Krankheit als Alibi

10. September 2024von 4,5 Minuten Lesezeit

Wer ein Alibi vorweisen kann, hat sich erst einmal aus der Schusslinie gebracht. Aber was tut einer, der seine Anwesenheit nicht verleugnen kann? Er präsentiert einen anderen Täter oder macht ein natürliches Geschehen für die Folgen seiner Taten verantwortlich. So geschah es, als christliche Europäer Bevölkerungen anderer Kontinente versklavten. Da andere Fremde für das Sterben der indigenen Bevölkerungen nicht in Frage kamen, mussten es Krankheiten gewesen sein. Infektionen, die von den Eroberern unwissentlich eingeschleppt worden wären. Es hätte schließlich niemand wissen können, dass heidnische Einheimische die altbekannten europäischen Keime nicht vertragen.

Seit 500 Jahren ist dieses kaum hinterfragte Narrativ eine Fixposition, um die massive Dezimierung der indigenen Bewohner in den europäischen Kolonien zu erklären. In jeweils einem Jahrhundert waren überall mindestens 95% Einheimischer verschwunden. Vor allem europäische Kinderkrankheiten wie die Pocken, Masern oder der Keuchhusten hätten Indianer, Inkas und die Mexica dahingerafft. Es ist die gleiche Erzählung wie bei „Covid-19“ oder der Cholera im 19. Jahrhundert: ein Krankheitserreger sei für eine Bevölkerung neu und dementsprechend tödlich. Bis heute gehören europäische Infektionskrankheiten zu den anerkannten Ursachen für das Beinahe-Aussterben indigener Bevölkerungen, wenn Europäer ihre Länder nach offizieller Lesart „entdeckten“, aber eigentlich annektierten. Gewaltanwendung und Not seien lediglich weitere Faktoren des Sterbens.

Längst haben eingeschleppte europäische Krankheiten den Charakter einer Monstranz angenommen. Bewiesen wurden die genannten Diagnosen allerdings nie. Zeitgenossen konnten ohne Kenntnis der Mikroben nur Vermutungen anstellen. Retrospektiv sind weder die genannten Krankheiten, noch die Kausalität einer Ansteckung zu bestätigen. Die Erklärung ist pseudowissenschaftlich, da Mikroben nicht auf Klimazonen beschränkt sind und mindestens so alt wie die Menschheit sind. Aber die These schafft eine Absolution für Krankheit und Tod, die in Wahrheit auf der Unterwerfung beruhen.

Erschwerend kommt hinzu, dass diejenigen, die die Diagnosen ins Spiel brachten, keine medizinische Ausbildung hatten und Pocken oder Masern im 15. und 16. Jahrhundert laut damaliger Lehrmeinung gar nicht infektiös waren. Die Theorie von den für Indigene tödlichen Kinderkrankheiten muss jedenfalls nachträglich in Umlauf gekommen sein, als man die Diagnosen gar nicht mehr stellen konnte. Hauterscheinungen können schließlich auch bei nicht-infektiösen Krankheiten und Vergiftungen auftreten. Außerdem sind Beschreibungen der Hauterscheinungen in den erhaltenen Dokumenten selten und dann in der Regel wenig aussagekräftig.

Ganz im Gegensatz dazu gibt es überall Zeitzeugenberichte, die Gewalttaten der Eroberer und die physische wie psychische Not der Eroberten belegen. Alleine durch die Morde, Selbstmorde, Mangelkrankheiten sowie die Unfruchtbarkeit nach Vergewaltigungen ist in Kombination mit Deportationen das Aussterben der Einheimischen hinreichend zu erklären. Der Dominikaners Antonio de Montesinos (1480-1540) las seinen Mitbrüdern und den spanischen Siedlern in Mittelamerika die Leviten: „Mit welchem Recht haltet ihr diese Indianer in so grausamer und schrecklicher Knechtschaft? Wer hat euch Vollmacht gegeben, so verabscheuungswürdige Kriege gegen diese Menschen zu führen, die ruhig und friedlich ihre Heimat bewohnten, von denen ihr unzählige durch unerhörte Gewalt- und Mordtaten ausgelöscht habt? Warum unterdrückt ihr sie und beutet sie aus, ohne ihnen Nahrung zu geben und sie zu pflegen, wenn sie krank sind, so dass sie von der übermäßigen Arbeit, die ihr ihnen zumutet, sterben, oder besser gesagt: Warum tötet ihr sie, nur um Tag für Tag Gold zu graben und zu gewinnen.“i

