
Hat der Iran seine Abschreckungskraft wiederhergestellt?
Bisher gibt es noch keine israelischen Vergeltungsmaßnahmen, doch diese sind angekündigt. Feststellen lässt sich daher aktuell nur, dass beide Seiten sehr um ihren Ruf besorgt sind.
Der Iran hat am Abend des 1. Oktober mehrere hundert ballistische Raketen auf Israel abgefeuert, um die Ermordung führender Persönlichkeiten der Widerstandsachse durch den jüdischen Staat und seinen jüngsten Krieg im Libanon zu rächen. Beide Seiten machen daraus einen Vorteil: Der Iran behauptet, dass „True Promise II“(Iranische Bezeichnung der Militäroperation) mehrere Militärbasen des Gegners zerstört habe. Israel dagegen besteht darauf, dass es sich um eine weitgehend harmlose Demonstration gehandelt habe. Dennoch hat Israel versprochen, zu einem Zeitpunkt und an einem Ort seiner Wahl Vergeltung zu üben, und hält damit die Welt in Atem.
Der Zeitpunkt des iranischen Vergeltungsschlages fällt mit dem Beginn der Bodenphase des jüngsten israelisch-libanesischen Krieges zusammen und könnte somit zum Teil darauf abzielen, eine groß angelegte Operation zu verhindern, die zu Zerstörungen wie in Gaza führen könnte. Außerdem spekulierten einige Anhänger des Irans verärgert darüber, dass die Ermordung des Hisbollah-Chefs Sayyed Hassan Nasrallah in der vergangenen Woche vielleicht nicht stattgefunden hätte, wenn Iran auf die Ermordung des politischen Hamas-Chefs Ismail Haniyeh im Sommer in Teheran entschlossen reagiert hätte.
Diese Faktoren deuten darauf hin, dass der Iran militärische, rufschädigende und strategische Ziele verfolgte: einen Gaza-ähnlichen Krieg im Libanon zu verhindern, vor seinen Anhängern „das Gesicht zu wahren“ und im Idealfall wieder abschreckend zu wirken. Der Widerstand bejubelte Irans verzögerten Vergeltungsschlag lautstark, so dass das Reputationsziel unbestreitbar erreicht wurde, aber es ist verfrüht, daraus zu schließen, dass die entsprechenden militärischen und strategischen Ziele erreicht wurden. Schließlich hat Israel Vergeltung versprochen, so dass jeder abwarten muss, bis dies geschieht, um zu beurteilen, ob die iranischen Angriffe erfolgreich waren oder nicht.
- Mayer, Dr. Peter F.(Autor)
Wenn Israel dies nicht bald tut, werden Spekulationen aufkommen, dass es möglicherweise verheerende militärische Schäden erlitten hat. Eben genau wie der Iran behauptet, und es könnte der Eindruck entstehen, dass Israel zu viel Angst vor dem Versprechen des Irans hat, noch härter zurückzuschlagen, wenn Israel es danach angreift. Eine alternative Erklärung für dieses Szenario könnte sein, dass Israel sich nicht der Unterstützung der USA für seinen eigenen Vergeltungsschlag versichern konnte und ihn daraufhin entweder abgesagt oder verschoben hat, um seine ursprünglichen Pläne zu überarbeiten. In jedem Fall wäre die Abschreckung wiederhergestellt.
Diese Abschreckung wäre auch dann wiederhergestellt, wenn Israels Vergeltungsmaßnahmen begrenzt wären und vom Widerstand als weitgehend harmlose Demonstration dargestellt werden könnten, so wie Israel die jüngsten Angriffe des Iran darstellt. Die meisten Beobachter würden wahrscheinlich jeden Vergeltungsschlag auf diese Weise wahrnehmen, wenn es nicht darum geht, dass Israel Ziele innerhalb des Irans angreift. Die oben erwähnte Einsicht in die israelisch-amerikanischen Differenzen, über die der Leser hier mehr erfahren kann, könnte ein Faktor hinter jeder zurückhaltenden Vergeltung sein, die letztlich zur Wiederherstellung der Abschreckung führt.
Das dritte Szenario schließlich ist, dass Israel Vergeltung gegen den Iran übt, indem es seine Luftverteidigung und/oder Energieinfrastruktur trifft, wie Axios am Dienstag berichtete, was noch in dieser Woche geschehen könnte. Das könnte leicht außer Kontrolle geraten, da jede Seite versuchen könnte, die andere zu übertrumpfen, wodurch das Szenario der „gegenseitig gesicherten Zerstörung“ (MAD) schnell auf seine Wirklichkeit getestet werden könnte.
