Kein Ende des Kalten Krieges? Gleichsetzung von Russland mit Sowjetunion?

12. November 2025von 6 Minuten Lesezeit

Die Konflikte zwischen Russland und Großbritannien und dem globalen Westen insgesamt reichen Jahrhunderte zurück. Ist die jetzt zu beobachtende Intensivierung eine Rache für die russische Revolution 1917 und damit eine Fortsetzung des Kalten Krieges? Diese These vertritt Thomas Fazi.

Der italienische investigative Journalist Thomas Fazi schreibt in einem Beitrag für das US-Magazin Compact über mögliche Ursachen der radikalen Angriffe auf die Russische Föderation auch nach der Auflösung der Sowjetunion. Man sollte denken, dass nach der Beilegung des ideologischen Antagonismus zwischen Sozialismus und Kapitalismus eine freundlichere Entwicklung möglich gewesen sein sollte. Die russische Führung, besonders unter Putin hatte sich immer wieder um Aussöhnung mit dem Westen bemüht, ja sogar einen Beitritt zur NATO ventiliert.

Allerdings ist eine gewisse Schizophrenie erkennbar. Trotz des russischen Bemühens der Abkehr von der UdSSR und des Versuchs eines Aufgehens im Westen, profitiert die Russische Föderation nach wie vor von der Politik der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR). Gute Beziehungen zu Indien, Nordkorea, Vietnam, vielen afrikanischen Staaten, Venezuela, Algerien und generell zum Globalen Süden sind ein willkommenes Erbe der sowjetischen Politik, auch wenn dies nicht offiziell anerkannt wird. Es hilft Russland aber im Kampf gegen die USA und die NATO in der Ukraine zu bestehen.

Nur Außenminister Lavrov machte, wie im Bild oben zu sehen, ein Statement vor dem Treffen mit Trump in Alaska als er ein T-Shirt mit der Aufschrift „CCCP“ (russische Version in kyrillischer Schrift für UdSSR) trug.

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Hier ein Auszug aus dem Artikel, von Fazi selbst auf seinem Blog veröffentlichte:

Die Russische Revolution war für die westlichen Eliten ein tiefgreifendes psychologisches und ideologisches Trauma. Um ihr bleibendes Vermächtnis zu verstehen, müssen wir jedoch auch ihre geopolitischen Auswirkungen auf den Westen – und insbesondere auf das angloamerikanische Establishment – lange vor dem offiziellen Beginn des Kalten Krieges berücksichtigen. Hätten die Bolschewiki 1917 nicht die Macht übernommen, wäre die Zersplitterung des bereits bröckelnden Zarenreichs sehr wahrscheinlich noch viel weiter fortgeschritten. Das wahrscheinliche Ergebnis hätte dem von Österreich-Ungarn geglichen: eine Konstellation schwacher Nationalstaaten, reif für die westliche Vorherrschaft.

Stattdessen schufen die Bolschewiki einen neuen, vereinigten Staat – die Sowjetunion –, der von einer Ideologie beseelt war, die den westlichen Expansionismus direkt herausforderte. Dies veränderte die Geschichte. Wie der deutsche Politikwissenschaftler Hauke Ritz argumentiert, verzögerte die Revolution die Bildung einer vereinigten westlichen imperialen Ordnung unter angloamerikanischer Führung um vielleicht ein Jahrhundert. Indem sie Russland zum Zentrum eines alternativen Weltsystems machte – und nach 1949 zu einem mit Atomwaffen ausgerüsteten –, schränkte sie die Macht des Westens erheblich ein.

Trotz ihrer inneren Widersprüche schränkte die Existenz der UdSSR den westlichen Imperialismus in vielerlei Hinsicht ein. Ihre antikoloniale Haltung inspirierte Unabhängigkeitsbewegungen in Asien, Afrika und Lateinamerika. Darüber hinaus zwang ihre bloße Existenz die westlichen Eliten dazu, den Kapitalismus auch im eigenen Land zu mäßigen, was zum Entstehen des Wohlfahrtsstaates und der Sozialdemokratie führte. Nie zuvor war der Kapitalismus so human gewesen wie in den Jahrzehnten, in denen der Sozialismus als rivalisierendes System existierte.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion bot dem Westen eine außergewöhnliche Gelegenheit, das Erbe von 1917 auszulöschen – die globale Hierarchie wiederherzustellen, die durch die Revolution zerstört worden war. Aber wie Ritz andeutet, hegten die westlichen, insbesondere die amerikanischen Eliten einen tiefen historischen Groll gegen Russland, weil es die geopolitische Vorherrschaft der USA um mehrere Jahrzehnte verzögert hatte. Aus dieser Perspektive konnte Russland nicht einfach „vergeben“ werden oder wieder in das westliche System aufgenommen werden, als wäre nichts geschehen. Selbst nach dem Ende der Sowjetunion musste es für seine Auflehnung bestraft werden. Als sich in den 1990er Jahren endlich die Gelegenheit bot, Russlands Macht zu zerschlagen, war der Impuls daher nicht Versöhnung, sondern Rache.

