Macrons subtile Warnung an Serbien

2. September 2024von 5,2 Minuten Lesezeit

Anlässlich seines Besuchs in Serbien fordert der französische Präsident Emmanuel Macron, in einem Artikel für die serbische Zeitschrift Politika, Serbien zu einem Beitritt zur Europäischen Union auf. Dies sei der einzige Weg, um Serbiens Zukunft zu sichern. Doch diese in der Diplomaten-Sprache wohlklingenden Worte tragen einen bitteren Beigeschmack. Hinter der diplomatischen Fassade verbirgt sich eine Forderung nach Unterwerfung Serbiens unter westlichen Herrschaftsinteressen.

Der Kampfruf „Serbien muss sterbien“ hat tiefe historische Wurzeln und verweist auf die brutale Entschlossenheit, Serbien in die Knie zu zwingen – sei es durch militärische Gewalt, wirtschaftlichen Druck oder diplomatische Manöver. Dieser Ausdruck wurde erstmals während des Ersten Weltkriegs von österreichisch-ungarischen Propagandisten geprägt und später auch im Zweiten Weltkrieg wieder aufgegriffen. Er symbolisierte die aggressiven Absichten der damaligen Großmächte, Serbien als souveränen Staat zu vernichten oder zumindest so weit zu schwächen, dass es keine Bedrohung mehr für ihre Interessen darstellte.

„Serbien muss sterbien“ – immer und immer wieder

Im Zweiten Weltkrieg wurde diese Rhetorik von faschistischen Kräften erneut aufgegriffen, um ihre brutalen Maßnahmen gegen die serbische Bevölkerung zu legitimieren. Insbesondere in den besetzten Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens setzten die Achsenmächte, unterstützt von lokalen Kollaborateuren, diese Politik der Unterdrückung und Vernichtung fort.

Völkerrechtswidriger NATO-Angriffskrieg von 1999

25 Jahre nach der NATO-Bombardierung Jugoslawiens im Jahr 1999, scheint diese alte Feindschaft in einer neuen Form wieder aufzuleben. Der Druck auf Serbien, sich den westlichen Interessen zu beugen und sich der Europäischen Union anzuschließen, erinnert an die historische Aggression, die das Land über die Jahrzehnte hinweg erlitten hat.

Der französische Präsident Emmanuel Macron schrieb kürzlich in einem Artikel für die serbische Zeitschrift Politika, dass Serbien seine Zukunft nur innerhalb der Europäischen Union sichern könne. Die scheinbar freundlich und wohlwollend klingen Worte, bergen eine Warnung und eine Mahnung: Entweder Serbien unterwirft sich den westlichen Werten und Strukturen, oder es bleibt isoliert und schwach.

Macron betont, dass Serbien bei einem Beitritt zur EU nicht um seine Identität und Souveränität fürchten müsse. Doch wie vertrauenswürdig sind solche Versprechungen, wenn man sie an der Vergangenheit misst? Die NATO-Bombardierung 1999, an der 13 angeblich demokratische und rechtsstaatliche Staaten beteiligt waren, führte zu einer 78-tägigen Zerstörungskampagne gegen Jugoslawien. Dabei wurden nicht nur militärische Ziele, sondern auch zivile Einrichtungen wie Kindergärten, Krankenhäuser und Brücken ins Visier genommen. In der südlich gelegen Stadt Niš wurden am 7. Mai 1999 völkerrechtlich geächtete Streubomben eingesetzt, die auf den belebten Marktplatz und in die Nähe eines Krankenhauses sowie einer Universität fielen, was zu zahlreichen zivilen Opfern führte.

Ein weiteres grausames Beispiel für die Missachtung des Völkerrechts war der Angriff auf einen Personenzug am 12. April 1999 in der Grdelica-Schlucht. Eine NATO-Bombe traf den Zug, der sich gerade auf einer Brücke befand. Die NATO setzte darüber hinaus Geschosse mit abgereichertem Uran ein, was zu einer radioaktiven Verseuchung und langfristigen gesundheitlichen sowie ökologischen Risiken in den betroffenen Gebieten führte.

Diplomatische Rhetorik oder zynische Mahnung?

Vor diesem Hintergrund wirkt Macrons diplomatische Rhetorik wie ein Hohn auf die Leiden, die Serbien durch den westlichen Militärblock erlitten hat. Wenn Macron wirklich daran interessiert wäre, Serbien eine sichere Zukunft zu bieten, müsste er die Vergangenheit anerkennen, sich für die NATO-Verbrechen stellvertretend entschuldigen und konkrete Schritte zur Wiedergutmachung einleiten. Insbesondere schwer betroffene Orte und Opfer verdienen mehr als leere Versprechungen – sie verdienen eine Anerkennung der Opfer und eine echte Geste der Entschuldigung.

