
Das Problem, das der Mainstream mit Paul Feyerabends 100. Geburtstag hatte
Die geistigen Verrenkungen, die der Mainstream vollführen musste, um den 100. Geburtstag des renommierten Wissenschaftsphilosophen nicht unter den Tisch fallen zu lassen und gleichzeitig seine brennende Aktualität und das radikal kritische Potential dieses Denkers zu neutralisieren, sind bemerkenswert.
Der Österreicher Paul Feyerabend (1924-1994) gilt, wie oft gesagt wird, als das „Enfant terrible“ der wissenschaftstheoretischen Szene des 20. Jahrhunderts. Und man muss in aller Deutlichkeit sagen, dass er wahrscheinlich über vieles, was in den vergangenen vier Jahren im öffentlichen Diskurs gesagt wurde, in schallendes Gelächter ausgebrochen wäre. Wenn etwa Medienvertreter, Politiker und diverse selbsternannte Faktencheckergruppen mit dem Gestus unbedingter Autorität aufgetreten sind und dabei in bierernstem Ton Phrasen verkündet haben wie „Die Wissenschaft sagt, dass …“, „Das sind die Fakten …“, „Wer etwas anderes sagt, ist ein Schwurbler …“, dann wäre das für ihn wohl nichts als eine Eselei gewesen.
Feyerabend ist demzufolge bei jenen Wissenschaftsjournalisten, die diese Art von Rhetorik mit zu verantworten haben, nicht eben beliebt. Andererseits gilt er doch als ein Klassiker, und den 100. Geburtstag eines solchen Mannes konnte man nicht einfach übergehen. Ein Totschweigen war nicht möglich. Einfach als „Schwurbler“ konnte man ihn auch nicht abtun. Mitte Jänner war es soweit. Was sollte man also in so einer Situation machen?
Die Entschärfung eines wirklichen Querdenkers
Nun das, was man in solchen Situationen immer getan hat in der Geschichte: Man zimmert sich die betreffende Person neu zurecht, so wie man sie braucht. Man zieht ihr den radikal kritischen Zahn. Charakteristisch ist darum nicht so sehr das, was über Feyerabend gesagt wurde, sondern vielmehr das, was dabei verschwiegen wurde. Und dass manche sich im Rahmen aktueller politischer Debatten auf ihn berufen haben, wurde nur erwähnt, um eine solche Bezugnahme sofort für illegitim zu erklären. Nein, Feyerabend habe natürlich mit solchen Leuten nichts zu tun.
Ein Beispiel dafür liefert etwa die von Robert Czepel für die Reihe „Dimensionen“ gestaltete Ö1-Sendung „Paul Feyerabend: Der Radikalist der Wissenschaftstheorie“ vom 10. Jänner.[1] Eine über weite Strecken gut gemachte Sendung. Aber dann kommt, gegen Ende des Beitrags, die Sprache doch kurz auf das Heikle, auf den Elefanten im Raum. Und es erhebt sich eine warnende Stimme:
„Eine Fußnote: Wenn Feyerabend eine relativistische Haltung einnahm, in dem Sinne, dass man die zeitgenössische Wissenschaft nicht zu etwas Absolutem überhöhen sollte, dann läuft er auch Gefahr, von den falschen Leuten vereinnahmt zu werden. Gerade heute, da krude Wissenschaftskritik zum Volkssport in den sozialen Medien gehört. Damit hat sein Relativismus natürlich nichts zu tun.“
Da ist er wieder, der Betreuungsjournalismus, der einem erklärt, was man wie aufzufassen habe und wie jedenfalls nicht. Wer konkret diese „falschen Leute“ sein sollen, und wie da genau Feyerabend „krud“ missdeutet würde, das wird natürlich nicht erklärt. Je diffuser das Feindbild bleibt, desto besser. Der solcherart vorgewarnte Zuhörer kann es sich schon denken: Es sind die „Corona-Leugner“, die „Querdenker“ und „Verschwörungstheoretiker“ gemeint, ganz fürchterliche Menschen offenbar. Und jetzt vereinnahmen sie auch noch den Paul Feyerabend. Ja, dürfen’s denn des?
