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Wirtschaft

Die jährliche Grippeimpfung: Wer davon profitiert – auch in Europa?

3 Kommentare 16. Oktober 2026 5 Minuten Lesezeit von Dr. Peter F. Mayer

In den USA lassen sich jährlich rund 40 Prozent der Bevölkerung – 130 bis 135 Millionen Dosen – gegen Influenza impfen. Der Markt funktioniert als stabile Einnahmequelle eines kleinen Oligopols. In der EU/EEA sieht das Bild differenzierter aus: Die Impfquoten sind deutlich niedriger und stark fragmentiert, die Hersteller dieselben, die methodischen Schwächen der Wirksamkeitsstudien ebenfalls.

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) autorisiert die Präparate, das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) liefert Empfehlungen und Surveillance – und die Daten zeigen, dass die 75-Prozent-Zielmarke der EU-Ratsempfehlung bei Risikogruppen in den meisten Ländern verfehlt wird.

US-Markt: Preismacht trotz sinkender Dosen

Der US-Markt für saisonale Grippeimpfstoffe lag 2025 bei rund 2,98 Milliarden Dollar. Den Löwenanteil teilen sich Sanofi, CSL Seqirus, GSK und AstraZeneca. Die Zahlen der verspritzten Dosen sanken von etwa 145 auf 132 Millionen, die Einnahmen blieben stabil oder stiegen – klassische Preismacht.

Zellbasierte und High-Dose-Präparate kosten deutlich mehr als Standard-Ei-Impfstoffe. Saisonale Influenza-Impfstoffe fallen unter das National Vaccine Injury Compensation Program; Verletzungsansprüche laufen gegen den Staat, nicht gegen die Hersteller. Zusammengefasst in The Annual Influenza Injection: Who Really Profits When 40% of America Lines Up.

EU: Niedrigere Quoten, dieselben Hersteller

In der EU/EEA empfehlen alle 30 Länder die Impfung für ältere Erwachsene (Altersgrenzen 50–65 Jahre), Erwachsene mit chronischen Erkrankungen, Schwangere und – mit einer Ausnahme – Gesundheitspersonal. Kinder- und Jugendimpfungen wurden zuletzt flächendeckend empfohlen. Die tatsächliche Umsetzung bleibt weit hinter den Zielen zurück.

Laut ECDC-Survey für die Saison 2024/25 lag der Median der Impfquote bei älteren Erwachsenen bei 47 Prozent (Spanne 5–76 Prozent). Nur Dänemark (76 Prozent), Irland (74,7 Prozent), Portugal (70,5 Prozent) und Schweden (68 Prozent) kamen dem 75-Prozent-Ziel des EU-Rates nahe.

Gegenüber dem COVID-Peak 2020/21 (Median 59 Prozent) ist ein Rückgang erkennbar; 2023/24 lag der Median bei 45,7 Prozent. Bei Gesundheitspersonal betrug der Median der berichteten Quoten rund 32 Prozent (Spanne 16,6–62,8 Prozent).

Schwangere und Kinder liegen noch niedriger (Mediane im niedrigen zweistelligen bzw. einstelligen Bereich, mit großen Länderunterschieden).

Das ECDC mahnt regelmäßig zu höherer Impfung der Risikogruppen. Im November 2025 warnte es vor einer ungewöhnlich frühen Zirkulation, getrieben von A(H3N2)-Subclade K, und forderte sofortige Impfung der Gefährdeten.

Wirksamkeit: dieselben methodischen Grenzen

Interim-Analysen aus acht europäischen Studien (17 Länder) für 2024/25 schätzten die Wirksamkeit gegen Influenza A bei 32–53 Prozent in der Primärversorgung und 33–56 Prozent im Krankenhaus (Test-Negative-Design). Gegen Influenza B lag sie höher (≥58 Prozent). Die Werte schwanken stark nach Alter und Subtyp; bei Älteren sind sie regelmäßig niedriger.

Ein Modellierungsprojekt (RespiCompass) schätzte, dass die Impfung in der Saison 2024/25 etwa 26–41 Prozent der influenza-bedingten Hospitalisierungen bei ≥65-Jährigen verhindert habe – unter der Annahme einer Wirksamkeit von 60 Prozent gegen Hospitalisierung. Die tatsächlichen beobachteten VE-Werte liegen darunter.

Die Kritik an Test-Negative-Design-Studien (Selektions-, Collider- und Immortal-Time-Bias) gilt hier genauso wie in den USA. Cochrane-Übersichten und unabhängige Analysen zeigen seit Jahren moderate Effekte gegen laborbestätigte Influenza, aber schwache Evidenz für die Reduktion schwerer Endpunkte bei gesunden Erwachsenen. Wiederholte Impfungen und Stamm-Mismatches (wie bei H3N2-Subclade K) reduzieren den Nutzen weiter.

