Was motiviert Dissidenten, gegen den Strom zu schwimmen?

12. Februar 2026von 6,6 Minuten Lesezeit

Was geht in Menschen vor, die seit Jahren, vielleicht seit Jahrzehnten die Entwicklungen, vor denen wir heute stehen vorausgesagt haben, ohne dass sie etwas daran ändern konnten? Dieses Gespräch wurde nicht mit einer KI geführt, sondern will versuchen, die psychische Situation von Menschen zu beleuchten, die es wagen, sich gegen das Narrativ zu äußern.

Das Gespräch wurde auf Wunsch des Interviewpartners anonymisiert.

Frage: Zunächst eine kurze Vorstellung. Sie haben seit ca. 20 Jahren eine kritische Sicht auf politische Entwicklungen und haben diese auch in Artikeln und Büchern zum Ausdruck gebracht. Ihre düsteren Voraussagen sind nun bereits zum Teil eingetreten. Was löst das bei Ihnen aus?

Antwort: Manchmal Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit. Man kommt sich vor wie ein Passagier auf der Titanic, der den Eisberg schon lange vor der Mannschaft sieht, aber ausgelacht wird, weil … das sei nur eine Nebelbank. Manchmal erwische ich mich dabei, wenn ich die Augen schließe, einfach einschlafen zu wollen. Manchmal frage ich mich, warum ich mir das antue. Die ständige Furcht vor Kontosperrung, jetzt sogar vor Sanktionen, vor morgendlichen Hausdurchsuchungen oder „Einladungen“ zur Polizei wegen irgendwelchen Anzeigen. Aber dann sträubt sich in mir irgendwas, das sich einfach nicht besänftigen lässt. Ein Freund meinte mal, ich hätte einen krankhaften Gerechtigkeitswahn. Vielleicht ist es eine Art Sucht, ich weiß es nicht.

Frage: Es muss Sie aber doch befriedigen, tausende von Lesern und Hörern aufgeklärt zu haben! Erhalten Sie kein Feedback?

Antwort: Doch, das Feedback ist sozusagen das Öl, das den Motor schmiert, und die Verleumdungen, Beschimpfungen, Anzeigen oder Sanktionsdrohungen das Benzin, das den Widerstand in mir antreibt. Aber in schwachen Stunden frage ich mich, ob ich wirklich den Menschen geholfen habe, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Denn letztlich muss es ihnen ja irgendwann wie mir auch gehen: Sie wissen was passiert, versuchen etwas dagegen zu tun und erkennen, dass es hoffnungslos ist. Naja, dann sage ich mir, dass die Aufklärung auch Jahrhunderte gedauert hat, bevor sie sich wenigstens für eine gewisse Zeit durchgesetzt hatte. Aber es ist oft durchaus ein gemischtes Gefühl. Ich frage mich oft, ob ich Menschen nicht unglücklicher mache, wenn ich aufzeige, was wirklich passiert, sozusagen den Vorhang zurückziehe und sie hinter die Bühne blicken lasse. Das ist wie mit Zuschauern von Zauberkünstlern. Einige brennen darauf zu sehen, wie der Trick geht. Andere wollen nur die Show genießen und sind total enttäuscht, wenn sie erkennen, wie die Illusion erschaffen wurde. Diejenigen, die nach der Show ohne zu wissen, wie die Illusion erzeugt wurde, nach Hause gehen, sind vielleicht zufriedener und glücklicher als diejenigen, welche hinter die Bühne schauen konnten. Wobei es in der Politik ja noch schlimmer ist, weil man nicht der Zuschauer ist, sondern das Objekt ist, mit dem der Zauberkünstler interagiert.

Frage: Aus Ihren Antworten scheinen eine Enttäuschung und Resignation erkennbar zu sein. Haben Sie vielleicht Angst vor einem Burnout?

Antwort: Das ist eine gute Frage. Aber glücklicherweise habe ich ein Umfeld, das mich immer wieder auf den Boden der nichtpolitischen Welt zurückzwingt. Und wenn ich merke, dass ich angesichts der Nachrichten, z.B. über den nicht endenden Völkermord in Gaza in düstere Gedanken abschweife, mache ich eine Pause und beschäftige mich mit etwas Anderem. Aber ja, ich habe schon zweimal Buchprojekte wieder aufgegeben, weil mir die Arbeit einfach nicht mehr sinnvoll erschien. Aber direkt Burnout, nein, das glaube ich eher nicht. Das kann ich mir auch gar nicht leisten, weil meine Familie mich braucht.

Frage: Kommen wir noch einmal zurück darauf, dass Sie glauben, keinen Einfluss auf den Kurs der Titanic genommen zu haben, und der Eisberg nun unmittelbar vor dem Bug auftaucht. Sie machen trotzdem weiter, und in ihren Texten ist nichts von dem zu spüren, was Sie gerade erzählt haben. Wie motivieren Sie sich?

Antwort: Wer aufgibt hat schon verloren. Und natürlich gibt es immer Hoffnung. Wenn man das Beispiel vom Eisberg nimmt, könnte die Titanic vielleicht doch nur seitlich kollidieren und schwer beschädigt werden, aber eben nicht untergehen, wenn man nur rechtzeitig den Kurs im letzten Augenblick noch ändert. Und dann gibt es da so einen komischen Motivationsgedanken, der mir auch oft in meiner Jugend geholfen hatte, tiefe Abstürze zu nutzen, um neue Aufstiege zu starten, die dann zu noch besseren Ergebnissen geführt haben. Mit anderen Worten: Je düsterer die Weltlage, desto schlimmer die politische Situation, desto größer die Chance für Verbesserungen. Also selbst wenn die Titanic untergeht, könnten die Überlebenden daraus lernen und es zukünftig besser machen.

