Snowpiercer und die Normalisierung der Dystopie

9. Oktober 2024von 8,1 Minuten Lesezeit

Die Fernsehserie Snowpiercer erschien im Coronajahr 2020 auf Netflix. Die dort beschriebene schreckliche Dystopie dürfte den Vorstellungen unserer Milliardäre in bestimmten Aspekten ziemlich nahe kommen, was die von ihnen angestrebte Zukunft angeht. Deshalb hat sie auch eine politische Bedeutung.

Die Prämisse ist wie folgt: Um den Klimawandel zu bekämpfen, wurde das Kältemittel CW-7 in die Atmosphäre eingebracht. Es kühlte allerdings die Erde auf -80 bis -120 Grad Celsius ab. Die Menschheit ist fast vollständig ausgestorben. Nur 3.000 Menschen haben überlebt. Sie fahren in einem riesigen Zug namens Snowpiercer um die Welt. Wenn dieser Zug mit seiner Perpetual Motion Machine (also einem Perpetuum Mobile), die Vortrieb, Energie und Wärme stehen bleibt, müssen alle Menschen sterben.

In dem 1.000 Waggons langen Zug gibt es Gärten, wo Lebensmittel angebaut werden, eine Wasseraufbereitung, Werkstätten etc.

Im Snowpiercer herrscht eine strenge Klassengesellschaft wie in der realen Welt. Die Passagiere der ersten Klasse, also die Milliardäre, haben für ihre Familien ganze Waggons für sich allein. Dort befinden sich auch die erlesensten Kunstwerke der Menschheit. Sie werden mit allen kulinarischen Köstlichkeiten versorgt und leben auch allgemein in einem verschwenderischen Luxus.

Passagiere der zweiten Klasse bestehen vor allem aus Wissenschaftlern. Sie haben immer noch große und bequeme Kabinen, ausreichende Ernährung und Zugang zu materiellen Annehmlichkeiten, wenn auch bedeutend weniger als Passagiere der ersten Klasse.

Angehörige der dritten Klasse bestehen vor allem aus Arbeitern, Polizisten („Bremsern“) und Soldaten. Sie leben in engen Kabinen und müssen mit einer eintönigen Kost vorlieb nehmen.

Und dann gibt es noch den Tail, also das Subproletariat. Sie sollten ursprünglich gar nicht mitfahren, haben den Zug gestürmt und wurden von Sicherheitsleuten auf die letzten Wagen zurückgedrängt. Dort werden sie gerade so am Leben erhalten. Aber Hunger ist in diesem Teil des Zuges endemisch. Zudem müssen sie die niedersten Arbeiten verrichten, wie zum Beispiel das Reinigen der Aborte.

Der dritten Klasse und dem Tail sollen insgesamt 2.500 der 3.000 Passagiere angehören. Den ersten beiden Klassen demnach rund 500 Menschen, davon wohl weniger als 50 der ersten Klasse.

Diese Klassengesellschaft wird durch Terror aufrechterhalten. Rebellen werden damit bestraft, dass ein mit Wasser übergossener Arm von ihnen aus dem Zug gehalten wird und bei -80 Grad in kürzester Frist einfriert. Sie erleiden dadurch die schrecklichsten Schmerzen. Dann wird dieser Arm mit einem Hammer zertrümmert.

Als weitere Strafe gibt es für die oberen Klassen noch die Suspendierung, also das Einfrieren der Menschen in „Schubladen“. Im Prinzip können die Delinquenten wieder aus diesen Schubladen aufgeweckt werden. Aber die meisten erleiden entweder schwere Gewebeschäden oder werden wahnsinnig.

Hinrichtungen vor allem für die unteren Klassen finden mit einer Eislunge statt. Den Delinquenten wird eiskalte Außenluft in die Lunge geleitet, so dass die Lungenbläschen platzen und sie jämmerlich unter großen Schmerzen ersticken.

Konstrukteur und Besitzer des Zuges ist angeblich ein exzentrischer Milliardär namens Mr. Wilford von Wilford Industries. Er lebt im Vorderteil des Zuges und seit der Abfahrt vor 7 Jahren hat ihn niemand gesehen. Außer einer Stewardess für die erste Klasse namens Melanie Cavill, die für ihn spricht.

Sehr früh im Verlauf der Serie stellt sich allerdings heraus, dass ein Mr. Wilford gar nicht existiert. Melanie Cavill ist in Wirklichkeit Ingenieurin und sie ist diejenige, die zusammen mit zwei weiteren Ingenieuren den Zug kontrolliert und steuert.

Was die Filmemacher bzw. die hinter ihnen stehenden Milliardäre umtreibt, zeigt die Episode 6 der ersten Staffel:

Wie sich herausstellte, hat eine verwöhnte junge Frau namens Lilah „LJ“ Folger aus der ersten Klasse drei Arbeiter der dritten Klasse ermordet und ihnen aus purer Langeweile die Penisse abgeschnitten. Sie wurde dann aber nach einem Prozess von „Mr. Wilford“ bzw. Melanie Cavill amnestiert.

