Draghi Report: Europa braucht zwei „Marshallpläne“ auf einmal

10. September 2024von 3,5 Minuten Lesezeit

Der 400-seitige Bericht des ehemaligen EZB-Präsidenten Mario Draghi „Über die europäische Wettbewerbsfähigkeit“ läuft auf die Idee von zwei Marshallplänen hinaus. Darin versucht der Politiker, Antworten auf verschiedene Herausforderungen zu finden: von mangelnder Innovation bis hin zu hohen Energiepreisen. Der Bericht ist voll von Begriffen wie „verloren“, „unzureichend“ oder „Lücke“ und lässt sich auf einen Satz reduzieren, der direkt im Text steht: „Europa hat plötzlich seinen wichtigsten Energielieferanten verloren: Russland“.

Zwar beschreibt Draghi in dem Bericht die Gründe für diese „Plötzlichkeit“ nicht allzu detailliert. Der italienische Politiker ist überzeugt, dass Europa in den nächsten zwei Jahrzehnten unwiderruflich seine Wettbewerbsfähigkeit verlieren wird, wenn es nicht ein groß angelegtes Investitionsprogramm in Höhe von mindestens 5 % des BIP auflegt. Zum Vergleich: Der Marshallplan erforderte 1-2% des BIP. Das bedeutet, dass die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft heute etwa doppelt so schlecht ist wie nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Bericht über die Wettbewerbsfähigkeit der EU:

  • Die EU kann aufhören zu existieren, wenn sie ihr Wirtschaftswachstum nicht beschleunigt und ihre Ambitionen nicht überdenkt;
  • Die EU verliert wirtschaftliche Vorteile durch die Ablehnung des russischen Energie, den Verlust des Interesses der USA und den Wettbewerb mit China;
  • Die USA sind nicht mehr in der Lage, den „Sicherheitsschirm für die EU zu bilden, aber der Block ist noch nicht bereit, sich selbst zu verteidigen;
  • Die Gaspreise in der EU sind 4 bis 5 Mal höher als in den USA, während die Stromkosten 2 bis 3 Mal höher sind;
  • Der europäische Energiemarkt ist mit grundlegenden Problemen konfrontiert, unter anderem mit einem Mangel an Ressourcen;
  • Die Länder der Union haben im Zeitraum 2023-2024 78 % ihrer Verteidigungseinkäufe im Ausland getätigt, davon 63 % in den USA;
  • Die EU ist zu 40 % von externen Importen von Technologie und kritischen Rohstoffen abhängig, und diese Abhängigkeit wird weiter zunehmen.

Letztendlich werden die fossilen Brennstoffe den Energiepreis mindestens bis zum Ende dieses Jahrzehnts bestimmen; in diesem Punkt hat Draghi beschlossen, politisch optimistisch zu sein.

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„Als sich die Beziehungen zu Russland normalisierten, konnte Europa seinen Bedarf an Energieimporten durch den Kauf ausreichender Mengen an Pipelinegas decken, das 2021 etwa 45 % der EU-Erdgasimporte ausmachte. Aber diese relativ billige Energiequelle ist nun weg. Das wird Europa viel Geld kosten“, heißt es in dem Bericht.

Draghi ruft noch nicht offen dazu auf, wieder zum Freund Russlands zu werden; für einen Vertreter des europäischen Establishments wäre das zu viel. Der Bericht fordert jedoch, „wie andere große Volkswirtschaften zu handeln und eine echte EU-Außenwirtschaftspolitik aufzubauen“. Dazu gehört die „Koordinierung von Präferenzhandelsabkommen und Direktinvestitionen mit ressourcenreichen Ländern“. Wer könnte das sein, vor allem nach den düsteren Nachrichten über den Verlust der Energielieferungen an Russland.

Dies ist mindestens die dritte Botschaft aus dem globalen Westen in der letzten Woche, dass man sich mit dem kollabierenden Weltwirtschaftssystem „arrangieren“ müsse. Dies ist unter anderem auf die Politik der EU und des Westens gegenüber Russland im Allgemeinen zurückzuführen.

