Chinas vermeintliche Krise: Zu viele Absolventen, zu wenige Jobs? Ein Reality-Check für den Arbeitsmarkt

29. Januar 2026von 6 Minuten Lesezeit

Chancen, Engpässe und die nächste Generation – ein datenbasierter Blick auf Chinas sich wandelnde Demografie und Arbeitsmärkte.

Die Jugendarbeitslosigkeit in China hat in den letzten Jahren große Aufmerksamkeit erhalten, oft durch die Brille von Krise oder wirtschaftlicher Stagnation betrachtet. Wenn man jedoch Sensationsmeldungen und westliche Propagandaframings beiseite lässt und sich auf konkrete Daten konzentriert – Geburtenraten, Bildungszugang und Arbeitsmarktdynamik – zeigt sich ein nuancierteres Bild.

Dies ist keine Geschichte des unvermeidlichen Niedergangs, sondern eine des raschen Wandels, bei der Erfolge in Bildung und Demografie eigene Herausforderungen geschaffen haben. Durch die Betrachtung der absoluten Zahlen statt nur der Prozentsätze lassen sich die Ursachen des aktuellen Drucks und mögliche Wege nach vorn besser verstehen.

Der Anstieg der Absolventen: Von Knappheit zur Fülle

Ende der 1990er Jahre verzeichnete China einige der größten Geburtenkohorten seiner Geschichte, mit jährlichen Geburtenzahlen von bis zu 20 Millionen. Gleichzeitig stieg die Bruttoeinschreibungsquote (GER) an Hochschulen von unter 10 % auf heute über 60 %.

Dieser doppelte Trend hat den Arbeitsmarkt drastisch verändert. Um 2010 verfolgten nur etwa 10 % der 20 Millionen im Jahr 1990 Geborenen ein Hochschulstudium, was zu rund 2 Millionen Absolventen pro Jahr führte. Im Jahr 2025: Mit Geburtenkohorten von etwa 18 Millionen (2005) und einer GER von 60 % bedeutet das rund 11 Millionen neue Hochschulabsolventen pro Jahr.

Dieser fünffache Anstieg innerhalb von nur zwei Jahrzehnten stellt eine deutliche Herausforderung dar: Wie kann eine Wirtschaft 11 Millionen Hochschulabsolventen aufnehmen, wenn sie früher auf nur 2 Millionen ausgelegt war? Selbst wenn 90 % sofort eine Anstellung finden – eine starke Leistung nach globalen Maßstäben – bleiben noch 10 %, was 1,1 Millionen arbeitslose Absolventen pro Jahr entspricht. Dies ist kein Beleg für ein Systemversagen, wie Kritiker behaupten, sondern ein Zeugnis für das enorme Ausmaß der Bildungsexpansion in China, die den Zugang zu Hochschulbildung auf bisher ungeahnte Weise demokratisiert hat.

Jährliche Geburtenzahlen: Historische Trends und aktuelle Daten (Quelle: NBS)

  • 1949–1958: Nachkriegsphase, Anstieg von ~18–20 Millionen
  • 1963: Spitze ~29–30 Millionen (Babyboom nach Erholung des Großen Sprungs nach vorn)
  • Späte 1960er–1970er: Rückgang auf ~20–25 Millionen mit frühen Familienplanungskampagnen
  • 1980er: Starker Rückgang auf ~16–18 Millionen unter strikter Ein-Kind-Politik
  • 1990er–2015: Allmählicher Rückgang/Stabilisierung bei 15–17 Millionen
  • 2016: Kurzfristige Spitze ~17,86 Millionen (nach Einführung der Zwei-Kind-Politik)
  • 2017–2021: Beschleunigter Rückgang auf ~12 Millionen bis 2020
  • 2022: ~9,56 Millionen
  • 2023: ~9,02 Millionen
  • 2024: ~9,54 Millionen (kurzer +6 %-Anstieg, beeinflusst von Post-COVID-Hochzeiten und Drachenjahr)
  • 2025: 7,92 Millionen (-17 % gegenüber 2024; niedrigster Wert seit 1949; Geburtenrate 5,63 pro 1.000 Einwohner)

Die Zahlen zeigen ein klassisches Muster: schneller Anstieg nach 1949, Spitze Mitte der 1960er, langanhaltender Rückgang unter Bevölkerungskontrollpolitiken und starke Beschleunigung in den 2020er Jahren aufgrund von Politikfolgen, höheren Lebens- und Ausbildungskosten, späteren Heiratsalters, Urbanisierung und veränderten sozialen Normen. Der Anstieg 2024 war kurzlebig, 2025 markiert einen historischen Tiefstand.

Hochschulbildung: Schlüsseldaten (NBS/MOE)

  • Frühe 2000er: 2–3 Millionen Studierende pro Jahr
  • Mitte 2000er–Mitte 2010er: Anstieg auf 6–8 Millionen
  • 2020: ~8,74 Millionen
  • 2021: ~9,09–9,1 Millionen
  • 2022: ~10,76 Millionen (erstmals >10 Millionen)
  • 2023: ~11,58 Millionen
  • 2024: ~11,79 Millionen
  • 2025: ~8 Millionen (prognostiziert)

Die Zahlen zeigen seit ~2000 einen nahezu linearen Anstieg, beschleunigt in den 2010er–2020er Jahren durch hohe Einschreibungsquoten (>60 %). Dieser „Anstieg“ erzeugt starken Druck auf den Arbeitsmarkt, insbesondere bei Jugendlichen (16–24 Jahre), vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Abschwünge, hoher Jugendarbeitslosigkeit und Kompetenzmismatches.

