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Politik

Ukrainischer Angriff aus NATO-Gebiet auf Sankt Petersburg

5 Kommentare 19. Oktober 2026 8 Minuten Lesezeit von Jochen Mitschka

In der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober griffen hunderte von ukrainischen Drohnen die russische Stadt St. Petersburg aus dem Gebiet der baltischen Staaten an. Keine einzige der Drohnen scheint durch die NATO abgeschossen worden zu sein, was für eine Absprache spricht. Auch wurde ein Gasterminal an der Nord-Stream-Pipeline angegriffen, was als Signal gegen eine US-Übernahme angesehen wird. Die Dinge eskalieren.

In der Nacht auf Sonntag ist St. Petersburg, die zweitgrößte Stadt Russlands, massiv aus der Luft angegriffen worden. Nach Angaben ukrainischer Beobachterkanäle begann der Angriff gegen 2:50 Uhr Ortszeit, wie die Kyiv Independent berichtet. Der Gouverneur des Leningrader Gebiets, Alexander Drosdenko, meldete den Abschuss von 127 Drohnen über der Region. Der Gouverneur von St. Petersburg, Alexander Beglow, bestätigte Brände am St. Petersburger Ölterminal, am Öllager Ruchyi und in Industriehallen im Bezirk Kolpino. Er sprach von einem Toten, fünf Verletzten sowie 12 beschädigten Wohnhäusern und zwei beschädigten Einfamilienhäusern.

Russische Staatsmedien berichteten zudem von Treffern auf ein Rechenzentrum des sozialen Netzwerks VKontakte, Videos zeigen offenbar Einschläge an einer Brücke. Der ukrainische Drohnenhersteller Fire Point reklamiert für sich, mit seiner Drohne FP-1 das Ölterminal getroffen zu haben. Die Kyiv Independent selbst schreibt, sie habe Ziele und Schäden zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht unabhängig überprüfen können. Fast alles, was wir bisher wissen, stammt von den Kriegsparteien selbst.

Ein Muster, kein Einzelfall

Der Angriff steht in einer langen Reihe. Das Ölterminal in St. Petersburg wurde nach Angaben der Kyiv Independent schon am 4. Juli beschädigt. Anfang Juni trafen Drohnen drei Stadtbezirke, kurz vor Beginn des Wirtschaftsforums SPIEF. Der Hafen Ust-Luga, rund 110 Kilometer westlich der Stadt, brannte im März, im August und zuletzt am 1. September, als Drosdenko 52 abgefangene Drohnen meldete. Auch die Angriffe auf Rechenzentren sind kein neues Phänomen: Kiew hat in den vergangenen Wochen mehrere Yandex-Rechenzentren attackiert, nachdem Präsident Selenskyj angekündigt hatte, auf russische Angriffe auf ukrainische Rechenzentren „in gleicher Münze“ zu antworten. Parallel meldet die Kyiv Independent, dass der Himmel über Moskau mehrere Nächte in Folge gesperrt wurde.

Die Stadt liegt 856 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Das ist weit, aber für die Drohnen, mit denen Kiew seit Monaten Ziele im Nordwesten Russlands angreift, keine Sensation. Moskau, so berichtete der Bürgermeister von Moskau, war in der Woche von über 2600 Drohnen angegriffen worden.

Die Baltikum-These: plausibel klingend, aber nicht belegt

Die Annahme, die Drohnen seien vom Gebiet der baltischen Staaten gestartet und die NATO habe keine einzige abgeschossen, was auf eine Absprache hindeute, ist eine Hypothese. In den bislang vorliegenden Berichten zum Angriff dieser Nacht findet sich dafür kein Beleg, weder zu den Startorten noch zu den Flugrouten, meinen westliche Experten. Aber tatsächlich ging es nicht um den START der Drohnen von NATO-Gebiet, sondern darum, dass die Drohnen zunächst in Richtung Moskau starteten, dann aber nach Westen abbogen, und über das Gebiet der baltischen Staaten nach Norden flogen.

