Das zentralisierte Internet als Form von Long Covid

21. Oktober 2025von 3,4 Minuten Lesezeit

Tech-Riesen wie Amazon beherrschen das Internet. Dies wurde während der Covid-Politik befeuert, während die Politik immer lauter nach Digitalisierung schreit. 

Eine „Störung“ bei Amazon Web Services (AWS) legte am Montag das halbe Internet lahm – kein Hack, kein „Cyberangriff“, einfach ein „Infrastrukturfehler“ – über den die Öffentlichkeit nicht besonders viel erfahren wird. Das Netz ist in der Hand einiger weniger Techkonzerne, die Zentralisierung des Internets wurde von der COVID-Politik massiv begünstigt.

Für viele Menschen ist Amazon noch immer eine Handelsplattform, dabei kommt mehr als die Hälfte des operativen Gewinns durch den Infrastruktur-Dienstleister in die Kassen. Vor allem die COVID-Politik der Lockdowns, mit der die Gesellschaft zwanghaft ins Netz getrieben wurde, hatte diese Expansion gefördert. Lorena Herzog veröffentlichte 2022 eine entsprechende Studie mit dem Titel: „Krise als treibende Kraft? Die Geschäftsentwicklung Amazons im Zuge der COVID-19-Pandemie“.

Darin beschreibt sie, wie Amazon sich „zunehmend aus dem Warengeschäft zurück[zieht], um verstärkt als Infrastruktur-Dienstleister zu agieren: Neben AWS, dem entscheidenden Profitmotor des Konzerns, baut Amazon seine Dritthändler – Services strategisch aus“. Der Ausfall von gestern zeigt genau diese Dynamik: AWS, das 2025 weiterhin Marktführer mit 31 % Marktanteil ist, ist nicht nur Profitquelle, sondern systemkritisch. Herzog betonte schon 2022: „Mit AWS betreibt Amazon einen erheblichen Teil der digitalen Infrastruktur, die das virtuelle (Zusammen-)Arbeiten in einem nie zuvor dagewesenen Umfang ermöglicht“.

Amazon (auch die anderen großen Konzerne auf diesem Markt Alphabet, Microsoft und Alibaba) profitierte von Lockdowns und Homeoffice: „Die Coronakrise erzeugte eine Situation, die es Amazon ermöglichte, sich mit der Cloud-Plattform AWS ‚unabdingbar zu machen‘“. AWS’ Umsatzanteil stieg von 7,4 % im Jahr 2015 auf 13,4 % (S. 73), mit Gewinnmargen von bis zu 106 % des operativen Gewinns (S. 72). Die Corona-Politik ging dann zu Ende, die neue Realität und Macht von AWS ist geblieben – eine besondere Form von „Long COVID“.

Herzog diskutierte 2022 andere Aspekte, die durch die zentralisierte Privatisierung des Netzes entstanden sind: „AWS ist längst bekannt für Lock-In-Strategien: Während die Datenimmigration für Neukund:innen äußerst niedrigschwellig gestaltet ist, ist der Datenexport von AWS mit einigen Hindernissen und Schwierigkeiten verbunden. AWS als ‚zentraler Profitmotor im „System Amazon“‘ schafft Abhängigkeiten, die ‚weit über die digitale Ökonomie hinaus[wirken]‘.“

Dass sich das Internet in privater Hand befindet, wird von der Politik de facto nicht diskutiert – und zugleich nützen auch staatliche Behörden die Amazon Infrastruktur – während sie von „Datenschutz“ sprechen. Medien warnen vor Peter Thiel und Elon Musk, während die Oligarchie der Konzerne von Jeff Bezos, Bill Gates und Eric Schmidt den Datenfluss kontrollieren. Eric Schmidt als jahrelanger Google-CEO ist dabei ein besonders gutes Beispiel, arbeitet er doch auch offiziell eng mit US-Militär und Geheimdiensten zusammen. Die Infrastruktur ist in privater Hand, doch Washington sitzt mit am Tisch.

Herzog notiert, dass AWS „die grundlegende Infrastruktur der digitalen Wirtschaft in einer Weise aufgebaut [hat], die erlaubt, sie gewinnbringend an andere zu vermieten“ (S. 73). Gestern zeigte sich, was das bedeutet: Ein regionaler Fehler hatte globale Auswirkungen, da viele Services auf US-EAST-1 angewiesen sind.

Was genau bei Amazon gestern passiert ist, bleibt für die Öffentlichkeit im Dunkeln. Wir sehen nur die Störung im Netz. Offiziellen Erklärungen zufolge wurde der Ausfall durch einen DNS-Resolution-Fehler (Domain Name System) ausgelöst, der die API-Endpunkte von DynamoDB (eine AWS-Datenbank) beeinträchtigte.

Dies führte zu erhöhten Fehlerraten und Latenzzeiten in Kernservices wie DynamoDB, Lambda, EC2 und IAM. Es handelte sich nicht um einen Cyberangriff, sondern um ein infrastrukturelles Problem, möglicherweise durch einen internen Bug in Netzwerk-Health-Checks verstärkt. Dies führte zu erhöhten Fehlerraten und Latenzzeiten in Kernservices wie DynamoDB, Lambda, EC2 und IAM.

Aber ob das die gesamte Geschichte ist, kann man nicht unabhängig prüfen. Spekulationen über „größere Umstellungen“ im Hintergrund kursieren logischerweise ebenso, sind allerdings ebenfalls nicht unabhängig überprüfbar. Amazon verspricht, bald einen detaillierten „Eventbericht“ zu veröffentlichen.


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3 Kommentare

  1. Konrad Kugler 21. Oktober 2025 um 15:09 Uhr - Antworten

    Meine Erfahrungen mit „Corona“ führten zur Ablehnung der ePA, die mir das skandalöse Agieren der Pharmaindustrie klar machten.

  2. Sabine Schoenfelder 21. Oktober 2025 um 11:16 Uhr - Antworten

    Das angemessene Wort = DEZENTRALISIERUNG, „Diversität“ der Anbieter, Konkurrenz, die das Geschäft preisgünstig und meinungsvielfältig belebt ‼️“EIN“ Ausfall würde direkt kompensiert.
    Doch es geht um Macht und Zentralismus. Das muß sich ändern. Das wird sich ändern….
    Die Realität ist der einzige und unbarmherzige Lehrmeister.🤓

  3. Jan 21. Oktober 2025 um 10:40 Uhr - Antworten

    Kritische Infrastruktur gehört in nationale, besser noch regionale Hände. Am Ende des Tages ist jeder bessere Shop kritisch, da er Versorgung und Ersatzteilversorgung sicherstellt.

    Krankendaten, Finanzdaten und Ausweisdaten sollten national gespeichert werden von Firmen, auf die CIA und Co keinen Zugriff haben.

    Die Amazon-Cloud ist vom CIA-Inkubator InQtel mit aufgebaut worden. Das Mindeste, was die tun können, ist, Services abzudrehen.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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