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Politik

Blind am Himmel, blind am Boden: Kiew ohne Vorwarnung, Russlands Satelliten im Nacken von Ukraines Radaraugen

4 Kommentare 20. Oktober 2026 7 Minuten Lesezeit von Jochen Mitschka

Zweimal in Folge blieb die Warnung vor ballistischen Raketen aus – und im Orbit rücken russische Satelliten einem finnischen Radarsatelliten auf die Pelle. Zwei Meldungen, ein Thema: die Abhängigkeit der Ukraine von fremder Aufklärung.

Wolodymyr Selenskyj hat sich erneut öffentlich beklagt: Auch beim zweiten russischen Angriff mit ballistischen Raketen auf Kiew in Folge sei die gewohnte Vorwarnung der Partner ausgeblieben. „Wieder einmal keine Vorwarnung von unseren Partnern“, schrieb er laut APA-Meldung. Die Raketen seien erst im Anflug auf die Hauptstadt von den eigenen Radaranlagen entdeckt worden. Die ukrainische Luftwaffe bat zudem darum, aufzuklären, warum diesmal kein Alarm kam, wie der ORF berichtete.

Selenskyj nannte keinen Partner beim Namen. Aber jeder weiß, wer gemeint ist: Die Ukraine verlässt sich bei der Früherkennung vor allem auf Daten des US-Militärs. Das hat Selenskyj selbst bereits im März 2025 offen gesagt: Ohne US-Aufklärung erkenne Kiew den Start russischer ballistischer Raketen nicht, und direkten Zugriff auf die Daten habe man nie gehabt – sie würden stets weitergereicht.

Widersprüchliche Aussagen

Gesichert ist die Aussage Kiews. Offen ist die Ursache. Außenminister Andrij Sybiha betonte, der Austausch von Geheimdienstdaten mit den USA laufe weiter. Die Verzögerung habe mit den Besonderheiten der eingesetzten Waffen zu tun (laut Kuwait Times und ORF). Selenskyj selbst stellte keinen Zusammenhang zu amerikanischem Druck her.

Der Hintergrund macht die Sache dennoch brisant. Nach denselben Berichten haben Reuters und andere Medien gemeldet, US-Vertreter hätten damit gedroht, den Austausch von Aufklärungsdaten und Waffenverkäufe zu stoppen, wenn Kiew nicht aufhöre, russische Raffinerien anzugreifen. Ein Beleg dafür, dass die ausgebliebenen Warnungen eine Reaktion darauf sind, liegt nicht vor.

Donald Trump hat sich über sein Soziales Netzwerk in der Nacht darüber beschwert, dass Selenskyj erneut russische Diesel-Vorräte angreifen würde, was den angespannten Weltmarkt negativ beeinflüssen würde.

Hinzu kommt das materielle Problem. Die ukrainische Luftverteidigung hat nach viereinhalb Jahren Krieg zu wenig Abfangraketen. Als wirksamste Waffe (wenn es überhaupt welche gibt) gegen Ballistik gelten die amerikanischen Patriot-Systeme. Selenskyj sagte zuletzt, man habe in diesem Jahr zweieinhalbmal weniger Abfangraketen als 2025, und bat die USA, ihm welche zu „verkaufen„, wobei unklar ist, wie das bezahlt werden soll. Die US-Bestände schrumpften zugleich durch den Iran-Krieg erheblich. Ohne Frühwarnung und ohne Abfangraketen bleibt nur der Keller – und selbst den erreichen manche zu spät.

Der Krieg im Orbit

Parallel verschiebt sich die Auseinandersetzung ins All. Mehrere russische Militärsatelliten haben sich seit dem Frühjahr dem finnisch-amerikanischen Radarsatelliten ICEYE-X36 genau in dessen Bahnebene genähert. Nach einem Bericht der Analysefirma Integrity ISR vom 22. Mai kamen vier Kosmos-Satelliten (2610 bis 2613) bis auf etwa 13 Kilometer heran, wie Meduza zusammenfasst. Andere Quellen sprechen von fünf oder sogar sechs Objekten; die Zahlen unterscheiden sich je nach Analyse, siehe etwa ingenieur.de. Im Internet las man „einige hundert Meter“. Die Bundeswehr warnteAnfang Oktober vor den Manövern.

ICEYE-X36 ist kein beliebiger Satellit. Es ist der sogenannte „Volkssatellit“, dessen Dienste die Stiftung von Serhij Prytula 2022 per Spendenaktion für die ukrainische Armee gekauft hat. Radar mit synthetischer Apertur sieht bei Nacht und durch Wolken. Laut liga.net lieferte der Satellit der Ukraine mehr als 5.900 Aufnahmen zur Verfolgung russischer Ziele. Moskau hatte schon 2022 erklärt, kommerzielle Satelliten, die das ukrainische Militär unterstützen, seien legitime Ziele.

Was Russland vorhat, ist unklar. Das Royal United Services Institute hält eine „nicht-kinetische“ Störung mit zumindest zeitweisem Datenverlust für Kiew für das wahrscheinlichste Motiv, zugleich als Signal, dass Weltraumgüter im Dienst der Ukraine nicht sicher seien. Westliche Beobachter befürchten dagegen, Russland könne den Satelliten sogar zum Absturz bringen, wie in einer Analyse von ZDFheute zu hören ist. Ein Angriff ist bisher nicht belegt. Von einer eher nicht-kinetischen Behinderung des Satelliten gehen die meisten neutralen Beobachter aus.