Schicksalhafte Epidemien, die Todesschneisen in der Bevölkerung geschlagen hätten, braucht man für das Verschwinden Einheimischer gar nicht zu bemühen. Bereits eine Zunahme der Sterblichkeit um ein Drittel, die die Sterbequote von 3 auf 4% steigert, würde in Kombination mit einem Geburtenrückgang von ebenfalls einem Drittel zu einer jährlichen Bevölkerungsabnahme von 1,5-2% und damit einer Halbierung in 30 Jahren führen. Nach einem Jahrhundert wären die Einwohner weitgehend ausgetilgt. Der Zusammenbruch ganzer Kulturen auf unter 5% binnen eines Jahrhunderts ist ohne Massaker zu bewerkstelligen. Ungesunde Lebensbedingungen über einige Jahrzehnte reichen dafür vollkommen aus.

Da Europa gerade selbst eine feindliche Übernahme über sich ergehen lässt, ist es ratsam sich frühere Eroberungen aus der Sicht der Eroberten genauer anzusehen. Es kam für die indigene Bevölkerung immer schlimmer als erwartet. Die Gegenwehr kam meist zu spät und zu viele der Eroberten beförderten die eigene Unterwerfung, in dem sie für Gefälligkeiten kooperierten. Die Abläufe in den verschiedensten Kolonien der Europäer und bei der ersten feindlichen Übernahme Europas vor einem Jahrtausend finden sich in unserem neuen Buch „Die Eroberung der Welt. Mythen und Fakten“ (Engelsodorfer Verlag 2024).

Referenz

i Casas B: Historia de las Indias. 4 Bände; S. 73; Paderborn 1994-7

Mehr zum Thema:

theBMJ: Glaube nicht Wissenschaft steht hinter Pocken- und Polioimpfungen

Affenpocken Impfstoff Imvanex nun in Deutschland in Apotheken verfügbar

Affenpocken: Zahlen und Wirklichkeit


Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Univ.-Doz.(Wien) Dr. med. Gerd Reuther ist Facharzt für Radiologie, Medizinaufklärer und Medizinhistoriker. In Kürze erscheint „Die Eroberung der Alten und Neuen Welt. Mythen und Fakten“. Er hat insgesamt acht Bücher veröffentlicht. Zuletzt zusammen mit seiner Ehefrau „Die Eroberung der Alten und Neuen Welt. Mythen und Fakten“.


Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.

Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.



9 Kommentare

  1. Jan 11. September 2024 um 7:41 Uhr - Antworten

    Francisco de Orellana hatte von vielen Städten den Amazonas entlang berichtet, in denen je 50.000 Menschen leben.

    Ein Schwurbler, ganz klar. Der Einzige, der den Amazonas heruntergefahren war, ein Augenzeuge und deshalb logischerweise ein Schwurbler!

    Heute findet peu à peu diese Siedlungen.

    Wäre man durch blühende Städte gelaufen, und hätte die Bevölkerung traditionell reduziert, hätte man das zumindest gewusst.

    Schließt man die Keimtheorie aus, wofür ich mich erwärmen kann, muss man die entstehenden Lücken irgendwann ergänzen.

  2. Varus 11. September 2024 um 3:05 Uhr - Antworten

    Da Europa gerade selbst eine feindliche Übernahme über sich ergehen lässt

    Im angeblich so armen Europa wurden die Gelüste westlicher Weltherrschaft immer noch nicht aufgegeben, also irgendwie läuft es gerecht. Neueste Masche – ein Herr Trump verkündet 100% „Strafsteuern“ auf Waren jedes Landes, welches wagt, im eigenen Handel von den Dollares wegzukommen – damit die USA weiter eigene Defizite und Inflation exportieren können. In Westeuropa jubelt man auch dem zu und ist bereit, sich gegen jeden hetzen zu lassen, den die Amis mit dem Befehl „Fass!“ zeigen.

  3. Der Zivilist 10. September 2024 um 21:15 Uhr - Antworten

    Um mal klarzustellen, daß wir immer noch mittendrin sind im KOLONIALISMUS

    https://zivilist.substack.com/p/wer-nicht-am-tisch-sitzt-steht-auf

  4. ibido 10. September 2024 um 19:29 Uhr - Antworten

    Danke Dr. Reuther.
    Jetzt beschäftige ich mich schon so lange kritisch mit der Keimtheorie. Trotzdem hatte ich das Narrativ der Tödlichkeit von den dem Immunsystem unbekannten Keimen nicht hinterfragt.
    Danke fürs Vorkauen. Asche auf mein Haupt ;-)

  5. Dorothea 10. September 2024 um 19:00 Uhr - Antworten

    In einer Reportage: „die Indigenen haben Priorität bei den Impfungen. Leider ist der Transport der Impfstoffe ein grosses Problem.Tagelange Bootsfahrten zu den peruanischen und kolumbianischen Ureinwohnern, bei extrem heißem Klima. Dadurch wurde der Impfstoff gegen Pocken unwirksam. Indigene infizierten sich, obwohl sie geimpft worden waren.“ Vielleicht war der Impfstoff doch nicht unwirksam.