Ein Blick aus Ungarn aus Russland

Andere gehen allerdings weiter zurück, wie etwa der ungarische Journalist Fehér Péter in einem Beitrag im Weapons and Strategy Blog des früheren stellvertretenden US-Verteidigungsministers Stephen Bryen.

Er meint US-Politiker würden Moskaus Verhalten nicht verstehen. „Washington versteht Moskaus Vorgehen nicht, weil die politische Denkweise jedes Landes – auch die der USA – in seiner Geschichte verwurzelt ist. Die Vereinigten Staaten sind ein Einwanderungsland mit vielen hochqualifizierten Bürgern russischer Abstammung, was es umso unverständlicher macht, dass solche Menschen selten die Möglichkeit erhalten, Einfluss auf die US-Politik zu nehmen.“

Fehér geht zurück bis ins Jahr 1612 als die Polnisch-Litauische Union einen Krieg gegen Russland anzettelte. Er erwähnt weiter den Angriff Schwedens 1741, die von den Hohenzollern angefangenen militärischen Konflikte 1756, die massiven Angriffe Napoleons 1812 und 1941 durch Nazi-Deutschland.

„In jedem dieser Fälle sah sich Russland also einer militärischen Bedrohung aus dem Westen ausgesetzt. Nach jedem dieser Kriege gelang es Russland, sich leicht nach Westen auszudehnen – vielleicht nicht sofort, aber auf lange Sicht war das Ergebnis in der Regel zugunsten der Russen.

Alle Angriffe gegen Russland waren durch den immensen Reichtum des Reiches an Bodenschätzen und riesigen Flächen fruchtbaren Ackerlandes motiviert – Vermögenswerte, die die westlichen Mächte, getrieben von einer kolonialistischen Denkweise, an sich reißen wollten.

Bedenken Sie Folgendes: Während des Zweiten Weltkriegs plünderte Nazi-Deutschland einen erheblichen Teil seiner Nahrungsmittelvorräte aus Russland und bezog auch einen Großteil seines Öls von dort.

In jedem Fall gingen die westeuropäischen Aggressoren davon aus, dass Russland technologisch rückständig, wirtschaftlich unterentwickelt, aufgrund seiner großen Entfernungen nicht in der Lage war, logistische Probleme zu lösen, und keine fortschrittliche westliche Technologie besaß – und daher besiegt werden konnte.“

Fehér sieht klare Parallelen zur Motivation des politischen Westens zwischen heute und den früheren Kriegen in den vorigen Jahrhunderten. Er weist darauf hin, dass alle früheren Versuche gegen Russland gescheitert sind.

Die Umwandlung von westliche „Linken“ und Sozialdemokraten zu „Fußsoldaten des Imperialismus“

Die Richtigkeit der Bemerkung Fazi die „bloße Existenz [brachten] die westlichen Eliten dazu, den Kapitalismus auch im eigenen Land zu mäßigen, was zum Entstehen des Wohlfahrtsstaates und der Sozialdemokratie“ führte, ist immer deutlicher nachvollziehbar. Der fehlende Gegenpol in Europa zur Herrschaft der Finanzoligarchie zeigt sich in der fortschreitenden und gezielten Deindustrialisierung und Militarisierung der EU.

Begleitet wird dies von einer immer autoritärer werdenden Poltikk mit zensur und fortschreitender Einschränkung der Meinungsfreiheit. Wo es früher aktiven Widerstand der linker Organisationen und Parteien gab ist ein Vakuum entstanden.

Mit der Corona-Pandemie ist eine Entwicklung ganz offen zutage getreten, die sich spätestens seit dem NATO-Angriffskrieg gegen Serbien im Jahr 1999 abgezeichnet hat. Politische Gruppen und Menschen, die einem „linken“ oder linksliberalen Spektrum zugerechnet wurden, taten sich als lautstarke Propagandisten der Einschränkung von Grundrechten hervor und als Vertreter der Interessen der Pharma-Branche, Impfpflicht ganz vorne dabei. Sie gerieren sich nun als die schärfsten Kriegshetzer.

