Aussätzige, Hexen, Ungeimpfte . . .

16. Mai 2025von 4,1 Minuten Lesezeit

Anlässlich eines einzigen Krankheitsfalles in Wien titelten die österreichischen Propagandamedien kürzlich: „Die Lepra ist zurück“.

Wer sich die europäische Vergangenheit genauer ansieht, wird feststellen, dass die „Lepra“ oder der „Aussatz“ nie wirklich weg waren. Krankheitsbezeichnungen dienten immer auch als Vorwand. Stigmatisierungen unerwünschter Personen gehören zur DNA des christlichen Europa. Der aktuelle Fall entlarvt nachträglich die Perfidie um die Lepra, da der Betroffene 18 Monate lang undiagnostiziert in Österreich lebte und offenbar niemanden angesteckt hat.

Dass die Lepra zum Sinnbild für unreine, auszustoßende Menschen wurde, ist dem Kirchenlehrer Hieronymus (um 340 – 420) zuzuschreiben. Bei seiner Bibelübersetzung führte er als Bezeichnung für die dort im Buch Levitikus abgehandelten zerstörerischen Hautleiden das griechische „Lepra“ ein. Seither wurde Lepra zum verheerenden Stigma für viele Menschen mit sichtbaren Krankheitszeichen. Gebräuchlicher war allerdings bis zum 13. Jahrhundert der Begriff „Aussatz“.

Verbreitet hat sich der Erreger wohl nicht durch rückkehrende „Kreuzritter“, sondern eher durch die christliche Praxis von Kreuz-Tätowierungen, da dabei auf Hygiene wenig geachtet und organisches Material aus der mittelalterlichen Drecksapotheke verwendet wurde. Der bekannteste Betroffene aus den Eliten war vielleicht König Balduin IV. von Jerusalem (1161-1185). Ihm blieb dort allerdings eine Verstoßung aus der Gesellschaft erspart. In islamischen Ländern, Afrika oder Indien, in denen die Lepra immer stärker verbreitet war, gab es diese lebenslange Absonderungsideologie nicht.

Die eigentliche Lepra, die wohl nur einen Bruchteil der behaupteten Krankheitsfälle ausmachte, ist bis heute nicht restlos geklärt und wird von Mykobakterien verursacht. Sie verläuft schleichend über viele Jahre und Jahrzehnte. Angstpropaganda und Ekel führten in Europa zu sozialer Isolation und einer Verbannung Kranker in Ghettos. Weltliche Obrigkeit und Kirche hatten sich verbündet, um „unreine“ oder „ungehörige“ Bürger als gefährlich auszusondern. Jeder war verpflichtet, Verdachtsfälle zur Anzeige zu bringen. Wer nicht denunzierte, dem drohten drakonische Strafen. Oft genügte ein vager Verdacht für die Verbannung.

Der mit der Ansteckungsgefahr motivierte soziale Tod Stigmatisierter war für die Lepra an den Haaren herbeigezogen. Es bedarf schon eines längeren und sehr engen Kontaktes und natürlich eines ziemlich angeschlagenen Immunsystems, um sich anzustecken. Dies war auch im Spätmittelalter ohne Kenntnis eines Krankheitserregers bekannt. Wie wäre es sonst zu erklären, dass einzelne Familienangehörige als „leprös“ ausgesondert wurden, die übrige Familie aber unbeeinträchtigt auch mit einem neuen Ehepartner im Haus verblieb? Unter einer Kirche, die Scheidungen verbot, war dies eine akzeptierte Lösungsstrategie.

Wie manipulierbar die Diagnose „Lepra“ war, ist schon daran erkennbar, dass dafür das Testat von 3 Ärzten erforderlich war. Schlecht heilende Wunden gab es auch bei anderen nicht-infektiösen Krankheiten wie Grippesymptome ohne „Covid-19“. In beiden Fällen griff man auf obskure Tests zurück, die weder den Erreger nachwiesen, noch Infektiosität feststellen konnten. Trotz der hohen Irrtumswahrscheinlichkeit schreckte man damals wie heute nicht davor zurück, vermeintlich Lepröse oder „Impfverweigerer“ als asymptomatische Gefährder sozial zu ächten. Das vermeintliche Gemeinwohl scheint aber jede Grausamkeit gegen Einzelpersonen zu rechtfertigen.

Die als „leprös“ Diagnostizierten wurden in einer feierlichen Prozession unter Glockengeläut in der Kirche symbolisch bestattet. Lepröse wurden mitleidslos verstoßen und galten als „lebende Leichname“. Der zivile Tod war eine Erfindung der Kirche. Erst seither verbreitete sich eine paranoide Ansteckungsangst, die zu Hass und Aggression führte. Alle Besitztümer gingen an Angehörige oder die Kirche. Als Wohlhabender lebte man damals schon gefährlich.

