Demonstrationen im Iran, Mullahs fliehen?

2. Januar 2026von 10,4 Minuten Lesezeit

In Deutschland und in anderen Medien wird verbreitet, die Menschen würden im Iran „für Demokratie“ oder „Freiheit“ demonstrieren und gegen die „Mullahs“, die angeblich schon zur Flucht ins Ausland aufgefordert werden. Was steckt aber wirklich dahinter? Was erzählt jemand, der gerade zwei Monate im Iran war?

Der iranische Menschenrechtsaktivist Hoda Yaq hat darüber einen Artikel verfasst, wie aus seiner Sicht die Situation im Iran derzeit ist.

Der iranische Menschenrechtler

Er schreibt, dass die jüngsten Entwicklungen im Großen Basar von Teheran ein Paradebeispiel dafür sind, wie wirtschaftlicher Druck das Verhalten der Öffentlichkeit beeinflussen kann und wie schnell feindselige externe Gruppen solche Momente für ihre eigenen finsteren politischen Ziele ausnutzen. In der vergangenen Woche habe die drastische Abwertung der iranischen Währung, des Rial, den Händlern, insbesondere Kleinunternehmern, erhebliche Schwierigkeiten bereitet. Ladenbesitzer hatten Mühe, Preise festzulegen, ihre Warenbestände aufzufüllen oder ihren Kunden verlässliche Informationen zu geben. Viele beschrieben die Atmosphäre als von ständiger Unsicherheit geprägt, da die Wechselkurse permanent schwankten und so die Instabilität weiter verschärften.

Demonstrationen

Als Reaktion auf diese volatile Lage, so der Autor, versammelten sich Gruppen von Händlern und lokalen Gewerbetreibenden, um ihren Anliegen auf friedliche und demokratische Weise Ausdruck zu verleihen. Ihre Demonstrationen verliefen zivilisiert und konzentrierten sich auf legitime wirtschaftliche Probleme anstatt auf opportunistische politische Forderungen. Die Ladenbesitzer betonten wiederholt, so der Artikel, dass sie Lösungen für Probleme suchten, die direkt mit ihrer Arbeit und ihrem Lebensunterhalt zusammenhingen, und keine Konfrontation mit der Regierung oder den Strafverfolgungsbehörden suchten.

Hier sollte man einschieben, dass auch Videos auftauchten, welche zeigten, wie die Demonstranten eine Frau quasi verjagten, welche die Demonstration zu einer politischen Aussage bringen wollte.

Tatsächlich, so Yaq forderten die Demonstranten ein Mindestmaß an Stabilität auf dem Devisenmarkt und konkrete Maßnahmen der Regierung zur Wiederherstellung der Ordnung. Das seien Sorgen, die in den alltäglichen Herausforderungen der Unternehmensführung in einem unsicheren Finanzumfeld wurzelten, das maßgeblich durch unrechtmäßige und ungerechtfertigte westliche Sanktionen verschärft seien.

„Während diese Demonstrationen mediale Aufmerksamkeit erregten, verbreitete sich online eine andere Darstellung. Einige feindselige Gruppen im Ausland starteten koordinierte Medienkampagnen, die die Ereignisse weitaus dramatischer darstellten, als sie tatsächlich waren. Mithilfe von Hashtags, manipulierten Videos und Social-Media-Beiträgen teilten sie Inhalte, die nicht der Atmosphäre auf Teherans größtem, geschäftigen Markt entsprachen. Einige dieser Videos enthielten sogar KI-generierte Kommentare mit politischen Parolen, die die Demonstranten vor Ort nicht riefen. Diese Art der digitalen Manipulation verzerrte die wahren Geschehnisse und trug zur anti-iranischen Propaganda bei.“

Der Autor berichtet dann über die Maßnahmen, mit denen Provkateure versuchen, die Demonstrationen FÜR Veränderungen zu gewaltsamen Protesten GEGEN das System zu drehen.

