Die USA kämpfen gegen ihren Abstieg – aber multipolare Ordnung ist die Zukunft

28. Januar 2026von 10,2 Minuten Lesezeit

Während vor einigen Monaten noch die Angst vor dem Aufstieg Chinas zur weltweiten Nummer eins von Politikern und Journalisten durch die Lande getragen wurde und dann die entstehende Multipolare Welt in aller Munde war, geistert nun die Angst vor der Aufteilung der Welt durch zwei – USA und China – oder drei – USA, China, Russland – Länder durch die westliche Welt. Und Trump will mit seinem ‚Friedensrat‘ zum Wohle der USA die internationalen Organisationen sprengen.

Aus der Monroe-Doktrin wird die Donroe Doktrin. Was ist das Essenzielle der bisherigen Weltordnung? Die USA führen ein unipolares hegemoniales Regime, das auf den vier Pfeilern Politische Hegemonie, Wirtschaftshegemonie, militärische Hegemonie und Wissenschafts- und Technologiehegemonie beruht. Wie man aus der National Security Strategy der USA vom November 2025 und der Aggression gegen Venezuela ersehen kann, strebt die Trump-Regierung jetzt noch offener als vorherige Regierungen die absolute Vorherrschaft über die Westliche Hemisphäre an.

Sie wollen sogar bestimmen, mit wem die Länder Amerikas Wirtschaft betreiben. So wurde Kanada, das gerade mit China vereinbart hat, die Handelsbeziehungen zu normalisieren, 100% Importzoll angedroht. Und Grönland, der Golf von Mexiko mit angrenzendem Kuba sowie der Panamakanal sind weitere Fixpunkte ihrer imperialistischen Machtpolitik.

Auch der Westpazifik soll unter Kontrolle der USA bleiben

Aber nicht nur die Westliche Hemisphäre ist wesentliches Ziel der US-Politik. Da „Der Indopazifik … bald mehr als die Hälfte der Weltwirtschaft ausmachen wird“, stehen „Sicherheit, Freiheit und der Wohlstand des amerikanischen Volkes … daher in direktem Zusammenhang mit unserer Fähigkeit, von einer starken Position im Indopazifik aus Handel zu handeln und uns zu engagieren.“ heißt es in der gerade erschienenen ‚2026 National Defense Strategy“ des US-Kriegsministeriums.

Konkret bedeutet das, dass China der Zugang zur vor seiner Haustüre liegenden Ersten Inselkette, auf der auch Taiwan liegt und der Zugang zum Westpazifik im Konfliktfall mit Waffengewalt verwehrt werden soll, die USA im Westpazifik weiter massiv aufrüsten und Verbündete zur Eindämmung Chinas engagieren. China ist weiterhin US-Feind Nummer eins und wird nur friedlich behandelt wenn es sich den USA fügt.

Wer darf mit am Tisch sitzen?

Die weltweiten hegemonialen Ambitionen der USA gehen nun in Trumps Einladung an diverse ihm genehme Personen zur Gründung eines ‚Friedensrates’ hervor. Wie aus der Charter ersichtlich ist der ‚Friedensrat‘ „eine internationale Organisation, die versucht, Stabilität zu fördern, eine zuverlässige und rechtmäßige Regierungsführung wiederherzustellen und dauerhaften Frieden in von Konflikten betroffenen oder bedrohten Gebieten zu sichern.“

Die Mitgliedschaft ist beschränkt auf Staaten, die vom Vorsitzenden eingeladen wurden teilzunehmen. Der Vorsitzende ist, natürlich, Trump. Einen Nachfolger kann wiederum nur er aussuchen. Ein Executive Board wird bestimmt von – Trump. Ein Staat kann nur dann länger als 3 Jahre Mitglied sein, wenn er 1 Milliarde US-Dollar einzahlt. Wer kann Mitgliedsstaaten ausschließen, wenn sie nicht Trumps Politik zustimmen? Natürlich Trump.

Nach der Charter soll diese Organisation Aufgaben des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen wahrnehmen, wie friedensbildende Initiativen – natürlich amerikanischen Interessen folgend, unbehindert von Widerspruch, da die USA die gesamte Organisation dominieren.

Trump will eine ihm lästige demokratische internationale Willensbildung in Organisationen wie den Vereinten Nationen durch eine autoritär agierende Marionettengruppe ersetzen. Er macht damit das Gegenteil von dem, was nötig ist, nämlich die internationalen Beziehungen zu demokratisieren und eine auf breite Unterstützung aufgebaute internationale Global Governance zu entwickeln.