Doch stattdessen scheint Macron Serbien auf subtile Weise zu warnen: Entweder das Land fügt sich den westlichen Interessen und distanziert sich von Russland und China, oder es riskiert, erneut unter Druck gesetzt zu werden. Der Beitritt Serbiens zum BRICS-Staatenbund wäre in den Augen des Westens ein Affront und würde unweigerlich zu einer weiteren Isolation führen.

„Green Deal“: Die Grüne Unterwerfung Serbiens

Neben der diplomatischen und historischen Dimension spielt auch der sogenannte „Green Deal“ des World Economic Forum (WEF) und der Europäischen Union eine Rolle in der aktuellen Unterwerfungspolitik. Der Green Deal, der von der EU als umfassende Strategie zur Bekämpfung des Klimawandels präsentiert wird, ist in Wirklichkeit ein weiteres Instrumentarium aus der Folterkiste, um Serbien wirtschaftlich und politisch zu kontrollieren. Unter dem Deckmantel des Klimaschutzes soll Serbien gezwungen werden, kostspielige Maßnahmen zu ergreifen, die seine ohnehin fragile Wirtschaft weiter schwächen und seine Abhängigkeit von der EU erhöhen, seine Souveränität aufzugeben und sich den westlichen Interessen zu unterwerfen.

Unabhängigkeit oder Unterwerfung?

Letztlich ist klar: Serbien steht an einem Scheideweg. Entweder es verteidigt seine Unabhängigkeit und bleibt auf der Suche nach alternativen Allianzen, oder es unterwirft sich den Kräften, die es einst seine Souveränität in Grund und Boden bombardierten. Die Entscheidung wird die Zukunft des Landes entscheidend prägen.

Wenn Serbien jedoch seine Unabhängigkeit bewahren will, muss es sich bewusst sein, dass der Weg der Unterwerfung unter die Bedingungen der EU und die Anforderungen des Green Deals nur eine weitere Form der Fremdbestimmung ist. Es bleibt abzuwarten, welchen Weg Serbiens Führung einschlagen wird und ob es sich den alten und neuen Formen der Unterdrückung widersetzt oder ihnen nachgibt.

Quellenangaben:

Politika – EU i njenim članicama potrebna je snažna i demokratska Srbija u njihovom okrilju: https://www.politika.rs/sr/clanak/629401/EU-i-njenim-clanicama-potrebna-je-snazna-i-demokratska-Srbija-u-njihovom-okrilju

Anti-Spiegel – Macron: Nur die Europäische Union kann die Unabhängigkeit Serbiens sichern: https://anti-spiegel.ru/2024/macron-nur-die-europaeische-union-kann-die-unabhaengigkeit-serbiens-sichern/

NachDenkSeiten – NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien 1999: https://www.nachdenkseiten.de/?p=111879

NATO-Tribunal – http://www.nato-tribunal.de/

MDR – NATO: Sündenfall Jugoslawien? https://www.mdr.de/heute-im-osten/interview-zwanzig-jahre-nato-angriff-jugoslawien-100.html

Bild „Protest Necete kopati Beograd 2024-08-10-5“ by Emilija Knezevic is licensed under CC BY 4.0.

Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Dejan Lazić, Sozialökonom und Wirtschaftsjurist, Hochschuldozent für Staats- u. Migrationsrecht (2002-2022), CEO einer internationalen Rechts- und Wirtschaftsberatungsgesellschaft.
Veröffentlichungen u.a. bei nachdenkseiten.de und norberthaering.de


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11 Kommentare

  1. Andreas I. 3. September 2024 um 10:54 Uhr - Antworten

    Hallo,
    die EU und auch Frankreich sind schwächer denn je. Die EU sanktioniert sich selber, EU-Kommissionspräsidentin Ursula Leyen wurde in China am Flughafen als Touristin abgefertigt (zu Recht :), in Frankreich braucht Macron ziemlich lange für die Regierungsbildung, Frankreichs Ruf ist durch die Verhaftung von Durow angeschlagen, in Niger ist Schluss mit Francafrique, da ist jetzt nur noch Afrique und adieu Uran …
    Also ich weiß nicht, geht das nur mir so, oder wirkt es komisch, wenn jemand, der selber schon bis zu den Knien im Sumpf steckt, jemandem anderen Ratschläge erteilen will?

  2. Varus 2. September 2024 um 13:02 Uhr - Antworten

    Unter dem Deckmantel des Klimaschutzes soll Serbien gezwungen werden, kostspielige Maßnahmen zu ergreifen, die seine ohnehin fragile Wirtschaft weiter schwächen und seine Abhängigkeit von der EU erhöhen

    Da man dabei ruiniert wird und es offenbar keine Klimagedöns-Gier-Grenzen gibt, wäre Serbien gut beraten, alleine schon deswegen der EUdSSR fern zu bleiben. BRICS müsste allerdings auch vermitteln, dass man dort von teurem Klimagedöns verschont wird – das vermisse ich bisher weitgehend.