Daraufhin bereiten die Arbeiter der dritten Klasse einen Streik vor. Sie fordern ein Ende der grotesken Klassengesellschaft, zumal sie alle Arbeiten machen und die Bourgeois einen großen Teil des produzierten Reichtums nur verzehren.

Ausgerechnet in dieser Situation kommt es zu einem schweren Unfall im Zug. Ein extrem schwerer Elektromotor muss ausgetauscht werden, die Kette reißt und er beschädigt eine wichtige Datenleitung, die an der Unterseite des Zuges entlangläuft. Die Wagons schwanken und der Zug droht zu entgleisen. Melanie Cavill lässt sich zu dieser Stelle abseilen und sie repariert unter Lebensgefahr diese Datenleitung. Später stellt sie die Situation so dar, als habe Mr. Wilford diese Leitung repariert. Die Arbeiter der Dritten brechen in Jubel auf „Mr. Wilford“ aus und sagen den Streik ab.

Die Milliardäre wollen, das wir daraus lernen: Unsere Welt mag ungerecht sein, aber jedes Rütteln an den Eigentumsverhältnissen führt schnurstracks in den Tod.

Melanie Cavill scheut sich nicht, brutalste Gewalt anzuwenden, um die Klassenherrschaft im Zug aufrecht zu erhalten. So foltert sie eine Tailie, um einen flüchtigen anderen Tailbewohner namens Andre Layton zu finden, der hinter ihr Geheimnis gekommen ist. Sie vereist zu diesem Zweck einen Finger der Frau nach dem anderen, was ihr fürchterliche Schmerzen bereitet.

Dennoch wird Melanie zynischerweise als „gut“ bezeichnet, da sie wegen diese Folter unter Gewissensqualen leide. Dies im Gegensatz zu ihrer Freundin, der Stewardess Ruth Wardell, die es genießt, Tailies „den Arm zu nehmen“.

Wir lernen also: Folter ist gut und gerechtfertigt, wenn sie der Aufrechterhaltung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft dient und wenn die Folterer diese blutige Arbeit nicht gerne machen. Diese Aussagen sind allerdings in Filmen und Fernsehserien bereits seit 9/11 üblich geworden und demnach nicht neu. Die Praxis entspricht auch der westlichen Realität.

Auch leidet die Serie unter einer ganzen Reihe von Plottlöchern, die sie nicht gerade realistisch macht:

  • Ein Perpetuum Mobile wie in Snowpiercer beschrieben, kann es nicht geben, denn es widerspricht dem ersten Hauptsatz der Thermodynamik. Energie wie sie für einen Zug mit 1.000 Waggons benötigt werden, könnte in der Realität nur ein Kernreaktor bereit stellen. Dann aber wäre es kein Problem, wenn der Zug anhalten würde. Noch wichtiger: Es gäbe dann überhaupt keinen Grund, mit einem Zug eine gefährliche Reise bei -80 Grad um die Erde zu machen. Die Menschen wären sicherer, wenn sie sich irgendwo tief unter der Erde verkriechen würden. Damit aber wäre der Geschichte die Basis entzogen. Die aus Sicht der Milliardäre geile Metapher für die Reise der Menschheit in einer feindlichen Umgebung wäre dann nicht mehr möglich.
  • Man hat den Eindruck, als gäbe es im Snowpiercer keine einzige Überwachungskamera. Die ganze Geschichte basiert zum großen Teil darauf, dass sich Melanie Cavill langsam an Andre Layton, den flüchtigen Tailie, heranfoltern muss. Die Herrschaft unserer Milliardäre basiert aber zum großen Teil auf einer flächendeckenden Überwachung, kombiniert mit KI-Programmen wie Palantir. In der Realität wäre deshalb weder eine Verabredung zum Streik noch zu einem Aufstand der Tailies denkbar.
  • Melanie Cavill muss die Reden, die Mr. Wilford manchmal hält, aus realen Reden dieses Milliardärs zusammenschneiden. Deep Fakes und KI zum Bild- und Tonerzeugung sind scheinbar in der Welt des Snowpiercers völlig unbekannt.
  • Besonders seltsam erscheint auf den ersten Blick die Aussage, dass es einen Mr. Wilford in Wirklichkeit gar nicht gäbe. Dies in einer Zeit, wo sich Milliardäre wie Bill Gates geradezu in die Medien drängen und sich als reale Weltenretter feiern lassen.

Vielleicht haben alle die oben genannten Plottlöcher mit Ausnahme des ersten damit zu tun, dass die Serie auf ein französisches Comic von 1982 zurückgeht. Damals gab es tatsächlich weder Überwachungskameras noch KI. Auch war damals die Organisationsideologie der technischen Rationalität en vogue. Sie besagte, es sei völlig egal, ob Sozialismus oder Kapitalismus, alle wichtigen Entscheidungen ergäben sich aus technischer Notwendigkeit. Kapitalisten spielten angeblich im Zeitalter der Manager kaum noch eine Rolle. Der falsche Mr. Wilford wäre eine perfekte Illustration dieser Ideologie. Er tritt hinter der Ingenieurin Melanie soweit zurück, dass er gar nicht mehr existiert.