  6. Daisy 10. September 2024 um 18:46 Uhr - Antworten

    Naja, zu den nordamerikanischen Indianern kenne ich die Geschichte, dass es der Schnupfen war, der sie angeblich dahinraffte, zumal dieser Erreger für sie unbekannt gewesen sein soll. H.G.Wells greift diese Idee der harmlosen Keime, die aber für ein Immunsystem, das sie noch nicht kennt, sehr gefährlich werden können, in „Krieg der Welten“ auf. Die Aliens fallen am Ende reihenweise um.

    Die Indianer wurden vor allem auch dadurch dezimiert, dass man die Büffel fast ausgero ttet hat, wissend, also voll in dieser Absicht, dass ihr ganzes Leben darauf aufgebaut war. Sie haben nur das genommen, was sie brauchten, dann aber alles verwertet, auch das Leder, um Kleidung, Schuhe und Tipis zu nähen. Man zog mit den Herden. Blieben sie aus, kam man nicht durch den Winter. Die Weißen schossen sie aus dem Zug heraus ab und ließen ihre Kadaver liegen.

    Am Ende aber gab ihnen die Missionierung den Rest. Sie lebten zusammengepfercht in Reservaten, begannen zu saufen und wurden dick…

    • Der Zivilist 10. September 2024 um 21:13 Uhr - Antworten

      Die ‚Indianer‘ Nordamerikas & die Bisons? Ja, das ist bekannt, die Menschen mit nordeuropäischem Migrationshintergrund haben die Bisons ausgerottet, (einfach über eine Klippe getrieben) um die Indianer auszurotten, ist noch nicht so lange her, so um 1870.

      Übrigens sind auch viele dieser Menschen mit europäischem Migrationshintergrund in Amerika an Krankheiten verreckt.

      Lateinamerika: Die Geschichte mit Pirat Drake’s Überfall auf Panama von Osten und den Kühen mag mancher kennen, es gab vor Columbus in Lateinamerika weder Pferde noch Kühe. Was passiert, wenn diese Viecher sich durch eine Landwirtschaft ohne Zäune fressen, ist leicht zu erkennen: Die Menschen verhungern.

      Ein Alibi brauchten die Menschen mit europäischem Migrationshintergrund nicht für das Massensterben der Indigenen Bevölkerung, das waren für die Kolonialisten eh keine Menschen, Untermenschen. Darwin ‚white race‘ . .

      • Daisy 11. September 2024 um 3:02 Uhr

        Sir Francis Drake, der Pirat der Kônigin… es ist traurig, was Menschen teils für dämliche Kreaturen sind. Und es ändert sich ja nicht. Viel Schaden haben vor allem die Missionare auch in Afrika angerichtet, denn sie nahmen den Menschen ihre Kultur, zerstörten ihr Wissen und ihre Lebensgrundlagen und so wurden sie abhängig von den Europäern. Man hat ihre Entwicklung gestoppt. Nicht alle wollen so leben wie wir. Das sollte man verstehen. Und ist denn unsere Art so gut? Müssen wir ständig alles, was gut funktioniert kaputtmachen, nur des Fortschrittes willen? Damit landen wir verchipt und vernetzt als versklavte Cyborgs in einer dystopischen Gruselwelt. Dazu fällt mir ein: „Mother, did it need to be so high?“

      • Varus 11. September 2024 um 8:43 Uhr

        Und ist denn unsere Art so gut?

        Im Film „Paddington“ wollte Nicole Kidman den sprechenden Bären ausstopfen und einem Londoner Museum schenken – was ihr Vater einst verweigerte mit dem Hinweis, es seien zivilisierte Kreaturen. Die Reaktion seiner Kollegen von Royal Society of Dingsbums:

        … Trinken die Tee um 5? Lösen die Kreuzworträtsel? Spielen die Kricket? Sie haben seltsame Vorstellungen von Zivilisation! …

        Streichen „Bären“, ersetzen durch „Südamerikaner“…

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Aktuelle Beiträge