Die Vorwürfe selbst sind nicht neu. Moskau beschuldigt Estland, Lettland und Litauen seit dem Frühjahr, ihren Luftraum für ukrainische Angriffe zu öffnen. Außenamtssprecherin Sacharowa erklärte, die drei Staaten hätten eine „angemessene Warnung“ erhalten. Die Hauptstädte der drei Länder weisen das als Desinformation zurück. Im Mai kündigte Kremlsprecher Peskow an, das russische Militär bereite eine „angemessene“ Antwort vor.

Im Westen heißt es, gegen die Absprache-These sprächen mehrere Punkte.

  • Erstens habe Estland im Mai den ersten Abschuss einer ukrainischen Drohne durch ein NATO-Flugzeug über estnischem Gebiet seit 2022 gemeldet. Der NATO-Oberbefehlshaber Grynkewich argumentierte, man würde Drohnen nicht abschießen, wenn man sie durchließe, um Schäden durch herabfallende Drohnen zu vermeiden.
  • Zweitens, so wird erklärt, beträfen die belegten Zwischenfälle, etwa am 25. März, Drohnen, die aus russischem Luftraum nach Lettland und Estland hineingeraten sind. Um die es natürlich Russland gar nicht geht. Estlands Außenminister meinte, die Drohne sei „nicht gegen Estland gerichtet“ gewesen. Lettlands Regierungschefin hielt es für möglich, dass sie ukrainisch war. Das spricht eher für „Fehlflüge“ über russischem Gebiet als für einen Startkorridor im Baltikum, erklären westliche Kommentatoren.
  • Drittens: Dass die NATO nichts abschießt, ist kein Beweis. Drohnen, die über russischem Territorium fliegen, gibt es für die NATO nichts abzuschießen. Dummerweise flogen die Drohnen aber nicht über russischem Gebiet in Richtung Norden, sondern entlang der Grenze auf NATO-Gebiet.

Wer die These aufrechterhalten will, müsse Radardaten, Flugrouten oder Wrackteile vorlegen. Solange das fehle, sei sie weder widerlegt noch gestützt, und genau so sollte man sie behandeln, sagen westliche Medien. Dabei wird unterschlagen, dass ähnliche Meldungen Russlands nicht in Frage gestellt worden waren.

Das Gasterminal und die Nord-Stream-Frage

In Ust-Luga beginnt Nord Stream 2, dort steht die Verdichterstation Slawjanskaja, und dort verarbeitet auch der Gazprom-Komplex Erdgas. Beide Anlagen wurden in den vergangenen Jahren mehrfach angegriffen, zuletzt im August und September.

Unabhängig davon ist der Hintergrund der „Signal“-Lesart real. Reuters berichtete am 8. Oktober, dass der US-Gesandte Jared Kushner und der Putin-Berater Kirill Dmitrijew in den vergangenen Wochen über einen US-Investor für die Nord-Stream-Pipelines gesprochen haben. Die Idee geht auf den US-Finanzier Stephen Lynch zurück, der schon früher Washington um Erlaubnis bat, bei einer Versteigerung von Nord Stream 2 mitzubieten. Keine der Parteien hat die Gespräche bestätigt. Ob Kiew mit einem Schlag auf Anlagen im Umfeld dieser Pipeline tatsächlich ein Signal nach Washington senden wollte, ist natürlich Spekulation.

Die Reaktionen

Russland. Kremlsprecher Peskow bemühte sich, die Wirkung herunterzuspielen: Die ukrainischen Angriffe seien nicht in der Lage, den „Gang der Ereignisse“ zu ändern. Das ist die offizielle Linie, die Moskau seit Monaten fährt. Zugleich stehen die früheren Drohungen gegen die Baltischen Staaten im Raum, und Peskow hatte schon im Juni angekündigt, die russischen Antworten würden „systemischen Charakter“ haben. Bisher ist jedoch nichts Substantielles bekannt.

