Ex-Premierminister zerstört Israels Mythos

26. Mai 2025von 6,9 Minuten Lesezeit

Ein ehemaliger Premierminister wirft der aktuellen Regierung vor „absichtlich, bösartig, rücksichtslos“ in Gaza Kriegsverbrechen zu begehen. Vermutlich wird er in Deutschland nun auch als Antisemit verfolgt werden?

Ehud Olmert, der von 2006 bis 2009 selbst Premierminister Israels war, hatte 2007 den ersten Krieg gegen die Hamas geführt, nachdem die Hamas nach gewonnenen Wahlen die Regierung in Gaza übernommen hatte. Die Operation „Gegossenes Blei“ war eine Militäroperation der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) gegen Einrichtungen und Mitglieder der Hamas im Gazastreifen, die vom 27. Dezember 2008 bis zum 18. Januar 2009 andauerte. Trotzdem hatte Olmert schon in der Vergangenheit als freier Autor kritische Kommentare über die derzeitigen Militäraktionen Israels in Gaza in der israelischen Zeitung Haaretz veröffentlicht. Aber in seinem Beitrag vom 22. Mai war er deutlich wie noch nie zuvor. Er schreibt:

„Die israelische Regierung führt derzeit einen sinnlosen Krieg – ohne Ziel, ohne klare Planung und ohne Aussicht auf Erfolg. Seit seiner Gründung hat der Staat Israel noch nie einen solchen Krieg begonnen. Auch hier hat die von Benjamin Netanjahu angeführte Verbrecherbande ein beispielloses Beispiel in der Geschichte des Landes gesetzt.

Das klare Ergebnis der ‚Operation Gideons Streitwagen‘ ist vor allem Chaos innerhalb der im Gazastreifen stationierten Armeeeinheiten. Dies gilt insbesondere für Viertel, in denen unsere Soldaten bereits gekämpft, verwundet und gefallen sind – und wo sie viele Hamas-Kämpfer getötet haben, die ihr Schicksal verdient hatten, aber auch zahlreiche unbeteiligte Zivilisten. Letztere sind zu einer monströsen Zahl falscher Opfer unter der palästinensischen Bevölkerung geworden.“

Der Autor fährt fort zu erklären, dass die Ereignisse der letzten Wochen in Gaza nichts mehr mit einem legitimen Kriegsziel zu tun hätten. Wobei er sich in erster Linie Sorgen um die Schicksale der Soldaten macht, die, wie er sagt, von der Führung des Landes ausgesandt werde, um in einer illegitimen Militärkampagne durch die Viertel von Gaza zu stolpern. Das sei inzwischen zu einem privaten Krieg geworden, welche den Gazastreifen in ein humanitäres Katastrophengebiet verwandelt habe.

Olmert erklärt, in der Vergangenheit die Vorwürfe von Völkermord und schweren Kriegsverbrechen entschieden zurückgewiesen zu haben. Aber Netanjahu sei das Oberhaupt einer kriminellen Familie, deren Höflinge nachplapperten, was er sagte. In Interviews mit internationalen Medien, so der Autor, habe er stets den Vorwurf zurückgewiesen, die politischen Entscheidungsträger hätten den Befehl gegeben, gezielt Zivilisten in Gaza anzugreifen. Die unverhältnismäßig hohe Zahl an toten Zivilisten sei die Folge eines brutalen Krieges gewesen. Aber der hätte 2024 enden sollen. Nun dauere er ohne Begründung, ohne definiertes Ziel und ohne politische Vision für Gaza oder den Nahen Osten weiter an.

Er verteidigt das Vorgehen der Armee und behauptet, dass die Politik für die Auswüchse auf dem Schlachtfeld nicht verantwortlich sei. Allerdings stimmt er dem Vorwurf zu, gegenüber palästinensischen Opfern fahrlässig und gleichgültig gewesen zu sein.

Aber was die Regierung seit einigen Wochen mache, sei ein Vernichtungskrieg: „wahlloses, uneingeschränktes, grausames und verbrecherisches Töten von Zivilisten. Wir tun dies nicht, weil wir die Kontrolle über ein bestimmtes Gebiet verloren haben, nicht aufgrund eines unverhältnismäßigen Ausbruchs einer Militäreinheit – sondern als direkte Folge einer Regierungspolitik, bewusst, böswillig, rücksichtslos und vorsätzlich. Ja, wir begehen Kriegsverbrechen.

