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Politik

Gericht schützt tödlich falsche Studie

6 Kommentare 14. Juni 2026 8 Minuten Lesezeit von Dr. Peter F. Mayer

Es gibt wissenschaftliche Studien, die falsch sind. Und es gibt wissenschaftliche Studien, die töten. Study 329 gehört zur zweiten Kategorie. Und sie zeigt, wie ein Gericht den größten pharmazeutischen Betrug an Jugendlichen schützt — und was das über das System verrät.

Im Jahr 2001 veröffentlichte das Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry (JAACAP) einen Artikel, der zu dem Schluss kam, das Antidepressivum Paroxetin — Markenname Paxil — sei „gut verträglich“ und „wirksam“ bei der Behandlung von Depressionen bei Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren. Die Studie zementierte die Verschreibungspraxis für eine ganze Generation. Und sie war, wie sich später herausstellte, ein von der Pharmaindustrie konstruiertes Betrugsdokument.

Doch wer nun erwartet, dass das juristische und wissenschaftliche System diesen Betrug korrigiert, wartet bis heute. Und ein Richter in Washington D.C. hat soeben klargestellt, dass er noch länger warten muss.

Der Prozess, der keiner sein durfte

Wie Maryanne Demasi auf ihrem Blog berichtet, hat Richter Robert Okun vom Superior Court des District of Columbia am 24. März 2026 eine Klage abgewiesen, die darauf abzielte, Elsevier und die Amerikanische Akademie für Kinder- und Jugendpsychiatrie (AACAP) zur Rücknahme der Studie zu zwingen.

Die Klage war von Anwalt George W. Murgatroyd III eingereicht worden — einem Mann, der zuvor Familien vertreten hatte, deren Kinder nach der Einnahme von Paxil durch Suizid starben. Murgatroyd argumentierte, das Journal verstoße gegen das D.C. Consumer Protection Procedures Act, indem es weiterhin einen „betrügerischen wissenschaftlichen Artikel“ veröffentliche, vertreibe und verkaufe, der die Öffentlichkeit in die Irre führe und die Gesundheit und Sicherheit von Jugendlichen gefährde.

Der Preis für den Zugang zum Artikel: 41,50 Dollar auf der JAACAP-Website, 33,39 Dollar über Elseviers ScienceDirect. Ein Verbraucherprodukt, so Murgatroyds Argumentation.

Richter Okun sah das anders. Die Klage scheiterte nicht an der Frage, ob die Studie betrügerisch ist — diese Frage wurde nie verhandelt. Sie scheiterte an der Klagebefugnis. Murgatroyd habe nicht „einmal ansatzweise“ dargelegt, dass der Zeitschriftenartikel ein Verbrauchsgut oder eine Dienstleistung im Sinne des CPPA sei, so Okun. Elsevier wiederum berief sich auf den Ersten Verfassungszusatz — Meinungsfreiheit — um die Klage abzuwehren.

Die Abweisung erfolgte ohne Präjudiz, was bedeutet, dass Murgatroyd mit einer überarbeiteten rechtlichen Argumentation erneut klagen könnte. Er prüft diese Möglichkeit derzeit.

Aber der Kern des Skandals liegt nicht im Verfahrensrecht. Er liegt in dem, was Study 329 tatsächlich ist.

Die Anatomie eines Betrugs

Die 2015 im British Medical Journal veröffentlichte Neuauswertung der Originaldaten — möglich geworden durch die Freigabe von 77.000 Seiten anonymisierter Fallakten im Rahmen eines Gerichtsverfahrens — kam zu einem vernichtenden Ergebnis:

  • Paroxetin war bei Jugendlichen „nicht statistisch oder klinisch signifikant von Placebo unterscheidbar“

  • Schlimmer noch: Das Medikament führte zu einem „klinisch signifikanten Anstieg“ von Suizidgedanken und suizidalem Verhalten

Die Originalstudie hatte genau das Gegenteil behauptet. Sie war, mit anderen Worten, eine Fälschung mit Todesfolge.

Und sie war nicht einfach nur schlechte Wissenschaft. Sie war ein Produkt der Marketingabteilung von GlaxoSmithKline.

Interne Dokumente, die im Rahmen eines Sammelklageverfahrens ans Licht kamen, enthüllten, dass GSK eine Kommunikationsagentur — Scientific Therapeutics Information — beauftragt hatte, den ersten Entwurf dessen zu verfassen, was als unabhängiger wissenschaftlicher Artikel erschien. Ein Ghostwriter. Die Aussagen des Ghostwriters und des nominellen Hauptautors Dr. Martin Keller widersprachen sich in vereidigten Aussagen auf fast komische Weise.