Da es zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Berichts noch keine israelischen Vergeltungsmaßnahmen gab, lässt sich bisher nur feststellen, dass beide Seiten sehr um ihren Ruf besorgt sind. Keine der beiden Seiten möchte in den Augen der anderen als schwach dastehen, da sie befürchten, dass dies zu weiteren Angriffen, auch gegen ihre Partner, ermutigen könnte, aber sie haben bisher auch darauf geachtet, keinen größeren Krieg zu riskieren. Dieses Kalkül ist das wichtigste, aber die Falken auf beiden Seiten glauben bereits, dass ihre Seite stärker ist als die andere, daher ihr Eifer, bis zum MAD zu eskalieren.
Bild „War in the Middle East“ by Stewf is licensed under CC BY-NC-SA 2.0.
Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
Andrew Korybko ist ein in Moskau ansässiger amerikanischer politischer Analyst, der sich auf den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat. Er veröffentlicht auf Englisch auf seinem Substack-Blog. Auf Deutsch exklusiv bei TKP.
Mir ist schleierhaft, dass es dem Iran nach so vielen Jahren nicht gelungen sein soll eigene Atomsprengköpfe zu bauen.
Die amerikanischen Geheimdienste haben nicht bemerkt,dass der Iran zu einer militätrischen Supermacht im Nahen Osten herangewachsen ist.Jetzt zeigt der Iran dem Westen,was er auf der Pfanne hat.
Hinter dem Iran steht China. Die USA haben Taiwan gerade 3/4 Milliarde genehmigt. Der Iron Dome wäre ohne USA nicht denkbar. Auf Internet-Videos ist zu sehen, dass nur etwa jede zehnte Rakete abgefangen werden konnte. Quod erat demonstrandum. Nicht dass die Taiwaner ihren großen Bruder überschätzen.
Relevante Mengen Öl liegen noch im Kaspischen Meer, in Iran/Irak und unter der saudischen Halbinsel. Alles muslimische Staaten, die dem Bündnis China-Russland BRICS angehören.
Die Antwort Israels wird von der Innenpolitik der USA abhängen.
Witzig!
, … um ihren Ruf besorgt … “
Nich wahr, das kennt doch jeder, dass man manchmal seinen guten Ruf vor Tante Emma erweisen muss.
Und dann kann man sich geostrategische Konflikte auch mit dem erklären, was man kennt (und zu überblicken imstande ist :)
An dieser Stelle könnte man erwähnen, dass es vom Autor heute im Bösen Medium den Artikel „Israelisch-libanesischer Krieg – Fünf Lektionen für Russland“ gibt – was könnte Russland von Israel lernen? Dort gibt es u.a. die Frage, wieso eigentlich die Dnjepr-Brücken noch stehen, die auch hier schon mal gestellt wurde. Ohne die wäre für die Banderas die Front-Versorgung mit Militärzeug tatsächlich schwieriger.
Dürfen wir in dieser Hinsicht einen Kurswechsel erwarten, worauf niemand mehr im Westen russische rote Linien verspotten wird? Die Gemeinsamkeit mit Iran – im Westen denkt man inzwischen anscheinend, dass man sich absolut alles ohne Konsequenzen erlauben kann.
Hallo,
,,was könnte Russland von Israel lernen?“
Sich selbst zu vernichten.
(Mal abgesehen davon, dass Israel ein USA-Proxy ist, von USA abhängig, also dasvöllig verschiedene Situationen sind.)
,,wieso eigentlich die Dnjepr-Brücken noch stehen“
Keine Frage, das ist 1+1:
Weil ukrainisches und Nato-Material und -Personal für Russland am ökonomischsten zu zerstören ist, wenn die Ukraine es selber in Reichweite der russischen Artillerie und Drohnen bringt.
Danke!
Hahahaha….;)))
Immer wieder erstaunlich: Russland beschreibt sehr wahrheitsgemäß und ausführlich, was es tut und warum. Dennoch tappen so viele Menschen im Westen im Dunkeln.
So wie bei Kursk, was der Westen ja auch unbedingt als „haha, das ist das Ende Russlands!“ abfeiern musste, während Russland (allen, die zuhörten) erklärte: „seit Monaten suchen wir mühsam nach den verbliebenen Reserven der Ukraine – jetzt haben sie sie uns serviert“…..