Der Besitzübergang auf das Gemeinwesen oder andere Personen wird nicht nur in Einzelfällen die treibende Kraft für die Diagnose gewesen sein. Anfang des 13. Jahrhunderts soll es in der christlichen Hemisphäre 19.000 Lepraheime gegeben haben. Es ist anzunehmen, dass nur die wenigsten Insassen tatsächlich an Lepra litten. Oft unter unsäglichen Bedingungen zusammengepfercht mit wirklichen Leprakranken konnten viele aber schließlich doch eine Lepra entwickeln.

Die Stigmatisierung einer rational handelnden Gruppe als asoziale Gefährder des Gemeinwohls sollte alle aufrütteln. Nicht nur entbehren Diskriminierungen jeder Grundlage, sondern sie lassen ganz ungeniert das Geschäftsmodell von Ausgrenzungen erkennen: Beraubung durch Vertreibung und Enteignung. Nur die Bezeichnungen für die Menschen, die man entfernen und enteignen will, haben sich geändert. Die erbarmungslose und verlogene Grundeinstellung ist geblieben. Heute haben Regierungen die Nachfolge des Christentums angetreten und setzen rigorose Zwangsmaßnahmen gegen Minderheiten durch.

Bild: Wolfgang Sauber, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Dr. med. Gerd Reuther ist Radiologe, Medizinaufklärer und Medizinhistoriker. Er hat 8 Bücher veröffentlicht. Darunter „Hauptsache Panik. Eine neuer Blick auf Pandemien in Europa“, „Heilung Nebensache. Eine kritische Geschichte der europäischen Medizin“ und „Hauptsache krank?


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12 Kommentare

  1. Jurgen 17. Mai 2025 um 12:43 Uhr - Antworten

    Der christliche Totenkult hat leider die Sonnenanbetung und Naturnutzung verdrängt seit 2000 Jahren. Die Kirchen haben dazu einen „Hirten“-Club eingerichtet, der den „Schafe“-Club kontrolliert und dem Adel die Lehen gegeben. „Spalte und Herrsche“ hat angefangen mit der Erfindung von „Gut und Böse“. Das Endspiel hat begonnen.

  2. Der Zivilist 16. Mai 2025 um 10:42 Uhr - Antworten

    Warum ist gerade die christliche Herrschaftstechnik für uns so schwer zu durchschauen ?

    Doch wohl, weil wir ihr so völlig ausgeliefert sind, unsere ganze Kultur ist durchtränkt davon.

    Die versprochene ‚Auferstehung vom Tod‘ ist wohl die krasseste, absurdeste Form, den Tod nicht zu akzeptieren und darum folgt der ganze Rattenschwanz, die institutionalisierte Instrumentalisierung der Angst vor dem Tod, also der Angst überhaupt, denn die Angst vor dem Tod ist der Kern aller Angst.

    • Joe 16. Mai 2025 um 13:09 Uhr - Antworten

      Ich denke es wir sollten Jesus Christus und die Christenheit getrennt betrachten. Es wurde viel Unrecht begangen von sog. Christen. Doch Jesus selbst hatte keinerlei Berührungsängste bzgl. der Leprakranken. Das ist im Matthäusevangelium im 8. Kapitel zu lesen.

  3. LisaLisa 16. Mai 2025 um 8:51 Uhr - Antworten

    Na ja, die Aussätzigen abzusondern geht nicht auf Hieronymus zurück, dies wird schon im Alten Testament in den Büchern Mose, also vor einigen tausenden Jahren, beschrieben. Die Priester bekamen von Gott genaue Anweisungen wie sie mit welchem Hautausschlag umgehen sollten. Die verschiedenen Ausschläge werden beschrieben und auch was zu tun ist und ob sie nach Hause dürfen wegen der Ansteckungsgefahr. Auch damals war die Bevölkerung schon „hysterisch“ im Umgang mit den Kranken. Natürlich waren die hygienischen Bedingungen nicht die von heute und Lepra war schwer heilbar. Jesus war eigentlich der Erste, der mit diesen Menschen Kontakt hatte und selbst ohne Angst auf diese zuging.

  4. Satya 16. Mai 2025 um 8:50 Uhr - Antworten

    Vor Kreta gibt es eine Leprainsel (Spinalonga), dort lebten bis Anfang des 19. Jahrhunderts Leprakranke Menschen. Sie bauten alles selbst an, züchteten Tiere für Nahrung und lebten eigentlich, aus Sicht des Touristen in einer Idylle. Doer gab es auch eine Kirche und der ebenfalls dort lebende gesunde Pfarrer, betreute sie. Und obwohl sich dieser nicht schützte und mit ihnen auch aus dem selbsen Kelch trank, erkrankte er nicht! So ist das mit der „Ansteckung“ (siehe auch das Buch „Mythos Ansteckung“ von Dr. med. Johann Loibner). Ich hatte bestimmt viele Hausärzte in meinem alten Leben, mit denen ich mich gut verstand und von denen hatte sich niemand eine Erkältung von seinen Patienten eingefangen.

