Elf Tage vor dem Wahltag am 3. November verschärft sich der Ton im US-Bundesstaat Ohio dramatisch. Im Rennen um das Gouverneursamt stehen sich die Demokratin Amy Acton, frühere Gesundheitsdirektorin des Staates, und der Republikaner Vivek Ramaswamy gegenüber, der von Präsident Donald Trump unterstützt wird. Beide liefern sich eines der engsten und teuersten Rennen dieses Herbstes. Nun hat ein 60-Sekunden-Video die Kampagne auf ein Niveau gezogen, das selbst hartgesottene Beobachter ratlos zurücklässt: Darin tritt Actons entfremdete Mutter auf und warnt die Wähler vor ihrer eigenen Tochter.
Der Spot
Das Video tauchte zunächst ohne Absender, ohne Finanzierungshinweis und ohne Credits auf. Zuerst verbreitete es ein Politblogger aus Columbus, dann sprangen konservative Medien und Influencer auf, darunter auch Donald Trump Jr. Ramaswamys Wahlkampfteam äußerte sich anfangs nur ausweichend, bestätigte aber noch am selben Abend: Es ist ein Spot aus der eigenen Kampagne. Laut Berichten will das Team rund vier Millionen Dollar in die Verbreitung stecken. Die Mutter, so die Kampagne, wurde nicht bezahlt.
In dem Spot stellt sich eine Frau als Donna Arthur vor, Actons Mutter. Sie sagt, sie liebe ihre Tochter, doch Amy habe ein ernstes Problem. Sie bezeichnet sie als Lügnerin, die über ihre Vergangenheit lüge, und behauptet, die Geschichte vom Aufwachsen in einem Zelt sei erfunden. Ihre Tochter brauche Hilfe, und die Wähler sollten ihr nicht das Gouverneursamt anvertrauen. Mehrere Medien beschreiben, dass der Spot psychische Probleme der Kandidatin andeutet. Zur Untermauerung verweist die Mutter auf ihre berufliche Erfahrung: Sie habe in einer Hilfsorganisation für Kinder und Familien Programme gegen sexuellen Missbrauch mit aufgebaut.
Die Vorgeschichte, die im Spot fehlt
Was der Spot verschweigt, ist der Kern des Familienbruchs. Nach den Berichten des Senders KSHB, der Gerichtsakten aus Mahoning County einsehen konnte, wurde Actons Stiefvater wegen sexuellen Missbrauchs der damals Zwölfjährigen festgenommen und angeklagt. Acton selbst sagt, der Missbrauch habe zwischen ihrem zehnten und zwölften Lebensjahr stattgefunden. Der Mann bekannte sich nicht schuldig, kam gegen Kaution frei und tauchte unter. Er blieb bis zu seinem Tod im Jahr 2004 ein flüchtiger Beschuldigter. Eine Verurteilung gab es nie, worauf auch einzelne Republikaner hinweisen. Rechtlich gilt er daher als nicht verurteilt. Die Gerichtsunterlagen belegen aber die Anklage, und laut KSHB fand die Polizei den Mann tatsächlich in einem Zelt lebend.
Actons Bruder Philip Stearns erklärte, die Geschwister seien den Eltern entzogen worden. Die Mutter habe danach an der Ehe mit dem Beschuldigten bis zu dessen Tod festgehalten. Er bestätigte zudem Actons Schilderung vom Leben im Zelt. Acton selbst hat nach eigenen Angaben seit den späten 1970er-Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter. Ihr Vorwurf: Die Mutter habe sie nicht geschützt. Wohlgemerkt: Das sind die Darstellungen von Acton und ihrem Bruder, gestützt auf die Gerichtsakten. Was genau zwischen Mutter und Tochter vorfiel, kann von außen niemand vollständig beurteilen.
Die Reaktionen: ein ungewöhnlicher Riss im eigenen Lager
Normalerweise folgt auf einen Negativspot ein Schlagabtausch entlang der Parteilinien. Hier nicht. Actons Kampagne sprach von einem „verzweifelten, ekelhaften“ Angriff. Der demokratische Senatskandidat Sherrod Brown nannte den Spot widerwärtig. Doch auch aus republikanischen Reihen kam deutliche Kritik. Lydia Mihalik, Mitglied im Kabinett des republikanischen Gouverneurs Mike DeWine, erklärte, sie müsse Actons Politik nicht teilen, um das Ausschlachten eines Kindheitstraumas falsch zu finden. Casey Putsch, Ramaswamys Rivale in den republikanischen Vorwahlen, kündigte an, diesmal Acton zu wählen. Senator Jon Husted, Ramaswamys Mitstreiter auf dem Ticket, sagte, er hätte den Spot nicht geschaltet. Ein Mitarbeiter von Senator Mike Lee löschte seinen Beitrag mit dem Video, nachdem er die Hintergründe erfahren hatte, und entschuldigte sich. Selbst konservative Kommentatoren bei CNN sprachen von einem riskanten, ja abstoßenden Spot.