Der Artikel geht dann noch eine ganze Zeit so weiter. Es wird auf Demonstrationen in Frankreich und Chile verwiesen, und darauf, dass diese ganz normal seien. Und dass es keinerlei Anzeigen für Regimewechselforderung gäbe. Schließlich war es zu deutlich eine Verteidigung des politischen Status Quo, und wäre im Westen sicher als „gelenkte Opposition“ bezeichnet worden.

Die Stimmungsänderung

Aber im Iran hat sich seit dem 12-Tage Krieg die Stimmung deutlich geändert, und es geht dem Autor vermutlich wirklich darum, die falschen Medienberichte im Ausland zu beantworten. Natürlich gibt es Unzufriedenheit über Korruption und Misswirtschaft. Über Arbeitslosigkeit und zu viel Geld für Rüstung. Aber es gab zwei Ereignisse, welche zu Veränderungen in der Stimmung der Stadtbevölkerung führte, welche oft den Westen als Vorbild gesehen hatten.

Der erste Riss in diesem prowestlichen Bild war durch den Bruch des Atomvertrages JCPOA durch Donald Trump in seiner ersten Amtszeit entstanden. Gefolgt vom Rückzug der europäischen Konzerne, trotz aller Sonntagsreden europäischer Politiker. „Man kann dem Westen nicht trauen“ begann sich auch in Richtung Westen orientierten Kreisen zu verbreiten. Und schließlich taten die Forderung der Wiedereinsetzung von Sanktionen durch Großbritannien, Frankreich und Deutschland den Rest, obwohl diese Länder selbst ihren Verpflichtungen unter dem Druck der USA nicht nachgekommen waren.

Der 12 Tage Krieg

Noch drastischer wirkte der 12-Tage-Krieg im Jahr 2025. Nun verstummten die letzten Kritiker, welche sich gegen Rüstung statt Infrastruktur oder Kampf gegen die Armut empört hatten. Bei Demonstrationen konnte man gegen USA schimpfende Frauen ohne Kopftuch sehen, die noch eine Woche früher über die Regierung hergezogen waren, neben Frauen mit Verschleierung, wie sie nun gemeinsam die Regierung unterstützten, und gegen die westlichen Agressoren, insbesondere USA und Israel lautstark ihren Unmut äußerten. Und seit diesem kurzen Krieg, der im Iran 1000 bis 1200 Todesopfer forderte, weil Israel ganze zivile Nachbarschaften bewusst zerstörte, weil ein ziviler Atomphysiker oder ein Beamter der Regierung dort wohnte, gab es praktisch nur noch von durch ausländische Agenten bezahlte Provokateure, welche versuchten, gegen die Regierung zu skandieren.

Reiseeindrücke

Dr. Hossein Pur Khassalian ist ein pensionierter iranisch-deutscher Arzt, der während der Schahdiktatur nach Deutschland floh, hier eine Karriere als Arzt machte, und gerade von einer zweimonatigen Reise aus seiner Heimat Iran zurück nach Deutschland kam. Seine ersten Aussagen deuten auf zwei Veränderungen hin.

  1. Menschen, welche vor dem 12-Tage-Krieg für eine Komplettveränderung des Systems eingetreten waren, haben ihre Meinung zugunsten von Reformen statt Revolution verändert.
  2. Bisher eher zu den erzonservativen gerechnete Politiker verändern ihre Meinung und sind bereit für Reformen
  3. Die Menschen zeigen keine Liebe für die Regierenden, aber höchste Abneidung gegen USA, Israel und dem mit diesen Kräften kooperierenden Reza Pahlavi.
  4. Es stimmt positiv, dass die Anzahl der Moderaten, die von beiden Seiten der Extremen kommen, zunimmt.

„Ein Beispiel für dieses Kurswechseln sieht man an die Person Ali Larijani. Einst ein aktiver Fundamentalist wird er von einer extremistischen Gruppierung. genannt ‚Paydari‘ nun als Abweichler angegriffen. Die Paydari, Partei der ‚Standfesten‘  geht ganz raffiniert vor. Ihre Mitglieder geben sich als die treuen Anhänger Khameneis aus, kämpfen aber gegen Larijani, der als persönlicher Berater von Khameni und als Chef des nationale Sicherheitsrates fungiert.“

Einschätzungen

Mit anderen Worten: Die iranische Gesellschaft ist politisch hochaktiv und in ständiger Veränderung begriffen. Gäbe es die Sanktionen und Kriege gegen das Land nicht, hätte sich die Gesellschaft schon längst aus der postrevolutionären Situation von 1979 weiter entwickelt. Aber auf Grund des Drucks von außen versammelt sie sich hinter den konservativen und extremistischen Kräften, weil es diejenigen sind, welche in den Kriegen ihr Leben einsetzen, um den Staat und die Menschen zu schützen.