Ob bei eurozentrischen Politikern wie Draghi der Selbsterhaltungstrieb geweckt wurde oder ob es sich um eine zufällige semantische Fluktuation handelt, ist schwer zu sagen. Aber auf jeden Fall gibt es keinen Grund, solche Freundschaftsbeweise zu bewundern. Wenn der Westen eine demonstrative Liebe entwickelt, bedeutet das, dass er etwas dringend braucht. Und er hat noch nicht herausgefunden, wie er es stehlen oder wegnehmen kann.

Die Aussichten auf einen Ausbruch von Vernunft in der EU sind allerdings gering, bei Kommissionsmitgliedern wie der Deutschen Leyen und der Estin Kallas, der neuen Chefin der EU-Außenpolitik, die beide Krieg gegen Russland führen wollen. Das hat auch das Parlament gleich nach der Angelobung beschlossen. Statt in die Förderung der Wirtschaft, sollen jährlich 127 Milliarden Euro in die Ukraine überwiesen werden.

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7 Kommentare

  1. Andreas I. 11. September 2024 um 11:22 Uhr - Antworten

    Hallo,
    Draghi ist ein Beispiel für die Art, wie Transatlantiker ticken:
    Erstens; die verwenden die Begriffe ,,Europa“ und ,,EU“ synonym. (Dass die Russen das inzwischen leider auch machen, würde hier zu weit führen.)
    Zweitens; deren Gedankengänge beruhen allesamt auf der Grundvoraussetzung eines westlichen Bündnisses mit USA als Führungsmacht, so wie es seit 1945 war und so wie es jetzt immernoch ist.

    Aber erstens geht Europa bis zum Ural. Die EU geht bis Polen und Rumänien und hört dann auf. Wenn man der Übersichtlichkeit halber auf eine Unterscheidung in extra Mitteleuropa verzichtet, ist die EU Westeuropa und Russland und Weißrussland sind Osteuropa.
    Zweitens ist es noch so, wie es seit 1945 war, nämlich westliches Bündnis mit USA als Führungsmachr. Das könnte auch noch eine Weile lang so bleiben. Das könnte sich aber auch ändern. Transatlantiker wie Draghi ticken so, als würde sich sowas niemals ändern können. Ja klar, wir haben ja auch heute noch das Römische Reich, weil sich sowas niemals ändert. :-)
    Und deswegen tragen Leute wie Draghi intellektuell nichts bei, weil deren ,,Denken“ innerhalb des transatlantischen Rahmens bleibt.

  2. Der Zivilist 10. September 2024 um 21:21 Uhr - Antworten

    Während & weil drei Morgenthau Pläne auf einmal laufen: Klima, Pandemie & Ukraine

    Vielleicht sollten wir uns mal drüber unterhalten, was Europa nicht braucht, mir scheinen das diese Psychopathen an den Ufern des Nordatlantik zu sein.

  3. Jan 10. September 2024 um 15:20 Uhr - Antworten

    Wenn Europa nicht in der Lage ist, russisches Öl/Gas durch Käufe anderswo zu ersetzen und Russland gleichzeitig die Förderung nicht drosseln muss, da Indien und China die Energie gerne abnehmen, dann lässt das nur den Schluss zu, dass die verfügbare Gesamtenergiemenge unter der bestehenden Nachfrage liegt, zumindest zu einem günstigen Preis.

    Wenn trotz der hohen Energiepreise und der sehr günstigen Solartechnik noch immer zu wenig alternativ produziert wird, bleibt nur die Antwort, dass alternative Energien kein Ersatz sind.

    Sollten sämtliche Alternativvorschläge in der nächsten Zeit nicht zu einem Durchbruch kommen, wird das zu einer Dauerrezession führen mit der Folge zusammenbrechender Finanzmärkte und failed states, also Legitimationsverlust der Regierungen, was zu einem Verlust von Sicherheit, Eigentumsgarantie, Fürsorge, Infrastruktur usw. führt.

    Das wird sich nicht dadurch ändern, dass man einem Theoretiker, der das vor Jahrzehnten erwartet hat, fehlende Moral vorwirft oder rääächts!!! brüllt.

    Das bedeutet, wir müssen uns mit den Fakten auseinander setzen! Was ist denn das Alternativszenario der Schwurbler?

    Das Alternativszenario des WEF kennen wir. Irgendwas mit „Zwang“.