    • Karsten Mitka 16. Mai 2025 um 17:25 Uhr - Antworten

      Da habe ich auch schon oft drüber nachgedacht, daß ja vor allem Hausärzte eigentlich ständig ausfallen müßten.

  5. Jan 16. Mai 2025 um 8:02 Uhr - Antworten

    Interessant, der Zusammenhang mit der Kreuztätowierung, ausgerechnet, war mir neu!

    Wer hat die denn vorangetrieben, der Klerus?

  6. Daisy 16. Mai 2025 um 7:30 Uhr - Antworten

    Ja, auch die Hexenverfolgung – es waren auch Männer betroffen – betraf primär alleinstehende Frauen, deren Besitz man sich gerne aneignen wollte. Entweder die Kirche selbst oder jemand vom Dorf, der den Grund haben wollte. Eine Parallele gibt es heute, dass man gerne Alte ohne Anhang aber mit Geld zum Pflegefall macht. Gerade die Hilfsorganisationen reißen sich um solche Fälle.
    S. auch Pflegeregress, der aber – gewiss wegen Überlastung – wieder abgeschafft wurde, wodurch man jetzt wieder etwas weniger happig auf Pflegefälke ist bzw. zahlts jetzt der Steuerzahler.

    Der Pflegeregress bezeichnete in Österreich im Fall einer geförderten Langzeitpflege einer Person den Rückgriff der Bundesländer auf das Privatvermögen des Betroffenen und dessen Angehörigen. § 330a ASVG hat mit Wirkung vom 1. Jänner 2018 den Pflegeregress bundesweit abgeschafft. Die Einnahmen, die den Ländern durch das Verbot des Pflegeregresses entgehen, werden seitdem aus dem allgemeinen Bundeshaushalt im Ausmaß von 100 Millionen Euro jährlich zur Verfügung gestellt und den Ländern nach einem für das jeweilige Kalenderjahr ermittelten Schlüssel aus dem Pflegefonds zugewiesen. Wiki

    Lepra hat mit mangelnder Hygiene und einem geschwächten Immunsystem zu tun. Wer sich regelm. wäscht, muss sich da glaube ich wenig Sorgen machen. Aber ehrlich gesagt würde ich mich auch vor Aussätzigen fernhalten…das ist ein Instinkt. Doch wegspxrren ist natürlich keine Lösung.

    • Gabriele 16. Mai 2025 um 11:26 Uhr - Antworten

      …Contergan wird ja heute angeblich als „Lepramedikament“ eingesetzt (damit sie besser schlafen?). Es gibt immer eine Form der Müllverwertung…auch für die Covid-Booster wird es so sein, notfalls mit Zwang.
      Übrigens ist es heute besonders beliebt, Vertreter kirchlicher Organisationen oder von Sekten zu alten alleinstehenden Menschen zu schicken, nicht nur um sie zu missionieren, sondern zu fragen, ob sie denn „Hilfe brauchen“. Und nach dem Abgang hofft man dann auf „kleine Geschenke“ (selbst erlebt).

      • Daisy 16. Mai 2025 um 12:24 Uhr

        Contergan müsste längst verboten sein. Was für eine Frechheit!
        Da es eine bakterielle Infektion ist, müssten Antibiotika und Desinfektion der entzündeten Stellen helfen.

        @ Fledderei: Ja, klar, das tun die ziemlich sicher mit Hintergedanken. Wenns ans Ende geht, werden alle ganz freundlich und hilfsbereit – auch ist die Fälschung von Testamenten gang und gäbe. Zuerst zudröhnen, dann unterschreiben…das möchte man nicht wissen, wieviele ungeklärte Krxminlfälle es gibt und auch Mxrde….

      • Vortex 17. Mai 2025 um 3:28 Uhr

        Ein weiterer Angriff auf das Immunsystem (tinyurl.com/4f86e6w9) ist besonders perfide …

    • Karsten Mitka 16. Mai 2025 um 17:32 Uhr - Antworten

      „Lepra hat mit mangelnder Hygiene und einem geschwächten Immunsystem zu tun. Wer sich regelm. wäscht, muss sich da glaube ich wenig Sorgen machen.“ – Das trifft auch auf ziemlich alle anderen Infektionskrankheiten zu. Nicht Impfungen haben diese ausgerottet, wie gebetsmühlenartig propagiert wird, sondern weil wir unter massiv besseren hygienischen Bedingungen leben und eben nicht mehr sprichwörtlich unsere Scheiße aus dem Fenster in die Gosse schütten.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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