EMA: Autorisierung und Pharmakovigilanz

Die EMA erteilt zentrale Zulassungen. Im November 2024 erhielten etwa Flucelvax (zellbasiert, Seqirus) und Fluad (adjuvantiert, Seqirus) EU-weite Genehmigungen. Die Wirksamkeit wird üblicherweise über Immunogenität und Studien mit ähnlichen Formulierungen begründet; die EMA überwacht anschließend über EudraVigilance und das Pharmacovigilance Risk Assessment Committee (PRAC).

Für saisonale Grippeimpfstoffe gibt es Anforderungen an Enhanced Safety Surveillance; für 2024/25 wurde die Datenübermittlungspflicht vorübergehend ausgesetzt, während die Guidance überarbeitet wird.

Haftung: weniger absolut sozialisiert als in den USA

In der EU gilt die Produkthaftungsrichtlinie (bisher 85/374/EWG, ab Dezember 2026 ersetzt durch die neue Richtlinie 2024/2853). Sie sieht verschuldensunabhängige Haftung für fehlerhafte Produkte vor. Es gibt kein US-amerikanisches Vaccine Injury Compensation Program mit weitgehender Immunität der Hersteller.

Ansprüche müssen individuell geltend gemacht werden; nationale Systeme können ergänzend existieren. Die Beweislast und Verjährungsfristen bleiben Hürden, die Risikoverteilung ist aber weniger einseitig zugunsten der Hersteller als in den USA.

Markt: Oligopol und nationale Ausschreibungen

Der europäische Influenza-Markt wird auf rund 1,5–2,4 Milliarden Dollar geschätzt und wächst. Dieselben vier Konzerne dominieren: Sanofi (Vaxigrip, Efluelda/High-Dose), CSL Seqirus (Fluad, zellbasierte Impfstoffe), GSK und AstraZeneca. Nationale Ausschreibungen und öffentliche Beschaffung bestimmen den Absatz.

Im Oktober 2026 verpflichtete sich Sanofi im Rahmen eines EU-Kartellverfahrens, irreführende Vergleiche zwischen Efluelda und dem Konkurrenzprodukt Fluad (Seqirus) in Deutschland und Frankreich zu unterlassen – ein Hinweis auf den intensiven Wettbewerb um den lukrativen Enhanced-Vaccine-Markt für Ältere.

Fazit

Ob 40 Prozent der US-Bevölkerung oder 47 Prozent der europäischen Risikogruppen: Das Geschäftsmodell bleibt dasselbe. Die Hersteller sichern sich über jährliche Stamm-Updates, staatliche Empfehlungen und Beschaffung stabile Umsätze, unabhängig von der tatsächlichen Passgenauigkeit der Stämme und der begrenzten, schwankenden Wirksamkeit.

In der EU fehlt die umfassende Haftungsabschirmung der USA, die Quoten sind niedriger und heterogener, und die methodischen Schwächen der Wirksamkeitsstudien sind identisch. Öffentliche Appelle zur Impfung der Risikogruppen erhöhen den Absatz, ändern aber nichts an den fundamentalen Unsicherheiten der saisonalen Influenza-Prävention.

Die risikoärmere Alternative bleibt die Stärkung der eigenen Abwehr durch ausreichende Versorgung mit Vitaminen (insbesondere D, A, C, K2), gesunde Lebensweise und Vermeidung unnötiger Interventionen mit begrenztem und variablem Nutzen.

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3 Kommentare

  1. lotus998dc2ac81f3
    Antworten

    Es gibt keine wirksame systematische Impfung gegen Grippe- es KANN sie gar nicht geben. Alle Studien, die was anderes behaupten sind leicht nachweisbar grob fehlerhaft. Es gibt überhaupt nur eine einzige ordentlich gemachte Studie dazu (ausgerechnet vom Pentagon) und die weist keinerlei Nutzen, aber sehr wohl die Nebenwirkungen nach.

  2. jilse2
    Antworten

    Ich verstehe das nicht. Es ist doch seit vielen Jahren bekannt, dass Grippeimpfungen ein bischen wie russisch Roulette sind: es *kann* gut gehen, und die Impfung reduziert das Risiko, aber es kann genauso sein, dass die Impfung das Risiko, sich eine handfeste Grippe einzufangen auch erhoeht. Es kam in der Vergagenheit bereits beides vor, je nachdem wie gut man den „kommenden Erreger“ vorhergesagt hat: hat man richtig geraten, *koennte+ die Impfung sinncoll sein, wurde der vorherrschende Erreger der kommenden Saison schlecht vorhergesagt, erhoeht die Impfung das Risiko an Grippe zu erkranken. Da es ausserdem gelegentlich noch laenger anhaltende Nebenwirkungen der Grippe gibt, lasse ich mich erst gar nicht auf diese „Impflotterie“ ein. Die koennen das Zeug noch so viel empfehlen, ich geh da garantiert nicht ran. Und wer sich gut informiert, sollte das eigentlich genauso sehen.

  3. Konrad Kugler
    Antworten

    Seit 2020 täglich 2500 i.E., keine grippalen Angriffe seither. Auch meine Frau.

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