Was der Westen daraus lernen sollte: Ignoranz scheitert immer. Nicht nur sprichwörtlich, sondern tatsächlich immer. Beruhigend, auch wenn es uns weh tun wird, weil wir sehr wahrscheinlich wieder „die Zeichen“ nicht wahrhaben wollen und bis zum allerbittersten allerletzten Ende „durchhalten“.
Bin wieder mal ganz bei Ihnen, Andreas.
Die Frage wer da Proxy von wem ist, könnte man aber noch diskutieren…..mir ist das noch nicht so klar wie Ihnen…;))) Woher kommen eigentlich all die AIPAC-Milliarden, mit denen der Zionismus amerikanische Politik kauft?…. Wirkt auf mich eher wie ein „symbiotischer Kreis“ und weniger „Meister & Vasall“.
Wenn aber nichts mehr kommen würde, könnte Russland schneller die vier neuen Regionen befreien… Das möchte man doch? Heute wurde eine Fähre auf dem Grenzfluss zerstört, die Waffen und Söldner aus Rumänien brachte.
Das Böse Medium brachte gerade noch einen Artikel zum Nahost – im Zionistenstan diskutiert man ganz offen in den Medien, ob man den Libanon erobern und in ein „Groß-Israel“ eingliedern möchte. (Die Umsetzung klappt aber nicht ganz – den Sturm der ersten Grenzstadt hat die Hisbollah zurück geworfen.) Manche träumen bereits vom größeren Reich wie in irgend einem obskuren Buch der Bibel beschrieben – bis zum Euphrat. Also noch mit Teilen von Irak, Syrien, Saudi-Arabien, Ägypten – und ganz Jordanien… Könnte auch TKP einen Artikel dazu bringen?
An therMOnukular Hallo,
Manches erklärt Russland auch nicht , aber wozu sollten Sachen erklärt werden, die selbsterklärend sind?!
Krieg ist Ökonomie und gerade bei diesem Krieg mit den flankierenden ,,Sanktionen“ bis hin zur Sprengung einer Gasröhre … man sollten nur m.E. die entscheidende Rolle der Ökonomie nicht vergessen, dann erklärt sich daraus der Rest des Krieges.
,,Die Frage wer da Proxy von wem ist, könnte man aber noch diskutieren“
Diskutieren ist gut. :-)
Ich sehe alle drei Staaten, USA und UK und Israel, als Vehikel der Finanzkapitalisten. Dabei gab es in der historischen Entwicklung einflussreiche Banker jüdischer Abstammung, es gab das Britis Empire mit seinen Bankern und dann war die Entstehung der USA mit UK verflochten …
Heute sehe ich USA als das Imperium an, weil nicht der Schekel oder das Pfund die weltweite Leitwährung ist,sondrn der US-Dollar, herausgegeben von der FED.
Naja und Iran gehört zur ,,Achse der Ent-Dollarisierung“ :-)
Hallo Andreas!
All wars are banker’s wars….;))
Wie können Sie mir unterstellen, auf die Ökonomie zu vergessen? Ich bin empört, jawohl! ;))
Ich fürchte aus der Diskussion wird auch nix mehr. So ungefähr stelle ich es mir nämlich auch vor. Die USA wirken nur deshalb als Zentrum, weil man ihre Politik am leichtesten kaufen kann und sie in return das meiste Kapital abwirft (durch Druckerpressen), während sie die „Privatarmee“ selbst und zusätzlich finanziert. Woher die Strippenzieher genau kommen oder wo sie leben, spielt dafür kaum eine Rolle. Geld hat keinen Pass und keinen Wohnsitz.
An Varus Hallo,
..Wenn aber nichts mehr kommen würde, könnte Russland schneller die vier neuen Regionen befreien… Das möchte man doch?“
Und wenn man es möchre, aber es nicht (so schnell) tut, dann warum nicht?
Weil man zu blöd ist und sich von Möchtegern-Analysten wie Korybko und anderen Gesalbten und Gequirlten den Lauf des Hasen erklären lassen muss?!
Oder aus welchen Gründen tut Russland es nicht (so schnell)?
Die Frage so herum zu stellen, das wäre m.E. der Startpunkt für Analyse.
(Schaxhspiel; isr mein Gegenspieler dumm, sieht der den Zug nicht oder…)