Frage: Glauben Sie denn, dass wir schon in der Talsohle der Leiden angekommen sind, und dass es dann bald wieder aufwärts gehen kann?

Antwort: (lacht) Ich habe leider keine Glaskugel, die mir das verrät. Aber wenn man von der Geschichte ausgeht, sieht man, dass Entwicklungen oft über hundert Jahre und länger angedauert hatten. Wenn mich jemand z.B. fragt, wann endlich das Leiden der Palästinenser enden wird, verweise ich gerne auf das der Algerier, die über 130 Jahre benötigten, um sich vom kolonialen Joch der Franzosen zu befreien, und dabei unglaubliche Opfer hatten bringen müssen. Und dass das Leid der Palästinenser erst ca. in den 1930er-Jahre begonnen hatte. Manche sagen 1920er Jahre. D.h. es sind gerade mal 90 bis 100 Jahre. Also ich versuche immer zu erklären, dass Veränderungen möglicherweise erst lange nach unserem Ableben eintreten werden. Dass es aber wichtig ist, die „Flamme der Erkenntnis“ weiter zu geben. Man kann auch sagen, dass es vielleicht eine Variante der Sisyphos-Geschichte ist. Der musste den Felsbrocken den Berg hochrollen, nur um dann zuzusehen, wie er wieder herunterrollte. Aber am Ende besiegte er das Schicksal der Bestrafung, indem er dies als sein Schicksal akzeptierte und durch dieses Akzeptieren was als Bestrafung gedacht war neutralisierte. Die These lautet, dass er sogar glücklich wurde, weil er es schaffte, das Schicksal auszutricksen. Und dann gibt es ja verschiedene Szenarien wie das Ganze schließlich endete, eine gefällt mir besonders gut, wo der Stein immer kleiner wird, und am Ende als Sandkorn vom Wind weggeblasen wird.

Frage: Zurück zu der Situation, als die Titanic trotz ihrer Warnungen weiter Kurs auf den Eisberg nimmt. Es gab da die Geschichte dieser Musiker, die einfach weiter spielten, als die Titanic schon kollidiert war. Könnte man die Musiker mit den Massenmedien vergleichen?

Antwort: Naja, mal sehn, ob die Massenmedien noch „weiter spielen“, wenn die Kollision erfolgte. Anzunehmen ist das, aber eben noch nicht bewiesen. Aber ich hätte da eine Nachricht an die Leser, die ich gerne loswerden wollte, wenn ich darf.

Frage: Ja bitte, welche Nachricht ist das?

Antwort: Die Nachricht lautet: Große Veränderungen dauern. Sie dauern so lange, dass wir sie vielleicht gar nicht mehr erleben. Aber sie basieren auch auf unzähligen kleinen Veränderungen. Sie können die Welt nicht aus den Angeln heben. Aber Sie können die Welt ein bisschen positiver erscheinen lassen, wenn Sie die Menschen um sich herum positiv behandeln. Ein freundliches Wort mit der Kassiererin im Supermarkt, dem Handwerker Essen und Trinken anbieten, die Mitarbeiter der Müllabfuhr freundlich grüßen, ja, den Hund streicheln, wenn er kommt, egal was man gerade macht, mit den Kindern spielen, auch wenn man eigentlich keine Zeit hat, und der Frau einen Kuss geben oder einen Kaffee oder Tee machen, egal wie sehr sie geschimpft hat, weil wieder das Geld knapp ist.

Frage: Vielen Dank für das Gespräch

Bild: Sisyphos – Wikipedia

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2 Kommentare

  1. Hausmann_Alexander 12. Februar 2026 um 7:56 Uhr - Antworten

    Das hängt vom Charakter ab
    und wie viel Ungerechtigkeit man erträgt.
    Dann wird es die geben, die einfühlsam sind, alles „aufsaugen“ und mitleiden.
    Und diejenigen die nicht betroffen sind, machen sich keine
    oder kaum Gedanken.
    Bei der Situation das kritische Äußerungen hart sanktioniert werden, wird es viele geben, die sich bedeckt halten und es wird ja
    schon geforscht Gedanken zu lesen …

  2. Daisy 12. Februar 2026 um 7:31 Uhr - Antworten

    Es ist der Gerechtigkeitssinn. Wie hält man es aus, immer wieder als nadsi und „rechtsextrem“ angefeindet und oft sehr übel beschimpft zu werden? Man hält die Lügen und den Wahnsinn im Kopf nicht aus. Man möchte die anderen warnen, weil man selbst Angst hat vor den üblen Veränderungen (Islamisierung, Deindustrialisierung etc.). Das tut halt noch mehr weh als die letztklassigen Beschimpfungen und Drohungen.
    Solchen Menschen ergeht es wie Kassandra.
    Wer könnte der Interviewte sein? Ein selbstmitleidiger Rechthaber und Missionar hat jedenfalls nicht den Großteil der Leute (bis aufs Establishment) hinter sich wie zB Sarrazin, denn dieser sagt nur die simple Wahrheit ganz gerade heraus. Er hatte so verdammt recht mit allem, dass ihm sein Erfolg genug Kraft gibt. Seine Bücher wurden zu Bestsellern. Was gab Kassandra die Kraft? Sie wusste, dass sie recht hat. Sie war die moralische Siegerin.

    Manche „Kassandren“ und Aufdecker haben es nicht überlebt, Ulfkotte zB.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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