Warum Mutationen beidseits von Grenzen stattfinden

Neue Varianten des Virus hervorgerufen durch Mutationen haben den britischen Premier Boris Johnson seit Dezember immer wieder in Aufregung versetzt. Und er dann den Rest seiner Regierungskollegen und die Medien mit den bei ihm üblichen vollmundigen Ankündigungen und Aussagen.

Die Frage ist, was wirklich an realen Fakten dahinter steckt. Es war nichts Besonderes – eine riesige Dosis von Angst und Paranoia, unter Berufung auf „Wissenschaftler“ und „Experten“, um pauschale Schlüsse über diese „neuen Varianten“ zu ziehen.

Nach wie vor gibt es keine tatsächlichen Beweise dafür, dass irgendeine dieser neuen Varianten mehr oder weniger übertragbar oder tödlich ist. Die Behauptungen über den Status der neuen viralen Mutationen beruhen ausschließlich auf epidemiologischen Modellen, die von einer Handvoll Akademiker konstruiert wurden, die Zugang zu einflussreichen Personen und Plattformen haben. Diese Modelle sind nicht durch tatsächliche Beweise getestet worden, und die meisten dieser Modelle sind nicht Open Source, also nicht der Öffentlichkeit zugänglich und damit nicht überprüfbar.

Über die einzige Studie, die reale Daten überprüft hat, habe ich hier berichtet. Bei 1,5 Millionen Proben, von denen 15.166 PCR positiv waren wurden nachträglich auf unterschiedliche Merkmale untersucht. Dabei zeigte sich, dass keine Unterschiede in der Verbreitung in verschiedenen Altersklassen gegeben waren und auch nicht in Schwere der Erkrankungen oder Todesfällen. Die Daten legen nahe, dass sich die neue Variante um 6% schneller verbreitet hat. Also kein wirklich aufregender Unterschied.

Der Geschichten über 70% schnellere Übertragung, schwere Verläufe, andere Altersgruppen etc der „neuen Variante“ basieren nicht auf Wissenschaft, sondern auf Modellen. Damit etwas wissenschaftlich fundiert ist, erfordert es Experimente und Beweise. Diese Modelle werden um rudimentäre Hypothesen und Theorien herum konstruiert aber wenn die Eingangsparameter falsch sind, dann sind die Ergebnisse grob falsch. Junk in, junk out.- nur zu wohlbekannt.

Der „Beweis“ für die höhere Übertragbarkeit lautet folgendermaßen: Die Fälle sind in Großbritannien über den Winter angestiegen, und die Wissenschaftler haben eine neue Mutation gefunden, die für viele Infektionen verantwortlich ist. Daher müsse die neue Mutation übertragbarer sein, behaupteten die „Experten“. Nur ansteigen tun die Fälle jeden Winter, absolute Zahlen sagen nichts, der Vergleich von verschiedenen Varianten aber schon.

Die Aussage basiert auf einem epidemiologischen Modell, das von einer Handvoll Akademiker am Imperial College London konstruiert wurde. Nichtsdestotrotz sind dieses Modell und zahllose andere Projektionen, die ihm ähneln (die südafrikanische Variante, die brasilianische Variante usw.), in unser kollektives Bewusstsein eingedrungen, ohne dass es irgendeine tatsächliche wissenschaftliche Grundlage dafür gibt.

Helfen Reisebeschränkungen?

Sicher, wenn man auf einer Insel sitzt, alle Ein- und Ausreisen vollständig kontrollieren kann und Verdachtsfälle und Infizierte samt Umfeld in militärisch abgeschirmte Lager steckt. Eine Taktik, die auf einem großen Kontinent nur von einem extrem totalitären Regime durchgezogen werden kann und keine Altenpfleger oder Erntehelfer von auswärts benötigt werden.