In einem 2007 erschienen Buch „NGOs: in the service of imperialism“ von James Petras wird die Rolle der diversen „philantropischen“ Stiftungen der Rockefeller, Ford, Soros, Clinton, Gates, Warburg und anderen dargelegt und wie es ihnen gelungen ist die frühere Linke und Sozialdemokratie in ihre Dienste zu nehmen, als „Fußsoldaten des Imperialismus“.


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8 Kommentare

  1. Michael Rosemeyer 13. November 2025 um 11:37 Uhr - Antworten

    US, UK Sabotaged Potential Peace Deal Between Ukraine and Russia, Says Former UN Assistant Secretary General https://www.theepochtimes.com/world/us-uk-sabotaged-potential-peace-deal-between-ukraine-and-russia-says-former-un-assistant-secretary-general-5532685

    Ukraines gescheiterte Friedensverhandlungen
    2023_11_14
    https://michael-von-der-schulenburg.com/ukraines-gescheiterte-friedensverhandlungen/

    Das geheime Dokument, das den Ukraine-Krieg hätte beenden können 2024_04_29
    https://www.welt.de/politik/ausland/plus251243756/Ukraine-und-Russland-Das-geheime-Dokument-das-den-Krieg-haette-beenden-koennen.html

    Rüstungsmillionen gingen an Boris Johnson
    2025_10_17
    https://tkp.at/2025/10/17/ruestungsmillionen-gingen-an-boris-johnson/

    There could be peace since May 2025 if Zelensky wanted to New York Post Trump gives Zelensky dire warning on Russia-Ukraine war — accept peace or risk ‚losing the whole country‘
    2025_04_23
    https://nypost.com/2025/04/23/us-news/trump-gives-zelensky-dire-warning-on-russia-ukraine-war-accept-peace-or-risk-losing-the-whole-country/

  2. Jan 13. November 2025 um 2:38 Uhr - Antworten

    Historiker fällen reflexhaft küchenpsychologische Diagnosen, so wie Archäologen „Ritual“ brüllen, wenn sie ein Zahnrad finden. Das sind Klassiker!

    Die Ursache ist im Produktivitätsverlust des Öls zu suchen, das aufwändiger gefördert werden muss. Statt Haareschneiden Öl fördern, im BIP scheint das nicht auf, aber unter „Haareschneiden“ fällt auch das extrem aufwändige US-Militär. Das macht die Debatte um die Friedensdividende deutlich, die in Wahrheit hinter dem Rückzug der USA als Weltpolizist steckt. In diese Lücke stößt Russland, weil es seinen Teilrepubliken zeigen muss, warum ein Zusammenschluss günstiger ist als Partikularismus: Auch hier spielt die Energieversorgung, Stichwort „lange Pipelines“ eine Rolle.

    Wie kann man das machen? Indem man in aufstrebende Wachstumsmärkte mit 10% und mehr investiert und sich diesen zuwendet. Russland bietet dem Vier-Milliarden-Menschen-Markt in Asien militärische Stabilität und Energie.

    Die knapp eine halbe Milliarde Menschen in der EU sind aus der Kolonialgeschichte gewohnt, dass sie die Ressourcen ihrer Kolonien großzügig für ihren eigenen Luxus verbrauchen können und verstehen daher nicht, was gerade passiert. Die Ressourcenländer benötigen die alten Mutterländer nicht mehr, weil sie selbst aufstrebende Märkte geworden sind, während der Westen bestenfalls stagniert. Investitionen verzinsen sich nicht mehr.

    Die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Und einer, die dem völligen Wahnsinn nahe sei, wie kürzlich ein EU-Abgeordneter geschrieben hat, vertrauen die verzweifelten Wähler die Lenkung dieses sinkenden Schiffs an.

    Der Ukrainekrieg ist ein Versuch, die Europäer durch einen gemeinsamen Feind zu einen und sich gegenüber den USA zu emanzipieren, weil diese die Kosten als Babysitter nicht mehr erwirtschaften, siehe Friedensdividende.

    Meines Erachtens untauglich. Eine Politik von Versagern. Aber, und das gibt diesen Zeiten eine amüsante Note: die Wähler haben es sich so gewünscht! Auf die Entwicklungen hätte man natürlich völlig anders reagieren müssen.