Ein anderes Beispiel ist der bei Corona-Hardlinern äußerst beliebten Spaß-Postille „Der Standard“ zu entnehmen. Dort oblag es am 13. Jänner dem seinem Selbstverständnis nach fortwährend gegen die Dämonenbrut der „Wissenschaftsleugner“ und „Wissenschaftsfeinde“ heroisch kämpfenden Wissenschaftsjournalisten Klaus Taschwer, seiner sektiererischen Fangemeinde ausgerechnet den als antiautoritären Wissenschaftsanarchisten verrufenen Feyerabend als einen zu verkaufen, der zwar radikale Ansichten vertreten habe, aber natürlich völlig zu Unrecht „von manchen Impfgegnern und anderen Querdenkern für ihre Zwecke vereinnahmt wird“.[2] Mit diesen Worten zitiert er, von Zustimmung triefend, zwei Wissenschaftshistoriker, deren Anliegen es offenbar gleichfalls gewesen ist, Feyerabend zu retten.
Feyerabend und die Rhetorik der Wissenschaftsagitatoren
Als ob Feyerabend eine solche Rettung nötig hätte oder er zu seinen Lebzeiten je darauf neugierig gewesen wäre. Und wenn schon, dann müsste man ihn eher vor Taschwer und den beiden Wissenschaftshistorikern retten. Denn allein mit den von ihnen verwendeten Formulierungen verraten sie den Geist Feyerabends bereits. Tatsächlich widerspricht nichts dem gesamten Denken des Wissenschaftsphilosophen mehr, als Häretiker, wie das heutzutage Usus geworden ist, mit bombastischen propagandistischen Kampfbegriffen á la „Impfgegner“, „Querdenker“ oder „krud“ (im Ö1-Beitrag) niederzumachen. Sympathisierte er doch grundsätzlich mit Außenseitern aller Art und war ja nicht zuletzt überdies selbst einer, und bei diesen verortete er auch das eigentlich kreative Potential der Wissenschaften.
Was Taschwer & Co. ohnehin tunlichst verschweigen: In Feyerabends Werk hat man alles beisammen, was man braucht, um ihre eigene Rhetorik in die Luft zu sprengen, jene anmaßende Rhetorik, derer sie sowie diverse Faktenchecker- und Volksverpetzervereine sich heutzutage fortwährend bedienen, wenn sie sich als jene hinstellen, die „die“ Wissenschaft vertreten würden und die „die“ Fakten in Händen halten würden, während jeder, der eine davon abweichende Meinung vorträgt, von ihnen als „Wissenschaftsfeind“, „Wissenschaftsleugner“ oder „Wissenschaftsskeptiker“ diffamiert wird.
Gerade diese naive Vorstellung von „Wissenschaft“ und den ihnen zur Verfügung stehenden „Fakten“ ist es nämlich, die von Feyerabend von vorne bis hinten zerlegt wurde. Der Einsicht Karl Poppers, dass — anders als es sich der naive Empirismus vorstellt — die sogenannten Tatsachen nicht einfach gegeben, sondern theoretische Konstruktionen sind (sogar die scheinbar selbstverständliche Feststellung, auf dem Tisch stehe ein Glas Wasser), dieser Einsicht folgt Feyerabend konsequenter, als Popper selbst es je getan hat. Und in seinem Buch „Wider den Methodenzwang“ analysiert er meisterhaft heraus, wie mittlerweile allgemein anerkannte wissenschaftliche Tatsachen vor Jahrhunderten durch offensichtliche „Fakten“ widerlegt waren — an vorderster Stelle die Auffassung, die Erde drehe sich um die Sonne. Allein das zeigt schon, wie problematisch die Berufung auf „die Fakten“ ist, die heutzutage ständig herausgebrüllt wird.
Selbst lesen, selbst denken
Abgesehen davon, und das kommt heutzutage noch dazu, ist es sowieso absurd, wenn undurchsichtige Klüngel von Wissenschaftsjournalisten und Faktencheckervereinen nun so tun, als wären sie die Verkörperung „der“ Wissenschaft und als hätten plötzlich sie —einschließlich Jan Böhmermanns — darüber zu bestimmen, was „die“ Wissenschaft sagt. Ebenso abwegig ist es natürlich, wenn die gleichen Klüngel nun verfügen wollen, was die einzig richtige Auslegung Feyerabends wäre und was nicht.