Aber selbst dann gibt es keine Garantie. Es mag für die Regierung und ihre Berater eine unaussprechliche Überraschung sein, aber die Schließung der Grenzen wird Mutationen des SARS-CoV-19 nicht aufhalten. Das liegt an der Art wie Mutationen vor sich gehen und an einem Natur-Phänomen das Ko-Evolution heißt, in der Systemtheorie wohlbekannt ist und auf die mich Leser aus dem UK aufmerksam gemacht haben.

Viren mutieren zufällig aufgrund von Fehlern bei der Transkription während der Replikation. Coronaviren verändern sich langsamer als andere RNA-Viren, weil sie von einem „Korrektur-lesenden“ Enzym profitieren, das potenziell selbstvernichtende Kopierfehler korrigiert. Dennoch, so Emma Hodcroft, Molekularepidemiologin an der Universität Basel, akkumuliert ein typisches SARS-COV2-Virus Einzelbuchstabenmutationen mit einer Rate von 2 pro Monat (Nature, 585, 174-177,2020). Der neueste Stamm wurde offenbar erst im September sequenziert. Das bedeutet, dass im Durchschnitt bereits 2 hoch 5, also 32 weitere Varianten auf der Pirsch waren.

Tatsächlich unterscheidet sich der neueste COVID-Stamm, an 14 Stellen vom Original und enthält 2 Deletionen, also insgesamt 16 Mutationen. Sein Vorläufer war also aller Wahrscheinlichkeit nach bereits im Januar vorhanden, bevor der Wuhan-Stamm angeblich in Großbritannien auftrat. Das bedeutet, dass es seitdem 2 hoch 12, also ca. 4000 Varianten gab, die auf dem von der natürlichen Selektion erzwungenen Markt ihre Waren feilboten.

Außerdem ist es ein Trugschluss, anzunehmen, dass, weil das Genom eines Virus in einem bestimmten Land zum ersten Mal sequenziert wurde, es aus diesem Land stammen muss. Im Gegenteil, erfolgreiche Mutationen im Hinblick auf die natürliche Selektion werden überall auftauchen. Das nennt man konvergente Evolution. Deshalb ist die sogenannte UK-Variante schon in über 46 Ländern gefunden worden.

Grenzen haben nichts mit den Kräften der natürlichen Selektion zu tun. Grenzen schließen verhindert sie auch nicht. Gesunde einzusperren und noch mehr Arbeitslose und eine abgehängte Generation von Kindern zu produzieren auch nicht. Prophylaxe hilft dagegen gegen alle Arten von Viren und deren Mutationen.


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6 Kommentare zu „Warum Mutationen beidseits von Grenzen stattfinden

  1. Da ja scheinbar nur mehr Impfungen vor immer mehr Mutationen und deren Symptomen zu schützen vermögen, frage ich mich, was ich von anbei verlinktem Text halten soll:

    https://www.spektrum.de/news/impfstoffe-warum-auch-geimpfte-das-virus-verbreiten-koennten/1824145?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

    Demnach dient der Impfstoff einzig zur Symptomminderung bzw. -vermeidung, schützt aber nicht bei erneuter Begegnung, da der Schutz über die Schleimhäute nicht adequat gegeben ist, weil in den Muskel gespritzt wird. Ergo muss ja jedes Jahr neu geimpft werden, auch wenn die Infektion, insbesondere wenn sie leicht verläuft, einen biologisch besseren Schutz bietet, der obendrein länger wirkt.

    Der Text beginnt mit:

    “Klar ist: Wer gegen das Coronavirus geimpft wurde, wird sehr wahrscheinlich nicht an Covid-19 erkranken, zumindest nicht schwer. Klinische Studien haben inzwischen sehr deutlich gemacht, dass die Impfstoffe die Krankheit verhindern. “

    … aber widerspricht im Laufe der weiteren Ausführungen genau diesem Statement, eben weil für später kein Schutz über die Schleimhäute stattfindet, der ausreicht.