An der Spitze der Partei klang das anders. Vizepräsident JD Vance zeigte sich bei einem Auftritt in Ohio „angewidert“ von den Parteifreunden, die sich über den Spot aufregten, statt die Demokraten zu bekämpfen. Politik sei ein hartes Geschäft, so Vance. Donald Trump Jr. hatte das Video mit den Worten geteilt, Ohio solle darüber nachdenken, was es bedeute. Und Präsident Trump? Er sagte nach den vorliegenden Berichten, er habe von dem Spot gehört, glaube aber nicht, dass Ramaswamy für das gestörte Verhältnis zwischen Mutter und Tochter verantwortlich sei.
Schmutzige Wäsche gehört zum Handwerk
Wer die amerikanische Politik kennt, weiß: Das Aufwühlen von Privatem ist keine Erfindung dieses Wahlkampfs. Schon 1800 überzogen sich Jefferson und Adams mit persönlichen Schmähungen, die selbst nach heutigen Maßstäben derb ausfielen. 1884 begleitete den Demokraten Grover Cleveland der Spottvers über ein uneheliches Kind durch den Wahlkampf. 1988 prägte der Willie-Horton-Spot das Bild des Demokraten Michael Dukakis als zu weich gegenüber Straftätern. 2016 ließ Trump kurz vor einer Fernsehdebatte Frauen auftreten, die Bill Clinton beschuldigt hatten. Negative Kampagnen gelten Strategen seit Jahrzehnten als wirksam, und Gegner nach dem Charakter, den Finanzen oder dem Lebenswandel zu durchleuchten, ist Teil des Spiels. Auch Ramaswamy-Anhänger argumentieren, Wähler dürften erfahren, was Menschen aus dem engsten Umfeld über eine Kandidatin sagen. Das Team sagte, der Spot teste bei unentschlossenen Wählern gut.
Warum dieser Fall anders ist
Dennoch stoßen sich selbst langjährige Beobachter an diesem Spot, und das hat Gründe, die über Geschmacksfragen hinausgehen.
Erstens richtet sich der Angriff gegen ein mutmaßliches Opfer. Üblicherweise geht es um das, was ein Kandidat getan oder gesagt hat. Hier wird, was Acton als Kind erlitten haben soll, zum Munitionsdepot. Sie selbst hat ihre Biografie nie verschwiegen, doch es macht einen Unterschied, ob jemand darüber spricht oder ob der Gegner sie dafür vorführt.
Zweitens ist die Absenderin die Mutter, die laut Anklage der Tochter nicht beistand. Ausgerechnet die Person, die nach Actons Darstellung ihre Rolle als Schutzperson verfehlte, soll nun Glaubwürdigkeitsurteile über sie fällen. Das verkehrt die Verhältnisse, auch wenn Mutter und Tochter in der Sache verschiedene Wahrheiten haben mögen.
Drittens die Andeutung psychischer Probleme. Wer einer erwachsenen Frau implizit Krankheit unterstellt, weil sie ein Trauma überlebt hat, betreibt Stigmatisierung. Das ist weder ein politisches Argument noch ein Beleg für Unehrlichkeit.
Viertens die Verschleierung. Der Spot erschien ohne Absender und ohne Finanzierungshinweis, ließ sich erst auf Nachfrage der Kampagne zuordnen und wurde zunächst von Dritten verbreitet. Anonym gestreute Vorwürfe, die sich dann als Wahlkampfmaterial entpuppen, erschweren es Wählern zu beurteilen, wer da eigentlich spricht.
Fünftens widersprechen die Fakten zumindest in einem Punkt dem Spot. Der Vorwurf, die Zeltgeschichte sei erfunden, lässt sich mit Gerichtsakten, dem Bruder und den Berichten der Lokalsender nicht stützen. Wer den Vorwurf der Lüge erhebt, muss ihn belegen können.
Dazu kommt die Reaktion im eigenen Lager. Wenn Republikaner aus dem Kabinett des amtierenden Gouverneurs, ein Senator und frühere Parteirivalen den Spot ablehnen, spricht das dafür, dass viele Beobachter hier keine bloße Zuspitzung sehen, sondern eine Grenzüberschreitung.
Und nun?
Ob der Spot Ramaswamy nützt oder schadet, wird sich am 3. November zeigen. Laut einer Marist-Umfrage liegt Acton mit 50 zu 43 Prozent vorn, wobei der Spot in dieser Erhebung noch nicht abgebildet sein dürfte. Die Wahlforscher sehen das Rennen trotzdem als offen an. Fest steht: Ohio erlebt gerade ein Lehrstück darüber, wo die Grenze zwischen hartem Wahlkampf und dem Missbrauch des Privatlebens verläuft. Dass Wahlkämpfer in den USA Kritik am Privatleben nie scheuten, ist nichts Neues. Neu ist, wie offen ein Team diese Grenze überschreitet, wenn es um ein mutmaßliches Missbrauchsopfer geht, und wie viele aus dem eigenen Lager dabei nicht mehr mitgehen.
Bild: Screenshot aus Video über den Vorfall
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