Den hinter dieser Produktion stehenden Milliardären kommt es wohl weniger auf Genauigkeit und Widerspruchsfreiheit an. Die Menschen sollen sich ihrer Meinung nach wohl an folgende Fakten gewöhnen:

  1. Ein großer Teil der Menschheit wird aufgrund einer Katastrophe aussterben.
  2. Unter den Überlebenden wird es eine strenge Klassengesellschaft geben, die mittels brutalster Gewalt aufrecht erhalten wird.
  3. Die Milliardäre werden in einem neofeudalistischen System absolut herrschen.

Dass der Aufstand der Tailies im Unterschied zum Streik der Arbeiter der dritten Klasse am Ende wenigstens ein halber Erfolg wird, dient wohl vor allem als „Schluckhilfe“.

Wie es bei Netflix nicht anders sein kann, ist die Besetzung woke und rassistisch. Schwarze und Dunkelhäutige sind immer die Guten, Blonde und Blauäugige die Bösen. Wobei eine Böse, die Bremserin Till am Ende zu den Guten wechselt.

Davon abgesehen wird die Geschichte spannend und stringent erzählt, was heutzutage eine absolute Seltenheit ist.

Nach Die Tribute von Panem und Leave the World behind ist Snowpiercer eine weitere Dystopie, die wohl produziert wurde, damit wir uns langsam an das von den Milliardären vorgegebene Schicksal gewöhnen.

Am Ende der ersten Staffel werden viele der oben genannten Prämissen umgeworfen, um weitere Staffeln drehen zu können. Diese sind aber nicht mehr Teil der Rezension. Der Zug Snowpiercer steht dann auch nicht mehr im Mittelpunkt der Handlung.

Der Trailer:

Bild Screenshot


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Jan Müller, geboren 1971, ist Soziologe und lebt in einer Stadt in Hessen.


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5 Kommentare

  1. Jan 10. Oktober 2024 um 0:06 Uhr - Antworten

    Genau das wünscht sich 2/3 der Deutschen! Jedenfalls wählen sie so…

  2. Informationsbefreier 9. Oktober 2024 um 19:25 Uhr - Antworten

    Wikipedia sagt, dass es bereits 2013 einen gleichnamigen Film gab, der ebenfalls auf den französischen Comics beruht. Ebenfalls 2013 erschien der Film Elysium, der ebenfalls eine Klassengesellschaft entwirft, dort auf einer Raumstation.

  3. Indre 9. Oktober 2024 um 15:46 Uhr - Antworten

    Die m.E. nach bisher stimmigste Beschreibung einer vergleichbaren Dystopie habe ich als Jugendlicher gelesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Oxygenien.

    Der Roman beschreibt eine Gesellschaft die ähnlich dreigeteilt ist wie oben beschrieben. Die Bewohner der untersten (von massivster Umweltverschmutzung belasteten-) Ebene arbeiten für ihren täglichen Sauerstoff und werden ansonsten sediert.
    In der mittleren Ebene leben Wissenschaftler und Ingenieure in relativer Freiheit. Auch hier ist die Umgebung toxisch, wenn auch nicht so extrem wie in der untersten Ebene. Die Bewohner sind bei Fehlhandlungen mit Verstoß in die untere Ebene bedroht.
    Die obersten 10.000 leben ein Luxusleben in klarster Luft. Ihre Enklave ist durch Schutzfelder vom Rest des Planeten abgeschirmt.

    Manche sprechen ja im Zusammenhang von Filmen wie dem oben genannten von „Predictive Programming“. Halte ich nicht für abwegig.

    M.E. sollte man deshalb nicht zu viel Zeit damit verschwenden sich mit den absurden Ideen einiger Weniger, letztendlich Gestörter, zu beschäftigen. Die Zeit verbringt man besser mit der Entwicklung und Umsetzung eigener Vorstellungen.

  4. Patient Null 9. Oktober 2024 um 12:41 Uhr - Antworten

    Fand die Serie, gibt auch noch Filme, durchaus interessant, als Gleichnis.
    Zur aktuellen Realität, wäre der Snowpiercer wohl der Mars.
    In der 3 Klasse, gibts nur noch Nahrungswürfel, quasi Sojafleischstücke.
    Die Lebenserwartung ist da natürlich auch erheblich geringer.

    „Melanie Cavill scheut sich nicht, brutalste Gewalt anzuwenden, um die Klassenherrschaft im Zug aufrecht zu erhalten.“
    Tatsächlich, in dem Zug braucht man das auch, da ist es quasi „systemrelevant“ !
    Nur in unserer Realität ist „systemrelevant“, wenns benutzt wird, vorgeschoben.

  5. Dorothea 9. Oktober 2024 um 10:39 Uhr - Antworten

    Bei solchen Filmen fragt man sich, was war zuerst da: das Drehbuch eines science fiction Autors oder die reale Vorstellung der Globalisten. Wer hat wohl von wem abgeschrieben?

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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