Reformen

Durch den letztlich erfolgreichen RegimeChange in Syrien war bereits der Rückzug des Iran aus dem Land verursacht worden, was das Staatsbudget entlastet, implizit als Teil einer Reform angesehen werden kann, andererseits, wie man sah, Israel ermöglichte, den größten Teil der Angriffe des 12-Tage-Krieges unangefochten aus dem Luftraum Syriens heraus gegen den Iran durchzuführen.

Westlichen Medien zufolge verlangen Demonstranten auch die Einstellung der Hilfe für den Libanon und die Hisbollah, während Kritiker argumentieren, dass dies in erster Linie durch eine Gruppe von Provokateuren in die Demonstrationen getragen wird, und sich dann dort aus Frustration verbreitet. Denn die Unterstützung der Befreiungsbewegungen wie die Hisbollah dient natürlich auch der eigenen Sicherheit, da sie, trotz der Schwächung, als vorgeschobene Bodentruppen im Fall eines allumfassenden Krieges eingesetzt werden könnten.

Die Regierung hat ihre Bereitschaft erklärt, mit der Opposition über Reformen, in erster Linie in wirtschaftlicher Hinsicht, Gespräche zu führen. Dabei dürften insbesondere die Privilegien der Unternehmungen der Revolutionsgarden auf den Tisch kommen. Nach dem Krieg gegen den Irak, und unter dem Eindruck der aus dem Land geflohenen Profiteure der Schah-Diktatur, hatten diese Revolutionsgarden Unternehmungen übernommen und de facto einen Teil des Sozialwesens aufgebaut. Nämlich für Opfer des Krieges eine angemessene Versorgung bereitgestellt. Der Krieg ist nun lange vorbei und viele solcher Privilegien wurden für Vetternwirtschaft und Korruption missbraucht. Hier dürfte sich einiges ändern.

Andererseits wird niemand, auch die Opposition nicht, es wagen, ernsthaft gegen alle Privilegien der Revolutionsgarden vorzugehen. Denn sie stellen das Rückgrat der Verteidigung des Landes dar. Bedingunglos für den Staat einstehend und zu jedem Opfer bereit. Deshalb setzen hier auch viele Sanktionen an. Durch die Sanktionen will man die Zivilgesellschaft von den Revolutionsgarden trennen und sie gegenseitig ausspielen. Mit dem Ziel, die stärkste militärische Kraft des Landes zu verringern.

Ob die Rechnung nach dem letzten Angriffskrieg Israels und der USA noch funktionieren kann, schien direkt nach dem 12-Tage-Krieg kaum möglich. Aber natürlich wirken Wirtschaftssanktionen. So wie in Syrien untergraben sie die Fundamente der Gesellschaft. Allerdings ist der Iran kein arabisches Land. Es ist eine vollkommen andere Hochkultur. Man erkennt dies an den ungeheuren Leistungen der Wissenschaftler, welche diese trotz der Sanktionen in den letzten Jahrzehnten erreicht haben.

Die Führung des Landes ist hochgebildet und in der Tradition einer mehr als 2000 Jahre alten ganz eigenen Kultur. Das Land verfügt über eine lebhafte politische Beteiligung und viele Möglichkeiten, Reformen auf den Weg zu bringen und durchzusetzen. Dabei ist das größte Problem nicht das „Beharren“ der Führung, sondern der immer noch existierende soziale, relilgiöse und politische Unterschied zwischen der Land- und Stadtbevölkerung. Es ist spannend zu sehen, wie die Gesellschaft in den nächsten Monaten und Jahren damit umgehen wird.