Dann betont er das Verbrechen, welches als erstes genannt werden müsse: Das Aushungern Gazas. Zu diesem Thema hatten hochrangige Regierungsvertreter ihre Position offen dargelegt. Ja, Israel verweigere den Bewohnern Gazas Nahrung, Medikamente und lebensnotwendige Ressourcen als Teil einer erklärten Politik. Netanjahu versuche wie immer, die Natur seiner Anweisungen zu verschleiern, um sich rechtlicher und strafrechtlicher Verantwortung zu entziehen. Aber, so der Autor, einige seiner „Höflinge“ sagten es offen und stolz, dass sie Gaza aushungerten. Es gebe keine moralischen oder operativen Hemmnisse, sie zu vernichten – mehr als zwei Millionen Menschen, weil ganz Gaza der Hamas „gehöre“. Die israelischen Medien, so der Autor weiter, versuchten aus verschiedenen Gründen, das Bild zu beschönigen. Doch das Bild, das sich im Ausland abzeichne, sei schockierend. Man könne nicht gleichgültig bleiben. Man könne die globale Reaktion nicht länger als bloßen Antisemitismus abtun – als ob „alle uns einfach hassen“. Diese Lüge habe sich überholt.

Dann verteidigt er den französischen Präsidenten Macron, den niederländischen Premierminister Schoof und die italienische Premierministerin Meloni, welche das Vorgehen in Gaza kritisiert hatten. Sie hätten in der Vergangenheit alles unternommen, um Israel zu unterstützen, aber nun sei eine rote Linie überschritten worden.

In der Folge treibt Olmert sorgenvoll um, dass das Image Israels in der Welt, vor allen Dingen in den Teilen, welche in der Vergangenheit Israel bedingungslos unterstützt hatten, erodiert. Er befürchtet dramatische Folgen für den Ruf des Landes, ja er sieht sogar Urteile vor internationalen Gerichten für möglich an, und wirtschaftliche, wenn nicht sogar militärische Sanktionen.

Und so erkennt man, dass sich Olmert nicht Sorgen um die Palästinenser macht, sondern dass „Netanjahus Bande und ihre Giftmaschine“ Israel dauerhaften Schaden zufügen. Deshalb sei diese Regierung „der Feind von Innen“. Kein Feind habe in 77 Jahren dem Land mehr Schaden zugefügt als die Regierung unter Itamar BenGvir, Nteanjahu und Bezalel Smotrisch. Nie sei der soziale Zusammenhalt Israel, die Basis seiner Existenz, so untergraben worden wie durch die derzeitige Regierung.

Diese Regierung sei regierungsunfähig, meint Olmert. Sie sei nicht willens und nicht in der Lage, das Wohl des Staates und seiner Bürger zu fördern. Sie sei besessen davon, die Grundlagen der inneren Einheit und Zusammenarbeit zu zerstören – selbst zwischen Gruppen, die anderer Meinung sind. Sie hetze Bruder gegen Bruder, Mutter gegen Kind, Soldat gegen Soldat auf und lasse mit sadistischer, rücksichtsloser Grausamkeit Schläger auf Geiseln und ihre Familien los – und das alles, ohne die Geiseln nach Hause zu bringen.

Dann kommt er auf den Mord einer israelischen Frau zu sprechen, die auf dem Weg zur Entbindung war, worauf der Vorsitzende des Regionalrats von Shomron, Yossi Dagan, zur Zerstörung palästinensischer Dörfer aufgerufen hatte. Was nach Meinung Olmerts der Aufruf zum Völkermord war.

„Und wenn ein palästinensisches Dorf niedergebrannt wird – und viele sind niedergebrannt worden –, wird uns erzählt, es sei nur eine ‚kleine gewalttätige Randgruppe‘ gewesen. Das ist eine Lüge. Es gibt viele. Die Vorhut ist immer klein, aber dahinter stehen die Dagan-Typen, die sie inspirieren, unterstützen und beschützen – und die nächste Welle vorbereiten. Wo ist die Polizei? Wo ist die Armee? Wo sind die Zehntausenden Siedler, die sagen: Das sind Kriminelle, die ins Gefängnis gehören – nicht in die Olivenhaine des Westjordanlands? Und ignorieren wir nicht, was in bestimmten Eliteeinheiten der israelischen Armee geschieht – in denen einige der mutigsten Kämpfer Israels dienen. Zu viele Fälle von grausamen Schießereien, Plünderungen, Diebstählen aus Häusern – und Soldaten, die stolz darüber posten. Wir begehen Kriegsverbrechen.“

Aber Olmert weigert sich immer noch anzuerkennen, dass Israel systematisch ethnische Säuberungen begeht. Aber er gibt immerhin zu, dass die Situation sich so zuspitzt, dass sie bald „unleugbar wird“. Soweit sein Artikel.