2012 bekannte sich GSK in einem Vergleich mit dem US-Justizministerium schuldig — kriminell schuldig — und zahlte 3 Milliarden Dollar. Die Anklagepunkte umfassten die „unrechtmäßige Vermarktung“ von Paxil für Jugendliche, für die das Medikament nie zugelassen war, sowie den Vorwurf, das Unternehmen habe „an der Erstellung, Veröffentlichung und Verbreitung eines irreführenden medizinischen Zeitschriftenartikels mitgewirkt“ — eben jenes JAACAP-Papiers.

Drei Milliarden Dollar Strafe. Kriminelles Fehlverhalten. Und der Artikel steht bis heute im Journal.

Der „Expression of Concern“ — Feigenblatt der Wissenschaft

Erst im September 2025 — ein Vierteljahrhundert nach der Veröffentlichung, ein Jahrzehnt nach der BMJ-Neuauswertung und dreizehn Jahre nach dem GSK-Schuldbekenntnis — setzte JAACAP dem Artikel eine „Expression of Concern“ voran.

Der Text ist ein Meisterwerk an nichtssagender Bürokratie: Das Journal wolle „die Leser auf Bedenken aufmerksam machen, die bezüglich des Artikels geäußert wurden.“ Weitere Überprüfungen seien im Gange.

Peter Doshi, leitender Redakteur des BMJ und seit über einem Jahrzehnt Kritiker von Study 329, nannte die Expression of Concern „detailfrei“. Die Begründung für den Hinweis beschränke sich auf den Satz, man wolle auf Bedenken hinweisen — ohne zu erwähnen, worin diese Bedenken bestehen.

Doshi gründete die Initiative Restoring Invisible and Abandoned Trials (RIAT), die sich der Aufdeckung von Bias in klinischen Studien widmet. RIAT identifizierte Study 329 als „fehlberichtete Studie, die der Wiederherstellung bedarf“ — was 2015 zur Neuauswertung führte.

Dass die Expression of Concern überhaupt erschien, war kein Akt wissenschaftlicher Selbstreinigung. Sie war, wie sowohl Doshi als auch Murgatroyd übereinstimmend feststellen, eine direkte Reaktion auf die eingereichte Klage. Der Selbstkorrekturmechanismus der Wissenschaft, so Murgatroyd trocken, „funktioniert nicht.“

Die  vom „Medikament“ verursachten Toten

Was in der juristischen und akademischen Debatte um Klagebefugnis, Verbraucherschutzgesetze und Verfassungsrechte vollständig verschwindet, sind die Jugendlichen, die sich nach der Lektüre der Studie umbrachten.

Murgatroyd vertrat Familien, deren Kinder nach der Einnahme von Paxil durch Suizid starben. Er weiß, wovon er spricht, wenn er sagt:

„An diesem Artikel ist nichts Gutes. Er ist böse. Er hat Kindern Medikamente empfohlen, die sich umgebracht haben. Es gibt nichts Schlimmeres. So etwas darf man nicht stehen lassen.“

Die Studie behauptete, Paxil sei sicher und wirksam für Jugendliche. Die Daten zeigten das Gegenteil. Ärzte, die der Studie vertrauten, verschrieben das Medikament. Jugendliche nahmen es. Einige von ihnen sind tot.

Und doch: Der Artikel steht. Elsevier kassiert 33,39 Dollar pro Download. Die AACAP kassiert 41,50 Dollar. Der Erste Verfassungszusatz schützt, so die erfolgreiche Argumentation des Verlags, das Recht, einen widerlegten, vom Hersteller selbst als kriminell eingestandenen Betrugsartikel weiterhin hinter einer Paywall zu verkaufen.

Der systematische Defekt

Der Fall Study 329 ist kein Einzelfall. Er ist ein Symptom.

Das wissenschaftliche Publikationssystem ist strukturell unfähig zur Selbstkorrektur. Journale haben kein finanzielles Interesse an Retraktionen — sie schaden dem Renommee und dem Impact Factor. Verlage verdienen an Paywalls, nicht an Wahrheit. Akademische Karrieren hängen an Publikationen, nicht an deren Richtigkeit.

Und die Pharmaindustrie hat längst gelernt, dieses System zu ihrem Vorteil zu nutzen. Ghostwriter verfassen Artikel, die unter den Namen renommierter Forscher erscheinen. Ungünstige Daten verschwinden in Schubladen. Studien werden so lange gedreht, bis das gewünschte Ergebnis herauskommt. Und wenn der Betrug auffliegt, dauert die Korrektur Jahrzehnte — falls sie überhaupt erfolgt.

Der Fall Paxil ist dabei besonders perfide, weil er die verletzlichste Population betrifft: depressive Jugendliche, deren Familien verzweifelt nach Hilfe suchen und einem System vertrauen, das dieses Vertrauen systematisch missbraucht.

Murgatroyd hat neben der Klage auch formelle Beschwerden bei Elseviers Scopus Content Selection & Advisory Board, bei der National Library of Medicine und bei Clarivate Web of Science eingereicht. Er fordert eine formelle Evaluierung von JAACAP als Organisation. Er hat das Journal um die Ergebnisse seiner laufenden Untersuchung gebeten.