Darum am Schluss ein Ratschlag an alle Leser und Leserinnen hier: Am Ende doch lieber selbst Feyerabend im Original lesen und selbständig über das nachdenken, was er sagt — von mir aus auch „querdenken“ —, als sich auf das verlassen, was heutzutage Wissenschaftsjournalisten und Wissenschaftsagitatoren über ihn verbreiten. Wenn nämlich etwas Gutes in dem Artikel Taschwers steht, dann die Aussage des emeritierten Klagenfurter Wissenschaftsphilosophen Josef Mitterer, die er erstaunlicherweise ganz wirkungsvoll am Schluss seines Textes platziert hat, obwohl das Zitat jenem autoritären Duktus, den er sonst ständig zur Schau stellt, völlig zuwiderläuft:
„Viel wichtiger ist, dass die Leute aufgrund dieses Jubiläums heuer wieder Feyerabend lesen und sich auf Youtube Videos von ihm anschauen. Was sie draus machen, das ist dann jedem selbst überlassen.“
[1] https://oe1.orf.at/programm/20240110/746072/Paul-Feyerabend-Der-Radikalist-der-Wissenschaftstheorie
[2] Paul Feyerabend, „der größte Feind der Wissenschaft“? – Welt – derStandard.at › Wissenschaft
Bild wikimedia
Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich veröffentliche sie aber gerne, um eine vielfältigeres Bild zu geben. Die Leserinnen und Leser dieses Blogs sind auch in der Lage sich selbst ein Bild zu machen.
, geboren 1967 in Wien, Studium der Germanistik und Philosophie, hat seine Diplomarbeit mit dem Titel „Körper und Diskurs. Zur Thematisierung des Unbewussten in der Literatur anhand von E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann“ 2006 bei Peter Lang veröffentlicht und war Gelegenheitsblogger auf standard.at.
Wie der ORF tote Philosophen für politische Agitation missbraucht – Offener Brief
Jetzt als Video: Wie die Waldheim-Affäre die Antifa umdrehte
Ich habe Paul Feyerabend im 2. Semester Anno 1984 gelesen und dieser Spirit hat mich seit meinem Studium stets begleitet. Danke für den Artikel und die Erinnerung an einen grandiosen kritischen Denker, der im heutigen akademischen Milieu keine Chance hätte.
Danke für die Horizonterweiterung, Herr Rosner. Habe von dem Mann noch nie gehört, werde mich näher mit ihm beschäftigen. Es ist mir immer eine Freude, von Ihnen zu lesen. Auch wenn ich mit Ideologie nichts mehr am Hut habe, freut es mich, dass es mit Ihnen in diesen verrückten Zeiten zumindest noch einen öffentlich wahrnehmbaren „unverrückten“ Linken gibt. Bleiben Sie uns gewogen.
Wir leben heute in einem (nicht dem einzigen) Mythos: dass Wissenschaft und Erkenntnis ein eindeutiger und auf Dauer unbeirrbarer Weg vom Unwissen zum Wissen sei.
Absoluter Blödsinn. In den Wissenschaften stecken heute mehr Irrtümer und Fehler als noch vor hundert Jahren. Schon alleine aus der Tatsache heraus, dass es heute ein zig-faches an wissenschaftlichen Aussagen gibt als vor hundert Jahren.
Diese Informationsüberflutung, die wir nicht nur in den Wissenschaften sondern in allen Bereichen des Lebens erleben und ertragen müssen, führt letztlich dazu, dass die Suche nach Tatsachen zur Suche (Sucht?) nach Autoritäten und deren Dekreten entartet ist. Die Unübersehbarkeit der Behauptungen in allen Bereichen drängt den Rezipienten nach einem Ordnungssystem, das gerne von interessierten Kreisen bereitgestellt wird. Ordnung und Wissen durch Dekrete. Die angebliche Wahrheit wird per Deklaration durch angeblich einzig glaubwürdige und seriöse Kanäle verbreitet. Genau die gleichen, die alle anderen Kanäle als falsch, ungültig, Vertrauens-unwürdig erklären. Die Stunde der selbst- oder durch Geldmacht ernannten „Experten“ und Propheten (Modellierer und Simulanten) und Berater und Erklärer (ala Lesch oder Mai Thi, oder Hirschhausen, …, so eine Art „Jesuiten der Wissenschaftsreligion“).