USA: Eine offizielle Reaktion aus Washington auf diesen Angriff war noch nicht auffindbar. Der Kontext ist dennoch aufschlussreich: Trumps Versuch einer Energie-Waffenruhe zwischen Russland und der Ukraine hat Angriffe auf Energieanlagen nicht verhindert. Gleichzeitig verhandeln Kushner und Dmitrijew über Wirtschaftsgeschäfte. Ein Schlag auf St. Petersburger Energieinfrastruktur kreuzt beide Linien. Und die imperiale Hegemonie wird nun nicht nur durch den Globalen Süden, sondern auch durch potentielle Verbündete angegriffen.

EU-Hauptstädte: Auch hier gibt es zu dieser Nacht bislang keine dokumentierten Stellungnahmen aus Berlin, Paris, Warschau oder den baltischen Hauptstädten. Dokumentiert ist die Linie davor: Brüssel stellte sich im April hinter die Balten, ein Sprecher der Kommission sagte, ein Angriff auf einen Mitgliedstaat sei ein Angriff auf die gesamte EU. Im Verhältnis zu Washington gibt es Reibung: Die Kyiv Independent meldet, dass Europa die USA aus dem Gespräch über russische Vermögenswerte ausschließt. Wie die Hauptstädte auf die Nacht von St. Petersburg reagieren, dürfte sich in den nächsten Tagen zeigen, nicht zuletzt am bevorstehenden EU-Gipfel, dessen Entwurf der Schlussfolgerungen bereits kursiert.

Eskaliert es wirklich?

Ja, aber anders, als die Baltikum-These nahelegt. Die Eskalation ist an drei Stellen belegt: Die Ziele werden zivilnäher und wirtschaftlich sensibler, von Raffinerien zu Rechenzentren und Stadtinfrastruktur. Die Zahl der Drohnen steigt, 127 abgefangene allein über einer Region. Und Russland droht den Nachbarstaaten offen mit Konsequenzen, obwohl die Beweislage für den Vorwurf dünn ist. Gefährlich ist genau diese Kombination: Ein Vorwurf, den der Gegner als unbewiesen bezeichnet, der als Rechtfertigung für eine „angemessene Antwort“ dienen kann.

Entwicklungen während des Sonntags

Gegen Abend änderte sich der Tenor westlicher Kommentatoren. Eine Drohne, bei der ein ukrainischer Hintergrund vermutet wird, ist heute Morgen im litauischen Grenzgebiet zu Lettland abgestürzt. Berichten zufolge hat sich die Ukraine für den Vorfall entschuldigt. Es wird zugegeben, dass Drohnen möglicherweise aus Russland in die baltischen Staaten eingedrungen waren, aber das sei auf Grund von russischen Störsendern erfolgt.

In der Nacht dann ein Artikel von Simplicius76 auf Substack, der mit seiner „Sensationsmeldung“ für Clicks sorgt. Tatsächlich war die Quintessenz weniger aufregend. Tatsächlich berichtete die australische AAP bzw. der New Castle Herald, dass der litauische Verteidigungsminister Robertas Kaunas gesagt habe, eine Drohne sei wahrscheinlich aus dem benachbarten Polen nach Litauen eingeflogen und im Norden des Landes abgestürzt. Trümmer verursachten Schäden und einen Verletzten. Ob dies aber eine der Drohnen auf dem Durchflug nach St. Petersburg war ist unklar.

Zusammenfassung

So unglaubwürdig die Einlassungen der Ukraine waren, dass die Drohnen durch die russische Abwehr abgelenkt wurden, so unwahrscheinlich ist, dass die Drohnen von Polen aus gestartet wurden. Verwirrung wird oft erzeugt, um eine „glaubhafte Abstreitbarkeit“ zu erzeugen. Jedenfalls spielt die NATO mit dem Feuer, wenn sie einerseits in der Lage ist russische Drohnen beim Überschreiten der Grenze zu beobachten und notfalls abzuschießen, aber behauptet, dutzende von ukrainischen Drohnen nicht bemerkt zu haben.