Kriegführung mit anderen Mitteln

Es sprengt den Rahmen dieses Artikels, über die Gründe für die versuchte und herbeigeschriebene Destabilisierung zu schreiben. Einen sehr guten Überblickt gibt ein Posting in x.com. Hier nur der letzte Satz:

„Dies entspricht der klassischen Logik der indirekten Kriegsführung: schwächen, zersplittern, erschöpfen und erst dann, wenn nötig, zuschlagen. Dies ist keine Pause vor dem Krieg. Das ist Krieg mit anderen Mitteln.“

Kommentar

Es ist vollkommen unklar, was für Berater die israelische und US-Führungen haben. Exiliraner, welche vom Schahregime profitierten, und Rachegelüste gegen die soziale und politische Revolution von 1979 haben, leben im Ausland, nicht im Iran. Offensichtlich werden diese Stimmen als jene der Iraner angesehen. Aber die beschriebene Entwicklung war vorauszusehen, wenn man sich nur etwas mit der Geschichte und Politik des Landes beschäftigt. Und es war die zweite riesige Falscheinschätzung der USA in der Causa Iran.

Die erste war der Krieg zur Entmachtung von Saddam Hussein. Jahrzehnte hatte der Irak unter Saddam dazu gedient, den Iran als Feind „in Schach zu halten“. Der große Irak-Iran-Krieg kurz nach der Revolution war von US-Offizieren in dem Sinne kommentiert worden, dass der Irak den Job der USA gemacht hatte, weshalb die USA nicht bombardieren brauchten. Und durch die Zerstörung der Macht von Saddam Hussein verschwand das Feindbild. Dann folgte Fehler auf Fehler. Man sah in Washington zu, wie die ISIS Horden in Richtung Bagdad fuhren, und lehnte Hilfsersuchen der irakischen Regierung ab. Die Iraner zögerten nicht, kamen und halfen, die Terroristen zu stoppen und zurückzudrängen. DANN erst boten die USA ihre Hilfe an, und begannen mit dem so genannten „Herding“. D.h. die Terrorgruppen wurden durch Luftangriffe in eine bestimmte Richtung abgedrängt, nämlich in Richtung Syrien. Und so wurde der Iran für den Irak immer stärker vom Feind zum Freund, der nicht nur durch die gemeinsame Religion großer Teile der Gesellschaft, sondern auch Anerkennung der Hilfe in Not großen Einfluss gewann. Nur durch Androhungen von Sanktionen der USA wird verhindert, dass sich die Wirtschaft und die beiden Nachbarländer noch viel näher kommen.

Offensichtlich können die USA bombardieren, töten, vernichten, zerstören, aber ohne einen blassen Schimmer zu haben, was danach passieren wird. Irak, Afghanistan, Libyen, Syrien (es war die Türkei, die von den Sanktionen profitierte und schließlich die „moderaten Rebellen“ und den Regimewechsel herbeiführte). Und nun die vollkommene Fehleinschätzung der iranischen Bevölkerung. Als ob die darauf gewartet hätte, dass entweder ein Schah-Sprößling (in westlichen Medien „Hoffnungsträger“ genannt) oder eine Terrororganisation wie die MEK (Mojahedin-e Khalq) die Macht übernimmt. Mehr würde hier den Rahmen sprengen. In dem Buch über den 12-Tage-Krieg findet man mehr Details und Erklärungen dazu.

Bild: Bildschirmausdruck, bearbeitet, aus google maps

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Ein Kommentar

  1. OMS 2. Januar 2026 um 8:10 Uhr - Antworten

    Und die Schuld an dieser Situation trägt die USA! Sie wollen das Öl des Iran zu ihren Bedingungen und gleichzeitig eine Regierung, welche US-Basen zulässt um weiter gegen den Osten vordringen zu können.
    Der Aussage im Text „Offensichtlich können die USA bombardieren, töten, vernichten, zerstören, aber ohne einen blassen Schimmer zu haben, was danach passieren wird. Irak, Afghanistan, Libyen, Syrien“ stimme ich 1000%ig zu. Schmeißt die USA mit ihren Soldaten aus Europa raus. Diese braucht niemand!

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