Dritter Ausfall: Starshield, Musk und Europas Lücke

Mitten in der Debatte um die ausgebliebenen Raketenwarnungen meldete Kiew eine weitere Störung. Nach ukrainischen Angaben fiel der militärische Starlink-Dienst Starshield aus, sobald sich die Terminals schnell bewegten. Das betraf Angriffsdrohnen und die Luftverteidigung, wie Reuters berichtet. Der ehemalige Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow schrieb, die Verbindung bis 160 km/h werde wiederhergestellt. Die Aufhebung der Geschwindigsbegrenzung bei Starshield sei aber „kritisch“.

Elon Musk wies die Verantwortung von sich: Starshield gehöre der US-Regierung, Beschränkungen entscheide das US-Militär und letztlich der Präsident. Das militärische Starshield und das zivile Starlink seien zu trennen). Wer die konkrete Drosselung angeordnet hat, ist damit nicht geklärt, ebenso wenig ein Zusammenhang mit dem Druck wegen der Raffinerieangriffe. Politisch ist der Zeitpunkt auffällig: Zuvor hatte Trump eine Sanktionsausnahme für russischen Diesel verkündet und Selenskyjs Ablösung gefordert, laut Reuters. Auch Musk sagte später, Selenskyj solle „gehen“.

Zur Frage, warum die Warnungen ausblieben, gibt es neue Details. Der Luftwaffensprecher Jurij Ihnat sagte, vor drei Angriffswellen sei gewarnt worden, nur vor der ersten nicht. Selenskyj bestätigte gegenüber NPR, Washington habe wegen der Raffinerieangriffe mit einer Aussetzung der Geheimdienstkooperation gedroht. Einen bewiesenen Zusammenhang mit den fehlenden Alarmen gibt es weiterhin nicht. Allerdings: Ein hochrangiger Beamter in Kiew bestätigte laut AFP, die USA hätten in den letzten Tagen gedroht, die Informationen zu Raketenstarts zu stoppen.

Und Europa? Reuters zitiert Marc DeVore von Chatham House: Für das US-Infrarotsystem SBIRS, das den Start von Raketen anhand ihrer Hitze erkennt, gebe es in Europa „nichts Vergleichbares“. Einen fertigen Starlink-Ersatz für Drohnen gebe es ebenfalls nicht. Und dass die EU-Länder in der Lage sein werden, wie Russland innerhalb von wenigen Monaten ein funktionierendes Analogon wie Rasswet (Morgendämmerung) vom Buro 1440 ins All zu bringen ist eher unwahrscheinlich. Das OneWeb-Netz von Eutelsat gilt Experten als zu veraltet für den Fronteinsatz, und ein Wechsel würde den Austausch tausender Terminals erfordern. EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius verwies auf das geplante Netz IRIS², das aber noch Jahre von der Einsatzreife entfernt ist. Auch beim Abfangen ballistischer Raketen arbeitet Europa laut dem Atlantic Council erst an einer Alternative zum Patriot-System.

Zwei Meldungen, eine Lehre

Alle Vorfälle zeigen dieselbe Schwäche: Die Ukraine kann sich nur so gut verteidigen, wie ihre Geldgeber und Datenlieferanten es zulassen. Die Frühwarnung hängt an amerikanischen Sensoren, die Radaraufklärung an einem kommerziellen Satelliten eines westlichen Unternehmens, die Navigationsmöglichkeiten an fremden Satelliten. Wer das Auge abschaltet – aus politischem Kalkül oder per Orbitalmanöver –, macht das Land blind, ohne einen Schuss abzugeben.

Wobei man beachten muss: In einem richtigen Krieg würden sich die Kontrahenten die Satelliten vermutlich gegenseitig abschießen. Wobei mit dem Nudol-System bereits Erdnahe Satelliten wie die von Elon Musk ziemlich mühelos zerstören kann. Im November 2021 hat Russland mit einer Nudol-Abfangrakete erfolgreich den ausgedienten sowjetischen Satelliten Kosmos 1408 abgeschossen. Dieser befand sich zum Zeitpunkt des Abschusses in einer Höhe von knapp 500 Kilometern – also in der Haupteinsatzhöhe der heutigen Starlink-Konstellation.

Und mit dem geheimen neuen S-550 System wird Russland auch höher gelegene Militärsatelliten erreichen können. Auch diese Raketen werden mit mobilen Abschusseinrichtungen eingesetzt.

Bild: Screenshot von Video über das S-550 System

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4 Kommentare

  1. Daisy
    Antworten

    Ich denke, Trump und Musk machen das deswegen nicht offiziell, weil mittlerweile die „Falken“ das Sagen haben. Sie haben sich auch max. aufgeregt, weil Trump die „höllischen“ Grahamsanktionen abgeblasen hat. Trump ist nicht Herr im Haus und Schneelenski weiß das.

  2. Sceeneshifter
    Antworten

    China und Rußland haben die Welt dazu aufgerufen, den Weltraum nicht weiter zu militarisieren. Ich glaube, man muß das in diesem Zusammenhang sehen. Es ist Putins Besonnenheit zu verdanken, dass Rußland den ukrainischen Satelliten noch nicht abgeschossen hat.

  3. Jochen Mitschka
    Antworten

    Hat noch jemand Zweifel, dass es ein Stellvertreterkrieg der NATO gegen Russland ist?

    1. cwsuisse
      Antworten

      Nein!

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