Die Erfindung des Feindes

11. Juni 2024von 2,4 Minuten Lesezeit

Europa braucht seinen Feind, wenn es alles aufgegeben hat, an was es einmal glaubte. Russland dafür zu wählen, ist nicht besonders kreativ.

Ich glaube, viele haben sich gefragt, warum der Westen und insbesondere die europäischen Länder durch eine radikale Änderung der Politik, die sie in den letzten Jahrzehnten verfolgt hatten, plötzlich beschlossen haben, Russland zu ihrem Todfeind zu machen. Eine Antwort ist durchaus möglich. Die Geschichte zeigt, dass, wenn die Prinzipien, die die eigene Identität sichern, aus irgendeinem Grund versagen, die Erfindung eines Feindes das Mittel ist, das eine – wenn auch prekäre und letztlich ruinöse – Auseinandersetzung mit ihm ermöglicht. Genau das geschieht jetzt vor unseren Augen.

Es ist klar, dass Europa alles aufgegeben hat, woran es glaubte – oder zumindest jahrhundertelang glaubte: seinen Gott, die Freiheit, die Gleichheit, die Demokratie, die Gerechtigkeit. Wenn die Religion, mit der sich Europa identifizierte, nicht einmal mehr von den Priestern geglaubt wird, hat auch die Politik längst ihre Fähigkeit verloren, das Leben der Menschen und der Völker zu lenken. Wirtschaft und Wissenschaft, die an ihre Stelle getreten sind, sind in keiner Weise in der Lage, eine Identität zu garantieren, die nicht die Form eines Algorithmus annimmt. Die Erfindung eines Feindes, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt, ist in diesem Moment die einzige Möglichkeit, die wachsende Angst vor all dem, woran man nicht mehr glaubt, zu stillen .Und es zeugt gewiss nicht von Phantasie, als Feind denjenigen zu wählen, der es vierzig Jahre lang, von der Gründung der NATO (1949) bis zum Fall der Berliner Mauer (1989), ermöglichte, den so genannten Kalten Krieg, der zumindest in Europa endgültig verschwunden zu sein schien, über den gesamten Planeten zu führen.

Gegen diejenigen, die stur versuchen, auf diese Weise etwas zu finden, woran sie glauben können, muss man sich daran erinnern, dass der Nihilismus – der Verlust jeglichen Glaubens – der beunruhigendste aller Gäste ist, der nicht nur nicht mit Lügen gebändigt werden kann, sondern nur zur Zerstörung derjenigen führen kann, die ihn in ihr Haus aufgenommen haben.

Bild „Busch Gardens Williamsburg – Feinds“ by holl7510 is licensed under CC BY 2.0.

Giorgio Agamben, Jahrgang 1942, lehrt heute als Professor für Ästhetik an der Facoltà di Design e Arti der Universität Iuav in Venedig, an der European Graduate School in Saas-Fee sowie am Collège International de Philosophie in Paris. Sein Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Er war der einzige lebende Weltphilosoph, der von Februar 2020 gegen das Covid-Regime angeschrieben hatte. Deshalb wurde er auch weitgehend aus dem öffentlichen Diskurs gecancelt. Der Text Teatro e politica erschien am 31. Mai am Blog von Agamben auf Italienisch.



Bitte unterstütze unsere Arbeit via PayPal oder Überweisung

Folge uns auf Telegram und GETTR

13 Kommentare

  1. Taktgefühl 1. Juli 2024 um 8:10 Uhr - Antworten

    „Multi adorantur in ora, qui cremantur in igne.“ Augustinus
    War die Corona-Pest eine Strafe Gottes? Ja, und zwar eine der Zornesschalen. Das himmlische Gericht kommt da ins Spiel, wenn der Glaube verloren gegangen ist.
    „6Und ich sah einen Engel fliegen mitten durch den Himmel, der hatte ein ewiges Evangelium zu verkündigen denen, die auf Erden wohnen, und allen Heiden und Geschlechtern und Sprachen und Völkern, 7und sprach mit großer Stimme: Fürchtet Gott und gebet ihm die Ehre; denn die Zeit seines Gerichts ist gekommen! Und betet an den, der gemacht hat Himmel und Erde und Meer und Wasserbrunnen.“ Apk. Ein strafender Gott ist genau das, was die Nihilisten verhindern wollen. Das ist so, wie wenn man dem Verführer glaubt, die heisse Herdplatte anzufassen.

  2. Jurgen 12. Juni 2024 um 16:24 Uhr - Antworten

    Tja, zu was Reparationvermeidung nach Wk2 so geführt hat, haben wir im kalten Krieg selbst gesehen (teile und herrsche – Deutschland teilte die Welt). Aber jetzt im Arsch der USA/UK kriegt Deutschland keine Luft mehr – von wegen CO2!

    P.S. die Germanen wurden einst von Cäsar erfunden, weil er einen Grund zur Verschleierung seiner Unfähigkeit brauchte, da er die vielen lose verbundenen deutschen Sippen nicht besiegen konnte.