Sollte diese Untersuchung korrekt nach COPE-Richtlinien durchgeführt werden und nicht in einer Retraktion münden, wäre das Ergebnis, so Murgatroyd, „mehr als enttäuschend.“ Es wäre, in seinen Worten, „empörend.“

Der Kampf geht weiter — aber gegen wen?

Die Abweisung ohne Präjudiz gibt Murgatroyd die Möglichkeit, mit einer überarbeiteten rechtlichen Strategie zurückzukehren. Er recherchiert derzeit zu den rechtlichen Grundlagen.

Doch der Fall wirft eine grundsätzlichere Frage auf: Wenn ein wissenschaftlicher Artikel nachweislich falsch ist, wenn der Hersteller des beworbenen Medikaments sich kriminell schuldig bekannt hat, wenn eine unabhängige Neuauswertung das Gegenteil belegt, wenn Jugendliche gestorben sind — und all das nicht ausreicht, um eine Retraktion zu erzwingen, was sagt das über das System?

Es sagt, dass wissenschaftliche Wahrheit weniger zählt als institutionelle Trägheit. Dass der Ruf eines Journals schwerer wiegt als die Sicherheit von Patienten. Dass Paywalls stärker schützen als Ethikkommissionen. Und dass der Erste Verfassungszusatz in den Händen von Elsevier zu einem Instrument wird, das nicht die freie Rede schützt, sondern den Vertrieb von Unwahrheiten, die nachweislich Menschen getötet haben.

Der Kampf um Study 329 ist noch nicht vorbei, sagt Murgatroyd. „Wir werden sehen, wohin er in den nächsten Wochen führt.“

Maryanne Demasis lesenswerter Bericht ist auf ihrem Blog erschienen. Die Hintergründe zu Study 329 dokumentiert Retraction Watch detailliert.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇


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Nach Doshi-Studie: Bewerbung von mRNA-Impfstoffen vorsätzliche Körperverletzung

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6 Kommentare

  1. Informationsbefreier
    Antworten

    Generell halte ich es für keine gute Idee, Artikel stillschweigend zurückzuziehen. Einen Warnhinweis halte ich für die bessere Lösung. Der müsste dann aber auch mehr Gehalt als ein „Expression of Concern“ haben. Etwa: „Achtung: Dieser Artikel ist gefälscht. Folgende Behauptungen sind falsch: …“
    Dann bleibt der Artikel stehen als Denkmal für alle, die bislang blind Big Pharma vertraut haben. Dann kann jeder sehen, mit welchen Methoden man dort arbeitet.

  2. Informationsbefreier
    Antworten

    Da kann man wieder sehen, wie mit zweierlei Maß gemessen wird. Die Studie von Andrew Wakefield, die einen Zusammenhang zwischen den damals neuen MMR-Piksen und Autismus-Spektrum nahelegte, wurde von Elsevier zurückgezogen, obwohl den Autoren keinerlei Fälschung vorgeworfen wurde. Big Pharma gefielen lediglich die Schlussfolgerungen dieser Studie nicht.

  3. Gabriele
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    Bis heute weiß absolut niemand genau, warum und wie genau SSRI wirken. Das ist die einzige Wahrheit.
    Auch alles, was man über Antidepressiva in Umlauf gebracht hat, ist am Ende nicht beweisbar – es war pseudowissenschaftliches Wunschdenken jener, die sich bis heute daran blöd verdienen. Und Corona mit all seinen noch folgenden Spritzen ist jetzt das Sahnehäubchen.

  4. federkiel
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    Ein Fall aus dem weiteren Bekanntenkreis. Der Mann, in psychiatrischer Behandlung. fühlte sich nicht gut, woraufhin der Psychiater die Medikation erhöhte. Die Folge: der Mann erhängte sich. In so manchen Beipackzetteln der Psychopharmaka steht sogar als Nebenwirkung drin: Suizidtendenz, wiewohl das Mittel genau dagegen „Hilfe“ sein soll.

    1. Informationsbefreier
      Antworten

      Aber den Homöopathen wird vorgeworfen, dass sie Krankheiten mit Stoffen behandeln wollen, die genau die gleiche Symptomatik auslösen, wie die Medikamente.

      1. Gabriele

        Abgesehen davon, dass Homöopathie Informationsmedizin und damit etwas ganz anderes ist als Chemie- und Genbomben. Bis auf die Niedrigpotenzen, die für den Akutfall gedacht sind, treten die besten Wirkungen mit Hochpotenzen auf, die ja bekanntlich laut den klugen „Materialisten“ „Nichts“ enthalten… aber auch hier geht es den Lästermäulern nie um Heilung und Hilfe, sondern nur um ihr persönliches Ego und den billigen Spott, welchen sie über etwas ausschütten können, das sie nicht im Ansatz verstehen.

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