analyse zeigt, dass Cholin, Phenylalanin und Betain aus tierischen Lebensmitteln mit einem erhöhten Prostatakrebsrisiko in Verbindung gebracht wurden.

    Mehrere Studien (u. a. von Dr. Michael Greger zusammengefasst) berichten, dass Cholin aus Eiern das Risiko für tödlichen Prostatakrebs deutlich erhöht. Männer, die alle drei Tage ein Ei essen, hätten ein um 81 % erhöhtes Risiko, an aggressivem Prostatakrebs zu sterben.

    Cholin wird von Prostatakrebszellen besonders stark aufgenommen und ist dort hochkonzentriert. Deshalb wird es sogar in der medizinischen Bildgebung (C‑11‑Cholin PET/CT) genutzt, um Tumore sichtbar zu machen.

  3. Jochen Nuerk 25. Dezember 2025 um 23:13 Uhr - Antworten

    Ähnliche Information zu Eigelb, Colin etc. habe ich schon Anfang der 90er im Buch „Das dreißig Punkte Programm“ von Klaus Oberbeil gelesen. Seither lasse ich nichts über ein tägliches rohes Eigelb kommen (roh müssen es natürlich frische Eier sein).

  4. Daisy 25. Dezember 2025 um 19:43 Uhr - Antworten

    Das mit dem Cholin wusste ich nicht, dafür aber, dass Eier sehr gesund sind, das weiß ich schon lange. Dass das mit dem Cholesterin nicht stimmt. Das Gegenteil ist der Fall!
    Eier-koennen-schlechtes-Cholesterin-sogar-senken.
    Mir ist das schon seit den 90ern bekannt. Hühnereier sind extrem gesund, denn sie enthalten wichtige Aminosäuren und andere wichtige Nährstoffe. Ich esse sie relativ oft. Mein Gesamtcholesterin, das zw. 100 und 200 liegen darf, liegt konstant bei 130, Selbstmessung.
    Ich dürfte wenig stille Entzündungen haben, heißt das wohl, denn ich esse schon auch Fett, aber nicht übertrieben, und natürlich die gesunden, also zB Butter :-)

    Jede Woche mind. einmal zum Frühstück zwei Weicheier gleich oder mal Ham and Eggs oder nur Eierspeise mit Schnittlauch und ein gutes Roggenbrot dazu. Das ist oft mein Frühstûck. Denn ich weiß, wie gesund sie sind. Roh natürlich am besten, aber das bringe ich nicht zamm. Gut ist eine Kombi aus Erdäpfeln und Ei, wie etwa beim Spinat mit Erdäpfeln und Spiegelei. Dadurch erhöht sich die biologische Wertigkeit. Ein Poweressen. So hat man rasch Kraft :-)
    „Die biologische Wertigkeit ist vereinfacht ausgedrückt ein Maßstab für die Qualität von Nahrungsproteinen. Je höher die Wertigkeit, desto besser kann der Körper das Protein zu körpereigenen Muskelzellen umwandeln.“

    Oft mache ich mir auch eine Abwandlung von Eiernockerln, statt Nockerln nehme ich Kichererbsen Penne, mit Eierspeise (mit etwas Milch verquirlt) und viel Schnittlauch und Häuplsalat…:-)

  5. Sabine Schoenfelder 25. Dezember 2025 um 15:33 Uhr - Antworten

    Wenn die WHO warnt, bedeutet das 👉 konsumieren…..😂
    Das Ei mußte „fallen“, damit die Cholesterinhemmer n o t – wendig werden….Panik entfachen, gehört zum Geschäft.
    Weder brauchen wir Frauen „Östrogene“ zusätzlich…trinken wir lieber ein Bier !, noch irgendeine Impfung….vielleicht eine gegen Totalverblödung….

    • Daisy 25. Dezember 2025 um 19:46 Uhr - Antworten

      Ja, wenns die WHO empfiehlt, so ist zumeist das Gegenteil davon gesund. Die WHO ist eine Propaganda-Organisation für die Pharmaindustrie und für die Steckenpferdchen von B.G.

  6. Sabine Schoenfelder 25. Dezember 2025 um 15:31 Uhr - Antworten

    Wenn die WHO warnt, bedeutet das 👉 konsumieren…..😂
    Das Ei mußte „fallen“, damit die Cholesterinhemmer n o t – wendig werden….Panik entfachen, gehört zum Geschäft.
    Weder brauchen wir Frauen „Östrogene“ zusätzlich…trinken wir lieber ein Bier !, noch irgendeine Impfung….vielleicht eine gegen Totalverblödung….

  7. Picard001 25. Dezember 2025 um 10:44 Uhr - Antworten

    Sehr interessanter Artikel!

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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