    Wie beschränkt kann man sein!

  3. Traeumer 12. November 2025 um 22:47 Uhr - Antworten

    Meiner Ansicht nach gibt es einen Grund für Aggression gegen dir russische Föderation, der im Artikel nicht genannt wurde. Der Grund ist, das Russland, ähnlich wie China, zwar kapitalistische Firmen zulässt, aber doch der Politik eine recht deutliche patriotische Note zu geben versteht. Russische Oligarchen können derzeit nicht, wie etwa in den USA, schalten und walten, wie sie wollen. Relevante Teile der russischen Industrie, der militärisch-industrielle komplex etwa, sind staatlich. In gewissem sind ist Russland fast noch gefährlicher für den Weltkapitalismus geworden, denn man kann nicht ohne weiteres ein einen Systemgegensatz konstruieren und das kann Druck auf die eindeutig kapitalistischen Länder ausüben, die Ausbeutung im inneren zu mäßigen.

  4. triple-delta 12. November 2025 um 20:02 Uhr - Antworten

    Hauke Ritz ist ein Schwätzer. Man muss sich nur mal mit der Herzland-Theorie von Mackinder befassen, um die wahren Intentionen des Westens bezüglich Russland, bzw. SU zu verstehen. Mit einer Moralisierung der Vorgänge a la Ritz werden diese Zusammenhänge verschleiert. Das Kapital hegt keinen Groll, es sucht Profit.
    Russland bzw. die SU sahen sich ja selbst ständig kolonialen Bestrebungen des Westens ausgesetzt und widerstand. Das macht es in den Augen des Globalen Südens zum Vorbild.
    Der Wohlstand der Altbundesbürger hing an der Existenz der DDR. Deshalb war es völlig unverständlich, dass diese den Untergang der DDR auch noch feierten und die Menschen der DDR in ihrer Ausbeutung, die sie Freiheit nannten, begrüßten.

  5. audiatur et altera pars 12. November 2025 um 18:48 Uhr - Antworten

    Lawrow ist nicht für seine Ironie bekannt, also ist das T-Shirt mE Wasser auf den Mühlen jener, die vor russischer Expansion warnen. Insbesondere bei jenen europäischen Ländern, die von CCCP besetzt waren, kommt das zu recht nicht gut. Gulags, Ungarnaufstand und die blutige Niederschlagung des Prager Frühlings, war da nicht was? Ich frage ausnahmsweise für einen sturzbetrunkenen finnischen Freund, der im Gegensatz zu vielen (möglicherweise naiven) Fanboy-Outlets keinen echten Bären vor seiner Sauna haben möchte.

    • triple-delta 12. November 2025 um 20:04 Uhr - Antworten

      Wenn Sie das mit dem Klassenkampf verstanden hätten, dann würden Sie nicht solche Kommentare abgeben. Warum darf sich der Sozialismus nie verteidigen, während der Kapitalismus Millionen von Toten erzeugen kann, ohne dass sich jemand darüber aufregt? Wie war das in Vietnam?

  6. Fritz Madersbacher 12. November 2025 um 17:30 Uhr - Antworten

    Der Artikel konterkariert sehr gut die westliche Geschichte(n)erzählung, die in unsere Köpfe eingebleut worde ist.
    „Der Zusammenbruch der Sowjetunion bot dem Westen eine außergewöhnliche Gelegenheit, das Erbe von 1917 auszulöschen – die globale Hierarchie wiederherzustellen, die durch die Revolution zerstört worden war“
    Diese Gelegenheit wurde genutzt, den endgültigen Sieg des Kapitalismus und das „Ende der Geschichte“ zu dekretieren sowie die USA zur einzig(artig)en Supermacht auszurufen.
    Die Feindschaft gegen Rußland nahm zu, als das weit gediehene Vordringen des Westens und der Ausverkauf der russischen Wirtschaft in der Ära Jelzin durch eine „Re-Nationalisierung“ in Rußland gestoppt wurde. Die Antwort des Westens war eine verstärkte Infiltration der Ukraine, um sie zu einem Frontstaat gegen Rußland aufzubauen, um wie das Dritte Reich an seine Ressourcen heranzukommen …

  7. Glass Steagall Act 12. November 2025 um 12:17 Uhr - Antworten

    Letztendlich ging es dem Westen bzw. den westlichen Machteliten immer um die Eroberung und die Kontrolle von Rohstoffen!

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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