  3. Fritz Madersbacher 2. September 2024 um 12:28 Uhr - Antworten

    „Unabhängigkeit oder Unterwerfung?“

    BELGRADE (Reuters) -Serbia on Thursday signed a landmark agreement with France’s Dassault Aviation for the purchase of 12 new Rafale fighter jets for 2.7 billion euros ($2.99 billion) … The acquisition, made during French President Emmanuel Macron’s visit to Belgrade, signals a major shift in Serbia’s security and political stance, moving away from Russia, its traditional ally and weapons supplier.
    Macron said Europe needs a strong and democratic Serbia, while Belgrade needs a „strong and sovereign EU.“ „Choice of Rafale jets by Serbia is in this context a clear choice of long-term alliance between our two countries,“ Macron said“ (By Reuters, Aug. 29, 2024)

    Es ist schwierig, den Weg Serbiens zu erahnen und alle seine Windungen und Wendungen nachzuvollziehen. Zu viele einerseits traumatische, andererseits widersprüchliche Faktoren aus seiner Geschichte sind wirksam und spielen eine große Rolle. Aber es ist ja auch nicht notwendig, denn das serbische Volk wird seinen Weg gehen: Unterstützung von außen ist überall willkommen, als gute Ratschläge getarnte Einmischung in innere Angelegenheiten ist weniger gefragt. Wie gut die Karten der EU in Hinblick auf die Einverleibung Serbiens speziell in der heutigen internationalen Situation sind, sei dahingestellt. Der „Reuters“-Korrespondent scheint diesbezüglich recht optimistisch zu sein („moving away from Russia, its traditional ally and weapons supplier“, siehe oben). Aber selbst ein – im Moment sehr unwahrscheinlicher – Beitritt Serbiens wird eher zum Zerfall als zur Stärkung der dank ihrer Kriegstreiberfraktion immer mehr absinkenden EU führen …

    • Andreas I. 3. September 2024 um 11:05 Uhr - Antworten

      Hallo,
      netter Trostpreis. :-)
      Nachdem UAE den Kauf von Rafale-Jets eingefroren hat, Auftragsvolumen 10 bis 20 Mrd. je nach Quelle, ist das nur ein teilweiser Ausgleich.

  4. triple-delta 2. September 2024 um 11:16 Uhr - Antworten

    Zum Glück lässt die EU-Euphorie in Serbien kontinuierlich nach. Viele kehren aus der EU desillusioniert zurück. Gerade in Nordserbien haben viele ungarische Verwandte, die ausreichend ausklären können.

  5. Patient Null 2. September 2024 um 10:48 Uhr - Antworten

    Wie mit Ungarn umgegangen wird sollte ein warnendes Beispiel sein.
    Und Ungarn ist ihr Nachbarland.

  6. Sabine Schoenfelder 2. September 2024 um 10:40 Uhr - Antworten

    Serbien ist bereits „gebunden“, an seine russischen Brüder. ❤️ Nastrovje! Da sind die Worte eines schlechten „Napoleon“- Imitats einfach obsolet…..wobei Napoleon wenigstens über einen guten „Frauengeschmack“ verfügte..😘

    • rudifluegl 2. September 2024 um 10:53 Uhr - Antworten

      Na ja !
      Ich als Mann kann auch schreiben, Frau Macrons Männergeschmack, bezieht sich auch auf die Besten Liste von Forbes!

      • Sabine Schoenfelder 2. September 2024 um 20:39 Uhr

        ? Frau Macron kommt aus wohlhabendem Hause und war Macrons Lehrerin.
        Herr Macron, das weiß ganz FRONGRAISCH, ist homoerotisch…..✌️

  7. Dorothea 2. September 2024 um 10:33 Uhr - Antworten

    Eine serbische Kollegin einst: „Russland hat uns damals im Jugoslawienkrieg geholfen!“
    Dies wird so einigen ein Dorn im Auge sein.

  8. Jan 2. September 2024 um 9:54 Uhr - Antworten

    Es geht um Krieg.

    Serbien liegt mittlerweile vergleichsweise „mittig“ in der EU. Man denke daran, dass die EU einen Beitritt des autoritär regierten, schiitischen Aserbaidschans verhandelt, das kulturelle und historische Europa also bis ins Kaspische Meer verortet, aber nicht ins germanisch-christlich geprägte Moskau.

    Serbien hat historisch und religiös gute Beziehungen zu Russland. Nähert sich Serbien nicht der EU an, könnte es sich zum militärischen Stützpunkt Russlands entwickeln. Die EU wird das zu verhindern suchen. Dh, sie werden einen Krieg mit Kroatien inszenieren, um den Kosovo oder um die Volvodina, um die Regierung unter Druck zu setzen und um für Russland eine weitere Front zu eröffnen.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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