Damit wird meine frühe These immer realistischer, dass Israel Netanjahu als Sündenbock opfern wird, um die alte Politik, der schleichenden ethnischen Säuberung wieder aufnehmen zu können. Jene Politik, welche es westlichen Politikern ermöglicht, von „vorübergehender Besatzung“, „legitimen Sicherheitsinteressen“ und „Israels Existenzrecht“ zu sprechen.

 


Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wieder. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Jochen Mitschka ist Erster Vorsitzender des Vereins „Der Politikchronist e.V.“: https://www.politikchronist.org/

Er ist Herausgeber der TKP-Jahrbücher  „Chronologie einer Plandemie“  mit allen Artikeln von TKP, die in den Jahren von 2020 bis 2023 erschienen sind.


Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.

Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.



Israels Luftwaffe unterstützte islamistische und „türkische Übernahme“ Syriens

Was haben ein Mittagessen in einer Taverne und der Kampf um Palästina gemeinsam?

Syrien nach dem Fall: Terror, Besatzung und Palästina

China setzt sich für Palästina ein

Israel erwägt trotz US-Gesprächen Angriff auf Irans Nuklearanlagen – Reuters

9 Kommentare

  1. Jan 26. Mai 2025 um 15:24 Uhr - Antworten

    „Netanjahu als Sündenbock opfern wird, um die alte Politik, der schleichenden ethnischen Säuberung wieder aufnehmen“

    Ich denke, Bibi ist Marionette im Spiel internationaler Kriegsttreiber. Olmert darf ein wenig Hoffnung verbreiten. Es geht darum, die Muslime unversöhnlich zu machen und Radikalinskis an die Macht zu bringen. Es soll richtig knallen!

    • Fritz Madersbacher 26. Mai 2025 um 16:25 Uhr - Antworten

      @Jan
      26. Mai 2025 um 15:24 Uhr
      „… Radikalinskis an die Macht zu bringen“
      Wo? In Israel sind sie (schon lange) an der Macht …

  2. triple-delta 26. Mai 2025 um 11:54 Uhr - Antworten

    Der Zionismus und der NS sind Zwillingsbrüder und nur Synonyme für Faschismus.

  3. Andreas I. 26. Mai 2025 um 11:46 Uhr - Antworten

    Hallo,
    Israel beherrscht Gaza (und das nicht erst seit 2023).
    Israel beherrscht die Grenzen und blockiert nach Belieben Warenimporte jeglicher Art von Zement bis Medikament, Israel beherrscht die Wasserversorgung und die Energieversorgung.

    Also allein die Existenz Gazas als von Israel beherrschtes Gebiet ist in den praktischen Auswirkungen schon sehr nah an den Punkten b) und c).
    Die Bedingungen im Westjordanland übrigens auch: Zersiedlung durch Israelis, Checkpoints so dass sich Palästinenser in ihrem eigenen Land nicht frei bewegen können, regelmäßige ,,Razzien“ bei denen Palästinenser einfach gekidnappt werden…
    b) das Zufügen von schweren körperlichen oder seelischen Schäden bei Angehörigen der Gruppe
    c) die absichtliche Unterwerfung unter Lebensbedingungen, die auf die völlige oder teilweise physische Zerstörung der Gruppe abzielen
    (UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes, laut Wikihausen)

    Insofern braucht sich Olmert keine Sorgen zu machen, das Ansehen Israels entspricht schon seit Jahrzehnten den Tatsachen.

    Worüber die Israelis vielleicht mal nachdenken sollten, ist die Tatsache, dass sie all die Jahrzehnte von USA versorgt und beschützt wurden und Israel ohne USA …
    Jedes Imperium durchläuft im wesentlichen drei Phasen: Aufstieg, Blütezeit und Abstieg, wobei der Knackpunkt zwischen Blütezeit und Abstieg der Zeitpunkt ist, an dem das Imperium sich überdehnt.
    Und wenn man nun vom Imperium versorgt und beschützt wird, also mit anderen Worten vom Imperium abhängig ist, dann kann man sich während der Blütezeit einiges leisten.
    In der Abstiegsphase schwinden die Kapazitäten eines Imperiums.
    Also die Israelis müssten beginnen, die Weichen für ein Dasein ohne das Imperium zu stellen.
    Aber die Israelis manövrieren sich in eine Lage, in der sie mehr denn je von USA versorgt und beschützt werden müssen und das kann noch einige Jahre gut gehen, aber nicht ewig.