    • Andreas_Sch. 13. Juni 2024 um 10:10 Uhr - Antworten

      „Getrennt marschieren – vereint zuschlagen!“, war eigentlich immer die beste Strategie für die Germanen … 🤔

  3. Renate M. 12. Juni 2024 um 8:54 Uhr - Antworten

    Faktencheck: Die USA ist hoch verschuldet, Europa braucht für den CO2 – Wandel viel Geld, Israel hat den Rubikon im Liberalismus gefunden und wirkt unzufrieden, die Ukraine hat es geschafft, Deutschland und Russland zu spalten um den Platz, den Kapitalfluss der Russischen Föderation nach Europa zu durchkreuzen. Was macht das mit den Menschen und den Zusammenhalt im Land? Alle fühlen sich desillusioniert und desorientiert und klammern sich an die Demokratie wie der Papst an die Hostie. # Ich glaube, nach der Rede von Präsident Zelenskji, nach seiner Kriegsrede im Bundestag nicht, dass eine florierende, reformierte und demokratische Ukraine, die Brandmauer nach Russland beenden wird. Kein Volk kann in Freiheit leben, zwischen Brandmauer und Stacheldraht.

  4. Monika 12. Juni 2024 um 7:19 Uhr - Antworten

    wer die bodenschätze in besitz hat, der ist herrscher der welt ( warum hat sich soros wohl mit über 550 mrd dollar in der Ukraine schon länger eingekauft) die globalisten wollen an alles ran……billiarden an bodenschätzen, ein imenser reichtum, ebenso die gasfelder vor dem gazastreifen. dafür sollen alle pallästinenser sterben

  5. Peter Ruzsicska 11. Juni 2024 um 20:41 Uhr - Antworten

    Der Feind im Außen ist für die Herrschaft umso alternativloser, je höher die Wahrscheinlichkeit des Unmutes seiner Gläubiger sowie ähnlich Gedungener gegenüber des Ungemaches im Inneren wächst – Eine völlig normale Entwicklung Herrschaftlicher Stabilisierungstätigkeit, welche tendenziell sich gleichzeitig nach Innen als auch nach Außen in alle Unendlichkeit zu verausmaßen trachtet.
    Dies gilt für sämtliche Vasallenstaatsgebilde im Verhältnis zur gegenwärtig sich verausmaßenden Universalhegemonie als auch für den gemeinen Boss und dessen Klientel.
    Glaube als auch Nihilismus erweisen sich dabei als läppisch scheele Augenscheinlichkeiten in prächtigen Szenerien ausuferndster Symptomereignisse.
    Herrschaft ist Einfach, sowie deren gelegentlicher Untergang kollateralbrachialst folgerichtig – Dannach beginnt das Spiel erneut…

  6. Hasdrubal 11. Juni 2024 um 20:18 Uhr - Antworten

    Russland dafür zu wählen, ist nicht besonders kreativ.

    Dafür aber gefährlich. Ich habe Analysen gelesen, ganz Westeuropa könne vielleicht 50.000 wirklich kampffähige Truppen zusammenkratzen. Die Russen meldeten heute neuen Rekord – 2.155 in 24 Stunden. In diesem Tempo würde ganz Westeuropa den russischen Drohnen und FAB-Bomben für einen Monat reichen. Die Amis haben keine Lust, sich für Westeuropa zu verheizen, das sagen die sogar fast offen.

  7. Harald Eitzinger 11. Juni 2024 um 19:23 Uhr - Antworten

    Da muss ich etwas widersprechen, nicht Europa braucht seinen Feind, es sind vielmehr die USA und die Nato. So war die Sowjetunion nach ihrem Zusammenbruch und der Auflösung des warschauer Paktes mehr mit sich selbst beschäftigt und suchte nach europäischen Partnern. Das gefiehl den USA so ganz und gar nicht und torpedierten jegliche Zusammenarbeit speziell der Deutschen mit Russland. Wie es sich heute herausstellt liege ich richtig, die Zusammenarbeit ist durch den von den Amis provozierten Ukrainekriegs bendet, eine Deindustrialisierung Deutschlands (auch durch massive Mithilfe der Ampel) voll im Gange und eine Ausweitung zu einem großen Krieg in Europa absehbar.

    • Saltysailor 11. Juni 2024 um 20:20 Uhr - Antworten

      So ist es! Exakt!

    • Andreas I. 12. Juni 2024 um 8:26 Uhr - Antworten

      Hallo,
      und was die BRD angeht, sind Netzwerke wie Atlantik-Brücke am Wirken. Wer das nicht beachtet, der könnte geneigt sein die Äußerungen ,,deutscher“ Politiker und Qualitätsjournalisten als deutsche Perspektive wahrzunehmen, aber genau das ist ja die Täuschung, das sind Transatlantiker.

  8. rudi fluegl 11. Juni 2024 um 17:12 Uhr - Antworten

    „Gegen diejenigen, die stur versuchen, auf diese Weise etwas zu finden, woran sie glauben können, muss man sich daran erinnern, dass der Nihilismus – der Verlust jeglichen Glaubens – der beunruhigendste aller Gäste ist, der nicht nur nicht mit Lügen gebändigt werden kann, sondern nur zur Zerstörung derjenigen führen kann, die ihn in ihr Haus aufgenommen haben.“
    Da die sturen daran nicht erinnert werden müssen, schlage ich vor diesen zu sagen, dass der Sinn genau dann verloren gegangen ist wenn man ihn sucht!
    In der Not, in der sogenannten Sinnkrise frage ich dazu lieber meine Katze. Die Philosophen kommen später, in der Phase der Langeweile!

    • Peter Ruzsicska 11. Juni 2024 um 20:49 Uhr - Antworten

      Hat wat.

    • Taktgefühl 1. Juli 2024 um 7:31 Uhr - Antworten

      Nicht unbedingt. Man macht das Fenster auf, um frische Luft herein zu lassen.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Aktuelle Beiträge