Eine Erfolgsgeschichte mit Spannungen

Der Bildungsschub in China ist ein Triumph – Millionen ausgebildet, Humankapital freigesetzt, Innovation beflügelt. Doch es ist auch eine „Erfolgsgeschichte, die ihr eigenes Problem geschaffen hat.“ Die Wirtschaft konnte nicht immer Schritt halten, was zu Unterbeschäftigung und Frustration bei einigen Absolventen führt – ein bekanntes Phänomen auch in den USA oder Europa.

Hinzu kommt, dass Jugendarbeitslosigkeit auch ein Indikator für steigenden Wohlstand sein kann. Wohlhabendere Familien können ihre Kinder länger unterstützen, sodass diese gezielt nach Positionen suchen, die zu ihren frisch erworbenen Abschlüssen passen. Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass Stellen in produzierenden Unternehmen zunehmend unattraktiv sind und oft unbesetzt bleiben, was die Unternehmen dazu zwingt, die Automatisierung weiter voranzutreiben. Effektive Maßnahmen erfordern daher detaillierte Daten zu Bildung, Standort und Qualifikationen der Arbeitslosen, um gezielt Anreize in die gewünschte Richtung setzen zu können.

Zukunftsausblick: Rückläufige Geburten, steigende Produktivität und KI

Die Geburtenrate fällt weiterhin stark – ironischerweise nach Ende der Ein-Kind-Politik 2015 – auf etwa 7 Millionen 2025. Selbst wenn die Hochschulzugangsquote auf 80 % steigt, dürfte die Zahl der Absolventen stabil bleiben oder sinken. 2045 könnten es etwa 5,6 Millionen Absolventen pro Jahr sein.

Dieses kleinere, selektive Kontingent – unterstützt durch steigende Abschlussqualität – könnte außerordentlich produktiv sein. Roboter und KI ermöglichen es, dass diese Arbeitskräfte pro Kopf deutlich mehr Wert schaffen als die ausscheidenden Generationen. Eine schrumpfende Bevölkerung könnte bei guter Steuerung das BIP pro Kopf erhöhen, den Wohlstand breiter verteilen und die Lebensstandards steigern. Angesichts der Tatsache, dass das durchschnittliche BIP in China im Vergleich zu den USA nur etwa ein Viertel und im Vergleich zu Deutschland nur rund ein Drittel beträgt, ist das Wachstums- und Aufholpotenzial Chinas enorm.

Doch dies setzt erfolgreiche Anpassung voraus. Der Arbeitsmarkt muss Rollen schaffen, die die Qualifikationen der Absolventen nutzen, nicht nur Beschäftigung bieten. KI und Automatisierung könnten viele Einstiegspositionen verdrängen, und Lücken in der Berufsausbildung bleiben bestehen, insbesondere in Sektoren wie der Altenpflege.

Forschung zeigt, dass die Qualität der Abschlüsse stark variiert; ohne Reformen könnte die Arbeitsmarktunsicherheit steigen – nicht nur in China, sondern weltweit. Lösungen erfordern eine Ausrichtung der Bildung auf Unternehmertum, Innovation und gefragte Berufe sowie eine Vergütungsstruktur, die essentielle, aber wenig attraktive Berufe wie Ärzte oder Pflegekräfte angemessen wertschätzt.

China reagiert bereits mit Reformen: Ausbau und Modernisierung der Berufsausbildung, stärkere Kooperationen zwischen Schulen und Unternehmen, großangelegte Trainingsprogramme für Jugendliche und Arbeitslose, Innovations- und Entrepreneurship-Programme, gezielte Subventionen und Anreize für prioritäre Sektoren.

Trotzdem bestehen weiterhin Kapazitätsgrenzen, gesellschaftliches Stigma und Kompetenzmismatches. Zudem wird Automatisierung die Arbeitslandschaft unvorhersehbar verändern.

Kindersterblichkeit als Spiegel gesellschaftlicher Dynamiken

Die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren dient als Indikator für gesellschaftliche Gesundheit und Gerechtigkeit. Unter Mao fiel sie von über 200 in den 1950er Jahren auf rund 50 Ende der 1970er. Unter Deng stagnierte der Rückgang ab 1978 trotz steigender Einkommen. Dies deutet auf soziale Härten und ungleiche Versorgung hin, trotz sinkender Geburtenzahlen. (Abtreibungen sind in dieser Statistik nicht enthalten.)

Auf dem Weg zu einer resilienten Zukunft

Chinas Jugendarbeitslosigkeit ist kein Untergangsszenario, sondern ein Übergangsstress durch Bildungs- und Demografiewachstum. Die Herausforderung liegt nicht in zu wenigen Arbeitskräften, sondern in fairer Verteilung von Fähigkeiten und Jobqualität.

Mit gezielten Maßnahmen – verbesserte Berufsausbildung, datenbasierte Politik, KI-Integration – kann China sein Humankapital für nachhaltigen Wohlstand nutzen. Es ist komplex, risikobehaftet, aber die Grundlagen deuten auf höhere Produktivität und Lebensqualität in einer kleineren, besser ausgebildeten Bevölkerung hin. Fakten statt Angst helfen, Chancen in den Herausforderungen zu erkennen.


Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Felix Abt ist ein in Asien lebender Unternehmer, Autor und Reiseblogger auf Substack: https://felixabt.substack.com.


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