Bild: Screenshot von Video über den Vorgang, der auf angeblichen Radaraufzeichnungen basiert.

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5 Kommentare

  1. lotus998dc2ac81f3
    Antworten

    Es ist sehr wohl bewiesen, dass die Nato das bewusst zulässt. Es gibt dazu ein öffentlich gemachtes, mitgeschnittenes Telefonat. Anders, als Military Summary das darstellt sind auch nicht Drohnen abgebogen nach Litauen, sondern sind direkt über Polen geflogen, denn es gab in Russland gar keine Sichtungen von Drohnen, die lange Strecken über russischen Gebiet Richtung Westen nach Litauen geflogen sind. Für die Vergangenheit sind auch Starts aus dem Baltikum belegt, weil Drohnen verwendet wurden, die gar nicht die nötige Reichweite haben.

  2. alter Mann
    Antworten

    Dauert immer etwas, bevor ich die Infos habe. Der Angriff mit den Drohnen erfolgte über baltisches Natogebiet mit deren Zustimmung. Es gibt Radaraufzeichnungen und Aussagen intern. Warum Rußland den Bereich (trotz identischer Vorfälle in der Vergangenheit) immer noch nicht abgesichert hat – keine Ahnung.

  3. Varus
    Antworten

    @“Und Russland droht den Nachbarstaaten offen mit Konsequenzen, obwohl die Beweislage für den Vorwurf dünn ist.“

    Seit Jahren ist davon die Rede, dass Russland sich am Dnepr etwas beeilen sollte – wäre es keine Konsequenz? Ich höre nach ersten Versuchen vor einer Woche nicht, dass Dnepr-Brücken tangiert wären – eigentlich hätten diese bereits 1000 Drohnen treffen und pulverisieren müssen. Wenn man sämtliche Brücken und Stromleitungen unterbricht, begibt sich das Banderastan östlich des Flusses in die Steinzeit – wie lange kann man die Front mit Äxten halten?

    Warum eigentlich können die Banderas mehr Drohnen schicken als die Russen? Hieß es nicht, russische Industrie sei leistungsstärker?

  4. Daisy
    Antworten

    Die NATO ist eine Terrororganisation bzw. hat sie eine solche im Verborgenen analog Gladio, besonders engagiert: Freuding, auch andere spezielle NATO-Offiziere und Generäle zeichnen sich durch krankhaften Russenhass aus.

    Die NATO ist seit Auflösung des Warschauer Paktes obsolet und seither einfach als Militärbündnis zu sehen, das überall auf der Welt, zumeist im Auftrag der USA, jüngst aber auch WEF (EU), Konflikte erzeugt, zündelt und schürt. Sie ist wie die Feuerwehrleute, die zumeist auch die Brandstifter sind….sie kriegt ja Geld dafür.

    Es macht ihnen einfach Spaß, Russland zu reizen. Der Blitz möge sie beim Sch… treffen.

  5. sisp01
    Antworten

    Russland dokumentiert seit vielen Jahren die Provokationen der westlichen Staaten. Diese werden regelmäßig der UN vorgelegt. Inzwischen soll es sich um mehrere tausend Fälle handeln. Russland reagiert langsam aber wenn, dann sehr konsequent. Bis jetzt hat Russland nie Emotional reagiert, sondern immer mit Verstand und Augenmaß. . Das ist eine dem Westen fremde Vorgangsweise. Wenn die NATO nicht langsam den Verstand einschaltet, kostet das den baltischen Ländern, ähnlich wie der Ukraine, ihre Staatlichkeit. Die Frage ist, – wozu das Ganze. Will die EU-NATO ihr inneres Staatsversagen damit kaschieren ? Das die EU mit ihren Provokationen wieder zu finanziell konkurrenzfähigen und lebenswichtigen russischen Rohstoffen kommt, ist für die nächsten 100 Jahre eher auszuschließen.

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