Wird sich China mit den USA die Welt aufteilen?

China sieht sich nicht in einem Wettstreit mit den USA um die Weltherrschaft. Es gibt kein ehernes historisches Gesetz, das vorschreibt, dass eine aufstrebende Macht unweigerlich Hegemonie anstreben wird. Diese Annahme repräsentiert die Erfahrungen der Vergangenheit und basiert auf Erinnerungen an Kolonialismus und katastrophalen (Welt-) Kriegen zwischen hegemonialen Mächten.

China hat nie akzeptiert, dass ausnahmslos jedes Land, sobald es stark genug ist, nach Hegemonie streben wird. Beijing versteht auch die Lektionen der Geschichte des Vereinigten Königreichs, der Sowjetunion und der USA – dass die Hegemonie das Vorspiel zum Abstieg ist.

China ist weder von der Gesellschaftsform als sozialistischer Staat noch von seiner Geschichte und dem konfuzianischen Background willens und auch nicht imstande eine unipolare Governance in Ersatz der USA anzunehmen, auch eine bipolare kommt für Beijing nicht in Frage. China ist ein nicht aggressives, friedliches Land, es hat seit Jahrzehnten keine Kriege geführt. Es sieht sich als Teil und Beschleuniger einer multipolaren, demokratischen Weltstruktur, unter besonderer Berücksichtigung des Globalen Südens.

Die historische Richtung geht in Multipolarität, auch Trump kann das nicht aufhalten

Die Welt ist heute damit konfrontiert, dass wir bereits vor einer multipolaren Welt stehen, aber wir haben noch keine multipolare Weltordnung gebildet. Multipolarität und Polyzentrismus sind nicht nur Konzepte; sie sind eine Realität, die bleiben wird. Wie bald und wie effektiv wir ein nachhaltiges Weltsystem innerhalb dieses Rahmens bilden können, hängt jetzt von jedem von uns ab. sagte der russische Präsident Putin, der Multipolarität seit Jahren unterstützt, bei einer Plenarsitzung des Valdai Club im Oktober 2025.

Viele Angsthasen und Pessimisten prophezeien gleich das Ende der Vereinten Nationen, nur weil Trump es so möchte. Eine große Mehrheit der 200 Staaten der Welt wird aber hier nicht mitspielen, sie wollen die internationalen Organisationen, aber reformiert. Von den 8 Milliarden Menschen der Weltbevölkerung leben nur 12% im Westen. 88% leben außerhalb des Globalen Westens im Globalen Süden und Schwellenländern. Eine überwiegende Mehrheit der Staaten will eine multipolare Globale Weltordnung, nicht aus ideologischen und politischen Gründen, sondern um ihre wirtschaftlichen Entwicklungsinteressen vertreten und voranbringen zu können, sei es in den Vereinten Nationen, sei es in der WTO, sei es in Finanzorganisationen wie IMF und Weltbank. Sie wollen Unterstützung zur Umsetzung der vom Westen vergessenen UN 2030 Agenda for Sustainable Development.

Diese Länder haben die ständige Bevormundung und Benachteiligung durch den Westen satt. Zusätzlich zu den Vereinten Nationen und ihren Unterorganisationen spielen Organisationen wie BRICS+, SCO, ASEAN, Afrikanische Union, Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und  Karibischen Staaten (CELAC) und andere eine wichtige Rolle in der Organisation der Staaten und der Durchsetzung ihrer Interessen.

Laut einer Studie der deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) zu 12 Ländern, nämlich Indien, der Türkei, Israel, Ägypten, Saudi-Arabien, Kasachstan, Indonesien, Äthiopien, Kenia, Südafrika, Mexiko und Brasilien, teilen diese gemeinsame Ziele in den Bereichen wirtschaftliche Entwicklung, Sicherheitsstabilität und strategische Autonomie. Diese Ziele werden ja auch im BRICS+ -Block vertreten und international forciert. Es ist vor allem der Bedeutungszuwachs potenzieller Führungsmächte in Asien, Lateinamerika und Afrika, der eine unipolare aber auch eine bipolare Governance unmöglich macht, sondern klar auf eine Entwicklung einer multipolaren Weltstruktur hinweist.

Diese Entwicklung ist objektiv notwendig und kann auch nicht verhindert werden. China unterstützt dabei besonders die Süd-Süd-Zusammenarbeit.