Wichtig ist, dass der Mythos der angeblich STÄNDIG ZUNEHMENDEN Unfehlbarkeit der Wissenschaften keinen Kratzer bekommen darf. Deshalb werden alte Irrtümer besonders vehement, aber auch besonders perfide und trickreich verteidigt, nicht mehr weg zu leugnende Irrtümer unauffällig bereinigt (zB „adulte Neurogenese“) , Idole aufgebaut und aggressiv beworben (Darwin, Koch, Pasteur, Einstein, Marx, Freud, …) und die angebliche annähernde Einstimmigkeit in den Wissenschaften propagiert.
Chapeau!!! 100pro!!!
In der heutigen „Zitierst du mich, zitiere ich dich“ Wissenschaft hätte Einstein keine Chance mehr. Heutzutage würden sich die 100 Regimetreuen Mainstream-„Autoren gegen Einstein“ einfach immer wieder gegenseitig zitieren, damit einen riesigen Impact-Faktor aufbauen, und so ihre Ansicht mit freundlicher Unterstützung von der Faschisten-Ampel durchsetzen.
Die herrschenden Ideen sind die Ideen der Herrschenden. Wirklicher „Wissenschaft“ wohnt immer etwas Subversives inne, weil sie das herrschende „Wissen“ in Frage stellt, weil sie nicht innerhalb der Grenzen des „von oben“ Vorgegebenen und Gewünschten eingepfercht werden kann, nicht in den Käfig des für die diversen Finanziers und Machthaber Nützlichen (auf Dauer) einsperrbar ist.
Aristoteles beginnt das erste Buch der „Metaphysik“ mit den Worten ‚Πάντες ἄνϑρωποι τοῦ εἰδέναι ὀρέγονται φύσει‘ („Alle Menschen streben von Natur nach Wissen“). Besonders gut erkennbar ist das an den Kindern („Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder …“, Mt 18,1), und es ist essentiell für jede Herrschaft über Menschen, ihnen den Drang nach Wissen zu nehmen („Gezähmt, gezüchtigt und verblödet“) und durch Obrigkeitsgäubigkeit, Glauben an den „wissenschaftlichen Konsens“ zu ersetzen. Weil das nicht gelingt, nicht gelingen kann, gibt es so etwas wie „Wissenschaft“ und Rebellion gegen Machthaber …
Nichts in der Welt wird so gefürchtet wie der Einfluss von Menschen, die geistig unabhängig sind. Albert Einstein
Je mehr eine Kultur begreift, dass ihr aktuelles Weltbild eine Fiktion ist, desto höher ist ihr wissenschaftliches Niveau.
Derselbe
Bezieht sich aber eher auf seine Relativitätstheorie, deren emergentes Potential die klassische Physik sprengte und viele seiner zeitgenössischen Wissenschaftskollegen überforderte……❤️ Momentan geht der Weg über Windräder und THE in die Steinzeit zurück.
Einmal mehr ein Standard-Klassiker auf der Metaebene, von der sprachhochpimpenden „Potschatn-Fraktion“
Ein gnadenloser Indikativ, den kein noch so talentierter„transzendentaler Entertainer“ klein- schön- oder gar wegformuliert kann.
Der von mir hochgeschätzte Philosoph und Essayist Odo Marquard spricht in solchen Fällen auch von der „Inkompetenzkompensationskompetenz“ und – zu den sich selbst überschätzenden Apologeten – Zitat – mit ihren „Absolutheitspositionen“ und „Letztbegründungsversuchen“.
Und zu den hochaktuellen Intellektuellen- und Gebildetendarstellern in Medien & Wissenschaft mit ihren chronischen Verdrehungspsychopathologien passt hervorrragend Marquards Aphorismus:
„Bildung ist der Verzicht auf die Anstrengung, dumm zu bleiben“
Wenn Querdenker zu Vordenkern werden, dann haben es natürlich die schwer, die mit ihrem Denken hinten nach sind, weil sie nur an das glauben, was Macht bringt.
Auch die Mächtigsten dieser Erde können Vertrauen nicht mehr so einfach wiederherstellen, wenn sie dieses so sehr missbraucht haben, dass ihnen niemand mehr trauen kann.