  2. Im Zusammenhang mit weiteren Impfungen und Mutationen auch nicht uninteressant:

    https://reitschuster.de/post/aerzte-und-apotheker-protestieren-gegen-impf-politik/

    Es wird ja gerne angemerkt, dass Impfstoffe gar keine Langzeitnebenwirkungen haben können, weil sich Nebenwirkung unmittelbar zeigen würden. Wenn aber das Immunsystem möglichst langfristig einen Schutz bieten soll, weshalb ja in der Regel geimpft wird, dann kann das Immunsystem auch Monate oder Jahre später negativ für den Körper reagieren, da nicht vorausgesagt werden kann, wie das einzelne Immunsystem auf die Impfung reagiert. Wenn durch das Impfen Antikörper falsch informiert werden, aufgrund von Wechselwirkungen mit Medikamenten, aufgrund epigenetischer Faktoren zum Zeitpunkt der Impfung, aufgrund von Alter und Vorerkrankungen, aufgrund genetischer Disposition, aufgrund …, dann wird diese Fehlinformation gleichfalls mitunter über Monate bzw. Jahre beibehalten. Es käme dann später durchaus zu unerwünschten Reaktionen, aufgrund von Wechselwirkungen mit neuen/weiteren Medikamenten, aufgrund epigenetischer Faktoren zum späteren Zeitpunkt, die zum Zeitpunkt der Impfung natürlich nicht vorhersehbar waren, aufgrund weiter fortgeschrittenen Alters und der Verschlimmerung bereits bestehender Vorerkrankungen.

    Wir wissen so wenig und belügen uns im Namen des Fortschritts selbst.

    Influenza soll seit Monaten weltweit kaum zugegen sein, wahrscheinlich zum Teil durch die Maßnahmen, wenn auch nicht durch die Masken, und durch natürliche Verschiebungen der Erregerdynamik. Womit arbeiten dann aber die Impfstoffhersteller für die nächste Influenzasaison, wenn aktuell kaum Material für die Aktualisierung der Impfstoffe vorhanden ist? Und wie soll sich das Immunsystem in Zukunft auf Influenza einstellen, wenn wir durch unser Eingreifen in biologische Dynamiken und natürliche Anpassungsabläufe für Missverständnisse und Fehlinformationen sorgen und nur noch auf COVID-19/20/21/22/… schauen?

  3. Inhaltlich (wie fast immer) Zustimmung.
    Trotzdem bitte bei Gelegenheit die auch bei anderen Artikeln verwendete geographische Karte austauschen; sie muss den Grenzen nach zu urteilen vor 1990 erschienen sein.
    P.S.

  4. Angst vor Mutationen eines in 2019 plötzlich ins Blickfeld geratenen (wie und wann auch immer entstandenen) HCov , das etwas pathogener ist als die bisher bekannten anderen HCovs, zu haben, zeugt m.E. von Unverständnis evolutionärer Vorgänge. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird sich dieses fragile Virus mit seiner artistischen Replikations-/“Überlebens“ „strategie“ hin zum weniger pathogenen , zum weniger replikationsfähigen, entwicklen, und zwar deshalb, weil es schon ganz weit oben auf dem pathogenenTreppchen innerhalb der medder HCov angekommen ist bzw war. Es wird abwärts gehen, weiter abwärts gehen.

    Wenn in London schon im Dez20 angeblich für 81% der pos.Fälle die „engl.Mutante“ stand, dann schau ich mir den Verlauf der Neuinfektion resp Inzidenz in London seither an. Und was werde ich sehen: Tja, in London fielen die Zahlen seither noch schneller als im Rest von UK.

    Welche Epidemiologen gibt es, die solche einfache Prüfung an der Realität nicht machen, ehe sie losplappern bzw
    komplizierte Überlegungen anstellen wollen, denen sie nicht gewachsen sind? was für Leute sind das eigentlich und wer ist so blöd diejenigen nicht als Schaumschläger erkennen zu können ???

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