Die erste Maßnahme gegen die hegemoniale US-Politik: öffentlich dagegen Stellung zu beziehen

In einem op-ed Artikel in der New York Times vom 18. Jänner verurteilte der brasilianische Präsident Lula die US- Kidnapping-Aktion in Venezuela. Er schrieb: „Wir werden gegenüber hegemonialen Bestrebungen nicht unterwürfig sein“. Und weiter: „Die Aufteilung der Welt in Einflusszonen und neokoloniale Überfälle zur Gewinnung strategischer Ressourcen sind veraltet und schädlich.“

In einem Telefonat am 23.Jänner zwischen Lula und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping besprachen beide „gemeinsam die zentrale Rolle der Vereinten Nationen sowie die internationale Fairness und Gerechtigkeit zu schützen.“ Lula stellte im Gespräch Brasilien und China als wichtige Kräfte bei der Verteidigung des Multilateralismus und der Aufrechterhaltung des Freihandels dar.

Vor dem Gespräch mit Xi sprach Lula mit dem indischen Präsident Modi. Die indische Zeitung ‚Der Hindu‘ berichtete, dass die zwei Leader die Bedeutung der Förderung der gemeinsamen Interessen des Globalen Südens unterstrichen und einen reformierten Multilateralismus bei der Bewältigung gemeinsamer Herausforderungen betonten.

Diese Länder vertreten fast 40% der Weltbevölkerung, ihre Stimme hat Gewicht.

Öffentlich die Wahrheit auszusprechen und sich abzustimmen in internationalen und regionalen Organisationen ist die mindeste Voraussetzung für eine neue Ordnung.

Die EUropäische Politik: Appeasement

Eine Schleimspur gegenüber Washington zieht sich durch Brüssel und die Europäischen Staatskanzleien. Während des World Economic Forum in Davos kolportierte der oppositionelle kalifornische Gouverneur Gavin Newsom den Witz, dass die Kniepolster, die benötigt wurden um vor Trump in Davos durch Kotaus seine Ergebenheit zu zeigen, in Davos ausverkauft sind. Wenn Trump – gegen alle Fakten – behauptet Grönland ist von russischen und chinesischen Schiffen umgeben, sind EU und NATO sofort bereit ihm zuzustimmen um ihn freundlich zu stimmen und die Militarisierung Grönlands und der Arktis voranzutreiben.

Europa hätte aufgrund seiner Stellung doch ausgezeichnete Voraussetzungen ein wichtiges unabhängiges Glied in einer multipolaren Ordnung zu sein. Europa muss nicht wählen, welcher Großmacht es sich unterwirft. Aber die führenden Köpfe sind perspektivlose Kleingeister, haben Angst vor Veränderung, vor Eigenständigkeit, vor Entscheidungen, die Trump nicht gefallen und können sich Europa nur als Rad am US-Wagen vorstellen.

Positive Schritte macht die Kommission durchaus im Außenhandel. Das Mercosur-Abkommen und das Handelsabkommen mit Indien machen die Möglichkeit der Erpressung durch USA geringer, das ist positiv zu sehen. Und während Investitionen deutscher Unternehmen in China 2025 ein Vierjahreshoch aufweisen, halbierten sich die Investitionen in die USA, eine gute Entwicklung.

Der kanadische Ministerpräsident Carney durchbricht das westliche Lügengebäude

In einer Aufsehen erregenden Rede beim World Economic Forum in Davos – nach seinem erfolgreichen China-Besuch – durchbrach der kanadische Ministerpräsident Carney als erster westlicher Ministerpräsident den Vorhang der Lügen westlicher Politik und der realen Unterwerfung unter die USA. Wir wussten, dass die Story der ‚internationalen regelbasierten Ordnung‘ teilweise falsch war, dass die Stärksten sich davon ausnehmen würden, wenn es bequem ist, dass Handelsregeln asymmetrisch durchgesetzt wurden. Und wir wussten, dass das Völkerrecht mit unterschiedlicher Strenge angewendet wurde, abhängig von der Identität des Angeklagten oder des Opfers.