  4. Fritz Madersbacher 26. Mai 2025 um 11:34 Uhr - Antworten

    Der kolonialistische Apartheidsstaat Israel begeht Verbrechen gegen die einheimische palästinensische Bevölkerung seit seiner Gründung – mit westlicher Unterstützung und Rückendeckung. Durch seine ungeheuerlichen Kriegsverbrechen im Gaza-Streifen und im Westjordanland ist er endgültig zum internationalen Pariah geworden. Für den Westen ist die bedingungslose Komplizenschaft mit diesen Greueln zur Belastung geworden, sodass er sich aus seiner Mitverantwortung zu stehlen sucht. Nach wie vor wird die israelische Propagandadarstellung der Militäraktion vom 7. Oktober, bei der der verheerende eigene Beitrag ausgespart wird, als Entschuldigung vorgeschoben, aber aufgrund der peniblen Recherchen von Journalisten mit Berufsethos sind diese Ausreden längst als Komplizenschaft mit den israelischen Kriegsverbrechern zu werten. Die israelische Gesellschaft ist in einem Zustand, der die Zukunft dieses Staates in Frage stellt, mit seiner Brachialgewalt und seinem Blutrausch rückt sein Ende näher …

  5. Daisy 26. Mai 2025 um 11:14 Uhr - Antworten

    Jo!
    „Aber Olmert weigert sich immer noch anzuerkennen, dass Israel systematisch ethnische Säuberungen begeht. Aber er gibt immerhin zu, dass die Situation sich so zuspitzt, dass sie bald „unleugbar wird“.

    Ja, das ist eine sehr laue Kritik von Olmert, denn das ist nicht erst seit ein paar Wochen so. N. will die Gazabewohner offensichtlich aus Gaza rausbekommen – wie auch immer – um es vorsichtig zu formulieren. Leider ist daran nicht nur N. schuld, sondern auch die Israelis, denn sie hätten N. längst absetzen können bzw. lauter dagegen protestieren müssen. Es gab Proteste, aber das war zu wenig. Mittlerweile sind mMn alle schuld daran, ebenso wie die Unterstützer N.s. Kritik an N. ist kein Antidingsbums, sondern eigentlich pro dings…

  6. Satya 26. Mai 2025 um 9:26 Uhr - Antworten

    …und Jehova zieht mit seinen himmlischen Heerscharen voran…

  7. federkiel 26. Mai 2025 um 8:55 Uhr - Antworten

    Yair Golan, ein Israeli, in einem Radiointerview:
    »Ein Land, das bei gesundem Verstand ist, führt keinen Krieg gegen Zivilisten, es tötet keine Babys als Hobby und setzt sich nicht die Vertreibung der Bevölkerung zum Ziel.«
    Daraufhin bezichtigte ihn Netanjahu des Antisemitismus. Das ist mittlerweile das Totschlagargument bei jeglicher Kritik an Israel. Damit wird der Begriff natürlich auch entwertet und beliebig.

    • rudifluegl 27. Mai 2025 um 2:03 Uhr - Antworten

      Man höre sich nur die unfassbar dummen Äußerungen der Ösi Diskutanten in den öffentlichen Medien an.
      Sogar die Diskussion bei Servus TV darüber – Sonntag Abend- war kaum aus zu halten!
      Da fällt mir wirklich nur mehr dazu ein „denen wurden gentechnisch die Gehirnwindungen begradigt“.
      Und „„Die israelische Regierung führt derzeit einen sinnlosen Krieg – ohne Ziel, ohne klare Planung und ohne Aussicht auf Erfolg“- dieser Irre der wahrscheinlich auch seinen Bruder rächen will, war, bevor er diese Kriegsverbrechen begann schon schwer in der Bredouille und er hat den Erfolg, seine Macht verlängert zu haben.
      Der ist wirklich nicht nur ein Sündenbock. Ach wären doch alle Sündenböcke so schuldig!
      Und so eine Stimme wie die von Olmert ist trotz aller Auslassung der Historie, dennoch wohltuend zu vernehmen.
      Der hätte bei den hiesigen „Repräsentanten“ ein schweres Leben!

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Aktuelle Beiträge