    Schaffen die Schwurbler ein alternatives Konzept oder nur das ganz große Gezicke?

  4. Sabine Schoenfelder 10. September 2024 um 11:04 Uhr - Antworten

    Draghi ist ein EU-Gewächs, ein Pandemie – und Impfanhänger, ein Kriegsbefürworter. Er bedient sich jetzt e i s k a l t einer bestehenden Problematik, die er selbst, dank seiner Finanzpolitik, mitverschuldete.
    Er möchte einzig die EU-Liquidität erhöhen und mit weiteren EZB-Kredit-Fiatgeld- Akquisen antreiben.
    Die Verschuldung der Staaten zugunsten globaler Wirtschaftsinteressen soll wachsen und sich damit deren Abhängigkeiten vom globalen Finanzgemauschel erhöhen. Unabhängige Wirtschaften werden weiter geschwächt und das frisch „gedruckte“ Geld wird, in einer EU-Melange aus abgekoppelten Bürgerinteressen, militärischer Aufrüstung und Impfprogrammen, gegen die einzelnen Völker verwendet.
    Draghi, ein w a h r e r Globalist. 😁👍🫵
    Vergessen wir nicht, daß Goldman-Sachs die BRICS-Staaten gründeten. Niemand anders.
    Taktische Spielchen gehören zum täglichen Börsengewinn…..und der Rubel ‼️muß rrrollen..

  5. OMS 10. September 2024 um 10:16 Uhr - Antworten

    Wenn ideologisch und hörige Politiker Entscheidungen treffen um den USA und ihrer woken Blase zu gefallen, dann muss die Wirtschaft den Bach hinunter gehen und braucht dann wieder das Volk als Bürgen (Bürger). Man führt keinen Krieg, weder wirtschaftlich noch anders, gegen Russland und andere. Man unterstützt nicht den Imperialismus der USA als Weltterrorist und man kriecht nicht vor Israel, nur weil diese verfolgt worden sind.

  6. Glass Steagall Act 10. September 2024 um 10:16 Uhr - Antworten

    Wenn ausgerechnet von Draghi solche Töne kommen, dann ist da etwas faul! Draghi ist ein mustergültiger Vertreter des Establishments und gibt nur das wieder, was politisch gewollt ist. Die Warnungen klingen wie … wir haben es ja gesagt. Allerdings wird, wie wir sehen, genau am Gegenteil gearbeitet!

    Meiner Meinung nach spielt man dem Bürger etwas vor! Während man versucht Europa langsam wirtschaftlich zu schwächen, wird auf der anderen Seite so getan, als würde man alles erdenkliche tun, Europa zu retten. Soviel zum Thema Schauspiel für den Bürger.

    Meiner Meinung nach steckt ein ausgeklügeltes Konzept dahinter! Die eigentliche Idee ist nicht, Europa wieder auf die Beine zu stellen, sondern den Bürger auf die große Enteignung vorzubereiten! Und das bedeutet nichts anderes, als dem Bürger „aus staatlicher Not“ in Kürze seinen Besitz „legal“ wegzunehmen, Stichwort Vermögensregister und Lastenausgleichsgesetz 2024 (Deutschland)!

  7. Varus 10. September 2024 um 9:06 Uhr - Antworten

    Darin versucht der Politiker, Antworten auf verschiedene Herausforderungen zu finden: von mangelnder Innovation bis hin zu hohen Energiepreisen.

    Diese Preise werden immer höher, wenn der „Green Deal“ mit den betrügerischen CO2-Zertifikaten nicht schleunigst verklappt wird – und auch die Landwirtschaft könnte dadurch bald zerstört werden. Das sollte man glasklar sagen.

    Die EU verliert wirtschaftliche Vorteile durch die Ablehnung des russischen Energie, den Verlust des Interesses der USA und den Wettbewerb mit China

    Die Konsequenz müsste sein, sich schleunigst mit Russland zu vertragen. Die Banderas, welche die ganze Zeit versuchen, den Westen in einen heftigen Weltkrieg für „Slava Ukraini“ reinzuziehen, müssen zusehen, wie die ohne Russenhass zurechtkommen. Ähnliches gilt für Polen und Baltikum.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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