Kanada ist als Nachbar der USA ein besonders gefährdetes Opfer der amerikanischen Hegemonialpolitik. Aber Carney: Andererseits möchte ich Ihnen sagen, dass die anderen Länder, insbesondere Zwischenmächte wie Kanada, nicht machtlos sind.“ Er ruft auf, dass die Mittelmächte gemeinsam handeln müssen, denn, wenn wir nicht am Tisch sind, sind wir auf der Speisekarte.“ Carney ruft auf zu Kooperation in Politik und Handel, statt Isolation und protektionistischer Abschottung. Dem lernfähigen Carney wurde klar, dass die Diversifizierung des Handels weg von den USA sowie die Verwendung der Währungen der Handelspartner wichtige Maßnahmen sind um die Erpressbarkeit durch Sanktionen und Zölle zu reduzieren.

Dass die offene Sprache wirkt, hat sich nach Carneys Rede gezeigt. Trump hat Kanada 100% Zoll angedroht, wenn es mit China stärker Handel betreibt. Unabhängigkeit und Wahrheit haben ihren Preis. Es gibt Staaten die bereit sind, diesen zu zahlen.

Es wird weiter ein internationales Umfeld der Kriege geben

Der Weg zu einer multipolaren Ordnung ist kein friedlicher Weg, es wird weitere kriegerische Auseinandersetzungen geben, die die USA anzetteln um ihre Macht zu erhalten. Die USA planen den Iran nochmals anzugreifen, ihr Vasall Israel unterdrückt die palästinensische Unabhängigkeit mit als Völkermord bezeichneten Methoden, Venezuela ist unter Druck seine Naturreichtümer US-Konzernen anzudienen, die kubanische Regierung soll gestürzt werden.

Die absteigende Supermacht USA versucht ihre Kräfte zu bündeln und mit wirtschaftlichen Drohungen und Erpressungen gegenüber Verbündeten und Anderen, klassischen imperialistischen Raubzügen, militärischen Interventionen und Unterstützung ihrer Vasallen den Weg nach unten aufzuhalten. Das wird solang andauern, bis sie sich durch die Vielzahl der gleichzeitigen Konflikte und den wachsenden Widerstand der Staaten und Völker übernimmt oder die inneren sozialen und politischen Widersprüche in den USA der Regierung die kriegerischen Hände bindet. Wir werden sehen.


Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Robert Fitzthum ist Volkswirt und Autor. Er lebt seit 2013 in China. Zuletzt erschien 2021 das Buch „Erfolgreiches China“.


Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.

Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.



Die USA gegen China: Wie Amerika Südostasien manipuliert

VW Chef Blume zur neuen China Strategie: „In China für China“

3 Kommentare

  1. Jan 28. Januar 2026 um 18:55 Uhr - Antworten

    Treiber der Multipolarität ist der Ölmangel. Die Welt wird sich schon bald in prosperierende Zonen und schwache Peripherie teilen müssen, weil zuwenig für eine flächendeckende Versorgung verfügbar sein wird. Würden sie diese Teilung nicht machen, käme es zu Technologieverlust. Es bilden sich multipolare Zentren, die in der Lage sind, Rohstoffe auszubeuten und zu sichern.

  2. Varus 28. Januar 2026 um 10:14 Uhr - Antworten

    Das wird solang andauern, bis sie sich durch die Vielzahl der gleichzeitigen Konflikte und den wachsenden Widerstand der Staaten und Völker übernimmt oder die inneren sozialen und politischen Widersprüche in den USA der Regierung die kriegerischen Hände bindet.

    Der schwellende Bürgerkrieg in den USA spielt der übrigen Welt in die Hände – manche Länder werden die Befreiung-Chance besser nutzen, in Westeuropa vermutlich weniger. Lieber importiert man kalifornische Kniepolster.

    Der Shutdown soll Freitag um Mitternacht kommen – es sind noch nicht mal drei volle Tage (selbst wenn wir Zeitzonen berücksichtigen). Wie lange kann dann Seine Trumpigkeit seine Soldateska bezahlen? 1-2 ausgefallene Löhne und es läuft wie im Film „Civil War“ von 2024 (er lief kürzlich in Free-TV).

  3. triple-delta 28. Januar 2026 um 9:39 Uhr - Antworten

    Was wir erleben ist der Todeskampf des Kapitalismus. Die s.g. multipolare Weltordnung ist ein Synonym für das was Marx die Weltrevolution nannte. Der Übergang zum Sozialismus. Die USA sind nur das führende kapitalistische Land, weswegen sich an ihnen sich dieser Prozess quasi kristallisiert. Der Kapitalismus ist an sein technologisches Ende gekommen und kann nur noch als faschistische Diktatur aufrecht erhalten werden. Diese Entwicklung ist auch in Westeuropa und besonders in Deutschland deutlich zu spüren.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Aktuelle Beiträge